Der Anfang des Monats verstorbene GiorgioArmani (unsere Resümees hier und dort) brachte den Models und der Modewelt das Lächeln, hält Alexander Krex im Zeit Magazin fest.
Julia Werner macht sich in der SZnach Armanis Tod Sorgen um die Stilkultur Italiens. Das einst elegante Stilbewusstsein drohe nämlich auszusterben. "Man kann nirgends den geschmacklichen Zustand eines Volkes besser beurteilen als beim Blödsinnmachen an der Küste. ... Der leicht überkandidelte Italiener, der sich bonbonfarbene Pullis um die Schultern bindet, mit einer Hand den Kragen des Leinenhemds zuhält, wenn eine leichte Brise weht, und mit der anderen die Spaghetti vongole aufdreht, ist längst in Gefahr. In Forte dei Marmi sieht man immer weniger Leute auf dem Fahrrad, wie es selbst für den einstigen Fiat-Chef Gianni Agnelli Tradition war, dafür immer mehr röhrende Lamborghinis und Ferraris, aus denen Leute in schrecklicher Luxuskonglomeratsware steigen. Also all das, was man in der legendären Capannina dei Franceschi niemals wollte."
Außerdem schreibt der SchriftstellerAronBoks in der SZ ausführlich über die Liebhaberkultur rund um das alte DDR-Moped Simson.
NZZ-Kritikerin Maria Becker lustwandelt staunend durch die neue Dauerausstellung "Swiss Design Collection", mit der sich das Museum für Gestaltungin Zürich zu Feier seines 150-jährigen Bestehens beschenkt hat. "Alle Sparten der Sammlung sind präsent: Kunsthandwerk, Grafik, Plakat, Typografie, Bekleidungs- und Industriedesign. Highlights ebenso wie Verborgenes aus den Archiven werden zugänglich gemacht. ... Man staunt, mit welcher ästhetischen Ordnung die Fülle der Objekte präsentiert ist. Allein die Bahnen der Stoffmuster an den Wänden sind eine reine Lust. ... Auch die Typografie kommt nicht zu kurz und lehrt uns ganz nebenbei, wie selbstverständlich Logos und Piktogramme den öffentlichen Raum prägen. Der neue Schauraum ist eine Schatzkammer der Entdeckungen und wird einer Sammlung gerecht, die zu den besten Europas gehört."
In der SZ schreibt die LiteraturwissenschaftlerinBarbaraVinken zum Tod von GiorgioArmani (unsere Resümees), in dem sie nicht so sehr einen "König der Mode", sondern vielmehr deren "Imperator" sieht. Und er hat den Anzug revolutioniert, in dem zuvor der Mann und dessen Körper auch als erotisches Objekt zum Verschwinden gebracht worden war: "Armanis Revolution lag in der sogenannten unkonstruierten Anzugjacke. Der steife Unterbau, die komplizierte Struktur der klassischen Anzugjacke wird einschließlich Hilfen wie der Schulterposter herausgenommen. Armanis Anzugjacke umfließt und umschmeichelt den männlichen Körper, Seide und Leinen schmiegen sich ihm an wie ein weicher Kaschmirpullover. Armani hat den Anzug in ein erotisches Kleidungsstück verwandelt, den männlichen Körper zum Objekt des Begehrens gemacht. Armani ist einer der Erfinder dieses neuen Mannes, einer neuen Männlichkeit, die ihren Körper verführerisch inszeniert. Über ihm liegt der Schimmer der zeitlosen, ewigjungenolympischenGötter."
In der FAZ macht sich Christian Schubert derweil Sorgen, was nach Armani aus Armani wird.
GiorgioArmani ist im Alter von 91 Jahren, kurz vor dem fünfzigsten Jubiläum seiner Firma, gestorben. Erst vor einer Woche war in der Financial Times noch eine große Home Story über ihn erschienen, die ihn nach einem Sommer der Erholung guter Dinge zeigte. Doch "der König der Mode ist tot", seufzt Christoph Amend auf Zeit Online. "Er hat, das kann man ohne Übertreibung sagen, den Anzug neu erfunden, indem er ihn aus seinem Korsett befreite. Wie lässig, ja revolutionär das damals war, kann man auch in 'American Gigolo' sehen, Paul Schraders Film von 1980 ... und so wurde 'American Gigolo nicht nur zu einem filmischen, sondern auch zu einem ästhetischen Meisterwerk." Für Armani war "'simple Elegance' ... der ideale Aggregatzustand einer Garderobe. Unangestrengtelegant", schreibt Silke Wichert auf der der Seite Drei der SZ. "Danach strebte er sein ganzes Leben lang, denn diese Ausstrahlung hatte er schon als Kind bei seinen Eltern bewundert. ... Seine Mutter Maria Raimondi könnte auf alten Fotos als italienische Ingrid Bergman durchgehen." Und "während italienische Mode und Modemacher gern mit Dolce Vita assoziiert werden, weil Kollegen wie Gianni Versace, Valentino oder Dolce & Gabbana das Frivole und Barocke feierten, zeigte sich Giorgio Armani selten ausgelassen. Er war reserviert, schlug nie über die Stränge, Disziplinwarihmheilig."
Die "von Armani entwickelten Schnitttechniken versprachen unverwechselbaren individuellen Körperausdruck", schreibt Gabriele Detterer in der NZZ. "Dass der Modedesigner Frauen um Nuancen maskuliner und Männer um Nuancen femininer kleidete, spiegelt das Selbstverständnis eines modernen Paares, das sich alles teilt und sich über konventionelle Geschlechterrollen hinwegsetzt. So gesehen lässt die sinnliche und erotische Ausstrahlung des Armani-Looks genau das auf der Haut spüren, was für das Kulturgut 'Mode' zur wichtigsten Umwälzung des 20. Jahrhunderts gehört: freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichberechtigung und Lockerung gendertypischer Verhaltensmuster." In der FAZ schreibt Alfons Kaiser zu Armanis Tod. Das Zeit Magazin hat ein 2003 geführtes Gespräch mit Armani von Giovanni di Lorenzo und Christoph Amend wieder online gestellt. NZZ und das Zeit Magazin würdigen Armani mit Bildstrecken.
Hier stellt "American Gigolo" Richard Gere seine Armani-Garderobe zusammen:
Weitere Artikel: In der SZ macht Gerhard Matzig mal wieder seinem Ärger über die Ästhetik deutscher Automobile Luft: "Seit geraumer Zeit ist die deutsche Autoindustrie im Land von Bauhaus, Ulmer Schule und Braun-Design - weltweit einst führend in der Ästhetik der Technik - dabei, für immer mehr Geld immer größere, immer dümmere und leider auch immerhässlichereBlechblähbeulen zu fabrizieren." Aber die Rückkehr zu einem altmodischeren Design, wie es jetzt VW mit dem Polo versucht, kann auch keine Lösung sein, findet Matzig.
ChloeMalle wird die neue Chefin der Vogue und tritt damit die Nachfolge von AnnaWintour an, die das Magazin 40 Jahre lang fest im Griff hatte. Auf Alfons Kaiser (FAZ) wirkt diese Entwicklung "wie ausgedacht. Denn die Neununddreißigjährige ist die Tochter berühmter Eltern: Ihr Vater ist der französische Nouvelle-Vague-Regisseur LouisMalle, (...) ihre Mutter die amerikanische Schauspielerin CandiceBergen - die witzigerweise in der Serie 'And Just Like That' wie schon in 'Sex and the City' die Vogue-Chefin mit dem eisigen Namen Enid Frick spielt, also ihrer Tochter als Vorbild dienen kann." Allerdings hat sie auch handfeste Kompetenzen vorzuweisen: "Sie studierte Komparatistik an der Sorbonne und der Brown University, begann ihre Karriere beim New York Observer und kam schließlich 2011 als 'Social Editor' zur 'Vogue'. Als eine der wenigen Chefinnen der Modezeitschrift, die in 28 Länderausgaben erscheint, ist sie als Autorin ausgewiesen - viele qualifizieren sich vor allem als Stylistinnen für die Aufgabe."
Die Luxus-Modemarken schmücken sich in diesem Jahr auffallend mit literarischenSignifiern, stellt Simon Ingold in der NZZ fest: Auf Taschen stehen dann schon mal die Titel großer Klassiker. "Weltliteratur als Accessoire - da reiben sich Leser wie Nichtleser verwundert die Augen. Die einen aus ungläubigem Wissen, die anderen aus seliger Ignoranz. (...) Ist Kultur plötzlich sexy geworden? Und ist das vielleicht sogar gut für sie? Einiges spricht dafür, dass es den Anliegen der Kultur nützt, wenn sie im Mainstream eine Rolle spielt, statt ein Mauerblümchendasein im Elfenbeinturm zu fristen. Anderseits: Verkommt sie in den glamourösen Inszenierungen nicht zur reinen PR-Massnahme, zu einer Art von dekorativem Wandschmuck? Vor allem aber stellt sich die Frage, was passiert, wenn Kulturproduktion auf ihresymbolisch-performativeEbene reduziert wird. Das treibt seit je die Gemüter der Kritiker, Historiker und vor allem der Kulturpessimisten um."
Außerdem sorgt sich Alice von Lenthe sich in der taz, dass mit dem Revival der Hotpants auch die Mode der Zehnerjahre zurückkehrt.
Dominic Pietzcker mag nicht mehr auf den Straßen flanieren, so impertinent findet er "die schrille Ödnis des Mainstreams" angesichts der scheußlichen Textilien, die seine Mitmenschen den ihren dort präsentieren: "Die Schädigung des modischen Selbstempfindens scheint mittlerweile ... irreversibel", schreibt er in der NZZ. "Modisch betrachtet bietet dieser Sommer ein Defilee outrierter Geschmacksverirrungen. Spreizfüsse in Plastiksandalen, depilierte Speckrollen unter löchrigen T-Shirts mit Mandala-Aufdruck, dazu allerlei ornamentale Tätowierungen an Hals, Schläfe und Handrücken - der disparate Look querbeet durch alle sozialen Schichten hinterlässt einen eher verstörendenGesamteindruck. ... Mangels Befähigung zu einem autonomen modischen Geschmacksurteil schlägt die Tendenz zur ästhetischen Selbstbeschädigung voll durch. Kleidung als Technik der Verhüllung - dieser wesentliche Aspekt der Mode droht gänzlich in Vergessenheit zu geraten."
Tilman Krause hat für die Welt in Paris die dem Couturier PaulPoiret gewidmete Ausstellung im Musée des Arts Décoratifs besucht. Im frühen 20. Jahrhundert prägte dieser maßgeblich ein neues Frauenbild in der Mode: "Den ganzen kleinteiligen Kleiderbesatz mit seinen Passen und Paspeln, Biesen und Trallen, Schleifchen und Rüschen, die aus jeder 'gut angezogenen' Frau im späten 19. Jahrhundert einen überreich beladenen Tannenbaum gemacht hatten (und, nebenbei gesagt, ganze Heerscharen von Posamentierwarenherstellern und Kurzwarenhändlern in Lohn und Brot setzte), galt es runterzureißen. Abzuschaffen. Die neue Linie sollte eine klare sein. (...) Einmal zurück auf Null gesetzt, konnte nun der weibliche Körper wieder hochgebootet werden. Neu verpackt und abermals reich verziert. Aber eben anders. Paul Poiret (...) dachte sich die tollsten Finessen aus. Er ging auch auf Reisen und nahm sich vom Kleiderstil exotischer Völker, was er brauchte. Aber die klare Linie blieb. Bequemlichkeit setzte den Maßstab."
Man kann doch nicht ernsthaft eine Sandale namens "Oaxaca Slip On" auf den Markt bringen, sich dabei an den Mustern indigener Kulturen Mexikos bedienen und dann aus allen Wolken fallen, wenn aus diesen Kulturen erheblicher Missmut darüber aufkommt, schreibt der Mexiko-Korrespondent der taz, Wolf-Dieter Vogel. So geschehen gerade bei Adidas. Der Textilkonzern und der zuständige Designer WillyChavarría haben sich zwar entschuldigt und unterstrichen, es handle sich dabei um eine Würdigung indigener Kulturen - aber so ein Nachreichen wirkt nach einem Shitstorm fahl. "Hört sich so an, als ob den Schuhproduzenten einfach mal durchgerutscht wäre, dass sie das Plagiat einer Sandale hergestellt haben, die bislang in der abgelegenen Sierra Norte, 100 Kilometer von Oaxacas Landeshauptstadt entfernt, produziert wird. So als ob so was noch nie vorgekommen wäre. Dabei gab es in den letzten Jahren in Mexiko zahlreiche Skandale um Raubkopien indigener Muster, und einige davon spielten ausgerechnet in der Region. So hat die französische Designerin IsabelMarant Blusen aus der Gemeinde Tlahuitoltepec kopiert, und das spanische Modeunternehmen Zara klaute Motive des Dorfes San Juan Colorado."
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