Deutsch-Englisch. Mit 60 zum Teil farbigen Abbildungen. In seinen letzten Lebensjahren reiste Siegfried Kracauer regelmäßig nach Europa und dokumentierte seinen Blick auf Orte und Personen in Heften, Notizbüchern und kurzen Texten. Die Aufzeichnungen aus Europa versammeln diese bisher unveröffentlichten Notizen, Gedankenprotokolle und Ideensammlungen in einer Auswahl, die den Zeitgeist der europäischen 1960er Jahre als offenen Erwartungshorizont erscheinen lässt. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand war Kracauer mit seiner Frau Lili nach Paris geflohen. 1941 gelang den beiden die Auswanderung in die USA. Sowohl seine privaten Notizen als auch seine wissenschaftlichen Arbeiten verfasste Kracauer seit Kriegsende in einem sehr eigenen Englisch. Anders als die meisten seiner Frankfurter Freunde und Bekannten wollte er nicht nach Deutschland zurückkehren, reiste aber gleichwohl zu Beginn der 1960er Jahre quer durch Europa. Bei diesen Reisen verabredete er sich mit den bekanntesten Intellektuellen seiner Zeit zu langen Gesprächen. Nicht die zu besichtigenden Orte, sondern die dort zu treffenden Menschen bestimmten die sommerlichen Reiserouten von Lili und Siegfried Kracauer. Kracauer diskutiert mit Werner Kaegi neue Formen der Geschichtsschreibung, träumt mit Benno Lewy von einer sozialistischen Gesellschaftsordnung in Israel und fragt Gotthard Günther, ob die Menschen schon bald mithilfe von Computern den Tod besiegen werden. Kracauer protokolliert jedoch nicht nur das Gesagte, sondern ergänzt auch das Unausgesprochene: etwa wie er Theodor W. Adornos Dialektik hätte kritisieren können, es aber nicht getan hat. Das Wiedersehen mit alten Freundinnen und Freunden und auch entfernter bekannten Intellektuellen wird so als prekärer Versuch der Vermittlung zwischen Vergangenheit und Gegenwart greifbar.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2022
Liebevoll bespricht Rezensent Jörg Später diesen selber so liebevoll gemachten Band - das kann man seiner Rezension entnehmen. Hier sind Reisenotizen aus Kracauers letzten Jahren versammelt, berichtet er, Stücke aus der Zeit, als Kracauer sein Plädoyer schrieb, "Vor den letzten Dingen" Halt zu machen. Nach der Emigration kehrten Kracauer und seiner Frau Lili zu Stippvisiten ins alte Europa zurück. Seine Reisen waren akribisch geplant, erzählt Später, aber nur aus einem Grund: Er wollte den Zufall zulassen, in typisch kracauerscher Manier heißt es, er wolle "den Geist einer Stadt in sich aufnehmen und mit dem Unbedeutenden, dem, was unbeobachtet existiert, kommunizieren". Und das konnte Kracauer, versichert Später, nicht nur mit Städten, sondern auch mit Zeitgenossen, Freunden und Feinden, die er mal spöttisch, mal zärtlich skizzierte. Ein ideales Weihnachtsgeschenk für alle Kracauer-Fans, scheint es.
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