Orlando Figes

Die Europäer

Drei kosmopolitische Leben und die Entstehung europäischer Kultur
Cover: Die Europäer
Carl Hanser Verlag, München 2020
ISBN 9783446267893
Gebunden, 640 Seiten, 34,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. Mit 36 farbigen Abbildungen. 1843 - Die berühmte Opernsängerin Pauline Viardot reist nach Russland, wo die Eisenbahnstrecken gerade ausgebaut werden und europäische Ideen auf der Tagesordnung stehen. An ihrer Seite der Kunstkritiker Louis Viardot, ihr Ehemann. Während Pauline in St. Petersburg auftritt, kann ein Schriftsteller im Publikum seinen Applaus kaum im Zaum halten. Iwan Turgenew wird von nun an der ständige Begleiter der Viardots sein: Es entfaltet sich eine lebenslange Dreiecksbeziehung, in der sich die Entwicklung einer neuen Epoche spiegelt: die Moderne. In "Die Europäer" erzählt Orlando Figes nicht weniger als die Entstehung unseres kulturellen Selbstverständnisses.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.10.2020

Rezensent Jan Brachmann schätzt den frischen Blick auf europäische Kunst und Kultur, wie ihn Orlando Figes mit seinem Buch bietet. Wie der Kulturbetrieb, Buch-, Kunst- und Musikmarkt, sich aus dem Geist des Kapitalismus entwickelte, aus Fortschritten beim Verkehr, in der Industrie und beim Vertrieb, was etwa dazu führte, dass Operngäste plötzlich von Metropole zu Metropole reisten, veranschaulicht der Autor laut Brachmann überzeugend. Nicht weniger faszinierend scheinen Brachmann die drei kosmopolitischen Biografien, denen der Autor sich widmet: Louis Viardot, Pauline Viardot-Garcia und vor allem Iwan Turgenjew. Wie der Autor hier Epochenbild und Privatschicksale miteinander verbindet, scheint Brachmann stark. Turgenjews Verdienste als Literaturvermittler über Ländergrenzen hinweg sind jeder Aufmerksamkeit wert, findet der Rezensent. Nebenbei stellt er fest, wie wenig international Europa zu Turgenjews Zeit tatsächlich war. Ein originelles, faktenreiches, "glänzend gebautes" Buch, schwärmt Brachmann.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 21.09.2020

Volkmar Mühleis begreift mit Orlando Figes' Buch, dass die Geschichte Europas noch lange nicht auserzählt ist. Dass der Historiker sich für seine Darstellung der Dynamiken und Bruchlinien europäischer Entwicklung mit Iwan Turgenjew, Pauline Viardot und ihres Ehemannes Louis Viardot dreier kosmopolitischer Zeitzeugen bedient, die für europäisches Selbstverständnis im 19. Jahrhundert stehen, scheint Mühleis sinnvoll. Ebenso klug findet er den Einbezug der Eisenbahn als "Knotenpunkt der Betrachtung". Wie Figes das Selbstverständnis der Europäer aus dem Machtkampf der Länder, aber auch aus übergreifenden "empirischen Strukturen" wie der Eisenbahn entwickelt, findet Mühleis spannend und lehrreich.