Der Kontinent ohne Eigenschaften
Lesezeichen im Buch Europa

Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN
9783518432143
Gebunden, 320 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Über Europa sind viele Bonmots und Untergangsdiagnosen im Umlauf. Man wisse nicht, unter welcher Nummer man Europa erreichen könne, seine Bewohner seien dekadent, der Halbkontinent, der einst den "Rest der Welt" kolonisierte, sei nun seinerseits in den Rest geraten etc. Doch wie im Fall Mark Twains erweisen sich Nachrichten vom Ableben der "Alten Welt" regelmäßig als stark übertrieben. Gleichwohl sind sich die Europäer ihrer Eigenschaften nicht mehr sicher: "Sie wissen nicht, woher sie kommen, erst recht nicht, wohin die Reise geht." Um Orientierung zu stiften, blättert Peter Sloterdijk im Buch Europa einige Lesezeichen auf, etwa das des Kulturphilosophen Eugen Rosenstock-Huessy, der die "Autobiografie des westlichen Menschen" als Sequenz politischer Revolutionen erzählte. Sloterdijk öffnet auch das "Buch der Geständnisse", aus dem sich ein bezeichnender Geist der Selbstkritik erklärt. Und er zitiert aus dem "Buch der Ausdehnungen", das Europas Missionen im Zeitalter der nautischen Globalisierung illustriert. Was ist Europa also? Jedes Gemeinwesen, das sich in der Tradition Roms sieht? Ein sich selbst verstärkender Lernzusammenhang? Das wahre Europa, so Sloterdijk, findet sich überall dort, wo die schöpferischen Leidenschaften denen des Ressentiments den Rang abgelaufen haben.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.02.2025
Wie "der Text zur Stunde" liest sich Peter Sloterdijks neues Buch für Rezensent Jens-Christian Rabe: Den Europäern, die zunehmend in die Bedeutungslosgkeit abdriften, führt der Philosoph ihre "zivilisationsgeschichtlichen Leistungen" vor Augen und mahnt gleichzeitig, sich die erkämpfte individuelle Freiheit nicht durch nationalistische Mythen nehmen zu lassen. Auch das Bild von Europa als "ewig überschuldetem imperialistischem Bösewicht" will Sloterdijk so nicht gelten lassen, erklärt Rabe. Ja, Europa habe sich oft Gutes vorgenommen, dabei aber "das Niederträchtigste" exportiert. Trotzdem nimmt sich Sloterdijk radikale Europa-Kritiker, wie Nikolai Danilewski oder Frantz Fanon vor und entlarvt ihre Kurzsichtigkeiten. Selbstkritik ist wichtig und eine europäische Tugend, glaubt der Philosoph laut Rabe, zu viel davon ist aber auch nicht gut. Der Rezensent spürt angesichts der düsteren Weltlage jedenfalls eine "eindrucksvoll lichte Kraft" in diesem "Pep Talk für Europa".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2025
Rezensent Joseph Hanimann liest mit Genuss Peter Sloterdijks Darstellung über Europa und seine andauernden Reinszenierungen. Sloterdijk gelingt es laut Rezensent vortrefflich, Gelehrsamkeit, Ideenfülle, Assoziationsgabe und ja, auch ältere Kamellen zu einer fesselnden Lektüre zu vereinen, die Hanimann noch mehr beeindruckt als die zugundeliegende Vorlesung am College de France. Wenn der Autor dabei die strittigsten Punkte zum Thema eher links liegen lässt und allenfalls mit einer Anmerkung abkanzelt, findet Hanimann das verzeihlich.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.12.2024
Rezensent Wolf Lepenies erkennt einen Mangel im neuen Buch von Peter Sloterdijk: zu wenig Mittelmaß. Die guten Gedanken zum Thema Europa folgen hier laut Rezensent derart dicht aufeinander, dass es für Lepenies erschöpfend ist, und die Gedankendichte verdeckt die Sicht. Ob zum Ideal englischer Gentry oder zu den Monstrositäten des Marxismus - immer hat der Autor nicht einen, sondern viele treffende Gedanken, staunt Lepenies. Den auf Vorlesungen am College de France in diesem Frühjahr zurückgehenden Band legt Lepenies allen Europaskeptikern ans Herz, auch wenn der Autor Europa als "Lernzusammenhang" versteht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 02.12.2024
Peter Sloterdijk, der "Schriftsteller unter den Philosophen", hat seine Vorlesungen am Collège de France aus dem Frühjahr in Buchform gebracht und Kritiker Guido Kalberer liest seine Gedanken zum momentanen, nicht allzu erfreulichen, Zustand Europas mit großem Gewinn. So geht Sloterdijk etwa der Idee nach, dass Europa kontinuierlich versucht hat, das Römische Reich in seiner Größe und Macht nachzuahmen, vergeblich und mit schwierigen Folgen - heute habe sich Europa "in die Niemandsposition zurückgezogen." Der Autor gemahnt aber auch an die Errungenschaften des Kontinents, wie zum Beispiel die Religionsfreiheit, und warnt gleichzeitig davor, die daraus gewachsene Bekenntnisbereitschaft in eine ausufernde Selbstkritik zu verwandeln, die Europa weiter marginalisiert, so Kalberer. Zuletzt betont der überzeugte Rezensent, wie wichtig es Sloterdijk ist, nicht einem "Zivilisationsverrat" anheimzufallen, der in der Aufkündigung der Menschenrechte besonders seitens Chinas resultieren könnte.