Post-
Nachruf auf eine Vorsilbe

Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN
9783518588307
Gebunden, 396 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Bei der Vorsilbe Post- handelt es sich um die erfolgreichste Erfindung der Geistes- und Sozialwissenschaften seit 1945. Zum weltweiten Einsatz kommt sie in Großwörtern wie Posthistoire, Postmoderne oder Postkolonialismus sowie in zahllosen weiteren Kombinationen. Offensichtlich ist es Trend geworden, sich in die Nachzeit einer Vorzeit zu versetzen. Doch nicht hinter jedem Erfolg steckt eine gute Idee. Das ist auch hier der Fall, wie Dieter Thomä in seiner Kritik jener Geistes- und Lebenshaltung zeigt, die auf den Post-Weg geraten ist. Nicht nur zeugt es laut Thomä von epochaler Einfallslosigkeit, ein altes Wort mit Post- zu schmücken und als letzten Schrei auszugeben. Darüber hinaus haben die Post-Theoretiker ein grundsätzliches Problem: Sie lassen etwas hinter sich und schleppen es doch weiter mit. Sie fahren in die Zukunft, schauen dabei aber dauernd in den Rückspiegel. Sie bleiben in der Ambivalenz zwischen Anhänglichkeit und Aufbruch stecken. Höchste Zeit also für die Verabschiedung der Postismen unserer Zeit. Dieses Buch ist ihr Nachruf und zugleich ein Plädoyer für etwas von ihnen Verschiedenes: Geistesgegenwart.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 11.04.2025
Rezensent Günter Kaindlstorfer lässt sich vom Philosophen Dieter Thomä Lust auf die Zukunft machen. Schluss mit Post-, ruft Thomä und arbeitet sich laut Rezensent streitbar und durchaus anregend an Begiffen wie Postkolonialismus und Posthistoire ab. Beides gibt es für Thomä eigentlich gar nicht. Weder endet die Geschichte noch trifft der Postkolonialismus-Begriff eine Bewegung, die sich eher in unterschiedlichen Schulen und Fraktionen manifestiert, argumentiert der Autor. Die analytische Hingabe des Autors hat Kaindlstorfer sichtlich beeindruckt. Der Leser braucht allerdings etwas Vorbildung, um an jedem Gedanken im Buch Freude zu haben, gibt der Rezensent zu bedenken.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2025
Rezensent Helmut Mayer liest sehr gern, wie Dieter Thomä die Mode der Postismen analysiert und durchaus auch auseinandernimmt. Es geht um die theoriehistorische Erfolgsgeschichte der Vorsilbe "Post-", erfahren wir, die ihren Siegeszug laut Thomä in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg angetreten hat, was überaus wichtig für die Argumentation des Buches ist. Denn, fasst Mayer zusammen, das Post-Denken ist eines, das sich den Schrecken des Krieges gerade nicht stellt, sondern auf verschiedenen "Figuren der Überbietung" ausweicht. Drei Post-Phänomene nimmt Thomä genauer unter die Lupe: Es beginnt mit der Posthistoire, die laut im Buch unter anderem in Gestalt der Schriften Alexandre Kojèves und Arnold Gehlens untersucht wird, wobei Mayer herausarbeitet, dass diese und andere Theoretiker sich letztlich über eine Geschichte, die sie als im Niedergang begriffen beschreiben, erheben. Die Postmoderne wiederum, so Mayer, führt in ihrer von François Lyotard und anderen betriebenen Feier des Fragmentarischen, das der Totalität der Moderne entgegengesetzt wird, direkt in die Falle der Identitätspolitik und der Dauerbetroffenheit, der auch das dritte und jüngste Fallbeispiel Thomäs, der Postkolonialismus nicht entkommt, der zunächst mit Blick auf Frantz Fanon analysiert wird, bevor neuere Positionen zur Sprache kommen. Auch in diesen Passagen nennt Thomä, freut sich Mayer, zwar Ross und Reiter, argumentiert aber nie einseitig. Insgesamt ist der Rezensent ziemlich beeindruckt davon, wie geduldig dieses Buch schwieriges Terrain sondiert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.03.2025
Ein interessantes Buch hat Dieter Thomä geschrieben, findet Rezensent Harald Staun, der dem Autor inhaltlich freilich dezidiert nicht zustimmt. Thomä beschäftigt sich laut Staun mit der Vorsilbe "Post-" und deren Karriere in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere in Bezug auf Großtheorien wie die Posthistoire, die Postmoderne und den Postkolonialismus. Thomä, erfahren wir, hält nicht viel vom "Post", einer Silbe, die er mit dem Wort "nach" kontrastiert - seiner Meinung nach hat die Konjunktur der Postismen zu tun mit einem Unwillen, das Fortschreiten der Geschichte zu akzeptieren, stattdessen klammert man sich ans "Post" und lässt die Vergangenheit nicht ruhen. Das gilt laut Thomä selbst für den Postkolonialismus, staunt Staun, der ja nicht gerade im Verdacht steht, den Kolonialismus weiterleben zu lassen wollen. Was laut Thomä jedenfalls unter den Tisch fällt, ist die Zukunft, der man sich doch lieber, so rekonstruiert der Rezensent das Argument, stellen sollte, ohne am Gestern zu klammern. Staun kann mit dem Heroismus, der in solchen Denkfiguren steckt, nicht viel anfangen. Reagieren die Theoretiker des Post, fragt Staun, nicht schlicht auf die realen Spannungen in der Gegenwart, auf ein ungeklärtes Verhältnis zur Vergangenheit? Diesen nachzuspüren und eben keinen Schlussstrich zu ziehen oder gar in falscher Nostalgie zu schwelgen wie diejenigen, die heute von "goldenen Zeitaltern" reden: das wäre, durchaus gegen Thomä, Stauns Plädoyer. Außerdem, findet der Rezensent, dampft der Autor die Differenzen zwischen den diversen Postismen zu umstandslos ein. So endet die Besprechung auf einer einigermaßen kritischen Note.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 22.03.2025
Wir leben in der Ära des "Post", und das schon ganz schön lange, lernt der Rezensent Jakob Hayner aus der offenbar sehr erhellenden Lektüre des neuen Bandes von Dieter Thomä. Der Inflation der Begriffe mit "Post " (jüngst etwa "Postdemokratie" oder "Post-Truth") geht immer erst mal die Diagnose vom "Ende der Geschichte" voraus, die erstmals von Arnold Gehlen mit dem Begriff des "Posthistoire" nach 1945 gestellt wurde. Später folgten die Denker der Postmoderne wie Foucault oder Derrida, die die Aufklärung als Sturm im Wasserglas abtaten, und die Postkolonialisten wie Edward Said, die Geschichte auf den Schwarzweißgegensatz reduzierten. Mit dem "Post" muss Schluss sein, ruft der Rezensent mit Thomä: Ab jetzt müsse wieder Hölderlins Parole gelten: "Komm ins Offene, Freund".