Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Mit zehn Abbildungen. Was ist der Platz der japanischen Kultur in der Welt? Lassen sich Kulturen überhaupt miteinander vergleichen? Das sind zwei der Fragen, die den Japanreisenden Claude Lévi-Strauss umgetrieben haben. Seit seiner Kindheit verband ihn eine tiefe ästhetische Zuneigung zur japanischen Kunst und Musik. Später beschreibt er Japan als die einzige moderne Gesellschaft, der eine Balance zwischen der Treue zur Tradition und dem rasanten wissenschaftlichen und technischen Fortschritt gelungen ist - ein Beispiel einer humanen Moderne. Die aus diesen Erfahrungen und Betrachtungen gespeiste Zuneigung zu Japan spiegelt sich in den einzelnen Schriften, die das Buch nun versammelt.
Die Schriftstellerin Yoko Tawada gibt eine warme Empfehlung ab für Claude Levi-Strauss' Schriften über Japan, das der französische Anthropologe zwischen 1977 und 1988 fünf Mal besuchte. Levi-Strauss baut keine Brücke zu Japan, so Tawada, was er statt dessen tut, erklärt sie am Beispiel des japanischen Mythos vom weißen Hasen: Der sitzt auf einer Insel fest und um wieder aufs Festland zu kommen, fordert er die Krokodile - unter dem Vorwand, sie zählen zu wollen - auf, eine Reihe im Wasser zu bilden. Daraufhin hüpft er über die Krokodilrücken Richtung Festland und hätte es auch fast geschafft, hätte er nicht vor dem letzten Sprung damit geprahlt, die Krokodile betrogen zu haben. Eine ähnliche Brücke baut Levi-Strauss, so Takawada. Ein prekäres, unstabiles Gebilde, das von Respekt zusammengehalten wird. Positiv merkt sie außerdem an, dass Levi-Strauss sich nicht nur mit den Mythen auseinandersetzt, von denen er viele bereits aus indianischen Kulturen kannte, sondern auch den zeitgenössischen Diskurs in Japan über die eigene Geschichte aufgreift.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2012
Mit großer Sympathie für den Autor hat Rezensentin Irmela Hijiya-Kirschnereit die in diesem Band versammelten acht Texte von sowie das Gespräch mit dem französischen Ethnologen Claude Levi-Strauss gelesen. Schon dass der Autor mit 68 Jahren erstmals Japan besuchte, weil er Angst hatte, eine Kindheitsphantasie zu zerstören, nimmt die Rezensentin für ihn ein. Vor allem interessiere sich Levi-Strauss für die Mythen Japans. Hier finde er viel Ähnlichkeit mit griechischen oder koreanischen Sagen - er vermutet den Buddhismus als Verbreiter bestimmter Motive -, doch für Hijiya-Kirschnereit zeigt sich hier auch ein unaufgelöster Widerspruch in den Thesen Levi-Strauss: einerseits betont er die "Originalität" der japanischen Kultur, andererseits sieht er sie als Ergebnis eines jahrtausendealten interkulturellen Austausches. Doch immer wieder "wunderbar lesbare" Betrachtungen trösten die Rezensentin leicht über solche Mängel hinweg.
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