Efeu - Die Kulturrundschau

Die ganze Stadt ein Theater

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16.04.2021. Im Filmdienst denken Niklas Maak und Lars Henrik Gass ausführlich über die Zukunft von Kulturbauten nach. FR und Tagesspiegel bestaunen 16 Dying Swans. Die NZZ stellt die Fotografin Christine Turnauer vor, die indigene Einwohner von Kanada fotografierte. Die SZ amüsiert sich über die Herren des Moma, denen Anti-National Anti-Imperialist Feelings ihr Museum wegnehmen wollen. Die taz hört panafrikanische Musik der schweizerisch-ugandischen Sängerin Awori Cynthia Othienos. Tagesspiegel und FAZ wünschten sich, Bryan Fogels Doku über die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi wäre emotional weniger manipulativ ausgefallen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.04.2021 finden Sie hier

Kunst

Phillip Bread, Angehöriger der Kiowa. Foto: Christine Turnauer


In der NZZ stellt Susanna Müller die österreichische Fotografin Christine Turnauer vor, die vor vierzig Jahren nach Kanada auswanderte und dort begann, die indigenen Einwohner zu fotografieren: "Mit dabei hatte sie ein mobiles Studiozelt, ein Stativ und eine Hasselblad-Kamera. 'Es musste einfach alles auf den kleinen Subaru passen', sagt sie rückblickend. Das Zelt ließ sie auf einer Seite, gegen Norden hin, offen, um das weich einfallende Licht für die Aufnahmen zu nutzen. An Requisiten gab es in ihrem improvisierten Studio nichts als einen Baumstamm. Auf diese Weise hatte sie einen neutralen Raum geschaffen, in den sie Frauen, Männer und Kinder für eine Porträt-Session einlud. Dabei ließ sie ihnen die Freiheit, ganz sie selbst zu sein, Vorgaben machte sie keine. 'Alle wussten ganz genau, wie sie sich präsentieren wollten', erinnert sich Christine Turnauer. 'Und niemand lächelte bei den Aufnahmen.'" Ihre Fotos kann man ab 7. Mai in einer Ausstellung des Weltmuseums Wien sehen.

Diversität - da wollte auch das Moma dabei sein. Vor zwei Jahren hat es seine Dauerausstellung so umgebaut, dass jetzt neben der Kunst der alten weißen Männer - Picasso, Monet oder Rauschenberg - auch Kunst von Frauen und nicht weißen Künstlern hängt. Das reicht aber nicht, mussten die Herren des Moma gerade erschreckt feststellen: Man will auch ihnen an den Kragen, berichtet ein amüsierter Peter Richter in der SZ. Viel Wind macht dabei eine Gruppe, die gerade mal 50 Leute für eine Demo auf die Beine brachte: "Andererseits hatten diese 50 aber unmissverständliche Botschaften: 'Dieser Ort hier repräsentiert Kolonialismus, weiße Vorherrschaft und den Grund, warum unsere Vorfahren sterben mussten.' Denn zuvor wurde mit einer rituellen Wasserausgießung der Lenape gedacht, die einst da zu Hause waren, wo jetzt Midtown Manhattan ist. Das Ganze war der Auftakt einer auf zehn Wochen angelegten Protestkampagne von einer 'Koalition von Aktivisten' unter dem Namen 'Anti-National Anti-Imperialist Feelings (IIAAF)'. Das mag in vielen Ohren zwar klingen wie eine Parodie, aber sie meinen es ganz offensichtlich sehr, sehr ernst, wenn sie jetzt schon über die Zeit 'Post-MoMA' nachdenken."

Weitere Artikel: Georg Imdahl sagt in der FAZ traurig Servus zum Parkhaus, dem Schauraum des Düsseldorfer Künstlervereins Malkasten, das abgerissen werden soll. In Monopol stellt Franziska Peil den britischen Fotografen Craig Easton vor, der für seine Serie "Bank Top" über eine nordenglische Stadt bei den Sony World Photography Awards als Fotograf des Jahres ausgezeichnet wurde. Besprochen werden zwei Anselm-Kiefer-Ausstellungen: im Franz Marc Museum in Kochel und in der Kunsthalle Mannheim (SZ).
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Film

Großes Kino: "The Dissident" von Bryan Fogel.

Mit seinem Dokumentarfilm "The Dissident" erzählt der Filmemacher Bryan Fogel die Geschichte, wie Saudi-Arabien den für die Washington Post tätigen, kritischen Journalisten Jamal Khashoggi ermordete - ein Film, der ohne Umschweife Ross und Reiter nennt. "Ein relevantes, düsteres und aufrührendes Werk" ist hier zu sehen, schreibt Jenni Zylka in der taz, allerdings nicht ohne vorsichtige Vorbehalte, die Andreas Busche im Tagesspiegel konkreter fasst: Der Flirt mit dem großen Kino bekommt dem Film nicht, meint er. "Die Dramaturgie ist stets eine Spur zu sehr auf Effekte bedacht ... Globale Politik ist ein schmutziges Geschäft, ja. Ein politischer Dokumentarfilm sollte dann aber doch zwischen seriöser Recherche und Boulevardgeschichten abwägen." Und Daniel Kothenschulte fragt sich in der FR angesichts der dröhnend-dramatischen Musik: "Was hat dieser einnebelnde Ballast in einem Film über Wahrheitssuche verloren? Tut man den Diktaturen, die ihre Verbrechen inszenieren, nicht noch einen Gefallen, wenn man sich bei der Aufdeckung nicht wenigstens am 'guten' Kino orientiert?"

Auch FAZ-Kritiker Oliver Jungen fühlt sich von den aufgefahrenen Mitteln emotional manipuliert. Schlimmer aber: Fogel ist der Türkei, die den Mord aufgeklärt hat, dann doch eine Spur zu gewogen. Einige "Aufnahmen stammen von der türkischen Polizei. Auch sonst fällt auf, wie beflissen türkische Offizielle vom Justizminister über den Geheimdienst bis zum engsten Berater Präsident Erdogans Auskunft über das verbrecherische Gebaren im Istanbuler Konsulat Saudi-Arabiens geben. ... Dass hinter solchem Entgegenkommen der eskalierende Konkurrenzkampf zwischen der Türkei und Saudi-Arabien um Vorherrschaft in der Region steht, ist zu vermuten. Natürlich darf sich ein Journalist Interessenkonflikte zunutze machen, aber sie sollten transparent werden. Im Film hört man dazu nichts." Der Film ist ab heute unter anderem bei Amazon zu sehen.

Claudia Tieschky resümiert in der SZ den sich zur Kontroverse nicht ausweiten wollenden Streit zwischen Katja Nicodemus von der Zeit, dem Filmemacher Marc Wiese und den Medienjournalisten Michael Hanfeld (FAZ) und René Martens (Altpapier), nachdem die Zeit jüngst nochmal nachgelegt hat und bei ihrer Darstellung bleibt, Marc Wiese habe seinen Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen" unlauter produziert. Wiese sieht das naturgemäß anders und so auch die beiden Medienjournalisten. Die Zeit beteuert, dass es ihr um überschrittene "ethische Grenzen" gehe - "dabei wirkt es genau andersherum: Die Vorwürfe in der Zeit sind vielfältig und kleinteilig. Wo genau die Grenzüberschreitung, das Skandalöse am Film sein soll, ist unklar." Das Hin und Her wirke inzwischen ein wenig wie eine "Rauferei im gallischen Dorf des Medienjournalismus. Für Marc Wiese aber geht es um die Existenz als Filmemacher, dessen Währung Glaubwürdigkeit ist." Außerdem stellt sich in der SZ der Schriftsteller Thomas Brussig an die Seite von Oliver Stoltz, dem Produzenten des Films, mit dem er allerdings auch persönlich befreundet ist.

Außerdem: Dominik Kamalzadeh porträtiert im Standard den Oscarkandidaten Riz Ahmed. Besprochen werden Torsten Körners Dokumentarfilm "Schwarze Adler" über Rassismus im Fußball (ZeitOnline, mehr dazu bereits hier), Park Hoon-jungs südkoreanischer Gangsterthriller "Night in Paradise" (SZ).
Archiv: Film

Design

So geht Eleganz: Radio-Phono-Kombination "SK 4" von Dieter Rams und Hans Gugelot, 1956. Foto/Photo: Andreas Kugel © Dieter und Ingeborg Rams Stiftung
Das Credo des inzwischen 88-jährigen Designers Dieter Rams, "Weniger, aber besser", passt gut in die heutige Zeit, meint in der FR Jakob Maurer, der eine Rams-Ausstellung im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt annonciert: "Schlichte Funktionalität sollte immer von Sparsamkeit und Langlebigkeit flankiert werden. Eine Leitfrage sei gewesen: Wie hat ein Produkt auszusehen, wenn ich es lange behalten will? ... Bei Ansicht der Produkte werde 'ein neuerlicher Weckruf' an die Wegwerfgesellschaft laut, 'mehr über die Dinge nachzudenken, die wir besitzen und kaufen wollen'", sagte auf der Pressekonferenz Museumsdirektor Matthias Wagner K.
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Archiv: Design
Stichwörter: Rams, Dieter

Bühne

Aus Maro Bigonzettis "la Cigna", Filmstill. © Mauro Bigonzetti/Dying Swans Project

Hin und weg ist Sandra Luzina im Tagesspiegel von dem Projekt "Dying Swans", das die Stuttgarter Tanzkompanie unter Eric Gauthier ins Leben gerufen hat. Gauthier bat 16 ChoreografInnen um eine Variation auf den "Sterbende Schwan", für die er von 16 KomponistInnen neue Musik komponieren ließ für Aufführungen, die er von 16 FilmemacherInnen filmen ließ (die Filme sollen ab heute 10 Uhr auf dem Youtube-Kanal des Theaterhauses Stuttgart zu sehen sein). "Entstanden sind 16 hochästhetische Videokunstwerke, die sich alle in ihrer Bildsprache unterscheiden. Die Tanzsoli wurden entweder auf der Bühne oder im Ballettsaal aufgenommen; gedreht wurde auch in Wohnhäusern oder in der Landesbibliothek, draußen in Parks oder an einem Kanal. Die Vorgabe war, dass die Soli nicht länger als zwei bis drei Minuten sein sollten. Wie stark sie sich auf das legendäre Solo 'Der Sterbende Schwan' von Michel Fokine beziehen, war den Choreograf:innen überlassen. Es wird heftig geflattert, Fokines Armbewegungen sind abgewandelt und mit einer zeitgenössischen Energie aufgeladen worden. Viele Solos fangen einen emotionalen Ausnahmezustand ein zwischen Verzweiflung und Aufbegehren."

"Überhaupt ist das etwas Hektische, Abrupte, Eckige der Stil der Wahl", fällt in der FR Sylvia Staude bei den Choreografien auf. "Angespannte, fiebrig-intensive Bewegungen scheinen den meisten Choreografinnen und Choreografen angemessen für das Thema. Bei dem es ja in der aktuellen Situation auch um die Unmöglichkeit geht, den (Körper-)Kontakt zu pflegen mit anderen Tanzschaffenden aus aller Welt. Eindeutig benennt das Mannheims früherer Tanzchef Kevin O'Day: 'We Were Many' heißt sein von der Technik nostalgisch eingegilbtes Solo, in dem ein einsamer Tänzer Hut um Hut aufsammelt, bis er einen Hut-Turm auf dem Kopf hat - eine nicht nur symbolische Last, die er nicht allein tragen müssen sollte."

Außerdem: Katja Kollmann annonciert in der taz das Kinder- und Jugendfestival "Augenblick mal!", das am 16. April online gehen soll. Die nmz gibt Streaming-Empfehlungen für die kommende Woche.
Archiv: Bühne

Architektur

Im Filmdienst haben sich Niklas Maak und Lars Henrik Gass ausführlich über die Zukunft von Kulturbauten unterhalten. Vielleicht haben wir in den Innenstädten, aus denen die Angestellten ins Home Office geflohen sind, bald einen riesigen Ruinenpark, meint Maak. "Das ist eine enorme Chance, über das ganze Konstrukt nachzudenken. Denn es gibt ja vielleicht nicht mehr die Bürotürme, zu denen man ein Theater stellt, das man nach dem Büro als bürgerlich Lohnarbeitender besucht, um ein bisschen Erbauung zu finden; eventuell wird jetzt ja die ganze Stadt ein Theater, ein Museum oder ein Kino; denn was sollen wir sonst mit diesen Ruinen machen? Das ist eine aufregende Aufgabe für Menschen, die darüber nachdenken, was Kultur ist oder die Architektur interessant finden. Wir können die ganze Stadt bald für andere Nutzungen okkupieren, auch für andere Definitionen dessen, wie viel Erwerbstätigkeit sein muss und wie viel 'Kultur' sein kann. Weil wir eben auch aus der Dichotomie eines Lebens herauskommen, in dem wir von 9 bis 17 Uhr arbeiten und in dem Kultur dann ab 17 Uhr in geschlossenen Boxen stattfindet. Wir können beide Narrative aufbrechen, wenn wir sagen, der Kulturbau ist zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht mehr der Gegenbau zum Konsumbau, sondern der Konsumbau ist auseinandergebrochen und hat sich in den virtuellen Raum verzogen; dann haben wir ganz andere physische Räume, die wir ganz anders bespielen können."

Außerdem: In der NZZ denkt Anne Brandl darüber nach, was genau eigentlich Baukultur ausmacht.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Kulturbauten, Baukultur

Literatur

Literaturarchive tun im wesentlichen noch immer so, als würden sie analoge Unikate aus schriftstellerischer Korrespondenz sicherstellen und der Forschung der Zukunft zur Verfügung stellen, kritisiert  Jürgen Thaler, selbst Leiter des Franz-Michael-Felder-Archivs in Bregenz, in der FAZ. Dabei müssten Archive längst schon die digitale Kommunikation der Literaten der Gegenwart in den Blick nehmen, sagt er. "Um Briefe von Kafka und Schiller kann man sich auch noch in Jahrzehnten kümmern, papierene Archive haben in der Regel eine lange Halbwertszeit, ob das aber für die E-Mails und SMS, die zwischen Thomas Glavinic und Daniel Kehlmann heute gewechselt werden, von Instagram-Posts und Facebook-Beiträgen und Twitter-Tweets ganz zu schweigen, auch gilt, wage ich zu bezweifeln. Man wird sich fragen müssen, ob das Archiv mit dem von Walter Benjamin formulierten 'geilen Drang aufs große Ganze' vorankommen wird."

Weitere Artikel: Paul Jandl wirft für die NZZ einen Blick in die Tagebücher des Schriftstellers Herman Stresau. Die NZZ freut sich, dass ihr Literaturkritiker Roman Bucheli mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet wird. Außerdem hat die FAZ Michael Kumpfmüllers Gartenerzählung "Brennende Liebe" online gestellt.

Besprochen werden unter anderem Juliane Lieberts Gedichtband "Lieder an das große Nichts" (Perlentaucher), der unter dem Pseudonym Ferdinand Schwanenburg veröffentlichte Roman "Machtergreifung", der angeblich die AfD demontiert (ein "literarisch ausgesprochen unattraktiver Text", verreißt Johannes Franzen auf 54books), James McBrides Krimi "Der heilige King Kong" (Dlf Kultur), Landolf Scherzers und Hans-Dieter Schütts Gesprächsband "Weltraum der Provinzen" (Freitag), Polina Barskovas Gedichtband "Lebende Bilder" (NZZ), Simone F. Baumanns Comic "Zwang" (Tagesspiegel), Mirna Funks  "Zwischen Du und Ich" (Tagesspiegel) und Franz Erhard Walthers "Villa Massimo. Olevano" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Tazler Julian Weber ist sichtlich fasziniert von Awori Cynthia Othienos gemeinsam mit Twani produziertes Debütalbum "Ranavalona": Die schweizerisch-ugandische Sängerin denkt hier in Text und Musik über Madagaskar und panafrikanische Ideen nach, erfahren wir. "Ecken und Kanten von Aworis und Twanis Sound sind zwar abgeschmirgelt, aber ein Echoraum entsteht trotzdem, eine Art Zentrifuge, die alles beschleunigt und Platz für Widersprüche lässt. Das macht 'Ranavalona' zu einem Juwel. Zugleich ist es das Dokument einer multikulturellen Realität, wie sie Millionen Menschen in der Diaspora erleben." Das Titelstück samt Video:



Weitere Artikel: Jan Kedves erklärt im Tagesspiegel die aktuelle Fülle an Remixalben. In der taz gratuliert Jens Uthoff dem Jazzfest Berlin zur Auszeichnung als bestes Festival durch das European Jazz Network. Besprochen werden das Debütalbum der feministischen Punkband 24/7 Diva Heaven (taz), Mark Feldmans Violine-Solo-Album "Sounding Point" (FR) und Vijay Iyers Album "Uneasy" (Pitchfork). Wir hören rein:

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Stichwörter: Afro-Beat, Awori