Macht im Umbruch
Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783737102155
Gebunden, 432 Seiten, 30,00
EUR
Klappentext
Wir alle spüren, dass Deutschland eine Macht im Umbruch ist, ein Land, das tiefgreifende Veränderungen erfährt. Was bedeutet der Wandel der Welt für das Selbstverständnis Deutschlands, vor welchen Herausforderungen stehen wir, und was müssen die Deutschen jetzt tun, um nicht abgehängt zu werden, sondern aktiv gestalten zu können, innen- wie außenpolitisch?Herfried Münkler kreist die neuralgischen Punkte der deutschen Politik ein und entwirft hellsichtig eine Strategie für das künftige Agieren. Die Frage nach der neuen Rolle Deutschlands wird wesentlich davon abhängen, ob es dem größten Land in der Mitte Europas gelingt, seine ökonomische, politische und kulturelle Macht so einzusetzen, dass ein Auseinanderfallen Europas verhindert werden kann. Hierfür sind nicht nur grundlegende Reformen dringend nötig, Deutschland und die EU müssen sich auch als widerstandsfähig gegen Russland, selbstbewusst im Umgang mit China und, falls es nötig werden sollte, als unabhängig von den USA erweisen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.05.2025
Rezensent Michael Hesse kann mit Herfried Münklers Buch einiges anfangen: Der Politikwissenschaftler plädiert mit "leiser Dringlichkeit" dafür, anzuerkennen, dass Machtpolitik in der aktuellen Welt wieder notwendig ist, dass es also nicht möglich ist, sich auf die Sicherheiten einer regelbasierten, liberalen Weltordnung zurückzuziehen, wenn Akteure wie Putin ihre eigenen Regeln setzen. Europa muss umdenken, davon ist Münkler laut Hesse überzeugt und vor allem Deutschland muss den Pazifismus hinter sich lassen und eine Führungsrolle übernehmen, idealerweise flankiert von Frankreich und Polen. Winkler verfasst hier Hesse zufolge einen dringlichen Appell, der freilich nicht Alarmismus verbreitet, sondern vom Gegebenen ausgeht und sich beim Blick in die Zukunft keineswegs aus dem Fenster lehnt. Hier und da meldet Hesse Bedenken an, zum Beispiel wenn Münkler davon ausgeht, dass Staatsoberhäupter immer im Interesse ihres Landes entscheiden - das Beispiel USA zeigt ja wohl, dass das nicht der Fall ist. Insgesamt jedoch hält der Rezensent dieses Buch für einen wichtigen Diskussionsbeitrag zur Neubewertung von Machtpolitik.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 05.04.2025
Obwohl Herfried Münkler für den Rezensenten Stefan Reinecke mit seinem neuen Buch die aktuelle Lage wohl so genau trifft wie sonst keiner, hat letzterer auch Kritikpunkte. Doch zunächst zum Positiven: Äußerst hellsichtig und treffend analysiere der Politologe den Zerfall der bisherigen Ordnung, neu seien die Machtblöcke USA, China, Russland, Indien und EU, deren Dynamik nun mit den Begriffen der "Geopolitik" beschrieben werde, um Machtlagen zu begreifen. Europa solle schneller und bestimmter entscheiden, Deutschland komme die Rolle zu, "den EU-Laden als Ganzes zusammenzuhalten." Reinecke fragt sich allerdings, ob eine autoritärere EU nicht wieder eigene Probleme hervorbringen würde, von erstarkenden Rechtstendenzen bis wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Auch eine Analyse des "Globalen Südens" vermisst er hier schmerzlich, wünschenswert wäre zudem eine Reflexion von Münklers Irrtümern bezüglich des Ukrainekrieges gewesen. Trotz dieser Mängel ist das Buch aber insgesamt klarsichtig und anregend, versichert der Kritiker.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 27.03.2025
Nicht ganz ohne Ironie, aber insgesamt bewundernd sieht Rezensent Alexander Cammann zu, wie Herfried Münkler, inzwischen 73, mal wieder mit den ganz großen Bausteinen der Geopolitik spielt. Das Buch spiegelt dabei einen ganz bestimmten Moment wider, so der Rezensent: Münkler wusste zwar zu dem Zeitpunkt, als er das Buch verfasste, dass Trump wieder antreten würde - aber Trumps Ausfälle gegen die Ukraine und sein Liebeswerben um Putin kannte er noch nicht. So oder so analysiert Münkler laut Cammann die Lage Europas und Deutschlands recht einleuchtend: Deutschland habe nun, da Europa alleingelassen ist, "keine Alternative zum neuen Führungszwang", lernt Cammann - und das bei einem Personal, das eher an die kleinen Kompromisse alltäglicher Politik gewöhnt ist. Ein wenig mehr Selbstreflexion hätte Cammann bei diesem immer sehr von seinem Bescheidwissen beschwingten Autor gern zur Kenntnis genommen, so wäre eine Korrektur früherer Irrtümer in Bezug auf die Ukraine durchaus am Platz, meint der Kritiker - Bert Hoppe, einst Münklers Lektor, hatte in der FAZ neulich auf Münklers mäandernde Ansichten zur Ukraine hingewiesen. Aber das sind für Cammann "Peanuts" angesichts der großen Perspektiven, die dieser Autor stets aufzuzeigen wisse.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025
Dieses Buch, glaubt Rezensent Thomas Speckmann, kann dabei helfen, politische Kontinuitäten wahrzunehmen, die über behauptete radikale Brüche und sogenannte Zeitenwenden hinweg die Weltpolitik prägen. Der Historiker Herfried Münkler macht darin vier Themen aus, die Deutschland in machtpolitischer Hinsicht in näherer Zukunft beschäftigen dürften und Speckmanns Rezensension arbeitet dieselben der Reihe nach ab. Zunächst geht es um Russland, das zwar laut Münkler nicht allzu bald weitere Länder überfallen wird, das aber seine aggressive geopolitische Taktik nicht aufgeben wird. Insofern habe die Fähigkeit, sich zu verteidigen, höchste Priorität für Deutschland. Was die USA betrifft, geht Münkler davon aus, dass die USA sich unter Trump aus langfristigen Verpflichtungen zurückziehen werden, was bedeutet, dass die EU unter deutscher Führung reformiert und handlungsfähiger gemacht werden muss. Auch mit China werden sich Münkler zufolge Deutschland und die EU auseinanderzusetzen haben, wobei es darum gehen sollte, im sich ankündigenden Handelskrieg zwischen China und den USA eine eigenständige Position zu behaupten. Auf Münklers viertes Thema, die Begrenzung illegaler Migration, geht Speckmann nur kurz ein, bevor er resümiert, dass die deutsche Politik Münkler zufolge vor der Aufgabe steht, langfristig zu denken, anstatt populistisch zu agieren. Insgesamt sind das alles wichtige Ratschläge, meint der Rezensent abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2025
Wohlwollend bespricht der hier rezensierende Historiker Ralph Bollmann Herfried Münklers neues Buch, in dem sich der vermeintlich kaltblütige Theoretiker der Machtpolitik als republikanischer Idealist erweist. Wobei sich laut Bollmann bei der Analyse zeigt, dass darin keineswegs ein Widerspruch liegt. Münkler wendet sich gegen die innere Gefahr des Populismus im Westen, lesen wir, was Bollmann angesichts der AfD-Positionen, die Aushöhlung der Demokratie mit einer Bereitschaft zur Kapitulation in geopolitischen Fragen verbinden, nachvollziehen kann - Münklers eigenes Hoffen auf bürgerliche Selbstbehauptungskräfte freilich erscheint dem Rezensenten nicht allzu realistisch. Weiterhin schreibt Münkler über die Führungsrolle in Europa, die Deutschland einnehmen muss, außerdem bedenkt er stets die Wechselwirkungen zwischen Außen- und Innenpolitik. Die Ereignisse der letzten Zeit rund um Trumps Wahlsieg und dessen Annäherung an Putin geben den Analysen dieses Buches im Großen und Ganzen recht, findet Bollmann, der abschließend mit Münkler darauf hinweist, dass die größte Gefahr für Europa momentan im Inneren, nämlich im putinistischen Populismus zu verorten ist.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 22.03.2025
Marc Reichwein bespricht diesen Band zusammen mit Stig Försters "Deutscher Militärgeschichte". Bei Münkler interessiert ihn vor allem das schlechte Zeugnis, das der extrem produktive Autor der deutschen Öffentlichkeit ausstellt. Nach Jahrzehnten, in denen Deutschland der Krieg ferngerückt war, müsse Deutschland nun wieder lernen aus seiner "sicherheitspolitischen Sorglosigkeit" (so Münkler) aufzuwachen, sich eine alte Macchiavelli-Ausgabe zu schnappen und führen zu lernen. Denn wer, wenn nicht Deutschland, soll in einem Europa, das sicherheitspolitisch auf sich gestellt ist, führen?
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 18.03.2025
Ganz rund ist Herfried Münklers Buch über die Zukunft Deutschlands und Europas nicht geworden, findet Rezensent Martin Hubert, ein ambitionierter Gedankenanstoß ist es freilich allemal. Münklers Argument lautet im Kern, lesen wir, dass die Welt der näheren Zukunft wieder über Feindschaft strukturiert werden wird und dass deshalb Konzepte, die auf Kooperation setzen, wenig hilfreich sind. Stattdessen wird die neue Weltordnung, glaubt Münkler, auf eine Opposition zwischen Verfassungsstaaten und Autokratien hinauslaufen, und wenn Europa in dieser Situation sich behaupten will, muss es stärker machtpolitisch auftreten und zwar unter der Führung Deutschlands. Wobei Deutschland nur primus inter pares sein soll, stellt Hubert klar. Außerdem gibt es, wie der Autor selbst anmerkt, noch viele Unsicherheiten zu bedenken, wie etwa Deutschlands interne Schwächen, die erst einmal behoben werden müssen. Insgesamt setzt Münkler, kritisiert Hubert, den Fokus seiner Analyse etwas zu sehr auf Machtpolitik, soziale und wirtschaftliche Fragen kommen zu kurz, Kulturelles ebenso. Auch die Weltgegenden jenseits der großen geopolitischen Mächte kämen hier kaum vor - insofern habe dieses ambitionierte Buch durchaus einige blinde Flecken.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.03.2025
Vieles, was später eingetreten ist, sieht Herfried Münkler in seinem neuen Buch voraus, erklärt Rezensent Nils Minkmar. Dass sich die USA von Europa abwenden könnten, prophezeite der Autor schon lange vor den aktuellen Entwicklungen und auch das "Machtchaos" sah er heraufziehen, indem sich politische Bündnisse von einem auf den anderen Tag ändern könnten. Auch für eine Erstarkung des deutsch-französischen Bündnisses plädiert Münkler, allein schon aus strategischen Gründen, so Minkmar. Innenpolitisch fordert Münkler vorausschauendere Politiker, die nicht nur von heute auf morgen denken, und mündige Bürger, die Demokratie aktiv mitgestalten. Hoffnung habe Münkler noch, dass sich die Europäer zusammenraufen und die Demokratie retten, er sei schließlich kein "Apokalyptiker". Falsche Versprechungen macht er aber auch nicht, so Minkmar, er hält es durchaus auch für möglich, dass die Vernunft dieses Mal nicht gewinnt.