Aus dem Französischen von Thomas Laugstien. "Der Begriff des Staates vereinfacht sich", schrieb Alexis de Tocqueville angesichts der neuen demokratischen Welt, die er heraufziehen sah. "Die bloße Zahl macht Recht und Gesetz. Die ganze Politik reduziert sich auf eine arithmetische Frage." Pierre Rosanvallon konstatiert für unsere Gegenwart jedoch genau das Gegenteil: Zwar geht nach wie vor alle demokratische Macht vom Volk aus, aber für heutige Demokratien reicht das Mehrheitsvotum und die Kompetenz der öffentlichen Verwaltung als Legitimitätsgrundlage nicht mehr aus. Vielmehr muss sie den veränderten Bedürfnissen von Gesellschaften Rechnung tragen, die zunehmend durch eine Vielfalt von Minderheiten gekennzeichnet sind, sowie durch Bürokratien, die aufgrund von Kompetenzabwanderung und New Public Management entmachtet wurden. Vor dem Hintergrund der veränderten Erwartungshaltungen und politischen Werte entwirft Pierre Rosanvallon drei Idealformen der Legitimität: erstens, die Legitimität der Unparteilichkeit, die sich von Parteipositionen und partikularen Interessen distanziert; zweitens, die Legitimität der Reflexivität, die plurale Ausdrucksformen des Gemeinwohls berücksichtigt; und drittens, die Legitimität der Nähe, die garantiert, dass Besonderheiten Anerkennung erfahren.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2010
Wie das 2008 im französischen Original erschienene Buch des Politikhistorikers Pierre Rosanvallon althergebrachte Begründungsmuster und veränderte Bedürfnisse demokratischen Regierens analysiert, gefällt Rezensentin Alexandra Kemmerer. In der französischen Verfassungskultur verhaftet und doch mit universellem Anspruch, wie sie feststellt, überzeugt der Band die Rezensentin durch Originalität und frische Thesen bezüglich eines sich wandelnden Verhältnisses der Bürger zu Institutionen politischen Handelns. Als ausschlaggebend für Rosanvallons Argumentation erkennt Kemmerer sein Verständnis des Rechtssystems als eines zeitlich bedingten. Die Leidenschaft des Autors steckt die Rezensentin an, fordert sie zum Nachdenken heraus und macht sie mit aktueller frankophoner Literatur zum Thema bekannt.
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