Efeu - Die Kulturrundschau

In Satinmassen schwelgend

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.04.2021. Aktualisierung: Der Dokumentarfilmer Marc Wiese wirft einem Artikel der Zeit, über den wir berichten, Falschbehauptung vor. Tagesspiegel und Monopol betrachten die Teppicharbeiten, die Olaf Holzapfel und Guido Yannitto von indigenen Frauen in Lateinamerika weben lassen. Im Interview mit Übermedien erklärt Janice Deul, was sie wirklich meinte, als sie eine schwarze Übersetzerin für Amanda Gorman forderte. Van schwärmt vom kreativen Humus im Digitalprojekt "Sound_Tracks" des Ensembles Ordnung der Dinge. Die FAZ gratuliert Vivienne Westwood zum Achtzigsten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2021 finden Sie hier

Film

Szene aus Marc Wieses Doku "Die Unbeugsamen"


Nach der "Lovemobil"-Kontroverse (unsere Resümees) wirft Katja Nicodemus für die Zeit nach Hinweisen von Journalisten einen genaueren Blick auf Marc Wieses für SWR/ARTE produzierten Fernsehfilm "Die Unbeugsamen - Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen", der ebenfalls für einen Grimme-Preis nominiert ist: Auch hier gebe es Hinweise, dass Wiese nicht korrekt gearbeitet habe, schreibt sie und zitiert Vorwürfe des Reporters Carsten Stormer (Aktualisierung vom 9. April 21: Der Dokumentarfilmer Marc Wiese erhebt rechtliche Schritte gegen den Zeit-Artikel von Katja Nicodemus, den wir hier zitiert haben und dem er Falschbehauptungen vorwirft.) Nicodemus' Resümee: "Trauen und vertrauen die beiden ihren Stoffen nicht? Wo genau entsteht der Druck, die Geschichten zu dramatisieren? Und wo bleiben wir, das Publikum? Letzlich sind wir es, die entmündigt werden durch die Zuspitzung auf Klischee und Sensation. Nichts wäre falscher, als solche Symptome dem dokumentarischen Erzählen anzulasten, seine Freiheit, Formenvielfalt und seine Budgets einzuschränken. Vielmehr braucht es mehr Zeit, mehr Geld und weniger Druck - auch der Regisseurinnen und Regisseure auf sich selbst. Die Problematik von 'Lovemobil' und 'Die Unbeugsamen' besteht ja darin, dass sie keinen Blick öffnen, sondern offenbar glauben, einen Blick bedienen zu müssen, eine Erwartung, die das Bekannte bestätigt wissen will."

Weitere Artikel: Marion Löhndorf denkt in der NZZ über den anhaltenden Erfolg von "Inspector Barnaby" nach. Besprochen werden Alexander Nanaus oscarnominierte Investigativ-Recherche "Kollektiv - Korruption tötet", die derzeit noch in der ARD-Mediathek zu sehen ist (ZeitOnline), Chloé Zhaos ab morgen auf Mubi gezeigtes Spielfilmdebüt "Songs My Brothers Taught Me" (taz), der Netflix-Western "Concrete Cowboy" mit Idris Elba (FR), Luca Guadagninos Serie "We Are Who We Are" (Welt), Lorenzo Mattottis auf DVD erschienener Animationsfilm "Königreich der Bären" (taz), der Netflix-Film "Madame Claude" (SZ) und neue Superhelden-Serien (Freitag).
Archiv: Film

Kunst

Olaf Holzapfel / Guido Yannitto "Blaues Gras entlang der Flüsse - Pasto azul a lo largo de los ríos". Bild: Holzapfel_Yannitto


Im Tagesspiegel stellt Joana Nietfeld den Berliner Künstler Olaf Holzapfel vor, der seine abstrakten Stadtbilder - einige sind gerade in der der Schwartzschen Villa in Berlin zu sehen - seit zwölf Jahren von indigenen Frauen in Wichí im Norden Argentiniens weben lässt. Etwas unbehaglich ist der Kritikerin dabei: Die Frauen "beherrschen eine spezielle Nadelbindetechnik mit Chaguar, einem Material, das in einer aufwändigen Prozedur aus Kaktuspflanzen gewonnen wird. Holzapfel gefiel die Technik, die natürlichen Farben und das Material. Er bat die Weberinnen, seine 'Entwürfe von Bildern der Stadt, ihrer Schatten und ihrer einzelnen Blöcke zu weben'." In Leipzig sitzend, muss der Künstler "warten, kann wenig eingreifen. Aber er mag die Gegensätze, wie er bekennt. Dass die Frauen im ländlichen Chaco seine abstrakten Entwürfe von Städten weben, sei so einer. ... Holzapfel beherrscht Ästhetik, Widerspruch und Konzeption. Die Fragen, die seine Vorgehensweise aufwirft, schweben darüber. Wird hier Raum gegeben oder angeeignet?"

In Monopol hat Donna Schons kein Problem mit Holzapfels Arbeiten: Immerhin geht's dabei ums Weben, also ums Verknüpfen. Das sieht auch der argentinische Künstler Guido Yannitto so, dessen Teppiche ebenfalls in der Schwartzschen Villa ausgestellt sind. "Das Vokabular des Webens, erzählt Yannito, fungiert dabei tatsächlich als gemeinsame Sprache, die die Verständigung erleichtert. Der 1981 geborene Künstler wuchs in einer vom Textilhandwerk geprägten Region Nordargentiniens auf; lange vor seinem Studium an der Universidad Nacional de Córdoba fand er durch den Stoff zur Kunst. Dadurch gebe es trotz aller kultureller und linguistischer Differenzen stets eine Verständigungsebene, die er mit den Weberinnen und Webern aus Argentinien, Peru oder Brasilien teile."

Ebenfalls für Monopol unterhält sich Julia Reinl mit der Fotojornalistin Sitara Thalia Ambrosio. Es geht dabei im Wesentlichen um die Frage, wie man Menschen in Extremsituationen - Demonstranten, Flüchtlinge - fotografiert, ohne sie dabei zu benutzen: "Auf einem Bild ist eine Landschaft zu sehen, ein Sandhügel und auf dem Sandhügel noch einmal ein kleinerer Hügel", erklärt Ambrosio ihre Arbeit an einem Beispiel aus ihrer Porträtreihe aus Bosnien. "Dahinter ist es wieder flach. Als ich aus Bosnien nach Hause kam, habe ich meiner Mutter das Bild gezeigt und sie gefragt: 'Mama, was siehst du?' 'Ja, Sand.' 'Was siehst du noch?' 'Landschaft halt.' 'Das hier, das ist Bosnien, und das ist Kroatien und dazwischen ist nichts.' Ich finde es spannend, mit meinen Fotos Fragen an die Rezipienten zurückzuwerfen. Viele Dinge fangen einfach so still an, auch dieses Bild, das ist leise und heimlich, und niemand, der es nicht weiß, würde bemerken, dass da eine Grenze ist; dass da Menschen in Elend leben, und dass sie verprügelt werden, wenn sie dort hinüberkommen."

Besprochen werden außerdem die Gursky-Retrospektive Museum der bildenden Künste in Leipzig (FAZ) und die Ausstellung "Vision und Schrecken der Moderne" im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum, die den Einfluss der Industrialisierung auf die darstellenden Künste untersucht (FAZ).
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Musik

Ziemlich euphorisch berichtet Wiebke Rademacher in VAN vom Digitalprojekt "Sound_Tracks" des Ensembles Ordnung der Dinge, einem offenbar sehr wild und verführerisch kurarierten Online-Parcours. Zu begehen ist er auf "zwölf Routen mit unterschiedlichen thematischen oder ästhetischen Schwerpunkten, die zwischen fünf und zwanzig Minuten dauern. ... Beim Schauen entsteht nie der Eindruck, das Ensemble habe die digitalen Mittel nur billigend in Kauf genommen. Im Gegenteil wirkt es eher so, als hätten sie das Digitale als kreativen Humus begriffen und aktiv genutzt. Da sind zum Beispiel die ASMR-Kompositionen mit Alltagsgegenständen, die auf Kopfhörern und in Nahaufnahme viel stärker wirken, als sie es in einem Konzertsaal könnten. Auch die Mini-Lectures zu auditiven Täuschungseffekten à la MrGurk sind wie für den Bildschirm gemacht. Am stärksten jedoch profitieren die interaktiven Elemente von den Möglichkeiten des Digitalen."

Weitere Artikel: Immanuel de Gilde erinnert sich in VAN daran, unter einem Vater aufzuwachsen, der zwar Bühnenerfolge feiert, aber zugleich Bühnenangst hat. Die großen Sommerfestivals sehen momentan noch einem ungewissen Sommer entgegen, schreibt Nadine Lange im Tagesspiegel. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen widmet sich Arno Lücker Teresa del Riego. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Philipp Krohn über "Baba O'Riley" von The Who. Auf Seite Drei der SZ porträtiert Andrian Kreye den Jazzpianisten und Aktivisten Jon Batiste, den hierzulande die meisten wohl als Sidekick von John Colbert kennen.

Besprochen werden die Doku "Framing Britney Spears" (Tagesspiegel) und Tamara Lukashevas "Gleichung" (FR).
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Archiv: Musik
Stichwörter: Netzkunst

Literatur

Alle sprachen in den letzten Wochen über Janice Deul, an deren Kommentar im niederländischen Volkskrant sich der Gorman-Streit entflammt hat, aber kaum einer mit ihr. Matthias Dells ausführliches Übermedien-Interview mit Deul steht nun online frei zugänglich. Sie sei falsch interpretiert worden, sagt sie. Dass nur Schwarze Schwarze übersetzten dürften, wie ihr das in den Mund gelegt worden sei, hält sie für "totalen Nonsens. Das habe ich nie behauptet." Vielmehr habe sie bedauert, dass für die Gorman-Übersetzung automatisch eine weiße Autorin ausgesucht worden sei, die bislang keine Übersetzungen angefertigt habe und auch selbst einräumte, nicht sonderlich gut in Englisch zu sein. "Man sollte bedenken vor dem Hintergrund von Black Lives Matter, dass wir in den Niederlanden so viele Spoken-Word-Künstler*innen of Color haben, die sich auf Gorman beziehen können, auf ihre Arbeit und ihren kulturgeschichtlichen Background. All das kann für mich nur zu dem Schluss führen, dass es in dieser speziellen Situation eine verpasste Gelegenheit wäre, hier nicht jemanden für die Übersetzung zu engagieren mit einem ähnlichen Profil wie Amanda Gorman. Das habe ich gesagt, und das denke ich immer noch."

Weitere Artikel: Heike Hellebrand erinnert sich auf 54books an ihre Lektüre von Emmy Hennings' "Das Brandmal. Ein Tagebuch": "Ich war fasziniert, dass eine Schriftstellerin ein Abenteuer sein wollte." Paul Jandl berichtet in der NZZ von der (mitunter buchstäblichen...) Schmutzkampagne, die in Ungarn gegen die Schriftstellerin Krisztina Tóth geführt wird, seit diese es gewagt hatte, in einem Interview das Frauenbilden in den Romanen von Mór Jókai anzuzweifeln (mehr dazu bereits hier). Daniel Ammann wirft für die NZZ einen Blick auf Bücher und Comics, die von George Orwells "1984" inspiriert sind.

Besprochen werden unter anderem die deutsche Übersetzung von Amanda Gormans "The Hill We Climb" (Freitag), Bernardine Evaristos "Mädchen, Frau etc." (NZZ), Peter Handkes "Mein Tag im anderen Land" (Welt), Christoph Ransmayrs "Der Fallmeister" (Intellectures), Howard Jacobsons "Rendezvous und andere Alterserscheinungen" (FR), Julian Barnes' "Der Mann im roten Rock" (Tagesspiegel), Nicolas Mahlers Comic-Biografie über Thomas Bernhard (taz), Steffen Kopetzkys "Monschau" (SZ) und Raphaela Edelbauers "Dave" (FAZ).
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Bühne

Ljubiša Tošić hat sich für den Standard mit dem russischen Theaterregisseur Kirill Serebrennikov unterhalten, der den "Parsifal" für die Wiener Staatsoper von Russland aus inszenieren musste, weil er immer noch nicht das Land verlassen darf: "Seine Inszenierung führt in diesem Zusammenhang auch vor, was schmerzhafte Selbstbetrachtung bedeuten kann. 'Durch Corona treffen alle, die isoliert sind, sich selbst. Wir leben sonst von uns abgelenkt, in der Isolation stellen sich aber Fragen: Wer sind wir? Wer ist Gott? Ist Gott tot?'"

Weiteres: Im Van Magazin empfiehlt Hartmut Welscher allen potentiellen Intendanten die Lektüre von Paul Kornfelds Aufsatz von 1930 über "den guten Intendanten", den Van nachdruckt. Die nachtkritik hat die dritte Folge ihrer Gesprächsreihe "Neue Dramatik in zwölf Positionen" - diesmal mit diesmal Sasha Marianna Salzmann - auf Youtube online gestellt. Im Saarland wird wieder Theater gespielt, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel.
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Architektur

BEST Notch Building - BEST Products Company, Inc. - Retail Store - Miami, FL - USA - 1979 - Mechanized façade section in the process of opening the entrance to the building. Foto: SITE


Kevin Hanschke hat für die FAZ die Berliner Ausstellung "James Wines and SITE: Retrospective 1970 - 2020" in der Tchoban Foundation besucht und lernt den Architekten als Vordenker einer grünen Architektur kennen, der ästhetische Ansprüche jedoch genauso wichtig waren: "Der Durchbruch gelingt durch die Entwürfe für Filialen einer Warenhauskette. Eigentlich waren die 'Best Stores' als quadratische Geschäftsbauten in Gewerbegebieten und an Interstate-Ausfahrten geplant. Doch SITE gestaltet die Warenhäuser als ikonische Architektur-Kunstwerke, die das klassisch-banale Vorortkaufhaus persiflieren. Eine Filiale in Richmond, Virginia integriert er als 'Best Forest Building' dafür mit einer Baumfassade in die umgebenden Wälder, während ein anderes Geschäft in Dallas als 'Best Parking Lot' eine Symbiose mit den endlosen Parkplätzen vor dem Laden eingeht."
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Design

Die Modedesignerin Vivienne Westwood wird heute 80 Jahre alt. Mit ihrem gemeinsam mit Malcolm McLaren geführten Londoner Laden "World's End" verpasste sie Punk einst seinen ikonischen Look zwischen Fetisch-Club und modern-archaischem Primitivismus. "Wilder ging es nicht, frivoler auch nicht, und chaotischer und opulenter geht es bis heute nicht", schreibt Rose-Maria Gropp in der FAZ mit Blick auf diese frühen Tage. Dass Westwood 2006 von der Queen geadelt wurde, ist als Wende anzusehen, schreiben in der Berliner Zeitung Philip Dethlefs und Christian Schlüter, für die sie eine der "wichtigsten Modemacherinnen unserer Zeit" ist: "Während Dame Vivienne im Herzen immer noch Punk ist, gehört ihre Mode längst zum Establishment. Prinzessin Eugenie heiratete 2011 in einem Westwood-Kleid. ... Berühmt wurde sie durch ihre kontraststark zusammengesetzten Kombinationen von historischer Bekleidung, seltenem Textilgewebe und Webmustern. Dabei herrscht eine gewissen Vorliebe für schottische Karos vor." Wie man auch in ihren aktuellen Entwürfen wieder sehen kann:

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"Sie holte das Korsett zurück, eine weiche, stützende Variante mit Reißverschluss, damit Frauen sie selbst öffnen können, arbeitete die berühmte Watteau-Falte, die man auf den Gemälden des französischen Malers oft sieht, in eine Jacke ein", erklärt Grit Thönissen im Tagesspiegel: "In Satinmassen schwelgend, ließ sie ihre Models auf schwindelerregend hohen Plateau-High-Heels wie Fregatten über den Laufsteg schwanken, als sich die meisten anderen Designer in Paris dem Minimalismus verschrieben hatten. Da blieb sie ihrer Punkattitüde treu, immer das zu machen, was gegen den Strich geht." Es lohnt sich übrigens, auf ihrem Instagram-Account ein bisschen zu wildern - ein wahres Füllhorn an wildem Anarchismus.
Archiv: Design
Stichwörter: Westwood, Vivienne, Punk