Mit Genuss liesttazlerin Brigitte Werneburg den kürzlich erschienen Prachtband "Costume Jewelry" zur Geschichte des Modeschmucks, in der sich allerlei "Kapriolen" finden: Dieser "Bildband strotzt vor Früchten und Blumen, Masken, Köpfen und Tieren, und natürlich ist auch der Weihnachtsbaum vertreten".
Noch einmal sehr bewusst wirdStandard-Kritikerin Katharina Rustler beim Besuch der Helmut-Lang-Retrospektive im Wiener Museum für angewandte Kunst, dass dessen Shows "keine einfachen Modepräsentationen waren, sondern künstlerischePerformances. ... Auf dem Boden aufgedruckte, detaillierte Sitzpläne lassen das Publikum der Ausstellung zum Publikum der Modenschau werden. ... Die auf Bildschirmen in Schwarz-Weiß gezeigten Models laufen einem direkt entgegen. ... Behind-the-Scenes ist bei Lang Teil des Konzepts, der Mensch im Vordergrund. Aus diesem Grund werde die Kleidung nicht einfach auf Schaufensterpuppen oder Kleiderbügeln gezeigt, sagt Kuratorin Marlies Wirth. Solche Präsentationen seien dem in New York lebenden Modemacher ein Graus. Langs geradlinige, coole, ungewöhnlich geschnittene Outfits werden an Menschen vorgeführt, weswegen die Ausstellung von originalem Foto- und Videomaterial lebt."
Pantone hat mal wieder entschieden: Das weißliche "Cloud Dancer" ist die Farbe des Jahres 2026. "Es ist eine in leichtem Greige abgetönte Schattierung, könnte man sagen, nachdem noch im Vorjahr 'Mocha Mousse', ein etwas uneindeutiges Braun, die Erinnerung an Schokolade und Kaffee mit dem erdigen Eindruck eines Spaziergangs in der Natur verbinden sollte", schreibt Marie Schmidt in der SZ, die sich von der Entscheidung an ChristianKrachts Roman "Air" erinnert fühlt, in dem unauffällig reine Farben immer wieder eine auffällige Rolle spielen. "Pantone allerdings erklärt beide Farben nicht als 'kalt und steinern und sauber', wie Kracht die Umwelt seines Romans. Sondern mit einer Semantik der Behaglichkeit, Weichheit, des Schützenden. ... Zwischen dem Kalt-Sauberen und dem Wollig-Warmen des Beige-Grau-Braun-Spektrums, in dem sich unsere Zwanzigerjahre gerne sehen würden, ist der kleinste gemeinsame Nenner doch offensichtlich der: Sie sind Gefühlswelten entfernt von der flimmernden Neonhölle der global digitalisierten Wirklichkeit." Bei Florian Illies (Zeit Online) kommen angesichts der Pantone-Entscheidungen der letzten Jahre indessen allmählich "Zweifel an der Weltdeutungskompetenz des Hauses" auf.
Hochzeitskleid der Herzogin Hedvig Elisabeth Charlotta (spätere Königin von Schweden). Foto: Göran Schmidt, Livrustkammaren/SHM (CC BY 4.0)
Marion Löhndorf (NZZ) schwelgt in rauschenden Roben mit Reifröcken im "Marie Antoinette Style", die das Victoria and Albert Museum zeigt. "Sie leuchten in Pastellfarben, in Seide, mit Blumen bestickt. Marie-Antoinette liebte das Zarte, Hingehauchte - der Schwere dieser einschnürenden Gewänder zum Trotz. Doch nur wenige Stücke, die sie selbst getragen hat, sind erhalten. Die meisten im Victoria and Albert Museum in London gezeigten Kleider stammen nicht aus ihrem Besitz, sondern sind Beispiele für den Stil und den Stilwandel, den sie prägte. Nach den hochgetürmten, reich dekorierten Perücken - einmal trug sie eine Galeone darauf - läutete die modebewusste Königin eine Phase des relativen Downsizing ein. Manchen ging das zu weit", ein Porträt von ihr im weißen Mousselinekleid musste verschwinden, weil es "zu sehr nach Unterwäsche" aussah. Vielleicht wurde sie also gar nicht wegen ihrer Verschwendungssucht hingerichtet, sondern im Gegenteil, weil sie dem Publikum nicht genug Glamour bot? Wie auch immer, die Darstellung ihres Todes in der Schau ist eher ein Tiefpunkt, findet Löhndorf.
Weiteres: Lesenswert außerdem - wenn auch schon einen Monat alt - ein Gespräch von Tim Blanks mit den Designern Raf Simons (Prada) und Pieter Mulier (Alaia) über Belgien, belgische Mode und die belgische Modeszene. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung über die Kunst der Fashion Show im Vitra Design Museum in Weil (FAS).
"Man muss die Franzosen für ihren Furor unbedingt lieben", schreibt Tanja Rest in der SZ: Die Tatsache, dass der sagenhaft erfolgreiche chinesische Billigmode-Online-Anbieter Shein am 1. November in Paris in bester Lage an der Rue de Rivoli eine Dependance eröffnen will, treibt das modebewusste Frankreich hinaus auf die Straße, sogar die Bürgermeisterin Anne Hidalgo sendete eine Protestnote. Doch "davon abgesehen ist nichts an diesem Furor wirklich konsequent. AndereBilligriesen wie Zara oder Mango, auch nicht unbedingt für Nachhaltigkeit berühmt, unterhalten in der Stadt eigene Megastores an nicht minder gediegenen Adressen, H&M hat sogar schon im Rahmenprogramm der Fashion Week gezeigt. Der vielbeklagte Versand von Kleinstbestellungen via Luftfracht fällt bei einem Shein-Ladengeschäft weitgehend aus. Nicht zuletzt kaufen die Franzosen Fast Fashion mit einer ähnlich fulminanten, womöglich nicht mal schuldbewussten Besessenheit wie andere Nationen auch (aktive Shein-Nutzer in der EU pro Monat: 130 Millionen)."
Wenn SandraHüller für MiuMiu bei der Fashion Week Paris in Arbeitsschürze über den Laufsteg stapft, weckt das in der SchriftstellerinMarlenHobrack Erinnerungen an ihre Mutter in der DDR, die Ähnliches trug, wenn sie patent ihre Arbeit verrichtete. "Miu Miu verlautbart zur Fashion-Week, es wolle die Unsichtbarkeit der Frauenarbeit würdigen", schreibt Hobrack genervt im Freitag. "Die Frauenarbeit in der DDR war sichtbar. Sie war so vorzeigbar, dass sie nachträglich verkitscht wurde. ... So, wie sich die DDR die Frauenarbeit aneignete und überhöhte, ohne ihre Mühen zu adressieren, so eignet sich nun ein High-Fashion-Label Begrifflichkeiten des intersektionalen Klassenkampfes an. Irgendwas mit Sozialismus, aber in chic! Nicht die Arbeiter tragen Designerklamotte; Wohlhabende verkleiden sich als Arbeiterinnen und denken an die Textilarbeiterinnen von Pakistan und Shenzhen. Sobald Temu die Looks kopiert, schließt sich der Fashion-Kreis. Man kann nur hoffen, dass bald auch die chinesische Arbeiterin mit 'Würde und Respekt' behandelt wird!"
"Die Avantgarde ist wieder feministisch", ruft Tobias Timm in einer kurzen Notiz in der Zeit zur FashionWeek in Paris. Der Anlass? MiucciaPrada hat ihre neue Sommerkollektion "als Hommage an die arbeitende Frau inszeniert. Die deutsche Schauspielerin SandraHüllerführte die Show als Model an, die Haare dunkel getönt, der Blick entschlossen, kämpferisch. Das wichtigste Kleidungsstück, das neue signature piece von Miu Miu: eine blaue, kantig geschnittene Schürze. Als habe Prada Bertolt Brechts blaue Arbeiterjacken und das Design der sowjetischen Konstruktivistinnen aus den 1920er-Jahren wiederentdeckt."
In der SZ findet es Julia Werner sehr ärgerlich, dass Adidas seine Kollektion mit Mode für Tiere nur in China anbietet. "Die Fotos sind natürlich der Hammer. Da trägt ein süßer Mischling eine Kapuzenregenjacke, in der er aussieht, als sei er für Deutschland auf dem Weg zu Dog-Olympia, und ein zarter Whippet eine knallrote Steppweste. Warum nur China, Adidas?"
Außerdem fragt sich Moritz Aisslinger in der Zeit, warum GiorgioArmani sich eine Woche vor seinem Tod noch eine Strandbar gekauft hat.
Mit Spannung erwartet wurde das Debüt von MatthieuBlazy als neuer Designer für Chanel. Lange Zeit, im Grunde schon in den letzten Lagerfeld-Jahren, war die Marke sanft in den Dornröschen-Schlaf der Nostalgie gefallen, schreibt Tanja Rest in der SZ. Dabei war Chanel doch mal "der blanke Feminismus: Alles Einzwängende abgeworfen, Kopf hoch und immer hübsch nach vorn marschiert." Bei der Schau in Paris ist es nun "auch gar nicht mal so, als sei Chanel revolutioniert worden, von rechts auf links gekrempelt. Eher, als habe es einen Grauschleier abgeschüttelt. Es ist seit langer Zeit wieder erkennbar. Endlich wieder: modern. Die strenge Grafik des Tweedkostüms - eine Zierborte als schwarze Linie auf weißem Grund - ist zurück. Ebenso wie die Bewegungsfreiheit. Praktisch alle Röcke, Hosen, locker auf der Hüfte sitzenden Kleider lassen dem Körper Raum."
Es "ist kein einziger vulgärer oder peinlicher oder falscher Look zu sehen", jubelt Alfons Kaiser in der FAZ. Blazy "steigt tief in die Chanel-Geschichte ein, appliziert sorgfältig zerknitterte Kamelienblüten auf Seidenjacken, lässt die so leichten wie weichen Tweeds schön lang ausfransen, spart generell nicht an offenen Kanten, aber an nackter Haut, lässt die Models ihre Hände tief in die Taschen ihrer Röcke vergraben, setzt ihnen lustig wippende Federhüte auf, hängt ihnen Kaskaden von Barockperlen und Glasplaneten um den Hals, holt bei der 2.55-Tasche das burgunderfarbene Lederfutter nach außen, bleibt überraschend traditionsgläubig mit Bicolor-Souliers, den beigefarbenen Schuhen mit schwarzer Kappe und Blockabsatz, ahmt mit schwarzen Linien auf Weiß den Rahmen der weißen Parfum-Verpackungen nach, spielt überhaupt mit Schwarz-Weiß-Gegensätzen". Und ja, das war jetzt ein Satz.
Die Ausstellung "Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne" im Jüdischen Museum Berlin ist "ein kleines Wunder", schreibt Gesine Borcherdt in der Welt: Die Namen und Werke der hier ausgestellten Designerinnen wurden durch den Nationalsozialismus nämlich gründlich aus der Geschichte gestrichen. "Zwanzig Jahre lang hat die Kuratorin Michal Friedlander wie eine Detektivin nach Designobjekten und ihren Schöpferinnen geforscht und das, was von ihren Werken übrig ist, zusammengetragen. ... Über Funde auf Dachböden und in Müllcontainern, durch Fotos und Zufallszusendungen von Familien wurde ein beeindruckendes Konvolut hochmoderner, hinreißender Schmuckstücke, Textilarbeiten, Kinderbuchillustrationen, Handpuppen, Spielkarten, Teeservice, Masken, Hüte und Kerzenleuchter zusammengetragen, über dessen behutsame Aufbereitung man sich beugt wie über eine Schatztruhe." So "fragt man sich, warum diese Frauen" - darunter EmmyRoth, DorotheaKuttnerund MargareteHeymann-Loebenstein - "von der Kunst- und Designgeschichte einfach vergessen wurden?"
Der Anfang des Monats verstorbene GiorgioArmani (unsere Resümees hier und dort) brachte den Models und der Modewelt das Lächeln, hält Alexander Krex im Zeit Magazin fest.
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