Im Kino

Das Wispern hinter den Dingen

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh
26.08.2025. So etwas hat man im deutschen Kino schon lange nicht mehr gesehen:  Mascha Schilinskis flirrendes Filmexperiment "In die Sonne schauen", das für Deutschland ins Rennen um die Oscars geht, taucht tief ein ins Gewebe einer Welt, an der man sich stößt, in der Gewalt - mal ernst, mal neurotisch unterfüttert spielerisch - als Potenzial in jedem Winkel lauert.

Zu den Dingen, die man aus der Kindheit als Erwachsener meist schnell vergisst, zählt die ganz spezielle Faszination von Tod und Schmerz, die, im Moment des Gewahrwerdens der eigenen Sterblichkeit, in den kleinen Körper dringt: Plötzlich ist man umringt von nichts als Gefahren, vielleicht auch Schmerzlust-Potenzialen oder Mutproben-Angeboten. Spielerisch erprobt man untereinander Schmerz-Szenarien vom Bad in Brennnesseln bis zum mutigen Gang ins nahe Gewässer, plant nach Frust-Nichtigkeiten in den Elternhäusern nicht minder spielerisch (aber trotzdem in weihevollem Ernst) mit besten Freunden den Gruppensuizid und denkt über die (zum Glück ja nur vermeintliche) Tödlichkeit von (an sich sehr friedfertigen) Hornissen nach. Oder man gibt sich gemeinsamen melodramatischen Gedankenexperimenten hin, was denn wohl wäre, wenn jetzt, beim Spiel im Feld, der Mähdrescher käme und er wäre viel zu laut, als dass man auf sich aufmerksam machen könnte, und auch viel zu schnell, als dass man vor ihm fliehen könnte. Es war, als wäre man fremdgesteuert, hypnotisiert. Und ja, zugegeben, wenn man sich die Beispiele ansieht: Vielleicht ist dieser Child Gothic auch sehr spezifisch an eine Kindheit auf dem Land oder eine Kindheit in der Generation X gebunden, der man bekanntlich nachsagt, dass ihre Behütetheit gerade im Unbehütet-Sein bestand.

In die Sonne schauen. Auch so etwas aus der Kindheit, was man nicht machen soll, davon wird man blind, hat man gehört, man macht es natürlich trotzdem, spielt mit der Verletzbarkeit des eigenen Körpers, erfährt ihn dadurch im Moment flirrender Entgrenzung - eine Sekunde noch, eine weitere… "In die Sonne schauen", so heißt auch Mascha Schilinskis zweiter Film, der in Cannes bereits für großes Aufsehen gesorgt hat und nun als deutscher Kandidat ins Oscarrennen gehen soll. Beides sowas von zurecht - einen solchen Film hat es in Deutschland lange nicht gegeben, er wird, bleibt zu hoffen, lange bleiben. Und er taucht tief ein ins Gewebe einer Welt, an der man sich stößt, in der Gewalt - mal ernst, mal neurotisch unterfüttert spielerisch - als Potenzial in jedem Winkel lauert. Verinnerlicht wird. Ausagiert wird, oft erst Generationen später. Ein Film, in dem die Realität zu flirren beginnt, ebenso, als würde man in die Sonne schauen. Ein Film, der tief schöpft aus den Sedimenten kindlicher Todeshypnotisiertheit.

Ein Gutshof in Sachsen-Anhalt und dessen Umgebung, ein Fluss in Grenznähe. Schlaglichter auf vier Zeiten in der Geschichte dieses Hofs - aus der Zeit von vor dem Ersten Weltkrieg bis heute. Stets stehen die Frauen im Vordergrund. Stets ist da die Ahnung von Gefahr, von Tod, davon, dass diese Welt nicht zum Besten eingerichtet ist - mal wird dies kindlich-spielerisch ertastet und erprobt, mal konkret erlitten. Eindrücke aus der Geschichte des Patriarchats in unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Und nicht zuletzt auch: eine kleine Geschichte über Sprache und Habitus im Wandel.


Ein kleines Mädchen namens Alma (Hannah Heckt) entdeckt zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Totenfotografie aus der eigenen Familie und erfährt, dass das tote Kind auf dem Bild eine ältere Schwester selben Namens ist. Ihrem älteren Bruder wird ein Bein abgenommen. In den Vierzigern geht von diesem eine erotische Faszination auf die junge Erika (Lea Drinda) aus, die sich ihrerseits ein Bein abbindet. In den Achtzigern, zur Zeit der DDR, sucht Angelika (Lena Urzendowsky) körperliche wie politische Grenzerfahrungen - derweil sie ihr Onkel missbraucht, während dessen Sohn ebenfalls was von ihr will. Und in der Gegenwart lebt eine Familie aus Berlin hier, die den verlassenen Hof wieder herrichtet - während die kleine Tochter von einer diffusen Todessehnsucht heimgesucht wird.

Schilinski und ihre Drehbuchautorin Louise Peters - beide entwickelten den Stoff auf eben jenem Hof, auf dem sie 2020 Corona überwinterten - erzählen all dies nicht gefällig sortiert, sondern in einem suchenden Strom (Kamera: Fabian Gamper) assoziativer Erzählpartikel. Dies aber nicht im hohen Ton bleierner Virtuositätssucht (wie sie kürzlich im schauderhaften "Das Licht" mal wieder Tom Tykwer in Beschlag genommen hat) und auch nicht im Stil einer athletisch durchrecherchierten Ausstattungsarie, sondern völlig organisch, weil es für diese Art einer durch die Geschichte gleitenden Geistererzählung keinen manifesten, sondern nur einen latenten Erzählstil geben kann. Vieles hängt mit vielem zusammen - aber eben bei weitem nicht "alles mit allem", wie dies manch schwerfälliger Arthouse-Bolide jede Minute dröhnend von der Leinwand ruft.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Geister und Gespenster im Bettlakenstil huschen hier keine durch die Gänge. Das Geisterhafte ist das Wispern hinter den Dingen, hinter den Zeitläufen. Erinnerungen, die nicht die eigenen sind. Neurosen, die per Osmose über die Generationen weiterwirken. Phantomschmerzen. Unbewusste Korrespondenzen zwischen Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten und in völlig unterschiedlichen Familien lebten. Als wären - wie einst in Peter Sasdys und Nigel Kneales britischem TV-Horrorklassiker "The Stone Tapes" von 1972 - die Steine des Hauses selbst das Medium einer Übertragung. Oder vielleicht auch, als wäre der Film selbst eine geisterhafte Instanz, die durch diese Zeiten schwirrt - immer wieder fällt ein Blick in die Kamera, immer wieder fällt ein Blick auf eine alte, geisterhaft verzerrte Fotografie.


"In die Sonne schauen" ist bei allem, was er an Schroffheiten und Gemeinheiten erzählt, die den Frauen widerfährt, ein ungeheuer zarter, zärtlicher, melancholischer Film. Nicht zuletzt aufgrund des ultra-auflösenden Sounddesigns, das die physische Wirklichkeit im Sinne Kracauers noch einmal ganz eigen auf ASMR-artige Weise aufhebt, entstehen Ambient-Qualitäten, die gut zu einer dem erwachsenen Kunst-Horrorfilm der Siebziger artverwandten Weirdness passen.

Ein fragiler Film über fragile Körper, fragile Seelen. Ein Film, durch den man gleiten, den man erfahren kann - der einen nicht im Allerlei der Beliebigkeit absaufen lässt, der aber auch nicht jede Sekunde durchkonzeptionalisiert ist, sondern sich immer wieder aufs Neue fürs Offene entscheidet. Ein weirder, also ein in jeder Hinsicht des Wortes merk-würdiger Film.

Man weiß danach nicht, was man sich wünscht: ob er Solitär bleiben oder doch lieber Schule machen soll.

Thomas Groh

In die Sonne schauen - Deutschland 2025 - Regie: Mascha Schilinski - Darsteller: Hanna Heckt, Lea Drinda, Lena Urzendowsky, Laeni Geiseler, Susanne Wuest u.a.