Peter Seibert

Demontage der Erinnerung

Der Umgang mit dem jüdischen Kulturerbe nach 1945
Cover: Demontage der Erinnerung
Metropol Verlag, Berlin 2023
ISBN 9783863317126
Gebunden, 400 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

In einem erschreckenden Ausmaß wurden in den beiden deutschen Nachkriegsstaaten die nach den Verwüstungen der NS-Zeit noch erhalten gebliebenen baulichen Überreste der jüdischen Geschichte zerstört. Die Gründe dafür reichen von nicht entschuldbarer Gedankenlosigkeit, Respektlosigkeit gegenüber den Ermordeten und Vertriebenen bis zu offenem Antisemitismus. Peter Seibert beschreibt diesen Umgang mit dem deutsch-jüdischen Kulturerbe - ein Umgang, der zugleich die Erinnerung an das Leben der Juden in Deutschland wie an die Verbrechen an ihnen demontiert.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 30.07.2024

Rezensentin Melanie Longerich hält Peter Seiberts Buch für dringend lesenswert. Wie unerhört sich der Umgang mit dem jüdischen Kulturerbe in beiden Teilen Deutschlands nach 1945 gestaltete, zeigt der Autor laut Longerich eindringlich und mit erschreckenden Zahlen. Mit Schwerpunkt auf den Jahren 1938 bis 1988 und auf dem Rheinland und Nordhessen erkundet Seibert laut Longerich einen "Mnemozid" sondergleichen. Synagogen wurden zu Ställen, Lokalen und Kinos umgewidmet, Erinnerung gezielt beziehungsweise geschichtsvergessen augelöscht. Ähnlich in der DDR. Wie es mit dem verbliebenen jüdischen Erbe weitergehen soll, weiß der Autor laut Longerich auch: Keinesfalls unter Federführung der nichtjüdischen Gesellschaft.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.01.2024

Für einen sensibleren Umgang mit dem jüdischen (Kultur-)Erbe in Deutschland tritt nach der Lektüre des Buches von Peter Seibert auch Rezensent Wilfried Weinke ein: Der emeritierte Literatur- und Medienwissenschaftler beschreibt beispielsweise, wie die Hamburger Bornplatzsynagoge nach dem Pogrom 1938 abgerissen und der Ort als Parkplatz zweckentfremdet wurde, eine Gedenktafel weist nur unzureichend darauf hin. Mit detailreichen Kenntnissen berichtet Seibert von den "Umnutzungen" vieler Synagogen vor und nach 1945: Von Garagen bis Hühnerställen und Weinlokalen ist alles dabei, kaum, so lernt Weinke, ist diese "krude Mischung aus Gedankenlosigkeit und Geschichtsverdrängung" je aufgearbeitet worden. Das gilt zudem nicht nur für die BRD, sondern auch für die DDR, erfahren wir. Der Kritiker wünscht diesem Buch abschließend viele Leser.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.12.2023

Empörend findet Rezensent Werner Bührer, was er aus Peter Seiberts Buch über den Umgang beider deutscher Staaten mit architektonischen Zeugnissen jüdischer Kultur in den Nachkriegsjahrzehnten erfährt. Viele Synagogen wurden selbstverständlich bereits in der NS-Zeit zerstört, so Bührer nach Seibert, von einer Politik, die alle Spuren jüdischen Lebens auszulöschen versuchte, aber nicht wenige waren nach dem Zweiten Weltkrieg noch ganz oder in Teilen erhalten. Sehr viele dieser Gebäude wurden dann allerdings in der Folgezeit, führt die Rekonstruktion des Buchs fort, abgerissen, um Platz zu machen für Kinos, Wohnhäuser, Ferienwohnungen. Gründe dafür waren, fasst Bührer Seiberts Argumentation zusammen, mal kaum verohlener Antisemitismus, mal Pragmatismus, und zwar gleichermaßen in der BRD und in der DDR. Auch darüber, wie stattdessen mit den materiellen Zeugnissen des Judentums umgegangen werden soll, schreibt Seibert laut Bührer. Der Autor plädiere für Rekonstruktionen, die die Spuren der Zerstörung nicht komplett auslöschen. Allerdings solle die letztendliche Entscheidung der jüdischen Community überlassen werden.

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