9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2022 - Kulturpolitik

Kunstschätze wurden an Namibia zurückgegeben, die Leitung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz reiste eigens an. In Afrika etabliert sich eine blühende Museumsszene, berichtet Werner Bloch für die FAZ aus Windhoek. Und die dortigen Museumsleute dächten nicht so fundamentalistisch wie Bénédicte Savoy: "Savoys Mantra 'Alles in europäischen Museen ist Raubkunst, gebt alles zurück nach Afrika!' wird auf dem Kontinent mit Befremden aufgenommen. Man sieht darin Auswüchse eines moralisch verbrämten Eurozentrismus und eines als unangenehm empfundenen Paternalismus. 'Frau Savoy scheint besser zu wissen, was für Afrika gut ist, als die Afrikaner selbst.' Eine Kritik, die unter Afrikas Museumsleuten immer wieder zu hören ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.06.2022 - Kulturpolitik

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz gibt die Ngonnso-Figur (Bild) an Kamerun zurück, berichtet Susanne Memarnia in der taz. Die Figur war bisher im Kamerun-Saal des Humboldtforums ausgestellt worden. Rückgabeforderungen gab es schon lange, da es hieß, die Figur sei geraubt worden. "Seitens der SPK wurde das lange zurückgewiesen, wie die Institution auch in anderen Fällen über Jahrzehnte alle Rückgabeforderungen rigoros abgebügelt hat. Ngonnso sei eine Schenkung des preußischen Offiziers Kurt von Pavel, hieß es immer. Doch Pavel war kein friedlicher Sammler, sondern Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe und Leiter diverser 'Strafexpeditionen' in Kamerun, mit denen die Deutschen den antikolonialen Widerstand ersticken wollten. Dabei kam er im Januar 1902 auch in die Region Banso und deren Hauptort Kumbo, wo er in den Besitz der Figur kam - wie genau, ist wohl unklar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2022 - Kulturpolitik

Das Humboldt-Forum soll ja ein Haus der Weltkulturen seien. Dummerweise befindet es sich in einer Stadtschlossattrappe, deren kreuzbekrönte Kuppel die Aufforderung ziert, dass "in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden." Davon soll sich eine Tafel auf dem begehbaren Dach distanzieren. Andreas Kilb schlägt in der FAZ aber stattdessen eine Triggerwarnung vor dem Haupteingang des Forums vor: "Liebe Besucher, das Gebäude, vor dem Sie stehen, ist kein Schloss, aber auch nichts anderes. Die deutsche Kulturpolitik hat es errichten lassen, ohne genau zu wissen, was sie damit anfangen will. Auch wir wissen es nicht, aber wir haben die Aufgabe, es zu bespielen."
Stichwörter: Humboldt Forum

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2022 - Kulturpolitik

Der Streit um die Garnisonkirche in Potsdam, ein Monument des preußischen Militarismus und seiner Kontinuität mit dem Nationalsozialismus, bricht neu aus. Eine Stiftung will die Kirche oder zumindest den Turm als Attrappe neu aufbauen. Als Kompromiss sollte das Rechenzentrum, ein DDR-Bau, stehen bleiben, einen scharfen Kontrast zum Kirchturm bilden und als ein Kunst- und Demokratiezentrum dienen. Das will die neue Führung der Stiftung  nun verhindern, berichtet Marco Zschieck in der taz: "Kürzlich ging mit dem Kommunikationsvorstand Wieland Eschenburg auch ein führender Kopf der Stiftung selbst auf Distanz zum Kompromiss. In einem Interview mit den Potsdamer Neuesten Nachrichten sagte Eschenburg, für ihn sei dies kein Kompromiss, sondern nur ein 'Vorschlag', über den man nun sprechen müsse. Den Erhalt des Rechenzentrums lehnte Eschenburg ab." Mehr hier und hier in den PNN.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2022 - Kulturpolitik

Bundeskulturministerin Claudia Roth war auf Stippvisite in der belagerten Stadt Odessa, die wegen der Hafenblockade im Moment kaum funktionieren kann. Thomas Avenarius hat sie für die SZ begleitet: "Roth sichert .. auch in ganz grundsätzlichen Fragen Beistand und Hilfe zu. Die Bundesregierung werde Odessa bei der seit 2009 vorliegenden Bewerbung um einen Unesco-Welterbestatus helfen. 'Deutschland unterstützt diese Bewerbung', versichert die Kulturstaatsministerin. Wenn eine Stadt zum Weltkulturerbe gezählt werde, dann heiße das eben auch, dass 'die Welt Verantwortung für diese Stadt übernimmt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.06.2022 - Kulturpolitik

Der Frankfurter OB Peter Feldmann hat sich zwar in mehreren Belangen unmöglich gemacht, regiert aber so unverdrossen wie sonst nur Boris Johnson weiter. Auch seine kulturpolitische Bilanz ist desaströs, schreibt Christian Thomas in der FR: "Einer Premiumkultur, zuständig dafür, dass Oper, Museen und Schauspiel in Frankfurt mindestens auf Euro-League-Niveau spielen, gilt Feldmanns Desinteresse. Allerdings achtet er auf Etikette bei viertklassigen Veranstaltungen, solchen auf Oberliganiveau, um im vollen Ornat zu erscheinen, mit Amtskette. Ein OB ohne Stilgefühl, aber, wie auch Koalitionspartner monieren, mit Sonnenköniggehabe."
Stichwörter: Frankfurt, Johnson, Boris

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.06.2022 - Kulturpolitik

Der Milliardär Klaus-Michael Kühne will Hamburgs Oper schleifen, um an ihrem Standort zusammen mit dem KaDeWe-Verhunzer René Benko ein schickes neues Immobilienprojekt hochzuziehen. Dafür solle eine neue Oper in der Hafencity entstehen, so Kühne im Spiegel. Die Politik reagiert reserviert, berichtet Matthias Alexander in der FAZ. Sorgen macht eher dieser Satz: "Staatsopern-Intendant Delnon, der die Kritik Kühnes am künstlerischen Rang seines Hauses nicht kommentieren möchte, äußert sich begeistert über die Perspektive, eine Oper am Strand der Elbe zu erhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.05.2022 - Kulturpolitik

In Russland gerät auch der Kulturbetrieb immer stärker unter Druck, berichtet Herwig G. Höller im Standard. So wurde die Retrospektive von Grischa Bruskin in der Tretjakow-Galerie (mehr hier) drei Monate vor ihrem offiziellen Ende geschlossen. "In der Kunstszene war die Schließung mit dem angeblichen Ausstellungsbesuch eines hochrangigen Vertreters des Kulturministeriums in Verbindung gebracht worden. Bruskins Reflexionen über Kollektivismus und Militarismus hätten dem Bürokraten, der von Geheimdienstlern begleitet worden sein soll, nicht behagt. Eine in diesem Museum bereits aufgebaute Sammlungsausstellung, die den künstlerischen Underground der späten Sowjetunion mit aktueller russischer Kunst kontextualisiert, harrt seit Ende April ihrer Eröffnung. Die Verzögerung wird mit 'technischen Gründen' erklärt. 'Die Situation ist wie bei Bruskin - das Problem sind nicht konkrete Kunstwerke, sondern die Ausrichtung', sagte ein involvierter Künstler. Informierte Gesprächspartner hätten ihm von 'vielen Denunziationen' gegen die noch nicht eröffnete Schau berichtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.05.2022 - Kulturpolitik

Kulturstaatsministerin Claudia Roth befindet sich auf Israel-Reise, meldet die Jüdische Allgemeine. Gestern besuchte sie die Gedenkstätte Yad Vashem: "Die Grünen-Politikerin will sich während ihres Besuchs auch mit israelischen Künstlern sowie Vertretern der deutschen politischen Stiftungen austauschen. Am Montag trifft sie den israelischen Kulturminister Hili Tropper." Ob auch die Debatte um die Documenta und die Positionierung deutscher Kulturinstitutionen zur Boykottbewegung BDS thematisiert werden, scheint noch nicht bekannt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.05.2022 - Kulturpolitik

In Berlin-Karlshorst gibt es ein Deutsch-Russisches Museum (Website), dessen Gremien mit Vertretern verschiedener Länder besetzt sind. Hubertus Knabe sieht sie sich in der FAZ ein bisschen genauer an. Das Museum hat sich von Putins Krieg zwar distanziert, aber im Vorstand sitzt neben belarussischen Vertretern auch ein ergebener Propagandist Putins, Wladimir Lukin. (Der ukrainische Vertreter hat seit der Besetzung der Krim nicht an Tagungen der Museumsgremien teilgenommen.) Das noch zu DDR-Zeiten gegründete ehemalige "Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg" könnte auch deutschen Behörden und Staatskulturministerin Claudia Roth Kopfzerbrechen bereiten, so Knabe: "Die Frage, ob es Pläne gebe, die Trägerschaft des Museums zu verändern, und wenn ja, in welcher Form, lassen die Verantwortlichen unbeantwortet. Die Pressestellen von Annalena Baerbock und Claudia Roth teilen lediglich mit, dass die Sitzungen des Trägervereins 'bis auf Weiteres' ausgesetzt seien."