Aus dem Portugiesischen von Edith Flusser. Der Nebel, der Vogelflug, eine Wiese, der Sturm, Täler, der Mond, der Regen: In präzisen und dichten Miniaturen beschreibt der Philosoph und Medientheoretiker Vilém Flusser seine Wahrnehmungen und Erfahrungen mit natürlichen, vertrauten Dingen. Er zeigt, wie das, was als Natur bezeichnet wird, Teil eines kultivierten Lebensraumes geworden ist, während kulturelle Schöpfungen als zweite Natur erfahren werden...
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 17.02.2001
Vilém Flusser bietet in seinen sechzehn Essays zu Natur und Kultur eine Begriffsdefinition: "Alles, was nötig und entbehrlich ist, nenne ich `Natur`, und alles nicht Notwendige und Unentbehrliche nenne ich `Kultur`." Nicht nur, dass das etwas schwierig zu verstehen ist, bald darauf verwirft Flusser diese Definition auch wieder als Vorurteil. Das liegt daran, so der Rezensent Ulf Erdmann Ziegler, dass seine Begriffe "Konstrukte sind, um uns in die Irre zu führen". Aha. Aber Flusser kann auch konkret werden. Dann preist er die Kuh als prototypische Maschine der Zukunft und kommt zu der Erkenntnis: "Gras ist wesentlich das Haar der Erde". Ulf Erdmann Ziegler äußert an dieser Stelle die Vermutung, dass Vilém Flusser von Thomas Bernhard erfunden worden sein könnte. Das findet er aber offenbar prima und lobt Flusser dafür, dass er seine Beschreibung der Krise der Kultur nicht mit wohlfeilen Empfehlungen einer Rückkehr zur Natur verbindet. Extra gelobt wird auch die Übersetzung von Edith Flusser. Am Ende beginnt Erdmann Ziegler dann, selbst flussersch zu formulieren: "So gesehen liegt die Aufgabe des Langstreckenflugzeugs im Transfer von Gedanken." Guten Flug!
In diesen nachgelassenen Texten, berichtet uns Rezensent Krischan Schroth, gehe es immer wieder um das Verhältnis von Natur und Kultur. Um die Arten, wie sich die Kultur in den Blick auf die Natur schiebe. In seiner Form offen, vermeide das Buch begrenzende Antworten und kreise die Begriffe Kultur und Natur eher mit präzisen Fragen ein. Wie das im flusserschen Gedankengebäude funktioniert, wird dann an verschiedenen Essay-Themen vorgeführt. "Was denken wir, wenn wir einen Vogel (oder dessen Flug) wahrnehmen?" fragt zum Beispiel mit Flusser unser Rezensent, um dann verschiedene Antwortmodelle durchzuspielen. Zugespitzt wird die Argumentation des Buches wohl im letzten Essay, in dem laut Schroth von einem Umbruch der Wissenschaft die Rede ist, der zur Aufhebung der Trennung in erfahrbares Objekt und erkennendes Subjekt führen würde. Weshalb dieser Umbruch bei Flusser auch als Krise der Wissenschaft gedeutet wird.
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