Philipp Stadelmaier denkt in einem Filmdienst-Essay über die Rückkehr der Monumentalästhetik im Kino nach, die sich allerdings nicht mehr - wie einst im Hollywood-Epos und seinen italienischen Epigonen - auf Antikendarstellungen beschränkt, sondern sich für historische Sujets generalzuständig erklärt. "War der alte Monumentalfilm ein Genre unter anderen und jeder neue Monumentalfilm einer unter vielen - vor allem in Italien -, folgt der neue der Logik des einzigartigen, atypischenPrototyps. Wollte der alte die Antike rekonstruieren, versucht der neue, die Wichtigkeit und 'Größe' desKinos in einer Gegenwart zu behaupten, in der das Kino, überholt von neuen Medien und Technologien, selbst oftmals wie eine antike Kunstform wirkt." DamienChazelles"Babylon", ChristopherNolans"Oppenheimer", MartinScorseses"Killers of the Flower Moon" und BradyCorbets"Der Brutalist": Sie alle "verbinden das Monumentale mit der Idee des künstlerischen Autorenfilms und einer persönlichen Vision", aber scheinen auch "alle früher oder später unter ihrem eigenen Gewicht und Anspruch zu kollabieren".
Weiteres: Marie-Luise Goldmann plaudert für die WamS mit dem Schauspieler LangstonUibel, ihr Kollege Martin Scholz derweil mit der Schauspielerin AnadeArmas. Die NZZgratuliertClintEastwood mit einer Bilderstrecke zum 95. Geburtstag. Besprochen werden WesAndersons "Der phönizische Meisterstreich" (NZZ, Welt, unsere Kritik), "Karate Kid: Legends" mit JackieChan (Standard) und SandeepKumars "Happy" (Standard).
Lust am aufgeräumten Bild: "Der phönizische Meisterstreich" von Wes Anderson In den Filmen des US-Auteurs WesAnderson findet man sich schnell zurecht, schreibt Alice Fischer im Perlentaucher: Nicht nur, weil sie eine notorische Neigung zum aufgeräumten, obsessiv durchgestaltet und sortierten Bild haben - sondern auch, weil ihr Fundus an Farben, Vintage Ästhetik und Motiven seit Jahren bestens etabliert ist. Hinzu kommen jede Menge Stars, die selbst noch in Nebenrollen idiosynkratische bis neurotische Figuren verkörpern. Auch in seinem neuen Film "Der phönizische Meisterstreich gilt: "Jedes Arrangement sitzt, jedes Bild sieht aus wie gemalt." Und "jede Wes-Anderson-Figur ist so gemacht, dass man sagen muss: Habe ich so noch nie gesehen." Nur mit der Handlung hapert es: "Der Plot ist, man kann es nicht schönreden, einfach ein bisschen langweilig." Für die FAZbespricht Maria Wiesner den Film. Standard und Zeit Online haben mit dem Regisseur gesprochen.
Besprochen werden AysunBademsoys Dokumentarfilm "Spielerinnen" (Perlentaucher), "Karate Kid: Legends" mit JackieChan (NZZ), HarrietMarias und PeterMeinings Episodenfilm "Drei Geschichten von Morgen" (Tsp), AljoschaPauses "Fritz Litzmann, mein Vater und ich" (ZeitOnline), PaoloAgüeros Biopic "Saint-Exupéry - Die Geschichte vor dem kleinen Prinzen" (Standard), DanielMinahans "On Swift Horses" (Tsp), die dritte Staffel der "Sex and the City"-Nachfolgeserie "And Just Like That" (Welt), sowie die Netflix-Serien "Sirenen" (taz) und "Dept. Q" (ZeitOnline). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die aktuellen Kinostarts.
Für die Zeitporträtiert Katja Nicodemus die Filmemacherin MaschaSchilinski, die mit ihrem deutschen Wettbewerbsbeitrag "In die Sonne schauen" gerade in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde. "In ihrer Dankesrede hatte sie junge Filmemacher und vor allem Filmemacherinnen ermutigt, für ihre Visionen zu kämpfen, ihren Weg trotz aller Widerstände zu gehen. Welche Widerstände schlugen ihr entgegen? 'Wir haben diesen Film immer wieder verteidigen müssen, weil er keiner klassischen Dramaturgie folgt', sagt sie. 'Ich musste mir ziemlich oft Sätze anhören wie: So kann man doch keinen Film machen. Oder: Das wird doch nichts, lass es lieber gleich bleiben.' Acht Jahre sind seit Schilinskis erstem Film 'Die Tochter' mit Helena Zengel vergangen. Ihre Entschlossenheit, ihr Ding durchzuziehen, hat sie zum wichtigsten Filmfestival der Welt gebracht."
Poster "The Sorrow and the Pity". Regie: Marcel OphülsDie Feuilletons verneigen sich weiterhin vor dem großen Dokumentaristen MarcelOphuls (unser Resümee zu den ersten Nachrufen). Gerade jetzt sollte man seine Dokumentarfilme über Schuld und Verantwortung, Verstrickung und Ethik wieder sehen, schreibt Georg Seeßlen auf Zeit Online. "Wenn man in seinen Filmen den Tätern begegnet, die nichts gelernt haben und nichts bereuen, muss man gelegentlich an böse Komödien denken, an die menschlichen Enttarnungen der Diktatoren und ihrer Vasallen von Charlie Chaplin oder Ernst Lubitsch. Aber genau diese menschliche Nähe, diese angedeutete Tendenz zur Nachsicht, dieses durch und durch Konkrete in seinen Filmen, machen das Grauen umso schrecklicher. ... Anders als etwa Claude Lanzmann, der mit langen Sequenzen arbeitete und auf diese Weise eine unerbittliche Teilhabe erzeugte, schnitt Ophüls oft scharf und konfrontativ." Es "war sein Ziel, Menschen und Ereignisse als Ganzes zu erfassen, hinter die Masken, hinter die Funktionen, hinter die Mechaniken zu sehen. In seinen Filmen wird die Geschichte befragt - und es antworten Menschen. Das ist oft erschreckend, manchmal komisch und hier und da erschreckend komisch."
Katja Nicodemus erinnert sich in der Zeit an eine turbulente Begegnung in Paris: "Ophuls drehte Dokumentarfilme, wie er Auto fuhr: furchtlos, unorthodox. ... Als wir spazieren gingen, spielte Marcel Ophuls Filmszenen nach, legte mit Tippelschrittchen und Regenschirm Chaplin-Auftritte hin, lief wie Buster Keaton gegen Laternen." Im Filmdienstschreibt Dietrich Leder zu Ophuls' Tod.
Weiteres: Susanne Lenz und Claus Löser sprechen in der Berliner Zeitung mit ArminMueller-Stahl. Besprochen werden WesAndersons "Der phönizische Meisterstreich" (FR), die Arte-Serie "Sowjet Jeans" (Perlentaucher), MehdiIdirs und GrandCorpsMalades Biopic "Monsieur Aznavour" (Standard), DavidMinahans "On Swift Horses" (taz), NabilAyouchs Musikfilm "Alle lieben Touda" (FR), der sechste Teil der Horror-Reihe "Final Destination" (Zeit, unsere Kritik) und die vom ZDF online gestellte SF-Serie "Twisted Metal" (FAZ).
Mariam Schaghaghi unterhält sich für die FAZ mit Jafar Panahi, der in Cannes gerade mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde (unser Resümee). Sein Film "Ein einfacher Unfall" basiert unter anderem auf den Erfahrungen, die er im berüchtigen Evin-Gefängnis gemacht hat, erzählt er und erinnert sich an Verhörsituationen: "Bei mir lautete die Frage: 'Warum machen Sie solche Filme?' Ich sagte, dass ich soziale Themen aufgreife wie Verbote oder Einschränkungen, besonders gegen Frauen. Sie entgegneten: 'Es gibt so viele Themen, warum interessieren Sie nur Einschränkungen?' Ich sagte: 'Es gibt Hunderte Filme. Ist es so schlimm, wenn einer sich diesen Themen widmet?' Daraufhin kam der Vorwurf: 'Sie verkaufen Ihr Land, Sie verderben den Ruf Irans, Sie verraten Ihr Heimatland. Sie sind ein Verräter.' Es hieß auch: 'Wenn dir internationale Preise verliehen werden, dann nur, um deren Feindschaft gegenüber Iran zu demonstrieren.' Das wiederholten sie so oft, dass ich meine Frau beim nächsten Besuch bat, alle meine Preise aus dem Filmmuseum, dem ich sie überlassen hatte, entfernen zu lassen. ... Der Museumsleiter bat sie: 'Lass nicht zu, dass Jafar sich diesem Druck beugt.'" Marcel Ophuls
Wir meldeten es gestern morgen schon. Der Dokumentarfilmer Marcel Ophuls ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Ophuls (Marcel) ist der Sohn von Ophüls (Max). Sein Leben lang sah er sich im Schatten seines Vaters, der unsterbliche Meisterwerke der Kinokunst geschaffen hatte (Lola Montez!). Aber Marcel Ophuls' erste Versuche mit der Fiktion schlugen eher fehl, während er mit "Le Chagrin et la Pitié" - "Das Haus nebenan" - einen äußerst innovativen Dokumentarfilm über ein düsteres Kapitel der französischen Geschichte, die Kollaboration, vorlegte. Der Film wurde von Giscard d'Estaing verboten. Ophuls' Originalität ist es, sich am Kreuzungspunkt der Genres aufgestellt zu haben, schreibt Jacques Mandelbaum in seinem Nachruf für Le Monde: "Er bringt in den Dokumentarfilm Tugenden aus der Fiktion ein: die Ermittlung (seine Filme ähneln Krimis, er selbst verglich sich mit Inspektor Columbo), die Präsenz des Autors im Bild (Autofiktion), die Distanzierung (Ausschnitte aus Spielfilmen, Archivmaterial, gespielte Szenen), die Romanhaftigkeit (mit dem epischen Atem, den die außergewöhnliche Länge seiner Filme ihnen verleiht). So trägt Ophuls, ein leidenschaftlich engagierter Mann und widersprüchlicher Filmemacher, zur Erfindung des Filmessays bei und zieht dabei den Zorn all jener auf sich, die der Meinung sind, dass ein Dokumentarfilm einer vermeintlichen historischen Neutralität verpflichtet sei."
Diese Haltung spricht auch aus dem (von Ralph Eue in der NZZzitierten) Glückwunsch-Fax, das Ophuls der Duisburger Filmwoche 2006 zum 30-jährigen Bestehen hatte zukommen lassen: "Seit vierzig Jahren habe ich versucht, die feigen Neutralisten anzugreifen, die sich auf ihre angebliche Toleranz berufen, um ihre eigene Feigheit und geistige Faulheit zu verbergen. Seit vierzig Jahren versuche ich Naturalismus im Dokumentarfilm als Mangel an künstlerischer Fantasie und Vitalität zu entlarven. Seit vierzig Jahren habe ich versucht, gegen den Begriff 'Objektivität', dieses stumpfsinnige Alibi für Mangel an Stellungnahme, zu kämpfen. Jetzt, wenn ich die Interviews von jungen Dokumentarfilmern lese, habe ich den etwas wehmütigen Eindruck, dass ich zumindest auf diesem Gebiet etwaserreicht habe."
In "Das Haus nebenan" erzählte Ophuls die "Geschichte der Stadt Clermont-Ferrand während des Vichy-Regimes, die viele französischeMythenüberdieNation unter deutscher Besatzung ins Wanken brachte", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Damit hatte Ophuls, ein charmanter, aber auch 'militanter Jude', wie er selbst von sich sagte, sein Lebensthema und sein Format: sehr lange, bohrende, aber auch spielerische geschichtspolitische Dokumentarfilme wie "The Memory of Justice" (1976) über die Nürnberger Prozesse oder "Hotel Terminus" (1989) über KlausBarbie." Mit diesem FIlm gelang dem Regisseur "in Gesprächen mit Jugendfreunden, Nachbarn, Opfern und Tätern eine komplexe Reflexion über Verdrängung, Schuld und die Unmenschlichkeit des NS-Regimes", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. In seinem Blog erinnert sich der Filmemacher ChristophHochhäusler an Begegnungen mit Ophuls. Arte hat zwar nicht Ophuls' "Haus nebenan" online stehen, aber einen Dokumentarfilm über den Schock, den dieser Film seinerzeit in Frankreich auslöste.
In diesem Gespräch mit Ausschnitten aus "Le Chagrin et la Pitié" - "Das Haus nebenan" - wird ein charakteristisch dekuvrierendes Interview gezeigt. Der Kritiker Kenneth Turon befragt Ophuls zu seiner Interviewtechnik.
Weiteres: Dass nur Ostdeutsche Ostdeutsche spielen dürften, hielte der Schriftsteller und Drehbuchautor Torsten Schulz zwar für "totalen Quatsch" und eine "identitätspolitische Unart", dafür fordert der Mitbegründer der Initiative "Quote-Ost" analog zum Anteil an der Bevölkerung zwanzig Prozent Ostdeutsche in der Film- und Medienbranche, wie er im Welt-Gespräch mit Michael Pilz unterstreicht - und zwar auch, damit gängigeStereotype in Film und TV abgebaut werden. Philipp Meier empfiehlt in der NZZ das Zürcher FilmfestivalGinmaku, das sich in diesem Jahr besonders den japanischen Ureinwohnern, den Ainu, widmet. Marian Wilhelm gibt im Standard Tipps zum Kurzfilmfestivalin Wien.
Besprochen werden WesAndersons "Der phönizische Meisterstreich" ("Immerhin ein Ami, der Europa liebt", stellt Gunda Bartels im Tagesspiegel fest), die Apple-Doku "Deaf President Now!" (FAZ) und SilvioSoldinis "Die Vorkosterinnen" (SZ).
Mutiges Kino: Jafar Panahis "Ein einfacher Unfall" gewinnt die Goldene Palme in Cannes Die Goldene Palme von Cannes geht in diesem Jahr an JafarPanahis "Ein einfacher Unfall" (unser Resümee). Der Film handelt von einem einst inhaftierten Automechaniker namens Vahid, der seinen früheren Gefängnisfolterer wiederzuerkennen meint und diesen aus Rache ermorden will - auch wenn bald Zweifel an ihm nagen. "In die Sonne schauen" (unsere Resümees hier und dort), der deutsche Wettbewerbsbeitrag von MaschaSchilinski erhält gemeinsam mit ÓliverLaxes "Sirāt" (unser Resümee) den Preis der Jury. Hier alle Auszeichnungen im Überblick.
Eine politische Auszeichnung für Panahi? Wahrscheinlich ja, schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, aber "wer mutigesKino will, muss Mut auch belohnen". Panahi unterliegt in Iran seit 15 Jahren einem Berufsverbot und saß von 2022 bis 2023 in Haft. Dennoch dreht er unermüdlich weiter. "Panahi äußert dabei seine Kritik im Film so offen, dass man sich um ihn sorgen zu müssen meint. Zumal er bei der Preisverleihung ankündigte, in den Iran zurückzukehren, obwohl ihm dort Repressionen drohen. Und auch wenn er in der Vergangenheit vielschichtigere Filme gedreht haben mag, erhält er die Goldene Palme zum richtigen Zeitpunkt, würdigt sie sein bisheriges Engagement und Wirken ungeachtet aller Widrigkeiten doch indirekt gleich mit." In der NZZfragt sich Patrick Straumann allerdings schon, "ob die klandestin gedrehte Parabel über Rache und Vergebung, die in der iranischen Gegenwart verankert ist und unübersehbar die Grenzen der Ausdrucksfreiheit testet, auch ohne den brennenden Kontext honoriert worden wäre".
Eine rein politische Auszeichnung wäre auch für SZ-Kritiker David Steinitz "natürlich in Ordnung", sowas "kommt auf Festivals regelmäßig vor. Aber in diesem Fall ist nicht nur der Mann hinter der Kamera preiswürdig, sondern ohne Zweifel auch sein beeindruckender Film." Zu sehen "ist eine rabenschwarzeTragikomödie aus dem Innersten eines Landes, in dem unter diesen Umständen zu leben man niemandem wünscht." Auch ansonsten war es "mal wieder ein sehr starker Cannes-Jahrgang. Einige der wichtigsten Filme des Jahres feierten hier ihre Premiere und werden noch viel von sich hören lassen". Steinitz listet JoachimTriers "Sentimental Value" sowie die bereits genannten Filme von Schilinski und Laxe auf. Auch Welt-Kritiker Jan Küveler hält fest: Dieser Jahrgang war ein "guter".
Mit Panahi wurde ein altgedienter Auteur des Weltkinos ausgezeichnet - also alles beim Alten an der Croisette? Nicht ganz, fälltZeit-Kritikerin Katja Nicodemus auf: "Während der vergangenen Festivalausgaben hatte die künstlerische Leitung den Wettbewerb meist wie die Vitrine eines Juwelengeschäfts bespielt: Ausgelegt wurden die dicksten Klunker und bekanntesten Namen. In diesem Jahr kam Bewegung in die Auswahl, mit Neuentdeckungen, jüngerenFilmemacherinnen und teilsextremenTonlagen. ... Diese zehn Kinotage in Cannes hatten einfach eine enorme Power." Dem stimmt auch Daniel Kothenschulte in der FR zu: "Selten hat man einen Festivalwettbewerb auf so hohem Niveau gesehen."
Viel wurde in Cannes über Trumps irrsinnige Zollpläne für außerhalb der USA gedrehte Filme diskutiert, berichtet Andreas Busche im Tagesspiegel. "Damit einher ging die Frage, welche Konsequenzen die amerikanische Realpolitik für das Kino haben könnte." Zwar nimmt auch Cannes gerne amerikanische Filme ins Programm, zumal "die Star-Auftritte auf dem roten Teppich dem Arthouse-Kino als glamouröses 'Werbeumfeld' diesen. Dieser Cannes-Jahrgang beweist aber, dass das Weltkino vor dem Hintergrund einer überfälligen Emanzipation von Amerika über genug eigene Ressourcen verfügt. Unsere krisenhafte Gegenwart hält auch ohne Hollywood reichlich Geschichten parat."
Mehr aus Cannes: Viele Filme befassten sich mit dem Wandel im Verhältnis zwischen den Geschlechtern, für die große Weltpolitik hingegen interessierten sich aber deutlich weniger Filme, notiert Josef Lederle in seinem Cannes-Fazit für den Filmdienst. Weitere Resümees schreiben Valerie Dirk (Standard), Maria Wiesner (FAZ) und Patrick Straumann (NZZ).
Außerdem melden die Agenturen, dass der Filmemacher MarcelOphüls im Alter von 97 Jahren gestorben ist.
"History of Sound" zeigt die Flüchtigkeit des gemeinsamen Glücks In Cannes werden heute Abend die Goldenen Palmen vergeben. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sah davor noch eine ganze Reihe von Hochkarätern, "jeder für sich ein Meisterwerk". Dazu zählt nicht nur der neue Body-Horror-Film "Alpha" von JuliaDucournau, die bereits 2021 mit "Titane" eine Goldene Palme gewann, JoachimTriers "Sentimental Value" und "Jeunes Méres", der neue Film der Dardenne-Brüder, sondern insbesondere auch OliverHermanus' südafrikanischer Film "History of Sound". Der für Kothenschulte "feinste und schönste Film des Wettbewerbs" erzählt von zwei Forschungsreisenden, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Regungen des AmericanFolk dokumentieren. "Dem Bewahren dieser erst Jahrzehnte später, durch Künstler wie die Everly Brothers, Joan Baez oder Bob Dylan, popularisierten Musiktradition steht indes die Flüchtigkeit des gemeinsamen Glücks entgegen. Wer sich für amerikanischen Folk interessiert, kann Auswahl und Interpretation der Lieder nur bewundern, erkennt aber auch Motive der Sammlerbiografien von John und Alan Lomax wieder. Nach einer Kurzgeschichte von Ben Shattuck entstand daraus aber etwas völlig Eigenes."
"The Secret Agent" verwirrt auf ansteckende Weise "Den großen Favoriten im Wettbewerb gibt es bisher nicht", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz (und richtig: eine kleine Zahl von Wettbewerbsfilmen wurde vor Redaktionsschluss der Zeitungen noch gezeigt). Aber dafür immerhin einige "erfolgreich mutige Filme". Auf der Zielgeraden kam noch Kleber Mendonça Filhos brasilianischer "The Secret Agent" dazu, ein "fiebrig verwirrender Thriller", der in den Siebzigern während der Militärdiktatur spielt. "Die ständige Bedrohung durch den Tod, um den sich zugleich kaum jemand zu scheren scheint, vermischt Mendonça mit Bildern, die von tropischer Schwüle durchfeuchtet scheinen, einem trügerisch leichtenBossa-Nova-Soundtrack und einer Art des Erzählens, die das Publikum über viele Einzelheiten lange im Dunkeln lässt. Das verwirrt, doch auf ansteckende Weise." Für Rüdiger Suchsland von Artechockwäre dies der Palmenfavorit. Auch Jan Küveler von der Weltsieht diese "inschwelgerischerPanavision gedrehte Aufarbeitung der Militärdiktatur" weit vorne.
Mehr von der Croisette: "Cannes mahnt - und summtinMoll", resümiert Maria Wiesner in der FAZ das Festival und beobachtet bei den amerikanischenFilmen eine "starke künstlerische Front, vor allem unter den unabhängigen Filmemachern". David Steinitz ist in der SZ Feuer und Flamme für RichardLinklaters Godard-Hommage "Nouvelle Vague", dem er auch einige Oscarchancen ausrechnet. Für Artechocksammelt Dunja Bialas Strandgut aus den Nebenreihen auf. Josef Lederle resümiert im Filmdienst die letzten Wettbewerbstage - und macht auf JoséphineJapys nur am Rande des Festivals gezeigtes Regiedebüt "The Wonderers" aufmerksam. Im critic-Podcast versammeln sich Till Kadritzke, Hannah Pilarczyk, Dunja Bialas, Andreas Busche und Valerie Dirk vor dem Mikrofon und lassen das Festival Revue passieren. Und zum Abschluss lohnt nochmal der Blick in den Kritikerspiegel von critic.de.
Weit weg von der Croisette: Aida Baghernejad lobt im Tagesspiegel die Kulturarbeit des Berliner ProjektsSinemaTranstopia. Valerie Dirk spricht für den Standard mit dem Regieduo MwitaMataro und HelmutKarner, die mit "Austroschwarz" einen Film über SchwarzseininÖsterreich gedreht haben. Elmar Krekeler porträtiert für die WamSIrisBerben. Maria Wiesner gratuliert in der FAZDorisDörrie zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden ChristopherMcQuarries neuer "Mission Impossible"-Blockbuster mit TomCruise (Artechock, unsere Kritik), DagJohanHaugeruds "Oslo Stories: Sehnsucht" (Artechock, critic.de) und Dean Fleischer Camps Live-Action-Remake von "Lilo & Stitch" (Artechock).
Der Wettbewerb in Cannes neigt sich dem Ende zu. Rüdiger Suchsland bringt auf Artechock eine kleine Vorab-Bilanz kurz vor der Zielgeraden. Im Wettbewerb zeigt sich ihm, "dass das Gegenwartskino in einer massivenKrise steckt. Ihm fehlen in seiner Gesamtheit - einzelne Ausnahmen lassen wir jetzt einfach mal weg - Einfallsreichtum und Kunstwille, Intellektualität und Mut. Das Kino der Gegenwart ist normiert, weil es sich normieren lässt, weil es Normierung insgeheim für nötig hält, weil es die Identifikation mit dem Aggressor vollzieht. Weil es in seinem Denken, in seinen Erwartungen, in seinem Geschmack, in seinen Blicken auf die Welt selbst normiert ist. Weil es im Kern selbst erzkonservativ ist und die Welt erhalten will, wie sie ist: Demokratisch, liberal, in Wohlstandsverhältnissen, Ibiza-Kurztrips und Toskana-Urlauben, Airbnb-Wohnungen, die auf Apple Computern gebucht werden. ... Erst wenn das Kino seinen Konservatismus abwirft, und ihm Veränderung und Revolte nicht mehr nur eine Stil-Geste oder ein Instagram-Post sind, wird die Revolution, undseiesnureine ästhetische, stattfinden."
Moderatere Signale von der Croisette: In der Weltbefasst sich Jan Küveler mit KirillSerebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" (unser Resümee). tazler Tim Caspar Boehme findetScarlettJohanssons Regiedebüt "Eleanor The Great" trotz "wackeligem Drehbuch" durchaus berührend. Valerie Dirk identifiziert im Standard, "sieben Themen, die das diesjährige Festival von Cannes bestimmten".
Abseits von Cannes: Daniel Moersener denkt in einem ZeitOnline-Essay über WernerHerzogs häufig zum Besten gegebenes Diktum nach, dass, wer Filme drehen möchte, als Türsteher arbeiten sollte. Der Ratschlag ist für ihn nicht ohne Reiz - und dieser Lebensweg allemal der abgeschottenen Professionalisierung durch Filmhochschulen vorzuziehen: "Das heißt nicht, dass man durch die Hölle gehen und sich aufreiben muss, um irgendwann einmal gutes Kino zu fabrizieren, wenn man es so nennen will. Aber die Erfahrung ist der springende Punkt. Kino verspricht nichts anderes, als die Erfahrungsarmut unserer kargen Leben zu sprengen und uns zu retten. Vollendete Fertigkeiten sind bei dieser Unternehmung gar nicht so wichtig."
Weiteres: Esther Buss führt im Filmdienst durch die Arbeiten der griechischen Autorenfilmerin AthinaRachaelTsangari, deren aktueller Film "Harvest" (unsere Kritik) gerade im Kino zu sehen ist und deren Filme "Experimentieranordnungen für menschlicheReifungs- undLernprozesse gleichen". Besprochen werden VolkerHeisesARD-Doku "Masterplan" über das Potsdamer Treffen rechter und rechtsextremer Kräfte sowie dessen Enthüllung durch Correctiv (FD) sowie Mehdi Idirs und Grand Corps Malades Biopic "Monsieur Aznavour" (FAZ).
In Cannes haben zahlreiche namhafte Regisseure ihre neuen Werke vorgelegt - und mit Kristen Stewart und Scarlett Johansson auch zwei namhafte Schauspielerinnen ihre Regiedebüts. In JafarPanahis erneut unter klandestinen Bedingungen gedrehtem Film "Ein einfacher Unfall" stößt ein iranischerGefängnispeiniger außerhalb der Gefängnismauer auf ein früheres Opfer - oder ist es eher umgekehrt? Der iranische Auteur erzählt den Film mitunter wie einen "Thriller", erzählt Tim Caspar Boehme in der taz. Zuweilen geht es aber auch "so unerwartet zu wie in einer Situationskomödie, durchaus auch mit komischen Elementen. Doch Panahis Anliegen ist ernst. Die Frage, was man als Zivilist mit einem Schergen des Regimes tut, wenn man ihn in die Finger bekommt, geht er sehr direkt an. Und das so, dass man von dieser Direktheit ziemlich angefasst ist." Mehr zu Panahis Comeback in der Festivalwelt bereits gestern im Efeu.
August Diehl als Josef Mengele Sehr beeindruckt ist FR-Kritiker Daniel Kothenschulte von KirillSerebrennikovs zum großen Teil in schwarzweißem Cinemascope gedrehten "Das Verschwinden des Josef Mengele" mit AugustDiehl nach dem gleichnamigen Roman von OlivierGuez. "Ein idyllisches Eheleben streift zunächst die Stilmittel von 'The Zone Of Interest', bevor auf 16mm-Film die Ermordung und medizinische Präparierung zweier Häftlinge im Stil eines zeitgenössischen Lehrfilms dargestellt wird. Es wäre leicht, der Regie hier einen Exploitation-Vorwurf zu machen, doch jede vorsichtigere Darstellungsform wäre wohl bereits beschönigend. Tatsächlich sind es gerade die subtilenVerfremdungstechniken, die die beiden bühnenerfahrenen Künstler vor und hinter der Kamera hier aufbieten, die den Film über jeden Vorwurf des Über-Naturalismus erheben. AugustDiehl steigert noch einmal seine beeindruckenden Möglichkeiten, indem er das Überleben des Nationalsozialismus in der Sprache selbst zum Thema macht. Das Beklemmende an diesem Film ist weniger die Darstellung des Vergangenen, sondern dieAngst, die er vor der Gegenwart weckt." Dieser Film wirkt zuweilen "wie ein Schlag in die Magengrube", hält Maria Wiesner in der FAZ fest.
Ein Ringen um die eigene Geschichte: "The Chronology of Water" von Kristen Stewart Und die oben genannten Regiedebüts? "Intensiv, bewegend und kompromisslos" ist KristenStewarts "The Chronology of Water" geraten, ihre Verfilmung eines Romans von Lydia Yuknavitch, an der die Schauspielerin mehrere Jahre gearbeitet hat, schreibt Valerie Dirk im Standard. Der Roman handelt von "Erfahrungen mit Missbrauch, Leistungssport, Sucht und Sexualität. ... Es ist ein Ringen um die eigene Geschichte. Wenn man schon solche Erinnerungen hat, dann sollen sie wenigstens eine 'fucking good story' werden, heißt es gleich zu Beginn des Films." Dieser "öffnet sich wie ein flirrender Bewusstseinsstrom, der beständig auf der Suche zu sein scheint: nach anderen Bildern, einer anderenArt, übersexuellesTraumaundweiblicheLust zu sprechen, über den Leistungssport und das komplizierte Leben im Körper einer Frau. Stewarts Debüt verströmt die wütende und verletzliche Energie von Punk-Poetinnen der 90er, einer Fiona Apple etwa oder einer Kim Gordon." ScarlettJohannsons Film über eine betagte Frau, die sich die Holocaust-Erinnerungen einer verstorbenen Freundin zueigen macht, fällt bei Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek ("sympathieheischend, tränendrückend") und Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ("viel melancholisches Klaviergeklimper") hingegen durch.
Mehr aus Cannes: MaschaSchilinski, LynneRamsay und ChristianPetzold lassen ihre Filme allesamt in verhext anmutenden Häusern spielen, ist Katja Nicodemus von der Zeit aufgefallen. Auf Artechockresümiert Rüdiger Suchsland die letzten Festivaltage mit zahlreichen Notizen und Beobachtungen. "Ist KevinSpacey nun wieder salonfähig", fragt sich Andreas Scheiner (NZZ) nachdem der seit einem MeToo-Skandal verfemte Schauspieler am Rande des Filmfestival in Cannes (und bei einer Veranstaltung, die nicht zum Festival gehört) für sein Lebenswerk geehrt wurde.
Fernab der Croisette: Knut Henkel spricht in der Jungle World online nachgereicht mit dem kubanischen Regisseur FernandoPérezValdés, der sich für freie Meinungsäußerung in Kuba und den unabhängigen Film einsetzt. Besprochen werden Athina Rachel Tsangaris "Harvest" (Perlentaucher, Standard), ChristopherMcQuarries "Mission Impossible: Final Reckoning" mit TomCruise (Perlentaucher) und "Sehnsucht", der dritte Teil aus DagJohanHaugeruds "Oslo Stories"-Trilogie (taz).
Szene aus Jafar Panahis "Ein einfaches Urteil" Beim Filmfestival in Cannes hat JafarPanahi seinen neuen Film "Ein einfacher Unfall" vorgestellt, der (erneut unter klandestinen Bedingungen gedrehte) Film handelt von einem iranischen Gefängnisaufseher, der dem Mann wiederbegegnet, den er im Gefängnis gequält hat. Katja Nicodemus konnte für die Zeit mit dem selbst lange vom Teheraner Regime weggesperrten Regisseur sprechen. Dieser zeigt sich sehr zuversichtlich, dass es mit den islamistischen Machthabern eher bald als spät zu Ende geht: Sie haben Angst, "nicht nur vor dem Kino, vor Büchern, Musik. Sie stecken Musiker und Wissenschaftler ins Gefängnis, Journalisten und Soziologen, weil sie spüren, dass ihre Macht ein Ende hat. Der Schrecken, den sie verspüren, ist der Schrecken des nahenden Zusammenbruchs, der Schrecken der eigenen Schwäche. Eine leere Hülse, das ist es, was von der Islamischen Republik geblieben ist. Diese Republik existiert nicht mehr, sie hat für die Mehrheit der Bevölkerung jede Legitimation verloren. Und weil das Regime das sehr genau weiß, verwandelt es seine Angst in Repression. Allein die Tatsache, dass sich das Regime so obsessiv an der Frage aufhängt, wie Frauen ihre Haare zu tragen haben, ist das Zeichen seines nahenden Zusammenbruchs."
Auf der ans Festival angedockten Kinomesse in Cannes präsentierte das MuseumAuschwitz-Birkenau erste Eindrücke seines unter anderem von der polnischen Autorenfilmerin Agnieszka Holland betreuten Projekts "Picture from Auschwitz", berichtet David Steinitz in der SZ. Dabei stellt das Museum einen hochauflösenden3D-ScanderRäumlichkeiten des früheren Konzentrationslagers zur Verfügung, der als digitale Filmkulisse verwendet werden kann - das reale Gelände ist für große Filmcrews seit Jahrzehnten nicht mehr zugänglich, nur kleine Doku-Teams haben Zugang. Diese Lösung "mag durchaus einfacher sein", schreibt Steinitz, sieht aber die Diskussionen bereits heraufdämmern. "Denn die Möglichkeit oder eben Unmöglichkeit, die industrielle Vernichtung von Millionen Juden bebildern zu können, sorgt seit jeher für Streit." Auch "wenn die Filmemacher deutlich skrupulöser mit dem 'Stoff' umgehen: Die am Fließband Ermordeten sind nun mal kein Material für Geschichten, an deren Ende man zufrieden denken kann, das Wesentliche gesehen zu haben. Wofür es keine Versöhnung geben kann, wofür es kein Verständnis geben darf, entzieht sich dem engen Korsett der filmischen Erzählkonventionen."
Ansonsten ist beim Festival eher durchhängen angesagt. Entgegen landläufigen Auffassungen laufen in Cannes nämlich keineswegs "ausnahmslos Meisterwerke", wie Tim Caspar Boehme in der tazversichert. Die neuen Filme von JuliaDucournau (Cannes-Gewinnerin 2021) und TarikSaleh konnten ihn jedenfalls nicht überzeugen. Ja, "Cannes wartet immer noch auf sein diesjähriges Meisterwerk", seufzt auch Rüdiger Suchsland auf Artechock. DenzelWashington wurde nach der Cannes-Premiere des neuen Spike-Lee-Films "Highest 2 Lowest" für alle und insbesondere für ihn überraschend mit einer Ehrenpalme honoriert, berichtet Valerie Dirk im Standard. Am Rande von Cannes - und auf einer Veranstaltung, die mit dem Festival nicht affiniert ist - wird der seit MeToo verfemte KevinSpacey für sein Lebenswerk geehrt, berichtet Jan Küveler in der Welt. Fernerhin ist in Cannes eine Palme umgefallen (und, okay, hat eine Person dabei verletzt), berichtet Andreas Scheiner in der NZZ.
Weiteres: Thomas Abeltshauser spricht für die taz mit der Regisseurin AthinaRachelTsangari über ihren Film "Harvest" nachdem gleichnamigen Roman von JimCrace. Im Filmdienstblickt Susanne Gietl zurück auf 50 Jahre IndustrialLight & Magic, der Special-Effects-Schmiede von GeorgeLucas. Hanns-Georg Rodek ärgert sich in der Welt über das Ende der FilmbewertungsstelleWiesbaden: Ja wollen denn wirklich alle nur noch selbst bestimmen, in welche Filme sie gehen, zählt das objektive Urteil von Fachleuten denn überhaupt nichts mehr?
Besprochen werden MehdiIdirs und GrandCorpsMalades Biopic über CharlesAznavour (critic.de, Presse) sowie JenniferMallmanns Dokumentarfilm "Moria Six" über den Brand im FlüchtlingslagerMoria auf der griechischen Insel Lesbos im Jahr 2020 (critic.de, SZ).
Nachgebildete Ikonen: Brille und Nase sitzen perfekt in Richard Linklaters "Nouvelle Vague" Mit "Nouvelle Vague" erzählt RichardLinklater von der Entstehung von Jean-LucGodards "Außer Atem", der filmischen Keimzelle der tatsächlichen "Nouvelle Vague". Im Wettbewerb von Cannes feierte der Film nun Weltpremiere und ist "ein cinephiles Glaubensbekenntnis" geworden, freut sich FR-Kritiker Daniel Kothenschulte. "Der kaum bekannte Nachwuchsschauspieler GuillaumeMarbeck bringt gerade genug jugendliche Arroganz in die Rolle, um die Sympathie nicht zu verlieren. Leichthändig werden Godards Lehrstunden bei RobertoRossellini oder Jean-PierreMelville eingebaut und keine noch so kleine historische Randfigur vergessen. Dann hält die rasante Handlung zwei Sekunden inne für einen Namen und einen Blick in die Kamera. ZoeyDeutch ist als skeptischer Hollywoodstar von der echten JeanSeberg nicht zu unterscheiden, und AubryDullin ist so rotzfrech wie der junge Belmondo, dass man eine Serie von Remakes seiner Rollen mit ihm neu verfilmen möchte. Statt historischer Ehrfurcht hinterlässt Linklaters Film eine Wolke kreativer Energie."
Jan Küveler staunt in der Welt über den enormen Recherche- und Designaufwand, der in diesen "Wunderwerk" geflossen ist: "Man fühlt sich, als hätte man das Negativ eines Mythos gefunden - und sähe in Echtzeit in der Dunkelkammer bei der Belichtung zu." Dieser Film "ist ein irrwitzig präzises, uneingeschränkt nostalgisches und doch radikal gegenwärtiges Kunststück - ein Film über einen Film, ein Film über das Filmemachen, ein Film über die Idee des Filmemachens. Man sieht dem modernen Kino dabei zu, wie es sich selbst erschafft. Die Ironie ist dabei so extrem, dass sich Godard scheckig gelacht hätte: Im krassen Gegensatz zu Linklaters minutiöser Fleißarbeit ist die Nouvelle Vague als ästhetische Bewegung gerade für ihre Umarmung der Improvisation bekannt, ihr Bekenntnis zur Lebendigkeit und Spontaneität, ihren Verzicht auf alles Gestellte."
Eine Hagiografie ist der Film nicht geworden, entwarnt Dunja Bialas auf Artechock. "Godard ist bei Linklater ein arroganterSnob, der mit Zitaten um sich wirft und seine Umgebung immer wieder vor den Kopf stößt, aber eine Vision vom Kino hat." Aber "warum hat Linklater diesen, zugegeben sehr unterhaltsamen Film gemacht? Vielleicht ist es übertrieben, dies als parasitäresFilmschaffen zu bezeichnen, vielleicht sollte man es lieber etwas abgemildert Secondhand Movie, Upcycling nennen. ... Wenn die origniären Stoffe ausgehen, wenn die Kulturwelt und die Welt generell von einer wehmütigen Nostalgie-Welle erfasst wird - weißt du noch damals, als alles begann, wie verrückt alles war? -, bleiben wenigstens die Backstage-Momente." In mystischen Sphären: "Sirât" von Óliver Laxe Josef Lederle resümiert hier und dort im Filmdienst die Festivalfilme der letzten Tage und kommt dabei auch auf ÓliverLaxes in Marokko angesiedeltes Roadmovie "Sirât" zu sprechen. Die Geschichte eines Vaters, der gemeinsam mit seinem Sohn seine verlorene Tochter sucht, und dabei in die Wirren von weitab in der Natur gelegenen Raves und militärischen Ausnahmezuständen gerät, gehört zu den kontroversen Beiträgen dieses Festivaljahrgangs. "Mit großer Kunstfertigkeit verbindet Laxe mächtigeCinemaScope-Bilder von Sanddünen und schroffen Gebirgsformationen mit der basslastigen Techno-Musik und der ZeitlosigkeitdesRaves, was als untergründiger Rhythmus den ganzen Film durchzieht. Die in die Jahre gekommenen Raver sind ähnlich wie ihre Camper und Unimogs ausgemergelte, von Sonne, Drogen und einem Vagabundenleben gezeichnete Gestalten. Nur im Stampfen und Rollen des ohrenbetäubenden Sounds scheinen sie in mystische Sphären zu driften. ... ParadiesundVerdammnis" bilden die "Eckpfeiler einer Tour ins Ungewisse ... mit grandiosen Bildern und hypnotischen Montagen."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mehr aus Cannes: Mit ihrem in Cannes gezeigten Regiedebüt "The Chronology of Water" (nach LidiaYuknavitchs Roman "In Wasser geschrieben") etabliert sich KristenStewart im Nu als Autorenfilmerin, stellt Maria Wiesner in der FAZ fest. Jan Küveler spricht für die Welt mit Wes Anderson, der mit seinem nächste Woche auch bei uns regulär im Kino startenden (und in der Pressebesprochenen) "The Phoenician Scheme" im Wettbewerb vertreten ist. Tazler Tim Caspar Boehme schreibt kursorisch über die Wettbewerb-Highlights der letzten Tage. Artechock-Kritiker Rüdiger Suchsland lässt sich von Robert de Niro ganz in den Bann ziehen. Für den critic-Podcast von der Croisette versammeln sich Till Kadritzke, Hannah Pilarczyk, Dunja Bialas und Valerie Dirk vor dem Mikrofon. Außerdem bietet critic.de mit seinem Kritikerspiegel wieder einen schnellen Überblick über Tendenzen und Programm.
Abseits der Croisette: Katja Nicodemus plaudert für die Zeit mit dem früheren Berlinale-Leiter DieterKosslick über den zweiten von ihm verantworteten Jahrgang von "Green Visions", einem Potsdamer Festival für Natur- undUmweltfilme. Besprochen werden NaderSaeivars vorerst nur in Österreich startendes, iranisches Drama "The Witness" (Standard) und NikiSteins und StefanAustsARD-Dokudrama "Stammheim - Zeit des Terrors" (FAZ).
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