Ruth-Maria Thomas

Die schönste Version

Roman
Cover: Die schönste Version
Rowohlt Verlag, Hamburg 2024
ISBN 9783498006952
Gebunden, 272 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

"Unser Herbst war bis in den November hinein ein Jahrhundertsommer": Jella liebt Yannick, sehr. Yannick liebt Jella, auch sehr. Sie erkennen einander. Sie machen es anders. Sie machen es richtig. Bis es kippt. Jetzt liegt Jella in ihrem alten Kinderzimmer "mit pochendem Hals und einem entrückten Gefühl", fragt sich, wie es so weit kommen konnte, schaut noch einmal genauer hin: auf ihr Aufwachsen in der Lausitz. Kleinstadt und Kiesgruben, Lipgloss und Lidschatten. Auf Freundinnen, die sie durch so vieles trugen. Und auf diesen Moment, in dem Yannicks Hände sich um ihren Hals schlossen. "Die schönste Version" ist eine Introspektion: Ruth-Maria Thomas schreibt über das Frauwerden, Frausein, über Körper, Begierden und tiefe Abgründe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.09.2024

Erst war Rezensentin Berit Dießelkämpfer skeptisch, was den Debütroman von Ruth-Maria Thomas angeht, fast zu gut klangen die Lobeshymnen in den sozialen Medien, aber die Buch-Influencer hatten tatsächlich recht, meint sie. Es geht um eine Endzwanzigerin in Ostdeutschland, Jella Nowak, die ihren nun Ex-Freund Yannick Brenner nach einer körperlichen Auseinandersetzung angezeigt hat, erfahren wir. "Brutal anmutig" schreibt Thomas über das ostdeutsch-weibliche Aufwachsen in den 00er-Jahren, die Kluft zwischen Männern, die sich als feministisch bezeichnen und solchen, die auch so handeln, und die Zerrissenheit ihrer Protagonistin, gefallen zu wollen, sich dafür aber permanent verstellen zu müssen, so Dießelkämpfer. Die "präzise Darstellung" dieser Ambivalenzen regt die Kritikerin an, sich den Lobeshymnen anzuschließen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 24.08.2024

Rezensentin Christiane Lutz schätzt Ruth-Maria Thomas' Roman als eine psychologisch differenzierte Geschichte, hat aber auch ein paar Einwände. Es geht darin um die Studentin Jella, die in einer gewaltsamen Beziehung mit dem Künstler Yannick lebt, nachdem sie einige Zeit zuvor von einem Bekannten vergewaltigt worden war. Dabei folgt die Geschichte dem Muster des derzeit beliebten Trauma-Plots, der von Thomas zwar "clever" umgesetzt werde und die Beziehung zwischen der Protagonistin und dem gewalttätigen Partner differenziert beleuchte, ohne in schlichte Täter-Opfer-Binaritäten zu kippen, lobt Lutz. Jedoch ziehe der Trauma-Plot (dem die Kritikerin auch generell kritisch gegenübersteht) an anderer Stelle Vereinfachungen mit sich: etwa, wenn in monokausaler Logik eine Linie von Jellas Sozialisierung im Teenager-Alter mit Schönheitsidealen in der "Bravo Girl" über die Vergewaltigung hin zu einer "Demutshaltung" gegenüber Männern gezogen wird, um Jellas Handeln zu begründen. Auch die Kontextualisierung von Jellas Jugend in der Nachwendezeit gerät für Lutz etwas dünn. Trotzdem ein sensibler Roman über das Gefühl des "Gefangenseins" mit positivem Ende, schließt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 01.08.2024

Einen außergewöhnlichen, starken Debütroman legt Ruth-Maria Thomas laut Rezensent Przemek Żuk hier vor. Im Zentrum steht Jella, die zu Beginn des Buches ihren Freund Yannick, nachdem der sie fast getötet hatte, bei der Polizei angezeigt hat und sich in der Folge an frühere Beziehungen und ihr Verhältnis zur Sexualität erinnert. Es geht um Probleme der Einvernehmlichkeit, um den Wunsch, es den Männern immer Recht zu machen, und sei es auf Kosten des eigenen Gefühlslebens, auch um Jellas eigenes verletzendes Handeln in Beziehungen, was letztlich ihr einziges Machtmittel war, so Zuk. Jellas Herkunft aus der Lausitz ist ihm zufolge ebenfalls wichtig. Insgesamt zeige das Buch, wie Jella von ihrer Umgebung geprägt wurde. Erzählt ist dieser präzise auf den Alltag blickende Roman in Jellas eigener Sprache, die in ihrer Bildhaftigkeit, so der Rezensent, manchmal schwer zu ertragen, aber stets literarisch ist. Ein lesenswertes, überraschendes Buch über Beziehungen und Gewalt, lobt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 26.07.2024

Für die Rezensentin Undine Fuchs reiht sich Ruth-Maria Thomas mit ihrem Debütroman ein in die Tradition von Ingeborg Bachmann bis Lana Lux, die wie Thomas die gesellschaftlichen Bedingungen von Gewalt gegen Frauen erforschten. Dabei erzählt Thomas zunächst von der ersten großen Liebe. Doch die wird für die junge Jella schnell zum Albtraum, der Freund zum Täter in einem Fall von häuslicher Gewalt. Wie die Autorin die Kollision von Liebe und Gewalt beschreibt, als keineswegs trennscharf, findet Fuchs gut beobachtet und gemacht. Wie die Protagonistin schließlich nach dem Ursprung der Gewalt forscht und dabei bis in ihre Kindheit zurückgeht, erscheint Fuchs spannend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2024

Ein "Faible für radikale Emotionen" liest Rezensentin Pia Reinacher in Ruth-Maria Thomas' Roman über Jella, eine junge Frau, die es nicht schafft, sich aus ihrer toxischen Beziehung zu befreien, die unter der körperlichen Gewalt ihres Partners leidet und ihn schließlich anzeigt. Thomas zeigt Reinacher nicht nur auf, aufgrund welcher familiären Muster Jellas es dazu kommen konnte, sondern auch, was die Millenials und die Generation Z ausmacht - dazu nimmt sie die Leserinnen und Leser mit bei der Entscheidungsfindung ihrer Protagonistin, bei ihren Überlegungen, was sich noch in eine solche Beziehung zu investieren lohnt. Nur einen kurzen Rückfall in küchenpsychologische Erklärungsmuster kann die Kritikerin verzeichnen, ansonsten ist sie sehr zufrieden mit dem kenntnisreich erzählten Buch.

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