Auf der Flucht vor den Deutschen gelangt Walter Benjamin im September 1940 auf einem alten Schmugglerpfad vom französischen Grenzort Banyuls-sur-Mer ins nordspanische Portbou. Tags darauf setzt er seinem Leben ein Ende. Acht Jahrzehnte später nimmt Marica Bodrožić den letzten Weg des großen deutschen Schriftstellers und Philosophen zum Anlass, um über unsere Zeit, die Komplexität von Lebensläufen und Identität, Freundschaft und Flucht nachzudenken. Für sie wird der Gang über die Pyrenäen zu einem luziden Denkweg, auf dem die Natur als synästhetisches Gefüge mitspricht. Die äußere Bergwelt verschmilzt mit der inneren Lebenslandschaft. Kunstvoll webt Marica Bodrožić in ihren Gedankenstrom die Schicksale auch anderer Intellektueller ein, die der Gewalt des 20. Jahrhunderts ausgesetzt waren - etwa der Widerstandskämpferin Lisa Fittko oder des Dichters Ossip Mandelstam. Entstanden ist dabei eine überzeitliche Wanderung durch die inneren Landschaften der Seele, die das schmerzverzahnte Gedächtnis mit dem leuchtenden Kern von Poesie verbindet.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.08.2022
Rezensent Joseph Hanimann macht sich mit Marica Bodrozic auf und folgt Walter Benjamins Spuren über die Pyrenäen. Was dabei herauskommt, rhythmisch gefasste Landschaftsbetrachtungen, Erinnerungen der Autorin an Lektüren und Empfindungen, Gedanken über Flucht und Verfolgung, Exil und Widerstand, Faschismus und Stalinismus, findet Hanimann lesenswert, auch wenn nicht alles bei ihm verfängt und die Assoziationen der Autorin ihm mitunter etwas vernebelt vorkommen. Am liebsten ist ihm Bodrozic, wenn sie klar reflektiert oder erhellende Zusammenhänge herstellt, etwa zwischen Überlebensprotokollen aus der Sowjet-Haft von Pawel Florenski und Benjamins letztem Gang.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.06.2022
Rezensentin Lerke von Saalfeld wandert mit Marica Bodrozic auf Benjamins Spuren. Allerdings nicht auf dem Walter-Benjamin-Trampelpfad bei Port Bou, sondern indem sie der Autorin folgt zu Hausgöttern wie Pasolini, Kis, Scholem, Mandelstam, Rosenzweig. Die Bewunderung und der Respekt, mit der die Autorin ihnen und Benjamin begegnet ist für Saalfeld spürbar, manchmal als zu hoher Ton, doch meist kenntlich in nüchterner Zurückhaltung und einfachen Erinnerungsbildern. Das Jahrhundert der Flucht und des Exils durchschreitet Bodrozic laut Saalfeld in diesem Buch, das Bodrozic selbst ein "Denk-, Essay- und Erzählprojekt" nennt, auf lesenswerte Weise.
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