Hitlers Interviews
Der Diktator und die Journalisten

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2024
ISBN
9783462002409
Gebunden, 384 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Mit zahlreichen S/W-Abbildungen. Adolf Hitler hat im Verlauf seiner politischen Karriere der ausländischen Presse mehr als hundert Interviews gegeben. Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt fanden den deutschen Diktator als Gesprächspartner faszinierend. Lutz Hachmeister erzählt nun erstmals die aufschlussreiche Gesamtgeschichte dieser Treffen. Schon vor dem Putschversuch von 1923 erschien in den USA ein erstes längeres Hitler-Interview, geführt von dem prominenten Deutsch-Amerikaner George Sylvester Viereck. Nach seiner Landsberger Haft zunächst einmal in der internationalen Versenkung verschwunden, wurde Hitler dann mit dem NS-Wahltriumph 1930 ein enorm begehrtes Objekt der Berichterstattung. Vermittelt durch seinen Medienberater "Putzi" Hanfstaengl, gaben sich bald Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt die Klinke in die Hand. Für viele von ihnen bedeuteten die Interviews einen Karrieresprung - die ultimative Trophäe. Nur wenige erkannten sein sinistres Potenzial, viele waren vor allem von der Obersalzberg-Inszenierung beeindruckt.
Lutz Hachmeister wertet die Interviews im Hinblick auf Hitlers jeweilige Medienstrategie im zeithistorischen Kontext aus und untersucht die Komplizenschaft zwischen Propaganda-Strategen und Reportern. Das aus Originalquellen und Archivmaterial gearbeitete Buch liefert einen neuen und modernen Blick auf ein von vornherein als Mediendiktatur geplantes Führersystem - und seine sich wandelnden Einschätzungen im Ausland. Und es geht der Frage nach, welche Dynamik auch heute zwischen Medien einerseits und Diktatoren oder Autokraten andererseits zu beobachten ist.
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Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2025
Rezensent Andreas Kilb beleuchtet das Buch des verstorbenen Publizisten Lutz Hachmeister, der sich darin bis zuletzt mit hunderten an Hitler-Interviews beschäftigte. Die Interviews Hitlers stehen dabei überraschenderweise wenig im Mittelpunkt - eher die Journalisten, die sie führten, und die NS-Propagandisten, die sie orchestrierten, erfahren wir. Hachmeister gliedert seine Darstellung nach Nationalitäten, wodurch sich die Chronologie der Aussagen Hitlers verwischt. Besonders die Gespräche mit frühen Sympathisanten wie George S. Viereck und Karl von Wiegand zeigen Hitlers Doppelstrategie: Hier unverhohlene Großmachtambitionen, dort beschwichtigende Worte für die USA. Auch die journalistische Bandbreite wird deutlich - von der kritischen Dorothy Thompson, die Hitler als "belanglos und redselig" erlebte, bis zu devoten Kollaborateuren. Zwar bleibt das Buch an manchen Stellen fragmentarisch und wirkt von seiner Struktur überfrachtet, moniert der Kritiker. Aber Kilb preist dennoch die "analytische Schärfe", die Hachmeister in der Passage beweist, in der er auch heutige Interviews mit Diktatoren wie Putin eingeht: "Spannend und vielsagend", resümiert der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.12.2024
Für Rezensent Oliver Pfohlmann bietet das postum erscheinende Buch des Medienkenners Lutz Hachmeister über Interviews mit Hitler ab 1922 ein wichtiges Lehrstück. Zu sehen, wie sich internationale Journalisten auf naive Weise von Hitler faszinieren ließen, verursacht Pfohlmann Schauer. Bizarr findet er die abgedruckten Gespräche, in denen Hitler genau wie auf seinen Massenversammlungen spricht und strategisch vorgeht. Der "sorgfältig" recherchierte und "großartig" erzählte Band macht laut Pfohlmann allerdings auch deutlich: Auch ohne diese Interviews wäre Hitler an die Macht gelangt.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 19.11.2024
Rezensent Matthias Heine erfährt aus dem postum erscheinenden Buch des Historikers Lutz Hachmeister, wie sich die Presse von Hitler instrumentalisieren ließ. Hachmeisters Kernthese, wonach sich Hitlers Interviews mit der US-Presse, aber auch mit italienischen, britischen und französischen Journalisten kaum von seinen öffentlichen Hetzreden unterscheiden, kann Heine im Band nachvollziehen. Die NS-Ideologie prägt hier wie dort die Inhalte, erkennt Heine. Auch wenn der Erkenntniswert der Gespräche als historische Quelle insofern gering ist, wie Heine feststellt, bietet das Buch mit seinen Seitenblicken auf des Diktators Chargen und die Pressevertreter laut Rezensent einen hohen Unterhaltungswert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.11.2024
Dieses Buch sollte Teil der "Curricula aller Journalistenschulen" werden, befindet der Historiker und Rezensent René Schlott zu dem letzten Werk des kürzlich verstorbenen Lutz Hachmeisters über die Interviews, die Hitler mit ausländischen Journalisten führte, rund 100 an der Zahl. In aufwändiger Recherchearbeit hat der Autor herausgearbeitet, wie selten die Weltpresse dem Diktator wirklich inhaltliche Fragen gestellt hat und wie häufig es stattdessen um "die Art, wie er seinen Tee trank" ging - die massenmediale Skandal- und Sensationslogik griff auch damals schon, erfahren wir. In seinem Detailreichtum ist das Buch manchmal fast überwältigend, aber Schlott ist froh über diese wichtigen Schilderungen, die die Korrumpierbarkeit eines Berufsstandes aufzeigen, der davor eigentlich gefeit sein sollte.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 12.11.2024
Rezensent Michael Meyer findet Lutz Hachmeisters "glänzend recherchierte" Zusammenstellung von Interviews ausländischer Journalisten mit Hitler aufschlussreich. Zu erkennen ist für Meyer aus den Interviews und aus den Erläuterungen Hachmeisters zu den Rahmenbedingungen der Gespräche einerseits Hitlers propagandistisches Kalkül und seine Lügnerei, andererseits auch das mal ehrerbietige, mal prestigegeifernde Verhalten der Journalisten und Medien. Ein Gespräch mit einem Diktator als Scoop - ob das heute auch noch gilt?, fragt sich Meyer.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 09.11.2024
Rezensentin Sieglinde Geisel ist froh, dass dieses posthum veröffentlichte Buch des Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister so gelungen ist und auch eine wichtige Botschaft für heutige Journalisten bereithält: Hachmeister hat rund hundert Interviews analysiert, die Hitler der ausländischen Presse gegeben hat und kommt zu dem Schluss, dass der "Propaganda-Effekt des Diktators" immer größer ist als der Informationswert - Diktatoren sollte man also nicht interviewen. Die Judenverfolgung wird in den Gesprächen kaum jemals thematisiert, auf die vorher einzureichenden Fragen bereitet Hitler oft lange Sermone vor, die schreiend und gestikulierend vorgetragen werden, erfahren wir. Die reichhaltigen Quellen hat Hachmeister sehr gelungen aufbereitet und so ein umfassendes, für den unkritischen Journalismus nicht gerade schmeichelhaftes Bild gezeichnet, resümiert Geisel überzeugt.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 07.11.2024
Eigentlich würde man ja denken, dass zu Hitler mittlerweile alles gesagt und geschrieben worden ist, räumt Rezensentin Laura Hertreiter ein. Die große Studie des im August verstorbenen Medienwissenschaftlers Lutz Hachmeister liest sie trotzdem mit großem Gewinn. Hachmeister hat als erster eine systematische Auswertung aller Interviews vorgenommen, die Hitler der Auslandspresse gegeben hat und dabei nicht gescheut, die Verstrickungen des Journalismus in dessen Macht und ihre Multiplikation aufzuzeigen, so Hertreiter, die liest, dass etwa die Amerikanerin Dorothy Thompson den Diktator als "Verkörperung des kleines Mannes" beurteilte, während die Dänin Inga Arvad von seinem "zartherzigen Blick" schrieb. Hachmeister komme in der Analyse seines gut erzählten Buchs zu dem Schluss, dass sich die oft vorgefertigten Interviewteile größtenteils nicht von seinen Bierzeltreden unterscheiden, es ist die "immer gleiche Überredungskommunikation", die da vorherrscht. Ohne dass Hachmeisters Stil an Unterhaltungskraft und Spannung verliert, gibt es gegen Ende auch noch ein aufschlussreiches Kapitel zur Gegenwart, das "für das Medienpersonal der Gegenwart unangenehm wird", weil es die Frage stellt, welchen Sinn Interviews mit Autokraten eigentlich haben. Der Kritikerin wird nach der Lektüre bewusst, wie sehr Hachmeister dem Journalismus fehlen wird.