Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2025. Die Ära des Luxuspazifismus, in der die Europäer jahrzehntelang lebten, ist jetzt vorbei, hält Peter Sloterdijk im FR-Interview fest. Die EU darf die Belarussen nicht alleine lassen, fordert der Oppositionelle Valery Kavaleuski in der taz mit Blick auf die anstehenden Wahlen. Kein Preis ist zu hoch für die Freilassung der Geiseln, betont die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev im SZ-Gespräch. Im Spon-Interview erklärt Iwan Kolpakow, Chefredakteur des unabhängigen russischen Online-Mediums Meduza, wie die russischen Repressionen die Finanzierung des Portals bedrohen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Europäer sind Leute, denen man die Welt und ihre Rolle in ihr ständig neu erklären muss", meint der PhilosophPeter Sloterdijk im FR-Interview mit Michael Hesse, in dem er auch über sein neues Buch "Der Kontinent ohne Eigenschaften" spricht. Europa, glaubt er, muss wieder neu lernen, sich um sich selbst zu kümmern: "Wenn es so etwas wie ein Soll an Massakern gegeben haben sollte, dann haben unsere Vorgänger es überreichlich erfüllt. Inzwischen haben die Europäer die Konsequenzen gezogen. Sie haben eine politische Form geschaffen, die es ihnen erlaubte, sich in einer Art wohltemperierter Schwäche einzurichten. 27 Mitglieder der Europäischen Union, 27 mehr oder weniger unglaubwürdige Armeen. Erst seit kurzem setzen sich ein paar Verteidigungsminister zusammen und denken über Koordinationen nach. Das Wort 'Verteidigungsminister' ließ sich bis vor kurzem fast nur noch kabarettistisch aussprechen. Immerhin, es tut sich etwas. Es kann durchaus sein, dass Europa es angesichts realer Bedrohungen wieder lernt, sich um sich selbst besser zu kümmern. Die Ära der pazifistischen Frivolität, des Luxuspazifismus, mit dem wir das letzte halbe Jahrhundert gelebt haben, hat wirklich einen Riss bekommen. Eine Wende ist im Gange. Ansonsten ist Bundeskanzler Scholz in meinen Augen nicht der richtige Mann für die ganz großen Worte. Der Wahrheitsgehalt der Bemerkung, dass sich die Zeiten geändert haben, ist nicht von der Hand zu weisen."
Am Sonntag wird in Belarus "gewählt". "Niemand erwartet, dass das eine freie Abstimmung sein wird", sagt der belarusische Oppositionelle Valery Kavaleuski im taz-Gespräch mit Barbara Oertel. Was kann die EU tun? "Die Vergabe von Visa für Belarusen maximal erleichtern. Die Grenzkontrollpunkte müssen wieder geöffnet werden. Um aus Minsk nach Warschau zu kommen, müssen die Menschen mindestens 48 Stunden Schlange stehen, manchmal sogar länger. Außerdem die Mobilität wieder erhöhen - durch die Eisenbahn, die unser Land immer mit Westeuropa verbunden hat, mit Warschau, Berlin und Paris. Doch die Beschränkungen für Belarusen werden immer stärker, zur großen Freude von Wladimir Putin (...) Er sieht, dass die Belarusen von drei Seiten in einer Falle sitzen. Da ist Lukaschenko mit seinen Repressionen, seinem Machthunger und seiner Unsicherheit, was die Zukunft anbelangt. Da ist Russland, das Belarus als Werkzeug für seine geopolitischen Ambitionen nutzt. Und da ist ein Teil der europäischen Länder, die sich gegen die Belarusen abschotten."
In der FAZ vermittelt Ingo Peitz einen Eindruck von der massiven Repression und Propapganda durch die belarusische Regierung, die vor der Wahl nochmal einen drauflegt: "Durch Belarus tourt seit Monaten der 'Marathon der Einheit', eine Propagandashow mit Konzerten, Ausstellungen und Vorträgen bekannter Propagandisten, etwa des Scharfmachers Grigori Asarjonok. Der Fernsehmoderator, der Oppositionelle als 'Ungeziefer' bezeichnet, preist den 'Volkspräsidenten' und Diktator als cool. Auf Shirts trägt er gern ein Stalinporträt oder Lukaschenko-Sprüche wie: 'Ich bin Diktator. Ich tue mich schwer, Demokratie zu verstehen.' 'Wie gut, dass wir eine Diktatur haben', fabulierte Asarjonok in seiner Sendung. 'Dass der Präsident schon dreißig Jahre regiert und das noch ebenso lange tun wird. Er muss nicht der Konjunktur nachlaufen, nicht mit Sorge beobachten, wer ins Weiße Haus ein- oder von dort auszieht.'"
Das Online-Portal Meduza ist eines der letzten, unabhängigen russischen Medien. Chefredakteur Iwan Kolpakow schildert im SpOn-Interview die finanziellen Schwierigkeiten, denen er und sein Team sich ausgesetzt sehen, seit sie Ende 2021 zu "Auslandsagenten" erklärt wurden: "Wir haben viele Werbekunden verloren, Mitarbeiter haben gekündigt, Interviewpartner abgesagt. Wir haben damals ernsthaft überlegt, ob wir schließen müssen, aber das Team wollte weitermachen. Seit wir eine 'unerwünschte Organisation' sind, ist es in Russland strafbar, für uns zu arbeiten, uns Geld zu überweisen, unsere Links zu posten oder ein 'Like' darunterzusetzen. Wer für uns schreibt, uns unterstützt oder unsere Inhalte verbreitet, kann zunächst zu einer Geldstrafe verurteilt werden und im zweiten Schritt auch zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Auch Informanten, die uns Interviews geben, machen sich strafbar." Bei der Spendenbereitschaft der russischen Leser im Exil beobachte Kolpakow "gewisse Ermüdungserscheinungen. Es fällt den Menschen schwerer, für unsere Arbeit regelmäßig Geld zu zahlen. Deshalb versuchen wir jetzt, mit unseren englischsprachigen Inhalten auch mehr Leser und Spender im Ausland zu finden."
Die israelische SchriftstellerinZeruya Shalev überlebte einen Selbstmordanschlag, wie sie im SZ-Interview mit Moritz Baumstieger erzählt. Was löst es in ihr aus, wenn nun im Austausch für die Geiseln auch zahlreiche palästinensische Straftäter freikommen? "Ich habe natürlich sofort darüber nachgedacht, ob jetzt etwa der Mann entlassen wird, der das angerichtet hat - dann merkte ich: Ich habe verdrängt, ob das ein Selbstmordattentäter war oder ob er die Bombe nur deponiert hatte. Eine lange Nacht lang habe ich gegrübelt, dann habe ich es gegoogelt: Er ist tot. Aber auch wenn er noch am Leben wäre oder jetzt der Planer des Anschlags freikommt: überhaupt keine Frage. Wir sollten jeden Preis zahlen, um unsere Schwestern und Brüder aus Gaza zu retten, wir hätten das sofort nach dem 7. Oktober machen sollen. Ich kenne sogar eine Frau, deren ganze Familie umgebracht wurde. Sie sagte mir: Wenn es nötig ist, dass ich diesen Mördern persönlich die Zelle aufsperre, dann sperre ich diesen Mördern die Zelle auf. Dass die Geiseln zurückkommen und von ihren Partnern und Eltern umarmt werden: Das ist es wert."
Stefan Locke besucht für die FAZ das Konservierungslabor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau. Allein 110.000 Schuhe gilt es zu erhalten, berichtet Locke, "denn schon bald werden diese materiellen Zeugnisse das einzig Authentische sein, womit sich der industrielle Massenmord an Millionen Menschen im Nationalsozialismus belegen lässt." Schuhe und Koffer "sind es auch, in denen sich heute noch Hinweise auf ihre einstigen Besitzer finden lassen. Manchmal kämen unter Sohlen versteckte Adressen oder Münzen zum Vorschein, die auf die Herkunft schließen ließen, sagt Rosse. Auch auf Koffern aufgetragene Nummern können Auskunft geben. In einem Labor liegt ein verbeulter und halb zerrissener, schwarzer Koffer unter einer Lampe. Mit dickem Pinselstrich und weißer Farbe ist die Nummer AK 322 auf den Deckel geschmiert. 'Das ist die Personennummer', erklärt Rosse. Der Transport, das habe sie ermitteln können, ging im Oktober 1944 von Prag nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz. Der Besitzer hat nicht überlebt."
Die Tagebücher der britischen Adligen und Nationalsozialistin Unity Mitford sind in Großbritannien aufgetaucht, berichtet Eva Ladipo in der FAZ. Mitfords Verehrung für Hitler ist kein Geheimnis, hier wird ihre "hemmungslose, geradezu infantile Verliebtheit" nochmal deutlicher: "So schwärmt Unity Mitford - falls sie wirklich die Autorin ist - im Telegram-Stil ein ums andere Mal davon, wie 'sehr süß', 'sehr, sehr süß' und 'einfach süß' der FUHRER (in Großbuchstaben und roter Tinte) wieder war. Sie verzeichnet 139 Treffen mit ihm, davon acht ganz allein mit ihm, zum Teil stundenlang (...)" Die Briten jedoch, so Ladipo, scheinen sich dafür, anders als in der Vergangenheit, nicht besonders zu interessieren: "Doch die Zeiten, in denen das alles zu einer weit entfernten Vergangenheit gehörte, deren Andenken die eigene Gewissheit stärkte, eindeutig auf der siegreichen Seite des Guten zu stehen, sind vorbei. Die extreme Rechte befindet sich nämlich auch in Großbritannien im Aufwind, offenbar ist der alte Witz unter diesen neuen Vorzeichen vorbei."
Im Tagesspiegel berichten Alexander Fröhlich und Christian Latz neues vom Fall Gelbhaar und gehen Hinweisen nach, ob die Grünen-Abgeordnete Hacer Aydemir an der Intrige gegen Gelbhaar beteiligt war. Interessanter sind aber die letzten Absätze, denn bis jetzt blieb völlig unklar, was Gelbhaar eigentlich noch vorgeworfen wird: "Die Bundesparteizentrale der Grünen lässt nun eine Kommission die Vorwürfe im Fall Gelbhaar untersuchen und will nicht erneut gefälschten Vorwürfen erliegen. 'Es wurden angemessene Maßnahmen ergriffen, sich von der Identität der meldenden Personen zu überzeugen', heißt es in einem Schreiben des Justiziars der Grünen, das dem Tagesspiegel vorliegt. Die Fälle seien 'dahingehend plausibilisiert' worden, dass die Meldungen 'sich zu einem relevanten Vorwurf grenzverletzenden Verhaltens verdichten'. Grenzverletzung? Nach dem typischen Sprachgebrauch von Ombudsstellen, so das Schreiben, sei das 'nicht mit strafrechtlich relevantem Verhalten gleichzusetzen'. Grenzverletzung meine vielmehr 'eine durch die betreffenden Personen selbst als solche empfundene Überschreitung des persönlichen Wohlbefindens'." Was für eine Steilvorlage für Denunzianten.
Tobias Schulze fragt in der wochentaz derweil, was genau eigentlich die "Ombudsstelle" der Grünen macht: "Es ist auch nicht erkennbar, dass die Ombudsstelle etwas dafür getan hätte, die Vorwürfe aufzuklären. Die Identitäten derjenigen, die Beschwerden eingereicht hatten, hat sie nicht geprüft. Offenbar ermöglichte sie Gelbhaar nicht mal, sich zu verteidigen: Seinen Angaben zufolge erhielt er keine Details zu den Vorwürfen. Erst als der RBB berichtete, hatte Gelbhaar Anhaltspunkte, die er widerlegen konnte. Aufklärung sei auch gar nicht die Aufgabe der Ombudsstelle, heißt es jetzt vielfach aus der Partei. Sie sei keine Ermittlungsbehörde. Stellt sich die Frage: Was macht sie dann? Mit solchen Fragen stößt man in diesen Tagen bei den Grünen auf Schweigen. Verantwortliche im Bund und in den Ländern wollen noch nicht mal darüber sprechen, wie die Strukturen grundsätzlich aussehen. Aus wie vielen Menschen besteht eine Ombudsstelle? Keine Antwort. Noch nicht mal eine vertrauliche Antwort? Nein."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im FAS-Interview erzählt Caroline Darian, die Tochter von Gisèle Pélicot, vom Prozess gegen ihren Vater und Dutzende Männer, die sich an ihrer Mutter vergangen hatten, während diese betäubt war. Darian weist auf die lange verkannte Gefahr durch "chemische Unterwerfung" hin: "Es gibt wahrscheinlich Abertausende Opfer allein in Frankreich, die mit Medikamenten, Schlaftabletten, Schmerzmitteln betäubt wurden. Und da geht es nicht nur um Frauen, auch um Kinder. Das weiß ich, weil ich in den letzten drei Jahren, seit wir diese Bewegung gegründet haben, so viele Berichte bekommen habe. Das beschränkt sich nicht nur auf unseren Fall, auf unsere Familie. Sie müssen sich nur anschauen, wie viele Männer kamen, um meine Mutter in diesem Zustand zu vergewaltigen." Darians Buch über den Fall ist kürzlich erschienen.
Im Tagesspiegel-Interview äußert sich der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, zu wachsendem Antisemitismus, deutscher Erinnerungskultur und dem erstarkenden Populismus. Ein Gespräch mit der AfD kann er sich nicht vorstellen: "Worum sollte sich das Gespräch denn drehen, und wer hätte überhaupt den Wunsch? Die Rede von Parteichefin Alice Weidel beim Bundesparteitag der AfD hat doch gezeigt, dass sie sich längst einer zerstörerischen Ideologie verschrieben hat. Ich habe die Rede als sehr populistisch wahrgenommen und sehe keine Möglichkeit, ein Gespräch mit demokratischen Regeln zu führen."
Am Donnerstag eröffnete Claudia Roth die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Berliner Gemäldegalerie (unser Resümee, weitere Besprechungen heute in der Welt und der Berliner Zeitung). Im taz-Gespräch erzählt sie, wie es um das Museum in Odessa bestellt ist und warum es gerade jetzt wichtig ist, ukrainische Kultur zu unterstützen: "Der Bombenterror ließ kein Fenster heil. In einigen, wenigen Sälen werden aktuell kleinere Ausstellungen gezeigt. Doch die wertvollen Kunstschätze, die jetzt in Berlin sind, wären dort stark gefährdet. Die Ausstellung in Berlin macht deutlich, wie stark wir kulturell miteinander verbunden sind. Odesa, die ganze Ukraine gehört zu unserem gemeinsamen europäischen Kulturerbe. Die Gemälde waren teilweise beschädigt. Wir haben sie restaurieren lassen. In Charkiw hat Putin vor wenigen Monaten die größte Druckerei bombardieren lassen. Dabei wurden auch 54.000 fertige Bücher, bestimmt für die Buchmesse in Kyjiw, vernichtet. 1,7 Millionen ukrainische Kunstobjekte sollen inzwischen geraubt sein. (…) Der Erhalt einer ukrainischen Kultur und Geschichte ist Teil des Widerstands gegen Russland."
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Maximilian Oehl: Brand New Bundestag Die politischen Systeme in unserem Land wirken festgefahren und verstaubt. Sie scheinen kaum in der Lage, auf die aktuellen Herausforderungen zu reagieren. Es ist höchste…
Natascha Strobl: Kulturkampfkunst Ein "Zuschauer*innen" in den Nachrichten, und das Internet kocht. Ein Verlag zieht zwei Winnetou-Bücher zurück, und die Angelegenheit weitet sich fast zu einer Staatsaffäre…
Vladimir Jankelevitch: Das Unumkehrbare und die Nostalgie Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Was ist das Wesen der Nostalgie? Und wodurch entsteht sie? Das sind die Fragen, die Vladimir Jankélévitch in seinem großen Spätwerk…
Ben Shattuck: Eine Geschichte der Sehnsucht Nantucket im Jahre 1796. Die verwitwete Laurel bekommt überraschend Besuch von ihrer Jugendliebe Will in Begleitung seiner jungen Braut. Sie sind auf dem Weg nach Barbados…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier