Es ist immer schön, wenn jemand sein Geld seinem Herzen hinterherwirft. Wir wissen nicht, wer diesen Sessel beim Auktionshaus Bukowski für um die 45.000 Euro ersteigert hat, aber wir möchten ihm ausdrücklich zu seinem unorthodoxen Geschmack gratulieren! Der Sessel stammt aus einer Reihe von Vintagestühlen, denen das belgische Designduo von AP, Alexis Verstraeten und Pauline Montironi, ein tierisches Uplift verpasste. "Miss Flamingo" ist ohne Frage der schönste unter ihnen.
Bunte Vögel findet man auch in der Retrospektive, die das Kulturforum der Berliner Modedesignerin Claudia Skoda widmet, versichert Beate Scheder in der taz. "Sie flattern und stolzieren, hüpfen und schreiten, schwingen sich am Trapez hin und her, wie große Vögel eben, Paradiesvögel, hinter und zwischen käfigartigen Bauzäunen: die Models aus Claudia Skodas Schau 'Big Birds' im Jahr 1979. Die Haare haben sie wild auftoupiert oder unter silbrigen Perücken verborgen, am Körper tragen sie Skodas neueste Entwürfe, flamboyante Strickmode, körpernah oder übergroß, mit wilden grafischen Mustern und ebensolches Bodypainting. ... Skoda, so heißt es, hätte ihre Models vor der Schau in den Zoologischen Garten geschickt, um sich die Bewegungsweisen der Tiere einzuprägen und anzueignen. Heute kennt man aufwändige thematische Inszenierungen von den großen Modehäusern aus Paris, Mailand oder New York, in den 1970ern war Skoda mit ihren Schauen, die eher multimedialen Happenings ähnelten, ihrer Zeit weit voraus."
Hier kann man das Ereignis, das "Big Birds" 1979 war, in einem Bericht der SFB Abendschau mitverfolgen:
Der Trend zum Maximalismus im Design ist unaufhaltsam. Man kann ihm jetzt bis ins Grab folgen, mit dieser Urne des Keramikers John Booth. "Blumen sind ein Motiv, das ich in meiner Arbeit häufig verwende, und angesichts der Konnotation zwischen Blumen und Beerdigungen, Trauer und Feierlichkeiten schienen sie für dieses Projekt besonders geeignet", erklärte Booth der Zeitschrift Dezeen. So kann man es natürlich auch sehen. Wer es lieber schlichter mag, aber dennoch elegant, freundet sich vielleicht eher mit einer Urne von Maria Tyakina an. Und falls Sie es noch viel zu früh finden, sich mit dem Gedanken an eine Urne zu beschäftigen: Diese hier von Aleksander Sworz kann man sehr gut erst mal als Obst- oder Keksschale benutzen.
Peter Glaser wirft für Frankfurter Allgemeine Quarterly einen Blick in die Zukunft der Mode - immerhin ist schon deren Gegenwart mit algorithmenbasierten Designs und smart mit dem Netz verdrahtete Kleidung ziemlich Science-Fiction. So richtig fix wird es aber erst nach dem totalen Takeover der Smart-Technologie: "Das Problem der modischen Wechsel erübrigt sich in dem Augenblick, in dem man sich mit Lichtgeschwindigkeit umziehen kann. Vielleicht ist dazu in Zukunft nur noch ein einziges, universelles Textil nötig, um sich die gesamte Entwurfspalette menschlichen Modeschaffens aus offenen und Markendesigner-Datenbänken verfügbar zu machen. Realisierbar werden dann auch Hemdsärmel, die sich auf Zuruf hochrollen, auf erotisierende Männerstimmlagen programmierte Spaghettiträger, die selbsttätig abrutschen, oder kreissägenhaft rotierende Röcke, die sich als Distanzwaffe eignen."
Second Hand ist der letzte Schrei, schreibt Alex Bohn in seiner Reportage fürs ZeitMagazin: Längst werden Bestände von findige Händen geplündert, mit kuratierten Einkaufserlebnissen gelockt und Fundstücke von Designern veredelt und als Einzelstück zu horrenden Preisen angeboten. "In den USA spricht Dominique Drakeford, die sich als Aktivistin für Nachhaltigkeit engagiert und sich in den Medien und bei Nachhaltigkeitsforen für den Verkauf von Secondhandmode einsetzt, von einer 'Gentrifizierung' des Marktes. In Amerika, so sagt sie, haben vor allen Dingen Menschen mit geringem Einkommen - und somit oft POC-Gemeinschaften - die modische Akzeptanz der Kleidung aus zweiter Hand vorangetrieben. Jetzt, da Vintage plötzlich ein Trend ist, steigen die Preise, so Dominique Drakeford, und 'die eigentliche Zielgruppe hat das Nachsehen'. Tatsächlich hat die Nichtregierungsorganisation Goodwill, die in den USA Läden betreibt, in denen Kleiderspenden und Haushaltswaren an Bedürftige abgegeben werden, bereits 2019 zusammen mit Google einen Workshop angeboten, in dem Mitarbeiter von Secondhandläden lernten, wie sie die gespendeten Waren so im Laden stylen, dass sie Trendscouts und Stylisten gefallen."
Die Modedesignerin Vivienne Westwood wird heute 80 Jahre alt. Mit ihrem gemeinsam mit Malcolm McLaren geführten Londoner Laden "World's End" verpasste sie Punk einst seinen ikonischen Look zwischen Fetisch-Club und modern-archaischem Primitivismus. "Wilder ging es nicht, frivoler auch nicht, und chaotischer und opulenter geht es bis heute nicht", schreibt Rose-Maria Gropp in der FAZ mit Blick auf diese frühen Tage. Dass Westwood 2006 von der Queen geadelt wurde, ist als Wende anzusehen, schreiben in der Berliner Zeitung Philip Dethlefs und Christian Schlüter, für die sie eine der "wichtigsten Modemacherinnen unserer Zeit" ist: "Während Dame Vivienne im Herzen immer noch Punk ist, gehört ihre Mode längst zum Establishment. Prinzessin Eugenie heiratete 2011 in einem Westwood-Kleid. ... Berühmt wurde sie durch ihre kontraststark zusammengesetzten Kombinationen von historischer Bekleidung, seltenem Textilgewebe und Webmustern. Dabei herrscht eine gewissen Vorliebe für schottische Karos vor." Wie man auch in ihren aktuellen Entwürfen wieder sehen kann:
"Sie holte das Korsett zurück, eine weiche, stützende Variante mit Reißverschluss, damit Frauen sie selbst öffnen können, arbeitete die berühmte Watteau-Falte, die man auf den Gemälden des französischen Malers oft sieht, in eine Jacke ein", erklärt Grit Thönissen im Tagesspiegel: "In Satinmassen schwelgend, ließ sie ihre Models auf schwindelerregend hohen Plateau-High-Heels wie Fregatten über den Laufsteg schwanken, als sich die meisten anderen Designer in Paris dem Minimalismus verschrieben hatten. Da blieb sie ihrer Punkattitüde treu, immer das zu machen, was gegen den Strich geht." Es lohnt sich übrigens, auf ihrem Instagram-Account ein bisschen zu wildern - ein wahres Füllhorn an wildem Anarchismus.
Alles so rund, so schwungvoll hier, schwärmtWelt-Kritiker Tilman Krause in der Ausstellung "Luigi Colani und der Jugendstil" im Berliner Bröhan-Museum. Bei Colani soll selbst eine ergonomische Teekanne "ein bisschen an schnelle Autoschlitten erinnern. Auch die hinreißend elegante Fernsehliege 'TV-Relax' in Form einer ausgestreckten Zunge oder die wohl bekannteste und verbreitetste von Colanis Erfindungen, der Kunststoffstuhl 'Der Colani', fanden Produzenten und wurden unters Volk gebracht. Ein Volk, das jetzt ganz anders sitzen lernte, mit 'Der Colani' oder auch mit der Wohnlandschaft 'Pool', rittlings, seitwärts, die Beine überhängend. Aber auch sich Flegeln, sich Fläzen waren erlaubt. Nicht zuletzt habe er 'Gesichtspunkte wie Onaniestellungen miteinbezogen', pries Colani seine Produkte an. Masturbationstauglichkeit als Qualitätskriterium für zeitgemäße Möbel - darauf muss man kommen!"
Den Aprilscherz von Porsche - der Autokonzern pries zum Ärger seiner Kunden eine Rost-Patina-Edition an - findet Gerhard Matzig in der SZ gar nicht so sehr aus der Zeit gefallen: Schließlich ist der "Used Look" in diversen Provinzen des Ästhetischen bereits völlig normalisiert und geht als eigener Zauber durch.
Das Balaklava - oder etwas weniger glamourös: die Strick-Sturmhaube - ist wieder da, schreibt Donna Schons in der taz. Neu ist aber, dass die Entwürfe farbenfroh sind und mit Elementen von FantasyundScience-Fiction spielen: Mit diesen "Fantasy-Eskapismus" lassen zahlreiche Designer den eher militärischen Look der letzten Jahre hinter sich. Jetzt, "da sich der öffentliche Raum mehr denn je nach einer Gefahrenzone anfühlt, wird die Kleidung erneut zum Schutzschild, verabschiedet sich jedoch von der dystopischen Rigidität der Uniform und bettet Funktionalität stattdessen in bunte, traumartige Designs. ... Besonders gut gelingt die märchenhafte Outerwear auch Miuccia Prada", aus deren "Kollektion eine Lust spricht, sich endlich wieder hinauszuwagen, umhüllt von Kleidung, die zugleich schützt und Blicke auf sich zieht." Und "ähnlich wie die Surrealisten vor genau einem Jahrhundert verbergen zeitgenössische Designer*innen das menschliche Gesicht und schwelgen in der Maskierung."
Besprochen wird das Buch "Own It. The Secret of Life" der Designerin DianevonFurstenberg (taz).
Julia Werner schreibt in der SZ einen Nachruf auf Elsa Peretti, die erst als Modell und dann als Schmuckdesignerin bekannt wurde: Ihre Entwürfe orientierten sich an der organischen Natur und "waren eine Befreiung, in vielerlei Hinsicht. Es gab sie nicht nur in Gold, sondern - in den Siebzigerjahren eine Sensation - auch in Silber. Der Schmuck mit seiner ecken- und kantenlosenHaptik war endlich etwas, das in echte Frauenleben passte. Revolutionär war das, weil Juwelen jahrhundertelang starre Gebilde gewesen waren, deren Edelsteine von rigiden Gerüsten aus Gold gehalten wurden. Und weil sich plötzlich lange Schlangen vor den Filialen bildeten. Frauen kauften - zum ersten Mal - selbst Schmuck."
Susanne Koeberle hat für die NZZ bei Designerinnen und Designern nachgefragt, wie sich die Pandemie auf deren Arbeit auswirkt.
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