Ulrike Jureit

Erinnern als Überschritt

Reinhart Kosellecks geschichtspolitische Interventionen
Cover: Erinnern als Überschritt
Wallstein Verlag, Göttingen 2023
ISBN 9783835354357
Gebunden, 192 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Historiker Koselleck als geschichtspolitischer Akteur und streitbarer Intellektueller.Im Jahr 1993 stießen die Pläne der Bundesregierung zur Neugestaltung der Neuen Wache in Berlin auf erheblichen Widerspruch. Zu den schärfsten Kritikern dieser vor allem vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl forcierten Umwidmung gehörte Reinhart Koselleck, der wiederholt und für seine Verhältnisse ungewöhnlich lautstark Stellung bezog. Rückblickend erweist sich diese Kontroverse als der Beginn eines öffentlichen Engagements, das man zuvor von dem Bielefelder Historiker nicht kannte. Ob Neue Wache oder Holocaust-Mahnmal - Koselleck äußerte sich fortan ebenso deutlich wie zunehmend polemisch zu den im vereinigten Deutschland verhandelten erinnerungskulturellen Großprojekten. Das Buch setzt Kosellecks geschichtspolitische Interventionen zu seiner Verzeitlichungstheorie der Moderne in Beziehung, reflektiert sie biographisch und geht zudem seiner Verhältnisbestimmung von Erfahrung und Erinnerung nach. Das Nachleben vergangener Ereignisse im Modus des Erinnerns verstand Koselleck als ein Transformationsgeschehen, das er in Anlehnung an Martin Heidegger als Überschritt begrifflich zu fassen versuchte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.04.2023

Patrick Bahners' bespricht diese Schrift zusammen mit einer Ausgabe der "Geronnenen Lava", die neu bei Suhrkamp erscheint. Es geht hier besonders um die Mahnmal-Debatten der Nachwendezeit, in denen Reinhart Koselleck intervenierte. Jureit beschreibe hier die "Rückwirkungen der Wirkungslosigkeit, die Koselleck schmerzlich erfuhr". Bahners findet die Äußerungen Kosellecks damals teilweise durchaus problematisch, führt das allerdings nicht aus. Ihn stören etwa Überreste alter deutscher Arroganz gegen die Idee der "Lieux de mémoire" des französischen Historikers Pierre Nora. Er liest Jureits Ausführungen zwar mit großem Interesse, bemängelt aber, dass sie "ihre Erkenntnisinteressen nicht sortiert" habe und am Ende unklar bleibe, was aus den von ihr kritisierten Widersprüchen bei Koselleck eigentlich folgen soll.
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