Dolf Sternberger und Jürgen Habermas entwickelten das Konzept des Verfassungspatriotismus als Antwort auf die Situation der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg: Als alle Formen des kulturell oder ethnisch motivierten Patriotismus diskreditiert waren, plädierten sie für die rationale Identifikation mit den universellen Werten und Prinzipien des Grundgesetzes. Ist diese Form des Patriotismus in der postnationalen Konstellation, in der Nationalstaaten durch Migration kulturell vielfältiger werden und in der politische Kompetenzen auf supranationale Staatenverbände wie die Europäische Union übergehen, in der Lage, Solidarität und kollektive Identifikation zu stiften? Dieser Frage geht Jan-Werner Müller in seiner ideengeschichtlichen Rekonstruktion nach.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 05.01.2011
Gern würde Helmut König den Verfassungspatriotismus, den der Politikwissenschaftker Jan-Werner Müller in diesem band erläutert, auch als hinreichende Bedingung für gemeinsame Lebenswelten und Zusammengehörigkeit verstehen. Jedoch scheint ihm das Prinzip höchstens eine grundlegende Bedingung dafür zu sein. Eine kritische Anmerkung des Rezensenten zum Begriffsverständnis des Autors, das er in puncto Integrationsfähigkeit durchaus teilt. Überhaupt findet König eine Menge Klärungen, wenn auch nicht sämtliche. So scheint ihm der Verfassungspatriotismus als Basis für den Prozess der europäischen Einigung eher ungeeignet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2010
Nicht wirklich zufrieden ist Rezensent Wolfgang Jäger, selbst Professor für Politikwissenschaft und von 1995 bis 2008 Rektor der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, mit Jan-Werner Müllers Essay über den Verfassungspatriotismus. Der erste Teil, in dem der Autor die Entstehung dieses Konzepts in der alten Bundesrepublik nachzeichnet, gibt seiner Ansicht nach der Position von Jürgen Habermas zu viel Gewicht. Die Argumentation im zweiten Teil über die theoretische Verortung des Verfassungspatriotismus' hält er für teilweise spitzfindig. Auch findet er das Buch nicht gerade leicht zu lesen, oft redundant und unklar in der Differenzierung deutscher und amerikanischer Begrifflichkeiten. Zudem hält er dem Autor vor, sich - abgesehen von Habermas - vor allem mit der amerikanischen Literatur auseinanderzusetzen, die deutsche Diskussion aber nur teilweise zu kennen. Schließlich kann Müller in den Augen des Rezensenten die Kritik am Verfassungspatriotismus als "intellektuelles Konstrukt mit Seminarcharakter" nicht ausräumen.
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