Abenteuer der Moderne
Die großen Jahre der Soziologie 1949-1969

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025
ISBN
9783608987058
Gebunden, 336 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Adorno, Gehlen und der lange Schatten des Nationalsozialismus: Freigeist trifft auf Demokratieverächter - Thomas Wagner enthüllt die so spannende wie eigenwillige Beziehung zwischen dem linken Philosophen Theodor W. Adorno und seinem rechten Widerpart Arnold Gehlen. Mit großer Erzählkunst nimmt er uns mit auf die aufregende Reise in eine sich mitten im Kalten Krieg rasant modernisierende Gesellschaft. Dabei gibt er überraschende und verstörende Einblicke in die Intellektuellengeschichte der jungen Bundesrepublik. Frühjahr 1958: Theodor W. Adorno bezichtigt seinen Kollegen Arnold Gehlen mit einem vernichtenden Gutachten des faschistischen Denkens - und verhindert dessen Berufung nach Heidelberg. Wenige Jahre später schreiben sie sich Briefe, treffen sich privat und führen eine Reihe von Rundfunkgesprächen - wieso? Vor dem Hintergrund von Wiederbewaffnung und deutscher Teilung schildert Thomas Wagner die Geschichte dieser außergewöhnlichen Begegnung. Er zeigt, wie sich die Soziologie als neue Leitwissenschaft etabliert und welchen Anteil ehemalige Nationalsozialisten dabei haben. Sein Erzählbogen reicht von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis in die Hauptstadt der DDR. Mit illustren Figuren wie Arendt, Benn, Brecht, Augstein, Plessner und Harich entsteht ein plastisches Bild von der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik. Die Wurzeln der aufgeheizten Debatten unserer Gegenwart erscheinen dadurch in einem überraschend neuen Licht.
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Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 28.04.2025
Über die Ideengeschichte der frühen Bundesrepublik und insbesondere die Geschichte der Soziologie kann man in diesem Buch viel lernen, freut sich Rezensent Nils Schniederjann. Thomas Wagner nähert sich diesem Thema über zwei Figuren, Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen, ersterer war als linker Rückkehrer aus dem amerikanischen Exil einer der bekanntesten Soziologen seiner Zeit, aber insgesamt wurde die Disziplin, erfährt Schniederjann von Wagner, genauso von Leuten wie Gehlen geprägt, die in der NS-Zeit regimetreu gewirkt hatten. Die Rezension zeichnet mit Wagner nach, wie Adorno Gehlen zunächst harsch ablehnte, sich später jedoch mit ihm anfreundete und gemeinsame Radiogespräche produzierte. In diesem Zusammenhang geht Schniederjann auf die Gemeinsamkeiten, aber auch auf die Unterschiede ein, die Adornos und Gehlens Denken prägten, unter anderem im Blick auf die gesellschaftliche Rolle von Institutionen. Das gut geschriebene Buch hilft laut Schniederjann dabei, mit manchen Legenden zu brechen, etwa wenn die Protagonisten der Frankfurter Schule in erster Linie als Pragmatiker beschrieben werden, und auch darüber hinaus kann man in Wagners Panorama der intellektuellen Kämpfe der Nachkriegszeit einiges von Interesse entdecken.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 05.04.2025
Ein außergewöhnlich reichhaltiges Buch keineswegs nur über die überraschende Annäherung Theodor W. Adornos und Arnold Gehlens hat Thomas Wagner Rezensent Thomas Meyer zufolge verfasst. Über dieses zentrale Thema hinaus verweist unter anderem eine dritte Figur, die im Buch auftaucht, nämlich der Marxist und Gehlen-Fan Wolfgang Harich, der Gehlen in die DDR zu locken versuchte. Außerdem entwirft dieses Buch, und damit rechtfertig es in Meyers Augen auch seinen Titel, eine Art Typologie intellektueller Optionen in der Bundesrepublik, vom linksliberalen Adorno, der allerdings durchaus interessante Positionen der politischen Rechten zur Kenntnis nimmt, über den Demokratieskeptiker Gehlen bis hin zu Harich, dessen intellektuelle Beweglichkeit an politische Dogmen gebunden bleibt. Wagner gelingt es laut Meyer, die Komplexität dieser Konstellation offenzulegen. Weiterhin beschäftigt sich die Rezension mit einigen Details der intellektuellen Beziehung Gehlens und Adornos sowie des Denkens insbesondere Gehlens, dessen Menschenbild keineswegs mit dem der Nationalsozialisten kompatibel war. Insgesamt ein faszinierendes Buch, das der Leserschaf viel über die intellektuelle Landschaft Deutschlands verrät, und zwar bis in die Gegenwart, schließt der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 03.04.2025
Angeregt bespricht Rezensent Alexander Cammann Thomas Wagners Studie über Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen, die er quellenreich und gut recherchiert findet. Dem Titel zum Trotz, geht es in diesem Buch ausschließlich um diese beiden auf den ersten Blick antipodischen Denker, erfahren wir. Entlang der Lektüre skizziert Wagner kurz den Lebenslauf Gehlens, der in der NS-Zeit als überzeugter Nazi Karriere machte und in den ersten Nachkriegsjahren kurz ins wissenschaftliche Abseits geriet, bevor er zu einer wichtigen Stimme der aufstrebenden Disziplin Soziologie wurde, insbesondere im Bereich der Institutionenforschung. Ab 1963 führte er dann auch öffentliche Diskussionen mit Adorno, mit dem er auch privat Kontakt hielt. Einige interessante Archivfunde kann Wagner präsentieren, freut sich Cammann, der vor allem von der Figur Wolfgang Harich fasziniert ist, einem marxistischen Gehlen-Fan. Weiterhin zeige Wagner, dass Gehlen nie seinen Frieden mit der von ihm ungeliebten Bundesrepublik gemacht hatte, was ein Grund sein dürfte für seine Popularität bei der neuen Rechten. Alles in allem, so der Tenor der Besprechung, ein faszinierendes Stück Geistesgeschichte, das hier gut aufgearbeitet wird.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2025
Aufschlussreich ist Thomas Wagners Buch laut Rezensent Mark Siemons, auch wenn es sein Thema nicht erschöpft. Ein Thema, das außerdem im Titel missverständlich dargestellt ist, findet Siemons, denn es geht hier nicht um die Moderne und auch nicht wirklich um Soziologie, sondern um die freundschaftliche Beziehung zwischen zwei politisch gegensätzlich verorteten Intellektuellen: Zwischen dem progressiven Adorno und dem konservativen, die Institutionen verteidigenden Arnold Gehlen, die sich in Radiogesprächen austauschten und auch privat miteinander verkehrten. Siemons liest, dass die Linien zwischen den beiden Lagern damals längst nicht so klar gezogen waren, wie man heute meinen könnte, unter anderem hatte Gehlen auch Fans unter Marxisten, die gerade dessen Lob der Institutionen guthießen. Wagner hat hier hochinteressantes Material zum Verhältnis von Gehlen und Adorno zusammengetragen, meint Siemons, der allerdings kritisiert, dass der Autor sich zu wenig mit dem Denken der beiden auseinandersetzt. Zum Beispiel, findet der Kritiker, könnte man auf Basis dieses Buches darüber nachdenken, was es mit der Düsternis auf sich hat, die, wie man am Briefwechsel der beiden ablesen kann, das Denken Gehlens und Adornos verbindet. Siemons denkt hier etwa an die Rezeption der beiden Denker unter Corona-Verschwörungstheoretikern (Adorno) und der neuen Rechten (Gehlen) in der Gegenwart. Dass das Buch derart viele intellektuelle Anschlussmöglichkeiten bietet, macht laut Siemons dessen Stärke aus.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 01.03.2025
Rezensent Mladen Gladic lobt Thomas Wagners Erzählung über die große Zeit der Soziologie im Nachkriegsdeutschland für ihre Einbeziehung von DDR-Intellektuellen wie Wolfgang Harich und ihre Beschäftigung mit dem "großen Rechtsaußen" Arnold Gehlen. Dass die Frankfurter Schule zu beiden keine Berührungängste hatte, kann ihm der Autor ebenso erläutern wie er deren Ziel des Wiederaufbaus plausibel macht. Meisterhaft und prägnant, wenngleich nicht unbedingt leicht verdaulich findet Gladic das Bild, das Wagner zeichnet.