Im Kino
Die Italianità wird abserviert
Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
08.09.2025. Die Actionszenen in Gabriele Mainettis hybridem Kampfkunst-Familiendrama "Kung-Fu in Rome" sind eher bodenständig geraten. Dennoch gelingt dem Regisseur ein weiteres Mal politisch engagiertes Populärkino mit Ecken und Kanten.
Auf der Spur ihrer verschwundenen Schwester Yun begibt sich die junge Mei in die Hände von Menschenhändlern, die sie, wie zuvor die Schwester, aus der Volksrepublik China nach Rom verschleppen. In der ewigen Stadt angekommen, bekommt das organisierte Verbrechen von Mei auf die Fresse. Sie flieht aus dem Komplex von Bordell, Massagesalon und illegalem Casino, der sich hinter der Fassade eines chinesischen Restaurants mit dem Namen "Die verbotene Stadt" verbirgt, in die Straßen des Viertels Esquilino im Osten der Altstadt. "La città proibita" wie das Restaurant und der Film auf italienisch heißen, beginnt mit einer Szene aus dem Martial-Arts-Kanon, in der der Vater Meis und ihrer Schwester Yun die beiden in den Kampfkünsten unterweist. Meis Schlagkraft überrascht also nicht, anders als das Spiel mit den Orten, das der italienische Regisseurs Gabriele Mainetti aufführt. Erst als Mei sich aus dem Restaurant auf die Straße rettet, versteht man als Zuschauer, dass die Szene mit den Menschenhändler:innen mitten in Rom gespielt hat.
"Kung Fu in Rome", wie Mainettis Film auf Deutsch heißt (warum Rom in der englischen Schreibweise im Titel firmiert, bleibt unklar), ist die Geschichte von Meis Suche. Die führt sie direkt zu Beginn in ein italienisches Restaurant, dessen Besitzer Alberto die letzte Spur zu ihrer Schwester zu sein scheint. Doch wie ihre Schwester ist Alberto verschwunden, was Mei (Yaxi Liu) wiederum durch Kloppe herausfindet - dieses Mal trifft es Albertos Sohn Marcello (Enrico Borello).
Das Restaurant ist in klassischer Manier ein Knotenpunkt der Geschichte. Es eröffnet Mainelli erstens die Möglichkeit, die Bewohner:innen des Viertels zu porträtieren. Sichtbar werden dabei die vielfältigen Migrationseinflüsse der Bevölkerung Roms. Śānti, der zweite Koch des Restaurants, kommt aus Pakistan, viele der Menschen auf den Straßen aus afrikanischen Ländern. Zweitens stiftet das Restaurant einen Bezug zum lokalen organisierten Verbrechen. Annibale (Marco Giallini) ist ein alter Freund der Betreiberfamilie, die dessen Rassismus ebenso dulden wie seine krummen Deals. Und drittens wird die Suche nach Meis Schwester und Marcellos Vater die beiden schon bald zu Verbündeten machen.

Mainetti Langfilmdebüt "Lo chiamavano Jeeg Robot" ("Sie nannten ihn Jeeg Robot") von 2015 war ein interessanter Versuch mit minimalen Mitteln einen Superheldenfilm zu drehen. Mit seiner Hommage an die Manga- und Animeserie "Kotetsu Jeeg" (Jeeg aus Stahl) griff Mainetti geschickt die in Italien vor allem unter Jugendlichen diverser Subkulturen extrem ausgeprägte Faszination für japanische Populärkultur auf und band sie in einen Film ein, der das Leben in einer heruntergekommenen Vorstadt Roms schildert. Der Held wird durch den Kontakt mit radioaktivem Material im Tiber zum Superhelden. Der Film machte eine steile Festivalkarriere.
Sechs Jahre später folgte "Freaks Out", Mainettis zweiter Langfilm über eine Zirkustruppe, die sich unter einem jüdischen Leiter namens Israel mitten im Zweiten Weltkrieg erst in Italien durchschlägt, bevor die Gruppe sich gegen die Deutschen verbünden muss, um ihren Leiter zu retten. "Freaks Out" gewann auf den Filmfestivals in Venedig und Rotterdam Preise und etablierte Mainettis Kino im Spagat zwischen Festival- und Populärkino.
Interessanterweise scheint dieser Spagat bei "Kung Fu in Rome" bislang nicht recht funktioniert zu haben. Statt einer Premiere auf einem Festival wurde der Film im Frühjahr direkt in den italienischen Kinos gestartet. Auch finanziell läuft es bislang durchwachsen. Während die Budgets von Mainettis Filmen steigen, sinken die Einnahmen an italienischen Kinokassen. Bei seinem Langfilmdebüt stand einem Budget von gut anderthalb Millionen Euro knapp sechs Millionen Euro Einnahmen gegenüber, Mainettis neuster Film spielte in Italien nur gut ein Zehntel seines Budgets von 16 Millionen ein.
"Kung Fu in Rome" ist in gleich mehrfacher Hinsicht hybrid. Er verwebt den Martial-Arts-Actionthriller um Mei, ihre Schwester und das chinesische organisierte Verbrechen in Italien mit einem Familiendrama um Marcello, seine Mutter und den verschwundenen Vater. Das gibt Mainetti auch die Möglichkeit, die Schwächen seines Actionskinos etwas einzufangen. So sehen die Kampfkunstchoreografien des Films im Vergleich zu artistischen Szenen des früheren Hongkong-Kinos oder auch des Martial-Arts-Kinos der Gegenwart aus der Volksrepublik eher bodenständig aus, obwohl Yaxi Liu zuvor vor allem als Stunt-Double gearbeitet hat.
Mainetti kombiniert die filmischen Logiken der beiden Filmformen, viel Kamerabewegung hier, ruhige Szenen mit orchestraler Musik da und webt einige Moment der Retrohudelei im Sinne der Brüder Manetti ein (von ganz fern grüßt auch das Kino Tarantinos). Marcellos Mutter Lorena (Sabrina Ferilli) entfernt zu einem melancholischen Hit der italienischen Pop-Cantautrice Patty Pravo die Krawatten des verschwundenen Vaters aus dem gemeinsamen Schrank, Marcello erwischt Annibale eines Abends per Telefon dabei, wie der - hier kippt der Film kurz in den Kitsch - daheim in Pantoffeln am Keyboard Fabrizio de André mitsingt und anschließend einem imaginären Publikum dankt. Am wichtigsten aber: Mainetti stellt den patriarchalen Nationalismus, die Bedeutung von Familien- und damit letztlich Blutslinien, von Tradition, die das chinesische und italienischen organisierte Verbrechen teilen, dem Freiheitsbedürfnis von Mei, Marcello und dessen Mutter Lorena gegenüber. Hier darf man kurz einfügen, dass es kein Zufall ist, dass Mainettis Film von zwei Restaurants zweier Kulturen handelt, die von der Qualität ihres Essens besessen sind. Für einen Mainstreamfilm überraschend entschieden serviert "Kung Fu in Rome" jeden Gedanken an eine Italianità, wie sie in der aktuellen Politik Italiens wieder ihr Unwesen treiben, und völkische Gedanken generell ab.
In Mainettis neustem Film tritt eine liberale Ader an die Oberfläche, die das Kino des Regisseurs immer prägte, aber bisher hinter dem unbedingten Willen zu einem populären Genrekino zurücktrat. Mainetti beharrte von Anfang an auf einem Kino mit Ecken und Kanten, das sich dem auch im italienischen Kino der Gegenwart unübersehbaren Trend verweigert, Genrekino nur noch in der Glossy-Arthouse-Spielart zuzulassen. Die Arthouse-Szenen in "La città proibita" sind unabdingbar für den politischen Punkt, den der Film macht, und kein Zugeständnis. Im Mai war der Film in Deutschland als Preview auf den Fantasy Filmfest Nights zu sehen, scheint also durchaus auf Interesse zu stoßen. Für den Kinostart in Deutschland ist "Kung Fu in Rome" zu wünschen, dass er sowohl die wenigen italophilen Kinogänger:innen als auch ein genreaffines Publikum erreicht.
Fabian Tietke
Kung-Fu in Rome - Italien 2025 - OT: La città proibita - Regie: Gabriele Mainetti - Darsteller: Enrico Borello, Yaxi Liu, Sabrina Ferilli, Marco Giallini u.a. - Laufzeit: 138 Minuten.
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