Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Oliver Precht. Die anthropologischen Arbeiten von Claude Lévi-Strauss begleiteten und prägten eines der wichtigsten Wissenschafts- und Weltverständnisse des 20. Jahrhundert, den Strukturalismus. Seither jedoch gehen aus Anthropologie und Ethnologie, die zudem massiver Kritik ausgesetzt sind, nur meist blasse oder hochspezielle Studien hervor.
Mit Eduardo Viveiros de Castro ändert sich das. Sein Hauptwerk "Die Unbeständigkeit der wilden Seele" lassen eine philosophische Kritik des Universalismus entstehen, die sich wegen der Strenge und Genauigkeit ihrer ethnographischer Analysen nicht in den bekannten Klischees verheddert.
Die Rezeption seiner Arbeiten ist in Südamerika, Frankreich und den anglo-amerikanischen Ländern seit einigen Jahren intensiv im Gange und geht weit über die Grenzen seiner Disziplin hinaus. Philosophie, Psychoanalyse und politische Theorie inspirieren sich mit Begriffen wie "Perspektivismus" und "potentieller Affinität" und "ontologischem Raubtierverhalten". Ein vom wilden Denken verwildertes Denken zeichnet sich ab.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2017
Karl Heinz Kohl freut sich über den Mut zu universalen Aussagen bei Eduardo Viveiros de Castro. Als legitimer Erbe von Lévi-Strauss erscheint ihm der brasilianische Kulturanthropologe nicht nur wegen seiner in diesen Essays zu erkennenden Themenbevorzugung (von der Verwandtschaftsethnologie bis zum Schamanismus bei den Amazonasindianern), auch die Beschäftigung mit dem indianischen Perspektivismus (einer Verkehrung des Subjekt-Objekt-Verhältnisses) scheint Kohl an den Lévi-Strauss zu erinnern. Was der Autor über den Kannibalismus schreibt, findet Kohl außerdem so kühn, dass er fast meint, der Autor wolle den Leser auf den Arm nehmen. Dennoch fühlt sich der Rezensent zum Denken angeregt und erkennt, dass die Verbindung zwischen Ethnologie und Philosophie jede Menge Potenzial hat.
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