Aus dem Französischen von Robert Prölß. Nachwort von Wolfram Setz. Als Angehöriger der französischen Kriegsmarine lernte Julien Viaud Weltmeere und Kontinente kennen, als Pierre Loti formte er aus seinen Erlebnissen eine Fülle von Romanen und Reiseberichten, die den Leser nach Konstantinopel, Palästina, Marokko und bis nach Japan und China führen.In seinem frühen Roman "Mein Bruder Yves" (1883) geht es um ferne Länder nur am Rande; im Zentrum steht das Leben auf dem Schiff und die besondere Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und Yves Kermadec, dem "geschicktesten, seetüchtigsten Mann" an Bord, der jedoch an Land dem Teufel Alkohol nicht entrinnen kann. Seine Schönheit - er ist "groß, schlank wie eine Antike, mit muskulösen Armen, dem Hals und den Schultern eines Athleten" - fasziniert den Erzähler. Er sieht es als seine Aufgabe an, Yves vor seiner eigenen Zügellosigkeit zu schützen, hat dies auch Yves' Mutter versprochen. Der autobiografische Hintergrund des Romans ist besonders deutlich. Die beiden fast gleichaltrigen, aber vom Temperament und von der sozialen Stellung her ungleichen Männer verband eine lebenslange Freundschaft, von der diverse Notate, Briefe und Fotos Zeugnis ablegen; der auch zeichnerisch begabte Pierre Loti imaginierte seinen "Bruder" dabei auch als nackten keltischen Heroen in mythischer Landschaft.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.07.2020
Für Rezensent Ingo Arend muss man Pierre Lotis Roman von 1883 nicht als homoerotisches Abenteuer lesen. Kann man aber. Sinnvoller erscheint es Arend, die Geschichte einer Männerfreundschaft zwischen einem französischen Offizier und einem trunkenen Matrosen als "faszinierende Milieuzeichnung" des armen, ländlichen Frankreichs gegen Ende des 19. Jahrhunderts (wieder-) zu entdecken und als Hommage an die Bretagne. Die Melancholie im Text und die Psychologie der Figuren machen das Buch für Arend allemal lesenswert.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…