Andreas Scheiner porträtiert in der NZZ die Schauspielerin JuneSquibb, die gerade mit 94 Jahren in "Thelma" ihre erste Hauptrolle gespielt hat. Valerie Dirk stellt im Standard auf der Viennale gezeigte restaurierte Filmklassiker vor, während ihre Kollegin Esther Buss über das Kurzfilmprogramm des Festivals schreibt. Besprochen werden AlfonsoCuaróns Apple-Serie "Disclaimer" mit CateBlanchett (Freitag), Andreas Dresens "In Liebe, eure Hilde" (NZZ, unsere Kritik), die von der ARDonline gestellte Serie "Schwarze Früchte" (taz) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Under the Bridge" (FAZ).
Liv Lisa Fries in Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" Andreas Dresen erzählt in "In Liebe, Eure Hilde" die Geschichte von HildeCoppi, die sich im Nationalsozialismus der kommunistischen Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" anschließt und dafür, wie ihre Genossen, von den Nazis ermordet wird. Der Filmemacher widmet sich hier "den verschiedenen Arten von Kommunikation, jenseits des gesprochen Wortes", schreibt Carolin Weidner im Perlentaucher. "Es geht um Verschlüsseltes und Körperliches, Unkontrollierbares und Heimliches. Innerhalb eines Systems, das den offenen Ausdruck, die freie Meinungsäußerung verbietet, müssen sich andere Wege finden. Die Rote Kapelle als solche ist ein gutes Beispiel dafür. Aber da ist auch der von LivLisaFries sehr ausdrücklich gespielte Körper mit seinen Schmerzen, Trieben und Reflexen, der sich nicht belügen lässt und nicht zur Lüge fähig ist. Er wird zum eigentlichen Barometer, kündet von Lust und Fassungslosigkeit, überwindet Grenzen und sendet Botschaften. Er befindet sich, einfach, indem er ist, im Widerstand."
Der Film ist vom "Zauber des Alltäglichen" durchdrungen, schreibt Andreas Kilb in der FAZ. "Die Tatsache, dass die Widerstandskämpfer ein Leben hatten und nicht nur eine Mission, war in den Deutungskämpfen des Kalten Krieges vergessen worden. Dresens Film bringt sie wieder zum Vorschein. Als der Henker sein Werk an Hilde Coppi verrichtet und Hans Coppi junior, der Sohn, seinen Schlussmonolog gesprochen hat, zeigt er noch einmal, worum es ihm geht. Ein Tanzvergnügen irgendwo im Grünen, Hans und Hilde begegnen sich zum ersten Mal. Er fordert sie auf, und sie tanzen Walzer, selbstvergessen und sanft. Das Gewicht alles dessen, was man vorher gesehen hat, liegt auf diesem Bild. Deshalb vergisst man es nicht." Für die Zeit porträtiert Peter Kümmel die Hauptdarstellerin, Wolfgang Hamdorf hat für den Filmdienst mit Dresen gesprochen.
Eher "Wall Street" als "Citizen Kane": "The Apprentice" von Ali Abbasi In den USA ist AliAbbasis mitten im Wahlkampf losgelassenes Biopic "The Apprentice" über die Lehrjahre des jungenDonaldTrump natürlich der ganz große Aufreger. Republikaner halten den Film für "election interference", also Beeinflussung des Wahlgeschehens - auch, weil der Film eine Szene beinhaltet, in der Trump seine damalige Ehefrau Ivana vergewaltigt. "Wie so oft allerdings, wenn Trump eine Öffentlichkeit bekommt und sei sie noch so kritisch, könnte selbst dieser bitterböseFilm ihm nützen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Was das Drama so geschmeidig macht, ist auch sein Verhängnis: Der Regisseur von 'Holy Spider' adaptiert die bewährten Muster wirtschaftlicher Aufstiegsgeschichten, deren Erfolg meist doch auf Identifikation beruht - und sei es mit den erfolgsverwöhnten Schurken. So ist ihm eher eine Art Trump-Version der Michael-Douglas-Figur in 'Wall Street' gelungen als ein neuer 'Citizen Kane' - mitreißend, aber auf zwiespältige Weise." Auch Hannes Stein in der Welthält die Vorstellung, dass dieser Film "irgendwelche Trump-Anhänger dazu bringen könnte, ihr Idol zu verraten", für reichlich illusionär: "Sie verehren Trump nicht trotz seiner Hässlichkeit, sondern wegen seiner Hässlichkeit."
Weitere Artikel: Valerie Dirk spricht für den Standard mit DavidCronenberg, der auf der Viennale seinen neuen Film "The Shrouds" zeigt. Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die Retrospektive RobertKramer im Österreichischen Filmmuseum und auf der Viennale (mehr zu Kramers Filmen bereits hier). JamieBabbits 1999 entstandene Komödie "But I'm A Cheerleader" war unserer Gegenwart in Sachen Genderpolitik um einiges voraus, schreibt Mina Marschall in der FAZ. Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt feiert das 100-jährige Bestehen des Frankfurter Flughafens mit einer Filmreihe, schreibt Sonka Weiss im Filmdienst.
Besprochen werden der Dokumentarfilm "Krieg oder Frieden", in dem ElfiMikesch anhand des brandenburgischen Wünsdorf sich mit der Frage befasst, wie sich Militäranlagen friedlich umwidmen lassen (taz), Ramon Zürchers auf der Viennale und in den deutschen Kinos gezeigtes Familiendrama "Der Spatz im Kamin" (Standard, unsere Kritik), DaniRosenbergs israelischer Antikriegsfilm "The Vanishing Soldier" (FR), ParkerFinns Horrorfilm "Smile 2" (Perlentaucher), ein Prachtband aus dem Taschen Verlag zur Geschichte von DonaldDuck (FAZ), die DVD-Ausgabe von JérômeBonnells "Auf die Freude" (taz), und CyrillBoss' und PhilippStennerts Fantasyfilm "Hagen - Im Tal der Nibelungen" (SZ). SZ und Filmdienst informieren außerdem über die Filmstarts der Woche.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Mit regem Interesse liest Georg Seeßlen für Zeit OnlineAl Pacinos Autobiografie "Sonny Boy": Der Schauspieler "ist der Meister der Verlierer." Im Kino ist er "ein Kerl, dem wir beim Verlieren zuschauen wollen. Beim schönen Verlieren. Wenn er verliert, hat er unsere volle Sympathie, mehr als das, und wenn er gewinnt, verwandelt er sich in ein Monster: 'Scarface' (1983), diese Film-Oper der Gewalt von Brian de Palma, in der alles noch einmal verdichtet ist, von der Realität des (Einwanderer-)Gangsters in die Hyperrealität der amerikanischen Mythologie." Doch "Pacino, der einem auf der Leinwand immer gefährdet und bedrohlich erscheint, zwischen dem 'Hundeblick', mit dem einer wie er immer durchkommt, und der Explosion der Gewalt - dieser Al Pacino begegnet einem in seiner Biografie als offener, freundlicher und durchaus selbstkritischer Kerl." Der Guardianbringt einen großen Auszug aus dem Buch, in dem sich Pacino an die Dreharbeiten zu "Der Pate" erinnert.
Außerdem: Andreas Kilb (FAZ) und Gunda Bartels (Tsp) gratulieren CorinnaHarfouch zum 70. Geburtstag. Besprochen werden AlfonsoCuaróns auf Apple TV+ gezeigte Serie "Disclaimer" mit CateBlanchett ("ein Streamingjuwel", jubeltSZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh online nachgereicht vom TA), AndreasDresens "In Liebe, Eure Hilde" über HildeCoppi, die im Nazi-Deutschland Teil der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" war (Welt), Javier Espadas Kino-Dokumentarfilm über LuisBuñuel (online nachgereicht von der FAZ), JuusoLaatios und JukkaVidgrens Metalkomödie "Heavier Trip" (taz), MałgorzataSzumowskas und MichałEnglerts "Frau aus Freiheit" über eine Transfrau in Polen (Standard), CyrillBoss' und PhilippStennerts deutsches Fantasyepos "Hagen - Im Tal der Nibelungen" (Standard), die auf MagentaTV gezeigte Serie "Joan" (FAZ) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Last Days of the Space Age" (FAZ).
Noch habe er keine offizielle Post von TrumpsAnwälten bekommen, erzählt der Regisseur AliAbbasi im NZZ-Gespräch über seinen Film "The Apprentice" über den jungen DonaldTrump. Der Film behauptet in einer Passage auch, Trump habe seine damalige Frau Ivana vergewaltigt. "Die Szene basiert auf Ivanas eidesstattlicher Aussage vor Gericht. Diese Aussage existiert. Sie hat sie nicht zurückgenommen. Sie hat es auch erneut in ihren Memoiren geschildert. ... Wenn es um eine rechtlich unbehelligte Person ginge, dann wäre die Beweislast klar bei uns. Hier geht es um eine Person, die schon einmal verurteilt worden ist. Trump wurde wegen sexuellen Missbrauchs von einem Zivilgericht in New York schuldig gesprochen. Es gab auch die 'Grab 'em by the pussy'-Aussage. Und erst vergangene Woche kam heraus, dass er Backstage bei einem Schönheitswettbewerb diverse Models zu küssen versuchte. Es gibt also ein Muster. Es gibt frühere Vorfälle. Es gibt Beweise. Es gibt eine Verurteilung. Kann ich zu hundert Prozent dafür bürgen, dass es so war, wie wir es darstellen? Nein. Aber kann ich für irgendeine Szene in dem Film bürgen? Es ist ein Spielfilm."
Im Tagesspiegel-Gespräch mit Andreas Busche und Christiane Peitz versprüht die neue Berlinale-Leiterin TriciaTuttle viel Zuversicht, wird aber wenig konkret. Auf reinen Inhaltismus hat sie aber keine Lust, sagt sie: "Es trifft nicht nur auf die Berlinale zu, dass die Auseinandersetzung mit Filmen mehr und mehr einer Nachrichten-Agenda folgt, weniger der Agenda von Kunst und Kultur. Das fing mit MeToo an, oder sogar schon mit der Kontroverse um Streaming und Kino. Jetzt kommen all die geopolitischen Themen hinzu, die Kriege und Krisen. Wir sollten uns gemeinsam darum bemühen, Filme als Filme zu würdigen und nicht als Transportmittel für Inhalte oder Ansichten."
Außerdem: Standard-Kritiker Karl Gedlicka empfiehlt zwei Filme von HongSang-soo auf der Viennale. Im Filmdienstgratuliert Daniel Moersener UdoKier zum 80. Geburtstag. Besprochen wird MichelFrancos Demenzdrama "Memory" mit JessicaChastain und PeterSarsgaard (Presse),
Léa Seydoux in "The Beast" von Bertrand Bonello Bertrand Bonellos Science-Fiction-Film "The Beast" mit LéaSeydoux (unsere Kritik) ist Yorgos Lanthimos' "Poor Things", mit dem er letztes Jahr im Wettbewerb von Vendig lief, gar nicht mal so unähnlich, findet Dietmar Dath in der (online nachgereichten) FAZ-Kritik: "Beide handeln von Frauen und Männern, Technik und Traum, Emanzipation und Gewalt. Lanthimos aber geht seine Sache mit einer reich verzierten Damaszenerklinge an, während Bonello einfach den Schraubenzieher nimmt. ... Die lockere Schraube, die Bonello bei seinem Publikum mit größter Konsequenz festzieht, ist unser Hang zu pathetischen Debatten darüber, ob die Computersysteme, die wir derzeit einrichten, irgendwann (vielleicht bald) etwas wie 'Bewusstsein' haben und zeigen werden. Bonello weiß: Selbst wenn sie das täten, wäre niemandem geholfen, denn Bewusstsein ist ein Begriff des Denkens von sich selbst, und der kann jederzeit falsch sein. Gefühlsarme Idioten halten sich für rational; andere glauben, sie hätten ein gutes Herz, nur weil sie dumm sind wie dickflüssige Tinte. Bonellos merkwürdiger Monsterfilm faucht beide Fehler an. Er lebe hoch."
Georg Seeßlen führt in der Jungle World anlässlich von JavierEspadas aktuell in Deutschland im Kino gezeigter Buñuel-Doku durch Leben und Werk des so geehrten spanischen Surrealisten und insbesondere durch dessen mexikanische Werkphase: Hier scheint Luis Buñuel "zu gelingen, was er in Europa nicht verwirklichen konnte: die Verbindung der Filmfabel mit den magischen und symbolischen Bildwelten. ... In seinen mexikanischen Filmen hat Buñuel gelernt, die surrealistischenProvokationen in mehr oder weniger normalen Handlungsläufen zu verbergen, oder umgekehrt, mehr oder weniger normale Emotionen und Beziehungen in surrealistischen Szenen fortzuschreiben. Und immer wieder geht es um die Augen, das Sehen, den (geheimen) Blick. Und das Lachen, das eher Schrecken als Lust verheißt."
Weiteres: Valerie Dirk gibt im StandardViennale-Tipps. Philipp Bovermann (SZ) und Maria Wiesner (FAZ) gratulieren Udo Kier zum 80. Geburtstag. Besprochen werden MatthiasGlasnersARD-Thrillerserie "Informant - Angst über der Stadt" mit Jürgen Vogel (taz) und die ZDF-Serie "Love Sucks" (FAZ).
"Russians At War" von Anastasia Trofimowa Andreas Scheiner hat für die NZZ beim (zur NZZ zugehörigen) Zurich Film Festival Anastasia Trofimowas bereits auf mehreren Festivals von Protesten begleiteten Dokumentarfilm "Russians At War" gesehen, für den die Journalistin und Filmemacherin nach Manier des Cinéma Vérité den Krieg gegen die Ukraine an der Seite russischerSoldaten filmt (mehr dazu bereits hier). In Interviews positioniert sich Trofimowa zwar gegen die russische Invasion, doch die achselzuckende Beobachtungshaltung in ihrem Film geht dem Kritiker sehr auf die Nerven: "In der fragwürdigsten Szene des Films zeigt ein Soldat ein Handyvideo: Darin schießt mutmasslich eine ukrainische Kampfdrohne mehrfach auf einen wehrlosen russischen Soldaten. Wieso zeigt die Filmemacherin das? Weil der Soldat es ihr gezeigt hat, wäre vermutlich ihre Entgegnung." Doch "noch der um größte Objektivität bemühte Dokumentarfilm entwickelt durch die Auswahl des Materials eine subjektive Färbung. Hier hat der Film eine prorussischeSchlagseite. Stoßend ist auch, dass nie Verantwortlichkeiten benannt werden. Niemand ist Täter. So erweckt Trofimowa den Eindruck, dass der Krieg fast schicksalhaft über lauter Unschuldige gekommen sei. Slawischer Fatalismus drückt durch. Kino der antiaufklärerischen Sorte."
Weitere Artikel: Der Erotikthriller kehrt zurück, schreibt Kathrin Hollmer auf Zeit Online, allerdings stehen in diesem Revival nun "Frauen im Zentrum, was wohl auch daran liegt, dass Regisseurinnen, Autorinnen und einige wenige Kamerafrauen inzwischen größere Räume für sie schaffen können".
Besprochen werden AliAbbasis in den USA bereits als Einflussnahme aufs Wahlgeschehen diskutiertes Biopic "The Apprentice" über den jungen DonaldTrump, der darin eher wenig sympathisch wegkommt (FAS, taz), BertrandBonellos "The Beast" (FAZ, unsere Kritik) und die insbesondere auf Social Media sehr erfolgreiche Netflix-Liebeskomödie "Nobody wants this" mit AdamBrody als sehr verständnisvollem Mann (SZ).
Stefan Grund hat sich für die Welt mit dem Regisseur MatthiasGlasnergetroffen, der mit "Der Informant" eine neue Krimi-Miniserie für die ARD gedreht hat (Besprechungen finden sich in der FAZ und in der Berliner Zeitung). Thomas Kroll erzählt im Filmdienst von seiner Arbeit in der kirchlichen Jury beim Filmfestival SanSebastián. In der SZ gratuliert Harald Hordych LiselottePulver zum 95. Geburtstag.
Besprochen werden RamonZürchers "Der Spatz im Kamin" (SZ, mehr dazu bereits hier), Alfonso Cuaróns Apple-Serie "Disclaimer" (FAZ), Natalie Erika James' Rape-Revenge-Film "Apartment 7A" (Freitag), Ngo The Chaus Verfilmung von CarstensHenns "Der Buchspazierer" (FAZ) und Harald Friedls Dokumentarfilm "24 Stunden" über eine rumänische Pflegerin in Niederösterreich (Standard).
Verhärtete Gesichtszüge: Maren Eggert in "Der Spatz im Kamin" Mit "Der Spatz im Kamin" schließt der Filmemacher RamonZürcher nach "Das merkwürdige Kätzchen" und "Das Mädchen und die Spinne" seine mit Silvan Zürcher begonnene "Tier-Trilogie" über Familienfassaden und -konflikte ab. Diese Filme handeln davon, "wie wir alle fortwährend in zwischenmenschlichen (und vorwiegend familiären) Beziehungen verharren, die uns nichts als Verletzungen und Schmerz bringen", schreibt Jochen Werner im Perlentaucher. Wobei die Konflikte im Laufe der Trilogie immer weiter an die Oberfläche dringen: In diesem Film nun gibt es von Anfang an keinerlei Zurückhaltung mehr, und alles, wirklich alles wird ausgesprochen. Mal mit eisigem Lächeln im maskenhaften Gesicht, immer öfter aber mit offener Aggression und geradezu sadistischerErbarmungslosigkeit. Dies ist ein Endzeitfilm, und allen Protagonisten scheint klar zu sein, dass es nichts mehr zu retten gibt und sich Hass und Wut nicht mehr mit vorgespiegelter Harmonie übertünchen lassen." In diesen drei Filmen "geht es um einen fortschreitenden Auf- und Ausbruch: eine Fassade, die im 'Kätzchen' zu bröckeln beginnt, in der "Spinne" erste Risse bekommt und die nun im 'Spatz' endgültig in Flammen aufgeht. Es gibt Momente in diesem ungeheuer intensiven, perfekt (und hochmusikalisch!) durchkomponierten Film, in denen so etwas wie Befreiung in der Luft liegt."
Taz-Autor Ekkehard Knörer ist ganz hingerissen von diesem Uhrwerk von Film: "Es ist wirklich erstaunlich, wie Zürcher hier aufdreht. Manches an den Psychodramen, die aufgetischt werden, ist schon ziemlich drüber. Es ist ein Horrorfilm voller Brutalitäten, der Körper wie auch der Psychen, aber immer wieder auch mit ganz eigener komischer Note. Und Idyllen dazwischen. Sehr unrein, man weiß nie so ganz, was gespielt wird, welche Wendung die Beziehungen nehmen. Und welche Wendung der Film. Nur dass Ramon Zürcher (auch: Buch und Schnitt) sein tolles, mit jeder Bewegung - und wichtiger: Nicht-Bewegung - der Mienen und Körper auf Millimeterpapier arbeitendes Ensemble und jedes Detail jeder Einstellung im Griff hat, das sieht man und spürt man."
"Zürcher verheiratet IngmarBergman mit DavidLynch zum ebenso abgründigen wie unterhaltsamen Psychogramm einer Familie, vor allem aber einer Frau, in die sich transgenerationaleTraumata und Sehnsüchte eingeschrieben haben", schreibt Jens Balkenborg in der FAZ. Und "vielleicht ist die Flucht ins Fantastische, ins Genrekino wirklich der letzte Ausweg, bevor die vollständige emotionale Verkapslung einsetzt", stellt Andreas Busche im Tagesspiegel fest: "Das zögerliche Lächeln, das im Feuerschein die verhärteten Gesichtszüge von Maren Eggert umspielt, wirkt fast wie eine Erlösung."
Weitere Artikel: Im Zeit-Gespräch mit Katja Nicodemus übt sich die neue Berlinale-Leiterin TriciaTuttle in der hohen Kunst, Zuversicht und gute Stimmung zu verbreiten, ohne konkrete Angaben zu machen. Selin Amil wirft im Tagesspiegel Schlaglichter ins Programm des neuen Berliner FilmfestivalsDokumentale. Der Schauspieler DraganVujicspricht in der NZZ mit Elena Oberholzer und Matthias Venetz über seine TV-Serie "Tschugger", die nun auch in die Schweizer Kinos kommt.
Besprochen werden BertrandBonellos von einer Henry-James-Erzählung inspirierter Science-Fiction-Film "The Beaste" mit Léa Seydoux (Perlentaucher, FD) JavierEspadas Dokumentarfilm "Buñuel - Filmemacher des Surrealismus" (FD, FR, mehr dazu hier), JoshMargolins "Thelma" (Freitag), Michel Francos "Memory" mit PeterSarsgaard und JessicaChastain (Standard) sowie AmichaiLau-Lavies beim Zurich Film Festival gezeigter Dokumentarfilm "Sabbath Queen" (NZZ). Außerdem informieren SZ und Filmdienst über die Filmstarts der Woche.
Morgen läuft in den Kinos JavierEspadas Dokumentarfilm "Buñuel - Filmemacher des Surrealismus" an. Im Filmdienst-Gespräch mit Wolfgang Hamdorf erinnert Espada an die Turbulenzen, die LuisBuñuel mit seiner ätzenden Kirchenkritik "Viridiana" ausgelöst hat, die er 1961 ausgerechnet im faschistischenFranco-Spanien gedreht und für die er in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. "Es gab in Spanien erstaunlicherweise eine linke Produktionsfirma, die UNINCI. Sicher hat sie auch deshalb überlebt, weil der Bruder eines der Produzenten Torero war. ... Der ganze Film war eine Zeitbombe. Buñuel ... schaffte das Material heimlich nach Paris. Um an der Grenze keine Schwierigkeiten zu bekommen, packten sie die Filmrollen ins Auto der Stierkämpfer. An der Grenze stand die Guardia Civil und winkte ihnen zum Abschied zu: 'Viel Glück, Toreros, viel Glück!'" In Cannes "war Luis Buñuel selbst gar nicht anwesend. Deshalb nahm José Muñoz Fontán, der Generaldirektor für Film der spanischen Regierung, den Preis entgegen. Als er mit der 'Goldene Palme' in der Hand an der spanischen Grenze ankam, hatten sie ihn schon aller Ämter enthoben. Die spanischen Behörden machten etwas Unglaubliches: Sie entzogen 'Viridiana' die Drehgenehmigung. Damit existierte der preisgekrönte Film offiziell also gar nicht mehr. Sie versuchten auch die Kopien zu zerstören, doch die Hauptdarstellerin Silvia Pinal und ihr Mann, der mexikanische Co-Produzent Gustavo Alatriste, nahmen die Kopie mit nach Mexiko."
Weiteres: Peter Körte berichtet auf FAZ.net über die Gründe, warum MartinScorseses geplantes Biopic über FrankSinatra nicht recht in die Gänge kommen will. Besprochen werden BertrandBonellos Science-Fiction-Liebesdrama "The Beast" (taz) und NgoTheChaus Verfilmung von CarstenHenns Roman "Der Buchspazierer" mit ChristophMaria Herbst (Tsp).
Sie bereut nichts: Pamela Anderson in "The Last Showgirl" "PamelaAnderson ist eine Oscar-Anwärterin", ruft Andreas Scheiner in der NZZ: Mit 57 Jahren ist die in den Neunzigern nicht allzu vorrangig für ihr schauspielerisches Können gefeierte Schauspielerin mit GiaCoppolasbeim Zurich Film Festival gezeigten Drama "The Last Showgirl" ins Charakterfach gewechselt und spielt darin "stupend eine abgehalfterte Variété-Tänzerin in Las Vegas". Sie "ist umwerfend in der Rolle des Revuegirls vor dem Ruin. Darbietungen wie ihre gibt es nicht allzu oft. Es ist einer dieser seltenen Fälle, in denen eine Schauspielerin, ein Schauspieler sich plötzlich in einem Stoff wiederfindet, der faszinierend mit der eigenenBiografie in einen Dialog tritt. ... Anderson verkörpert eine Frau, die stolz ist auf das, was sie tut. Ganz egal, was die andern sagen. Shelley liebt das 'Razzle Dazzle' diese bessere Peepshow, sie sieht nichts Schmuddeliges darin. Und so ist es auch für Pamela Anderson, die gerne betont, nicht verschämt auf ihre Tage als Sexsymbol zurückzublicken. Sie bereut nichts."
Weitere Artikel: Sonka Weiss empfiehlt im Filmdienst die Robert-Altman-Retrospektive im Filmmuseum München. Besprochen werden die aktuelle Staffel der Gastro-Serie "The Bear", die laut Filmdienst-Kritiker Dietrich Leder "mit zum Besten gehört, was das Fernsehen - egal ob in Gestalt von Streamern oder linearen Sendern - derzeit anbietet", die Arte-Serie "Rematch" über das Schachduell zwischen GarriKasparow und dem Computer DeepBlue (taz), Waadal-Kateabsbeim Zurich Film Fest gezeigter Dokumentarfilm "Death without Mercy" über das verheerende Erdbeben in Syrien und der Türkei 2023 (TA) und die Disney-Serie "Agatha All Along" (FAZ).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld, mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann. Sherwood Andersons elegisches Midwest-Epos in der für seine Lakonie gerühmten Übersetzung…
Arthur Snell: Erde, Luft, Feuer, Wasser Aus dem Amerikanischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt. Schon heute steht fest, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommens verfehlt werden. Jährlich verursachen Hitze,…
Caro Claire Burke: Yesteryear Aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn. Natalie Heller Mills hat alles: eine malerisch renovierte Farm, fünf Kinder, die um ihre Liebe buhlen, und einen…
Karine Tuil: Die Liebeshungrigen Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch. Ein Jahr nachdem er den Élysée-Palast verlassen hat, ist der ehemalige Präsident Dan Lehman ein Schatten…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier