In der Zeit hat Thomas Assheuer Alpträume, China könne seinen Überwachungswahn mit Gentechnik kombinieren: "Durch gezieltes Gen-Dressing ließe sich auch eine Elite hochwertiger Leistungsträger herstellen, denen eine Klasse naturbelassener Standardarbeiter gegenüberstünde. Das allerdings wäre der letzte Schritt in eine autoritäre Eugenik: Crispr würde nicht mehr nur negativ, also beim Kampf gegen schwere Leiden, eingesetzt, sondern zur positiven Merkmalsveränderung. Der Staat bastelt sich seine Wunschkinder und synchronisiert System und Subjekt. Für Eltern, die ihre Nachkommen freiwillig einem gentechnischen Upgrade unterziehen, gibt es Bonuspunkte." Dem entkommen wir seiner Meinung nach nur, wenn wir jedes Human-Genome-Editing verbieten.
In der NZZ ist der Philosoph Otfried Höffefroh, dass die internationale Gemeinschaft der Wissenschaftler mit Empörung auf den Tabubruch des chinesischen Biophysikers He Jiankui reagiert hat, der ins Erbgut zweier Mädchen eingriff, um sie gegen HIV zu immunisieren. Doch alle Kritik daran gebe noch keine Antwort auf die Frage, ob es schlimme Krankheiten gibt, bei denen das in Zukunft erlaubt sein könnte: "Selbst wenn man diese Frage bejaht, darf man sich drei Anschlussfragen nicht versperren. Erstens: Wer stellt die Positivliste der Krankheiten auf, die zu solchen medizinischen Massnahmen berechtigen - und wer verhindert, dass die Liste immer länger wird? Zweitens: Wer kontrolliert die Durchsetzung und sorgt dafür, dass die getroffenen Vereinbarungen weltweit eingehalten werden? Drittens: Darf man zulassen, dass die Technologie, wie zu erwarten ist, kommerzialisiert und damit zu einem Privileg weniger Menschen wird, die sie sich leisten können?"
Die Genforscher Bettina Schöne-Seifert, Bärbel Friedrich und Ernst-Ludwig Winnacker haben einen Kongress ihrer Disziiplin in Hongkong besucht, wo auch ihr Kollege Jiankui He sprach, der behauptet, zwei Babies qua Crispr gegen Aids immunisiert zu haben. Sie berichten in der FAZ: "Viele Details über Faktizität, Ablauf und Motivation, Hintermänner und Strafwürdigkeit der Erzeugung der angeblichen Crispr-Babys bleiben zu klären. Klar ist, dass die versammelten Wissenschaftler Hes Experiment unisono als unverantwortlich und als Anschlag auf die Reputation der Genforschung anprangern."
Manchmal braucht man eben doch einen Schriftsteller, um die Zukunft auszumalen. T.C. Boyle hat sich in einer (noch nicht übersetzten) Erzählung ausgedacht, dass in China erste Menschen mit der Genschere Crispr manipuliert wurden, schon präsentiert ein Forscher in China Zwillingsmädchen, die er angeblich durch Entnahme eines Gens resistent gegen Aids gemacht hat. Im taz-Interview mit Annabelle Seubert sagt Boyle: "Die Diskriminierung in hundert Jahren kann man sich ja jetzt schon vorstellen - die der genetisch Modifizierten, 'Überlegenen', gegenüber den 'Normalen'. Man wird die normalen Menschen als animalischer und verzichtbarer betrachten. Denken Sie dran, wie wir unsere Tiere behandeln, die Schimpansen - weil sie nicht menschlich sind. Es wird der Punkt kommen, an dem Menschen als weniger wert gelten. Als weniger Mensch. Wegwerfbar. Lesen Sie Aldous Huxleys 'Schöne neue Welt'! Es ist prophezeit."
In der SZ erklärt Andrian Kreye, wie Crispr funktioniert: "Mit Crispr kann man es ähnlich mühelos gestalten wie einen Text. Copy. Paste. Enter. Schon ist die Sequenz der DNA und damit das Erbgut verändert. Bei den amerikanischen Workshops kann man damit lustige Dinge anstellen, zum Beispiel Hefe zum Leuchten bringen."
Bei Aquariumsfischen, die Boyle im Interview ebenfalls erwähnt, ist man noch weniger zögerlich und macht sie mit Quallengenen fluoreszent. Kaufen Sie GloFish®!
Die deutsche Politik hat zwar ein Problem damit, unheilbar Kranken, die selbstbestimmt sterben wollen, Sterbehilfe zu gestatten, aber nicht damit, "Hirntoten" die Organe zu entnehmen. Aber ist ein Hirntoter tot? Die Kulturwissenschaftlerin Anna Bergmannzweifelt in der taz: "Die Hirntoddefinition .. fixiert den Tod eines Menschen auf ein einziges Organ und einen einzigen Zeitpunkt. Damit wird der prozesshafte Charakter des Sterbens im biologischen Sinne, aber auch als soziales Ereignis verleugnet. Das Herz von Hirntoten schlägt, ihre Lungen atmen mit technischer Hilfe, sie verdauen, scheiden aus, wehren Infektionen ab. Bis zum Herztod werden sie medizinisch betreut, genährt und gepflegt. Da Hirntote als Wesen mit einem lebendigen Körper definiert sind und das dubiose Erscheinungsbild einer 'lebenden Leiche' abgeben, wird das Tötungstabu berührt, wenn die Wahrnehmung eines Organspenders als Leiche nicht gelingt, wie Anästhesisten, Pflegepersonal und Angehörige häufiger berichten."
Heute können sich die Leute nicht mehr konzentrieren, das Internet, wie es Frank Schirrmacher so schön sagte, zermatscht ihnen das Hirn. So heißt es jedenfalls immer wieder. Dabei ist unsere Vorstellung von Aufmerksamkeit eine große Illusion, erklärt im Interview mit Zeit online die Neurowissenschaftlerin Sabine Kastner, Coautorin einer Princeton-Studie, die herausgefunden hat, dass unser Hirn mehrmals pro Sekunde - und zwar alle 125 bis 250 Millisekunden - den Fokus wechselt, ohne dass wir es merken: "Diese Mechanismen sind Millionen von Jahren alt, und diese fundamentalen Prozesse haben wir über Jahrzehnte hinweg in der Aufmerksamkeitsforschung übersehen. Das stellt eine Provokation dar, selbst für Hirnforscher. ... In früheren Zeiten dürfte dies extrem wichtig gewesen sein: Wenn jemand eine Frucht im Baum pflücken wollte, musste er zum selben Zeitpunkt auch die Umgebung beobachten können, um zum Beispiel ein bedrohliches Tier frühzeitig zu erkennen. Durch das schnelle Rein- und Rauszoomen war das sehr wahrscheinlich möglich."
Öffentliche Parks sind nichts anders als "Petrischalen einer hündischen Rape Culture", hieß es in einem Artikel der renommierten wissenschaftlichen ZeitschriftGender, Place & Culture, der nun durch die Autorinnen und Autoren als ein akademischer Hoax entlarvt wurde: "Die Arbeit beschreibt Rüden als chronische Vergewaltiger, Hündinnen als unterdrückte Opfer und männliche Hundehalter als Komplizen und Anstifter der vierbeinig-maskulinen Gewalttäter", berichtet Sebastian Herrmann in der SZ, und sie war Teil einer ganzen Artikelserie, auf die manche geisteswissenschaftliche Zeitschrift reingefallen ist. "Die fabrizierten Studien unterscheiden sich nicht wesentlich von zahlreichen Arbeiten, die in ernsthafter Absicht in entsprechenden Journalen veröffentlich werden." Ursprünglich wurde der Hoax in dem amerikanischen Areomagazineenthüllt.
In der Zeitschrift Novo Argumenteprangert der britische Publizist (und linke Brexit-Anhänger) Brendan O'Neill mit Blick auf Ian Burumas Weggang aus der New York Review of Books (unsere Resümees) die "illiberalen Exzesse" der Genderlinken an.
Gegen die Entscheidung des Heidelberger Verlagshauses Springer Nature, auf Druck Chinas Beiträge aus dort veröffentlichten wissenschaftlichen Publikationen zu streichen, wehren sich nun Heidelberger Wissenschaftler und wenden sich öffentlich von dem Verlagshaus abwenden, meldet Manuel Müller in der NZZ: "Das Schreiben kritisiert die Haltung und die Argumente des Verlags scharf. Dieser hatte sich damit verteidigt, nur ein Prozent der Beiträge falle weg - und man sehe sich weiterhin in der Pflicht, möglichst vielen Forschern möglichst breiten Zugang zu Wissen zu verschaffen. Die Forscher, unter ihnen der Schweizer Historiker Thomas Maissen, machen klar, dass hier ein Präzedenzfall geschaffen wurde. Nichts halte andere Länder davon ab, Ähnliches zu fordern, schreiben sie in ihrer Mitteilung."
In der NZZberichtet der knapp 20 Jahren in den USA lehrende Zoologe Axel Meyer entsetzt, wie sich die amerikanischen Universitäten immer mehr vor offenen Diskussionen verschließen: "Das neue Mantra in den Geisteswissenschaften heißt Diversität. Dabei wird ausgeblendet, wie rassistisch Diversitätsdenken per se sein kann, denn seit wann ist es denn wieder in Ordnung, Menschen nach Hautfarbe einzuteilen? Als ob alle Afrikaner gleich wären oder alle Hispanics gleich dächten. Man sagt, dass man mehr Diversity wolle, allerdings nur in Hautfarbe, aber nicht in Meinungen oder Fähigkeiten oder Talenten."
In der taz ist Ekkehard Knörer entsetzt über die Abwiegelung der Missbrauchsvorwürfe gegen die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell im akademischen Milieu: "Wer sich in den vergangenen zwanzig Jahren auch nur in der Nähe des German Department der NYU bewegt hat, konnte von den mehr als beunruhigenden Zuständen dort wissen. Wie eine Sektenführerin hat Ronell die Studierenden in Gefolgschaft und Gegner sortiert, hat gemeinsam mit einem anderen Professor Studierende, die nicht auf Linie waren, und auch die Kollegen terrorisiert. ... Desillusionierend ist, wie blind sich die gewieften Theoretiker*innen der Macht für einen sehr konkreten und vor ihrer Nase befindlichen Fall von Machtmissbrauch zeigten, wie arrogant sie sich gegen die Opfer solidarisierten, wie uneinsichtig die meisten von ihnen nach wie vor sind und wie sie die Schuld überall und vor allem bei den zugegeben oft bösartigen und törichten Gegnern der Dekonstruktion, nur nicht bei ihrer eigenen privilegiengestützten Machtvergessenheit suchen."
Das Ende des Starsystems und Geniekults, kurz einen Läuterungsprozess in den Geistes- und Kulturwissenschaften sieht in der SZ der Germanist Klaus Birnstiel mit dem Prozess gegen die poststrukturalistische Literaturwissenschaftlerin Avital Ronell heraufziehen. Ronell muss ein Jahr "aussitzen", weil sie ihren damaligen Doktoranden sexuell belästigt haben soll. Im Aufklärungsprozess zeigte sich ihm, dass "die Literaturtheorie der Dekonstruktion besonders anfällig für eine Art sekundären Geniekult" ist, weil sich hier der Interpret als "Sinnstifter" an die Stelle des Autors setzt: "Er oder sie ist es, die in exponierter Weise intimen Umgang mit den Geheimnissen der Texte pflegt. Auf der Kleinbühne des Seminarraums initiiert sie ihre Studierenden in die schwarze Kunst des Lesens. Um etliche Meister und Kleinmeister des Poststrukturalismus und der Dekonstruktion von New York über Paris und Berlin bis Frankfurt an der Oder herum haben sich daher Verhaltensformen herausbilden können, die gelegentlich anmuten wie die Spielregeln eines theoriebesoffenen George-Kreises von links: Ein Hohepriester oder eine Hohepriesterin der Literaturwissenschaft zelebriert die exegetische Messe, die Schar der Jünger erschaudert in Andacht."
In der NZZfordert der Kulturtheoretiker Jan Söffner die Geistes- und Kulturwissenschaften auf, sich ein Beispiel an Balzac zu nehmen und wieder mehr zu erzählen, statt nur auf analytische Methoden zu setzen: "Wie aber und inwiefern sind Balzacs Erzählungen hier überlegen? Zunächst einmal leben sie von Zufällen. All das, was aus dem verstehend erklärenden Blickwinkel der Soziologie bloß kontingent ist, ist für den Erzähler relevant: die Unberechenbarkeit charakterlicher Eigenheiten und persönlicher Willkür, die in zufälligen Begegnungen, Situationen und Konflikten manifest wird; der oft absurd scheinende Verlauf von Ereignissen; die besonderen Wendungen des Lebens, in denen Menschen sich offenbaren oder zu dem werden, was sie sind. Dadurch ergibt sich ein anderes, breiteres Verständnis für das Spiel von Rollen, Identitäten und Entscheidungsfindung: Erzählungen erlauben Ausblicke auf das, was für die exakteren Methoden eine Blackbox sein muss."
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