Im Jahrhundert der Flüchtlinge setzte sich erst weit nach 1945 eine internationale Flüchtlingspolitik mit globalem Ausmaß durch. Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Flüchtlinge, in dem Millionen Menschen aufgrund von Krieg, Gewalt und Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten. Mit den Fluchtbewegungen entstand das System der internationalen Flüchtlingshilfe. Es setzte sich die Vorstellung durch, dass es die Aufgabe der Staatengemeinschaft sei, Geflüchtete zu unterstützen und dafür leistungsfähige Strukturen aufzubauen. Bis in die späten 1950er-Jahre glaubte die Staatengemeinschaft jedoch, das massive Fluchtgeschehen sei ein vorübergehendes Problem, das nur Europa betreffe. Das Amt des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) war daher zunächst eine kleine Behörde mit wenig Einfluss. Jakob Schönhagen schildert eingehend, wie seit den 1960er-Jahren schrittweise und gegen viele Widerstände eine internationale Flüchtlingspolitik entstand, die weltweit ausgerichtet war - mit den Flüchtlingskrisen in Algerien und Bangladesch als den entscheidenden Stationen. Der Autor rekonstruiert ebenso, welche Folgen dieser späte Entstehungsprozess bis heute hat.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2023
Rezensentin Julia Anton schöpft Hoffnung mit der zum Buch ausgearbeiteten Dissertation des Freiburger Historikers Jakob Schönhagen. Dass Flüchtlingspolitik wandelbar ist im Sinne von Aushandlungsprozessen hält sie für ein bemerkenswert optimistisches Fazit der Studie, die zunächst deutlich macht, dass die Schicksale der Notleidenden eher zweitrangig sind. Den Wandel der Flüchtlingspolitik und ihre Stationen, Brüche und Rückschritte schildert ihr der Autor quellenstark, aber durchaus fordernd. Hilfreich für das Verstehen findet Anton die im Buch dokumentierten Fallgeschichten von Geflüchteten.
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