9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.03.2022 - Kulturpolitik

Die russischen Oligarchen haben in London nicht nur ihr schmutziges Geld gewaschen, sie haben sich auch Nobilitierung kaufen können, entweder direkt bei Boris Johnson oder durch großzüge Spenden an die Kultur, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Museen und Theater müssen nun die einst so freudig begrüßten Abermillionen zurücküberweisen an Pjotr Awen, Viktor Vekselberg und Jewgeni Lebedew. Oder Len Blavatnik:  "Im Jahr 2017 wurde er in den Ritterstand erhoben. Als er 2016 ein Gebäude für die 2010 von ihm gegründete und mit 75 Millionen Pfund geförderte Blavatnik School of Government in Oxford errichten ließ, war er der reichste Mann Britanniens. Blavatnik unterstützte Ausstellungen im British Museum sowie in der National Gallery und machte eine der größten Spenden in der Geschichte der Tate Galleries zur Errichtung des Erweiterungsbaus der Tate Modern in London: 50 Millionen Pfund sollen es nach Angaben der Financial Times gewesen sein. Die jüngst abgeschlossene Renovierung des Courtauld Institute of Art unterstützte er mit 10 Millionen Pfund. Seit Jahrzehnten tritt er als hochgeschätzter Teil des kulturellen Establishments in Erscheinung, kritisch hinterfragt nur vom Guardian."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2022 - Kulturpolitik

Und noch eine Hymne auf eine Ministerin. Jörg Häntzschel lobt in der SZ Kulturministerin Claudia Roth, die einen neuen Politikstil einführt, wo es Monika Grütters nur um Geld für Gebäude gegangen sei. Und der "Pseudoskandal um die Documenta hätte leicht aus dem Ruder laufen können, die Künstler drohten Schaden zu nehmen. Doch Roth gelang es, die haltlosen Vorwürfe mit Gesprächen vom Tisch zu räumen. Als ein interner Bericht der Deutschen Welle kürzlich die antisemitischen Äußerungen von Mitarbeitern bestätigte, über die zuvor die SZ berichtet hatte, griff Roth ebenfalls durch. Die Pressemitteilung, die sie dazu verschicken ließ, glich einer heftigen öffentlichen Rüge des Intendanten." Bemerkenswert findet Häntzschel auch, dass Roth zur Münchner Sicherheitskonferenz fährt, wo sie mit Dissidentinnen aus Belarus sprechen will.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2022 - Kulturpolitik

Im Tagesspiegel fordert Carola Lentz, Ethnologin und neue Präsidentin des Goethe-Instituts, mehr Gespräche der verschiedenen Gemeinschaften über die koloniale Vergangenheit. Wobei die Deutschen besser schweigen sollten, wie beim "Burden of Memory"-Projekt 2019, als über einhundert Künstlerinnen und Intellektuelle aus sechs Ländern über das koloniale Erbe der Deutschen diskutierten: "Dieser Ansatz ermöglichte für alle Beteiligten fruchtbare und teilweise überraschende Erkenntnisse - etwa wie unterschiedlich des Genozids in Namibia und des Maji-Maji-Kriegs in Tansania gedacht wird. Oder wie verschieden das deutsche Kolonialregime in Togo und in Kamerun erinnert wird. Solche Gespräche über unterschiedliche afrikanische Perspektiven auf die koloniale Vergangenheit können die künftige Erinnerungspolitik in Afrika verändern, aber auch den Austausch mit den europäischen Erinnerungsakteuren bereichern." Aber auch eine gemeinsame europäische Erinnerungspolitik sei nötig, meint sie.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2022 - Kulturpolitik

In der Welt liefern sich Richard Kämmerlings und Mladen Gladic ein pro und kontra für die großen Buchmessen. Wir brauchen sie, meint Kämmerlings, denn "ohne den Betrieb, jenes feine, unübersichtliche Beziehungsnetz aus Autorinnen, Übersetzerinnen, Jurys, Vermittlerinnen, Kritikerinnen, großen und kleinen Verlagen, gäbe es die Literatur im Kollektivsingular gar nicht, sondern nur einzelne Bücher und Unternehmen. Unter den gegenwärtigen Marktbedingungen zerfiele die Literatur vollends in sich selbst genügende ästhetische Nischen auf der einen und in Publikationsapparate mit ihren ausdifferenzierten Zielgruppen - von Krimilesern bis Ratsuchenden - auf der anderen Seite." Gladic dagegen findet: Bei Buchmessen geht es nie um Literatur, sondern immer nur um den Betrieb, der um sich selbst kreise und dann auch noch regelmäßig mit Rechten konfrontiert werde.

Patrick Bahners und Andreas Kilb führen ein ganzseitiges FAZ-Gespräch mit der Staatsministerin für Kultur Claudia Roth. Über weite Strecken geht es eher um Geld und die Balance von Bund und Ländern. Aber sie benennt auch die Akzente, die sie setzen will: "Wie erweitern wir Erinnerungskultur um den ganzen Bereich der Dekolonialisierung? Wie sieht Erinnerung in einer Gesellschaft aus, durch die der NSU eine Blutspur gelegt hat? Erinnerungskultur ist der eine Schwerpunkt, den ich setzen will. Der zweite betrifft die 'Gesellschaft der Vielen'. Wie drückt sich diese Vielfalt eigentlich in unserer Kultur aus?" Ein dritter Schwerpunkt soll die Klimakrise sein. Zur Frage, ob die Documenta BDS-Positionen stark machen dürfe, sagt sie: "Zunächst einmal geht es auch um Vertrauen in die Documenta und ihre Träger. Ich kann da Anregungen geben, aber ich vertraue zunächst einmal denen, die vor Ort Verantwortung tragen... Antisemitismus geht nicht. Aber wie halten wir Räume aufrecht, in denen Kontroversen ausgetragen werden, die sonst verschüttet wären?"

In der NZZ verteidigt der evangelische Theologe Richard Schröder Kreuz und die Umschrift am Humboldt Forum, die fordert, "dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind." Die Institutionen des Humboldt Forums wollen sich davon mit einer Tafel distanzieren, aber damit machen sie es sich zu leicht, meint Schröder: "Was den 'Alleingültigkeits- und Herrschaftsanspruch des Christentums' anbelangt, den die Institutionen im Humboldt-Forum in der Inschrift erkennen wollen und von dem sie sich distanzieren: Er wird in dieser Erklärung wohl deshalb zurückgewiesen, weil er als Diskriminierung der anderen Religionen angesehen wird. Dagegen müsse gelten: Alle Religionen sind gleichwertig und gleich wertvoll. Das ist sicher gut gemeint, aber nicht durchdacht und schlecht beobachtet. Ein engagierter Religionsangehöriger kann nicht alle Religionen als gleichrangig behandeln. Wenn er sich zu seiner Religion bekennt, bekennt er sich zwangsläufig zur anderen nicht. Man kann bemüht sein, allen Religionen und ihren Vertretern denselben Respekt entgegenzubringen. Man kann aber nicht die Wahrheitsansprüche verschiedener Religionen vereint anerkennen, da sie sich nicht vereinigen lassen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.02.2022 - Kulturpolitik

Die Leipziger Buchmesse wird stattfinden, berichtet Torsten Casimir im Börsenblatt und stützt sich auf optimistische Äußerungen des Messe-Chefs Oliver Zille: "Der rechtliche Rahmen für ein Branchentreffen in den Messehallen vom 17. bis 20. März stehe. Aber stehen auch die Verlage zu ihren bisherigen Ansagen? Eine Schnellumfrage der Messe vor erst gut einer Woche hatte noch ein breites Commitment der bereits angemeldeten Verlage und ein Festhalten an deren Messeplanungen ergeben. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass in manchen Häusern, insbesondere in den Teams der Fachabteilungen größerer Verlage, die Unsicherheit wächst. Nicht jede und nicht jeder sehnt sich zum Frühjahrsbeginn akut an die Pleiße."

Isabel Pfeiffer-Poensgen, Kulturministerin in Nordrhein-Westfalen, erklärt im Gespräch mit Kai Spanke von der FAZ, wie sie die Situation freier KünstlerInnen verbessern will, die generell an schlechten Gagen leiden - in der Coronakrise noch mehr: "Die Künstlersozialkasse organisiert die Kranken- und Rentenversicherung für die Mitglieder. Aber wir brauchen ein Instrument, das in der Arbeitslosigkeit hilft. Es muss eine adäquate Absicherung geben, damit der Staat nicht, wie jetzt in der Pandemie, hektisch intervenieren und mit Stipendien und Sonderfonds aushelfen muss. Nun ist Sozialversicherungsrecht allerdings ausgesprochen anspruchsvoll."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.02.2022 - Kulturpolitik

In der Welt verteidigt Remko Leemhuis, Direktor des American Jewish Committees (AJC) Berlin, das viel kritisierte (zuletzt von Hubertus Knabe in der Welt) Dossier über Berliner Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen, das der Historiker Felix Sassmannshausen im Auftrag des Berliner Antisemitismusbeauftragten Samuel Salzborn erstellt hatte. Da sind schon eine Menge Namen dabei, die man nicht mehr sehen will, meint Leemhuis: Treitschke, Wagner, Henry Ford, Charles Lindbergh und auch Luther. "Im Falle Martin Luthers, den Knabe lediglich als 'Vater des deutschen Protestantismus' bezeichnet, wäre es mehr als angebracht, dessen Hass auf Juden, der die deutsche Kulturgeschichte nicht unwesentlich mitgeprägt hat, zumindest zu benennen. Schon anhand dieser Beispiele wird deutlich, wie komplex die Debatte ist. Wäre es daher nicht sinnvoll, das Dossier zum Anlass zu nehmen, um jeden der aufgeführten Namen individuell zu diskutieren und dann die entsprechenden Straßen und Plätze zu kontextualisieren, sie möglicherweise umzubenennen oder es nach einer entsprechenden Debatte beim Istzustand zu belassen?"

Die Potsdamer Garnisonkirche wird nicht als Ganzes wiederaufgebaut - nur der Turm soll neu wiedererstehen, berichtet Marco Zschieck in der taz: "Die Potsdamer Stadtverordneten haben vergangene Woche auf Vorschlag von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) einen entsprechenden Beschluss gefasst. Dieser beruht auf einem Kompromiss, den die Stadt mit der Stiftung Garnisonkirche als Grundstückseigner und den Nutzern des benachbarten Kreativhauses Anfang Dezember ausgehandelt hat. Dieser sieht vor, dass statt des Kirchenschiffes ein sogenanntes Haus der Demokratie mit einem neuen Plenarsaal für die Stadtverordneten und weiteren öffentlichen Nutzungen entstehen soll. Das Kreativhaus soll nicht wie bisher geplant abgerissen, sondern weitgehend erhalten werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2022 - Kulturpolitik

Gegen eine Parlamentspoetin hätte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda in der Zeit nichts einzuwenden: "Ist die Kunst näher bei sich, wenn sie ein konservativer Staat zur Opposition zwingt? Oder ist das Beharren auf einer Kunst, die den Staat blöd finden muss, nicht ein zu einfacher Ersatz für die Mühen, sich einen Standpunkt zu erarbeiten?" Statt eine Parlamantspoetin zu fordern, wäre es sinnvoller, wenn Künstler sich zusammentäten, meint indes Jagoda Marinic in der SZ: "Wo ist derzeit ein Ort, an dem Künstler gemeinsam und wirkmächtig darüber nachdenken, was etwa soziale Medien für die Zukunft der Kunst bedeuten? Wo denken Schriftsteller und Verlage derzeit gemeinsam darüber nach, was es für das Kulturgut Buch bedeutet, wenn immer mehr Bücher es nötig haben, mit dem Gesicht eines Fernsehpromis vermarktet zu werden, um an die Leser heranzukommen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2022 - Kulturpolitik

Die Idee einer Parlamentspoetin beweist für Hanno Rauterberg in der Zeit, dass sich die jüngere Generation der Künstler (und -innen) mit ihrem woke-apartem Gesäusel an die Macht schmiegt. Die Politiker (und -innen) sind charmiert! Und auch "der Kapitalismus hat sich kulturalisiert, die Kritik der Künstler, ihre Unbeirrbarkeit, wird unterdessen als Ressource geschätzt und gut bezuschusst - besonders von der Kreativindustrie und auch sonst von allen, die sich für Vielfalt begeistern, für Weltoffenheit und Eigensinn. Der Schulterschluss von Geist und Macht ist, so gesehen, nur konsequent; die Gegenwart will in den Künstlern ihr besseres Selbst erblicken."

Rainer Haubrich lässt sich in der Welt von Petra Kahlfeldt erzählen, was sie als neue Senatsbaudirektorin von Berlin vorhat. Vorher erklärt sie ihm aber noch, dass sie durch die Kritik an ihrer Berufung (unsere Resümees) "das Amt der Senatsbaudirektorin beschädigt" sieht: "In Zukunft wird sich jeder Kandidat und jede Kandidatin fragen, ob er oder sie die Kraft hat, als Zielscheibe von Diffamierungen und Unterstellungen in den Ring zu treten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2022 - Kulturpolitik

In der SZ verdreht Gerhard Matzig genervt die Augen angesichts des Streits um die neue Berliner Senatsbausenatorin Petra Kahlfeldt (mehr dazu hier), obwohl auch er ein offenes Auswahlverfahren für die Besetzung des Postens begrüßt hätte. Doch inhaltlich findet er den Streit "unglaublich ermüdend. Als in Stuttgart am Beginn des 20. Jahrhunderts die Weißenhofsiedlung als Exempel des modernen Bauens entstand, schmähten die Nazis das Vorhaben als 'Araberdorf', das, genau, 'irgendwie' undeutsch sei. So mit Flachdächern und ohne Sprossenfenster. Andere wiederum schmähten fortan Häuser mit Satteldächern und mit Sprossenfenster als, genau, 'irgendwie' rechts. Und zack!" Eine Neuauflage dieses Streits brauchen wir nicht, findet er. Viel wichtiger ihm die Frage, ob Kahlfeldt immer noch eine Verfechterin der Privatisierung öffentlicher Immobilien ist wie in den neunziger Jahren.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2022 - Kulturpolitik

In der SZ erzählt Catrin Lorch am Beispiel der Sammlung von Richard Stein, wie oft sich deutsche Ämter und Stiftungen auch heute noch bei Raubkunst in einem Nebel aus Zuständigkeiten und Nichtwissen verschanzen. Einige der verschollenen Gemälde der Sammlung sollen laut Unterlagen des Erben Felix Bloch im Georg Schäfer Museum in Schweinfurt sein. Doch dort mauert man seit Jahren: "Auf Anfragen der Blochs antwortet Museumsdirektor Wolf Eiermann, in seiner Sammlung befinde sich das Waldmüller-Gemälde nicht. Dem Eintrag im Werkverzeichnis Feuchtmüllers zum Trotz wisse man nicht mehr, so die Stiftung." Auch die Familie weiß nichts, sagt sie. "Doch wie kann das alles sein? Georg Schäfer hat zeitlebens kein Bild verkauft, erst drei Jahre nach seinem Tod haben die Erben Hunderte Spitzenstücke versteigert, zugunsten der Gründung der Stiftung. Hätte die Familie nicht anbieten können, nach Unterlagen aus dieser Zeit zu suchen? Ein Gemälde wie 'Mutter mit Kindern unter einem Blütenstrauch' ist jedenfalls zu groß und zu kostbar, um verloren zu gehen."

In der Welt kritisiert der Historiker Hubertus Knabe scharf das 340 Seiten dicke Dossier des Politikwissenschaftlers Felix Sassmannshausen, der im Auftrag des Berliner Senats Straßennamen mit "antisemitischen Bezügen" in Berlin gesucht hat und dabei von Martin Luther bis Schenk Graf von Stauffenberg fündig wurde. Knabe findet das absurd: "Ein solches Vorgehen kennzeichnete bisher vor allem totalitäre Regime. So ließen die Nationalsozialisten, als sie an die Macht kamen, systematisch sozialistische und jüdische Namen aus dem Straßenbild tilgen. Auch in der DDR ordnete die SED flächendeckende Umbenennungen an. ... Auch die Methodik des Papiers erinnert an dunkle Zeiten. Anders als bei vergleichbaren Studien handelt es sich nicht um ein wissenschaftliches Gutachten, das bewusst auf Handlungsempfehlungen verzichtet. Vielmehr werden oftmals private Äußerungen und vage Verdächtigungen herangezogen, um ein vernichtendes Urteil zu fällen. Manchmal stimmen nicht einmal die Fakten - wie die Behauptung, die beiden ersten Strophen des Deutschlandliedes seien 'aufgrund ihres aggressiven Nationalismus und revanchistischen Gehalts' verboten worden. Ihr Verfasser, Heinrich Hoffmann von Fallersleben, findet sich ebenfalls auf der Liste."