Im Kino

Nasse Flecken auf dem Kittel

Die Filmkolumne. Von Carolin Weidner
15.10.2024. Andreas Dresen gelingt es in seinem neuen Film ein weiteres Mal, das Rätselhafte, Widersprüchliche des Menschen greifbar zu machen. Diesmal steht Hilde Coppi im Zentrum, eine Widerstandskämpferin im Dritten Reich, die die Liebe als eine Insel des Glücks kennenlernt. 

So recht mag Hilde (Liv Lisa Fries) nicht in diesen neuen Freundeskreis passen, den Andreas Dresen als einen ungezwungenen, liberalen zeigt. Männer werden auch mal zwischen den Frauen getauscht, der Widerstand findet in großzügigen Altbauwohnungen statt, in einer heimlichen Ecke wird Beweismaterial zu Gewalttaten der herrschenden Nationalsozialisten kopiert und gesammelt. Hilde bewegt sich flüssig, aber unscheinbar in diesen Welten. Fragmentarisch setzt sich ein Bild von ihr zusammen, denn Dresen springt in "In Liebe, Eure Hilde" von einer Zeitebene zur nächsten, vor und zurück, Vergangenheit und Gegenwart laufen mehr und mehr auseinander. Am Ende steht der maximale Kontrast: das Kennenlernen von Hans Coppi (Johannes Hegemann) und Hilde auf der einen Seite, der Gang zum Fallbeil auf der anderen.

Trotzdem lässt sich so etwas wie eine Haupthandlung ausmachen: Es sind die Wochen und Monate, die Hilde, mittlerweile Coppi, im Frauengefängnis Barnimstraße zubringt, nachdem ihre Aktivitäten gegen das Regime aufgeflogen sind. Als Rote Kapelle soll das lose Netzwerk von (funkenden) Widerständlern in die Geschichte eingehen. Hilde ist mittendrin. Aus Überzeugung und aufgrund von Fähigkeiten, die sie als Sekretärin und Sachbearbeiterin erworben hat. Und aus Liebe zu Hans, eine Liebe, die Dresen als Insel des Glücks und der Leidenschaft präsentiert. "Was hatten wir für einen schönen Sommer", bemerkt Hilde an einer Stelle.

In der Barnimstraße trägt sie nun, auch rein biologisch, die Konsequenzen dieses Sommers: Hilde Coppi gebiert ein Kind. Hans, so der Name des Sohnes, kommt unter den verächtlichen Augen eines Arztes zur Welt, der ihm bescheinigt, ohnehin nicht durchkommen zu können. Doch er schafft es, obschon Hilde Probleme mit dem Milcheinschuss hat. Dieser erfolgt endlich, als der Blick der Gefangenen sehnsüchtig Richtung Himmel schweift. Da sind sie: zwei nasse Flecken auf dem Kittel. Ein Bild, das Andreas Dresen noch ein zweites Mal bemüht, nämlich dann, wenn Mutter und Kind getrennt werden und Pfarrer Harald Poelchau (Alexander Scheer) ziemlich bekümmert auf die Kleidung der Todgeweihten schaut.


Bis zu diesem Zeitpunkt ist man Zeuge einer zwar unter üblen Bedingungen stattfindenden, doch erfüllten Mutterschaft geworden. Hilde bringt ihren Hans durch, auch dank der Unterstützung anderer Inhaftierter, die hin und wieder eine Scheibe Brot zuschieben. Dazu präsentiert sich eine unwahrscheinliche Beschützerin - Wärterin Anneliese Kühn (Lisa Wagner), die Dresen als insgesamt einfältiges, aber doch fühlendes Gemüt inszeniert. Als Hilde Coppis Gnadengesuch, dem ein bittender Brief Kühns beiliegt, abgelehnt wird, findet diese nur, dass der Führer das schon einmal hätte zulassen können. Kühn ist eine der Figuren dieses Films, die mit einer gewissen Ambivalenz aufgeladen sind. Andreas Dresen versteht sich auf dieses Fach, sein "Gundermann" (2018) etwa setzte komplett auf das Rätselhafte, Widersprüchliche des Menschen, das sich im Totalitären mal mehr, mal weniger intelligent manifestiert.

"In Liebe, Eure Hilde" widmet sich aber einem anderen, überraschenderen Aspekt: den verschiedenen Arten von Kommunikation, jenseits des gesprochen Wortes. Es geht um Verschlüsseltes und Körperliches, Unkontrollierbares und Heimliches. Innerhalb eines Systems, das den offenen Ausdruck, die freie Meinungsäußerung verbietet, müssen sich andere Wege finden. Die Rote Kapelle als solche ist ein gutes Beispiel dafür. Aber da ist auch der von Liv Lisa Fries sehr ausdrücklich gespielte Körper mit seinen Schmerzen, Trieben und Reflexen, der sich nicht belügen lässt und nicht zur Lüge fähig ist. Er wird zum eigentlichen Barometer, kündet von Lust und Fassungslosigkeit, überwindet Grenzen und sendet Botschaften. Er befindet sich, einfach, indem er ist, im Widerstand.

Carolin Weidner

In Liebe, Eure Hilde - Deutschland 2024 - Regie: Andreas Dresen - Darsteller: Liv Lisa Fries, Johannes Hegemann, Lisa Wagner, Alexander Scheer, Emma Bading, Sina Martens - Laufzeit: 125 Minuten.