Der 9. November 1989. In Berlin fällt die Mauer. Es ist einer der glücklichsten Momente der deutschen Geschichte. Ines Geipel ist bereits im Sommer in den Westen geflüchtet und erlebt den Zeitriss, die Hoffnungen und Aufbrüche als Studentin in Darmstadt. 35 Jahre danach erinnert sie sich: Wie fühlte er sich an, dieser historische Moment des Glücks? Wie erzählen wir uns Ost und West und die Wiedervereinigung? Woher kommt all der Zorn, woher die Verleugnung, wenn es um den aktuellen Zustand des Landes geht? Ines Geipel geht noch einmal zurück in die politische Umbruchslandschaft nach 1989, in die eigene Familie, zurück in all die verstellten, besetzten Räume der Erinnerung, zurück zu den Verharmlosungen und Legenden, die die Gegenwart so vergiften.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.12.2024
In ihrem Buch untersucht Ines Geipel die Nachwirkungen von 56 Jahren Diktatur im Osten Deutschlands und kritisiert die mangelnde Aufarbeitung dieser Geschichte, schreibt Rezensent Joachim Käppner. Der Kritiker lobt das Werk als klug, "stilistisch anspruchsvoll" und zugleich persönlich. Geipel, deren Vater bei der Stasi-Auslandsspionage gearbeitet hat, analysiert präzise, wie die politische Gedächtnisumschreibung und der fehlende Diskurs über die NS-Vergangenheit das heutige Selbstbild Ostdeutschlands prägen, resümiert der Kritiker. Sie wendet sich entschieden gegen die verbreiteten Schuldzuweisungen an den Westen und entlarvt stattdessen interne Dynamiken und alte Ressentiments als Ursachen für heutige Krisen. Käppner hält Geipels Ost-Buch für eines der besten Bücher zur ostdeutschen Identität und würdigt ihr Plädoyer für Aufklärung und Ehrlichkeit als überaus wichtig. Das Buch, so der Kritiker, bringt Licht in die dunklen Räume der Erinnerungskultur und kommt zur richtigen Zeit. Ein starkes Gegengewicht zu Spaltung und Ost-Nostalgie, lobt Käppner abschließend.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2024
Rezensent Moritz Rudolph ahnt beim Lesen des Buches von Ines Geipel, dass Deutschland verhext ist, geschlagen mit einer Unfähigkeit zur Einheit. Geipel indes ist anderer Meinung. Für sie hat der Osten schon deshalb gewonnen, weil er seine "Opfererzählung" erfolgreich durchzusetzen wusste. Um die zu widerlegen, reist die Autorin laut Rudolph durch den Osten und die Zeit der Wiedervereinigung und stellt fest: War alles gar nicht so schlimm. Besonders aktiv in der gegenteiligen Geschichtsdeutung waren "Altkader" und die ostdeutsche Kulturclique um Heiner Müller, glaubt die Autorin. Mit der Gefühlsraumtheorie von Gernot Böhme versucht Geipel zu verstehen. Dass der Osten dennoch ein Verlierer ist, nur eben aus eigener Verantwortung, liest Rudolph mit Skepsis. Diese Darstellung wäre noch zu prüfen, findet er.
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