Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

3761 Presseschau-Absätze - Seite 52 von 377

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2024 - Kunst


Alex Müller: Der Anfang steht schon fest. Bild: Galerie Haverkampf Leistenschneider.

Die Künstlerin Alex Müller hat in ihrer Ausstellung "Der Anfang steht schon fest" in der Berliner Galerie Haverkampf Leistenschneider mit leicht entfremdeten Alltagsgegenständen ein kleines, wundersames Kuriositätenkabinett geschaffen, das Jonas Sanden im Monopol-Magazin begeistert: "Dem Publikum begegnen vertraute Objekte - eine Badewanne, ein Spiegel, ein Esstisch, Besteck und Sitzmöglichkeiten. Durch Müllers Hand sind sie jedoch zu surrealen Kreationen transformiert und, obwohl in gewohntem Kontext anzutreffen, ihres praktischen Nutzens beraubt. So sind Badewannen für gewöhnlich nicht mit Erbsen ausgekleidet, Tischdecken keine dreidimensionalen Textilreliefs, und Bänke bewegen sich nicht wie ein mechanischer Sysyphos immer wieder vor und zurück. Wie in einem Traum, in dem man die Skurrilität der Situation nicht erkennt, wirken auch Müllers Objekte sehr natürlich in ihrer Umgebung, als hätte es sie schon immer so gegeben. Das Träumerische führt sich in ihren Gemälden fort, in denen Personen mit den abstrakten Hintergründen verschmelzen."

Im Tagesspiegel-Gespräch erinnert sich der in Dresden aufgewachsene Künstler Via Lewandowsky an den Mauerfall - und erste Berührungen mit Westkunst zu DDR-Zeiten: "Die wenigen Momente, in denen Bildwelten, Konzepte und Ideen über Kataloge oder Zeitschriften in diese Grauzone eingedrungen sind, hatten eine enorme Wirkung. Selbst kleine Krümel der Gegenwartskunst aus dem Westen konnten schon Denkrevolutionen auslösen. Sie waren wie Drogen. Ich ging während des Studiums in die Bibliothek des Kupferstich-Kabinetts und habe mir die Kataloge aus dem sogenannten Giftschrank angeschaut. Dafür brauchte es ein offizielles Schreiben eines Professors. Gerade diese Enthaltsamkeit in Dresden, dieses zusätzliche Ausgehungert-werden, weil dort medial nichts ankam, hat später für eine Explosion gesorgt."

Weitere Artikel: "Die Wahrheit ist dem Betrachter zumutbar", ärgert sich Stefan Weiss im Standard bezüglich der Paul Gauguin-Ausstellung "Unexpected" im Wiener Bank Austria Kunstforum, die die Auseinandersetzung mit den kolonialistischen und pädophilen Seiten des Künstlers ins Rahmenprogramm verdrängt hat.

Weiteres: Die Versteigerung aus dem Nachlass des Kunstsammlers Kaspar König hat sechs Millionen Euro eingespielt, meldet die FR. Der Tagesspiegel interviewt den Künstler Via Lewandowsky zu seiner DDR-Herkunft.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2024 - Kunst

Die Künstlerin Gabriele Stötzer, die sich mit ihren feministischen Arbeiten gegen das DDR-Regime auflehnte, saß ein Jahr im Gefängnis, jetzt hat sie den Bremer Pauli-Preis bekommen. Im großen Monopol-Gespräch fordert sie eine internationale "Politikverkehrsordnung", die extremistischen Parteien Politikverbot erteilt. Vor allem aber rechnet sie mit der DDR ab: Die Stasi habe versucht, Leute wie sie zu isolieren und in den Selbstmord zu treiben. In der Haft schließlich habe sie "gelernt, dass der Sozialismus, an den ich geglaubt hatte, eine Lüge war. Der Mensch bedeutete der Regierung gar nichts. Sie waren pleite und verkauften die politischen Gefangenen für viel Geld in den Westen. Die Strafen für die 'Politischen' fielen so hoch aus, damit sie teuer verkauft werden konnten, wie Fleisch. Das hätte ich unserem sozialistischen Staat nie zugetraut. Da habe ich die Hoffnung, den Sozialismus reformieren zu können, verloren."

Weiteres: Antje Weitzel ist ab sofort künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin des Künstlerhauses Bethanien, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Eine wichtige Ausstellung, die die Frage stellt, wie die Enkel der Holocaust-Überlebenden nach dem Tod der letzten Zeitzeugen die Familiengeschichte weitererzählen, annonciert Klaus Hillenbrand in der taz mit der Schau "Die dritte Generation" im Jüdischen Museum Wien. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Monet und London - Ansichten der Themse" in der Londoner Cortault Gallery (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2024 - Kunst

Daido Moriyama: From "Pretty Woman". Tokyo, 2017. © Daido Moriyama/Daido Moriyama Photo Foundation.

Wie im "Rausch" entstehen die Bilder des japanischen Fotografen Daido Moriyama, der sein Leben lang mit Kompaktkameras hunderte Kilometer durch Städte wie New York, Paris, London, vor allem aber Tokio streunte, meist gar nicht erst durch den Sucher blickte und einfach drauf losknipste, klärt uns Philipp Meier in der NZZ auf. Die "hypnotisierenden" Aufnahmen von Gebäuden, Leuchtreklamen, Passanten und Hotelzimmern sind derzeit in einer Retrospektive im Photo Elysée in Lausanne zu sehen, seine radikalen Ideen im Fotobuch "Farewell Photography" nachzulesen, so Meier und zitiert den Meister: "'Der Titel mag vielleicht ironisch klingen, aber er beschreibt meine Hassgefühle. Ich möchte mich von diesen spirituell friedlichen Fotografien verabschieden - anders gesagt, von Fotografien, denen die Realität fehlt', erklärte er dazu. Moriyama beschreibt sich als einen rastlosen Spaziergänger. Am liebsten macht er Schnappschüsse während des Gehens. Dann sei alles in Bewegung, er selbst und die Welt um ihn herum."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2024 - Kunst

Andreas Rossmann bilanziert in der FAZ die ersten Monate des neuen Uffizien-Chefs Simone Verde. Yelizaveta Landenberger berichtet von der Ukraine-Biennale in Chemnitz. Besprochen wird die Ausstellung "Richard McGuire - Then and There, Here and Now." im Cartoonmuseum Basel (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2024 - Kunst

Bild: Akosua Viktoria Adu-Sanyah.

Ganz fasziniert von deren Neuartigkeit betrachtet Lisa Berins für die FR die Arbeiten der Fotokünstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah im MMK Zollamt Frankfurt. Die Ausstellung "Corner Dry Lungs", die auch aus der Trauer um ihren verstorbenen Vater entstanden ist "eine Work-in-Progress-Schau: Das Zollamt MMK ist zu einer Art begehbarem Studio der 1990 in Bonn geborenen und in Zürich lebenden Künstlerin geworden. Ihre Arbeit ist das Eintauchen in den Prozess der Fotografie. Niemals würde man sagen, dass diese monochromschwarzen Bilder analoge Fotografien sind. Sie sind es - auf der einen Seite. Andererseits sind sie das Ergebnis einer konzeptuellen Auseinandersetzung mit dem Material und dem Entstehen von Fotografie - ein Experimentieren auf der Metaebene. Dafür rollt Adu-Sanyah analoges, glänzend beschichtetes Fotopapier aus, das durch die wenigen Halogenlampen im Raum belichtet wird und damit eigentlich zerstört ist. Es färbt sich zunächst gelb und lachsrosa, dann violett. Danach bearbeitet sie das Papier mit Schwämmen und einem chemischen Entwickler, der die belichteten Stellen - also das gesamte Papier - schwarz färbt."

Die FAZ fragt beim Kunstfestival Steirischer Herbst nach, wie Heimatliebe aussehen kann, die nicht rechts ist. Jetzt, wo in Österreich Wahlen anstehen und die FPÖ eine reelle Chance hat, über Budgetkürzungen ihre Vorstellungen von Kunst durchzusetzen, liefert das Grazer Festival in verschiedenen Sparten erfolgreiche Gegenbeispiele, die von Victor Sattler bestaunt werden: "Das Video 'Voices' (2024) von Ieva Epnere ist ein kleines Meisterwerk. Es zeigt schöne Trachtenmode, wie sie die FPÖ öfter beim Steirischen Herbst sehen möchte, Stichwort Volkskultur. In diesem Fall ist es aber keine österreichische Tracht, sondern eine lettische. Und getragen wird sie nicht ausschließlich von gebürtigen Letten, auch nicht von Schauspielern, sondern von Mitgliedern eines obskuren Chors in Graz, dem Österreicher und Ukrainer angehören. Manche von ihnen seien auf unergründliche Weise zu ihrer Liebe für Lettland gekommen. Sie wirken im Video verloren in Raum und Zeit, scheinen voller Sehnsucht zu sein. In Detailaufnahmen und Totalen singen sie zwischen stillen Passagen ein lettisches Volkslied über den Sonnenauf- und -untergang."

Weitere Artikel: Die FAS begibt sich für die Ausstellungsreihe Borusan Contemporary in wochenends leergeräumte Istanbuler Bürogebäude. Kaspar König ist erst vor kurzem verstorben, jetzt wird seine Sammlung auf seinen eigenen Wunsch hin versteigert, berichtet die Wams.

Besprochen werden die Sylvia-Hagen-Ausstellung "Spuren: Bronze - Ton - Papier" auf Schloss Neuhardenberg (FR), die Thomas-Schütte-Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (SZ) und die Ausstellung "THEATER" im Berliner Fluentum mit Werken von Calla Henkel und Max Pitegoff (Monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2024 - Kunst

Installation von Chiharu Shiota im KZ Ebensee. Foto: Oskar C. Neubauer

Das KZ Ebensee, eine Außenstelle des KZs Mauthausen, liegt in den Bergen nahe dem oberösterreichischen Kurort Bad Ischl, Zwangsarbeit und Mord sollten hier unauffällig abgewickelt werden, erinnert Regine Müller in der taz. In die dort liegenden Stollen hat sich die Künstlerin Chiharu Shiota mit 300 Kilometern Schnüren vorgearbeitet und bei Müller einen bestürzenden Eindruck hinterlassen: "Wassertropfen zittern schwer an den abertausenden von roten Schnüren, aus denen Shiota ihre Arbeit gewirkt hat. Im kalkulierten Gewirr der Fäden hat sie einen Reigen von 25 schwebenden roten, überlebensgroßen Kleidern hintereinander aufgehängt. Es sind feierlich schlichte, bodenlange Gewänder, die für religiöse Rituale taugen würden. Die Kleider haben ihre leeren Ärmel leicht ausgebreitet, die langen Schleppen sind von unsichtbarer Hand wie die Brautschleier bei royalen Hochzeiten leicht angehoben, damit nichts den schmutzigen Boden berührt. Schwerelos scheinen diese Gewänder von den Schnüren - sind es die Schicksalsfäden der Nornen?"

Claude Monet, Quai du Louvre, Detail, 1867 © Kunstmuseum Den Haag - bequest Mr. and Mrs. G.L.F. Philips-van der Willigen, 1942

Für seine Abschiedsausstellung setzt Ralph Gleis, scheidender Direktor der Alten Nationalgalerie, noch einmal auf seine geliebten Impressionisten, sogar Monets "Paris-Triade" ist dank Leihgaben aus Ohio, Den Haag und Paris erstmals vollständig in Deutschland zu sehen, staunt Ingeborg Ruthe, die in der Berliner Zeitung mit Monet, aber auch Caillebotte, Pissarro oder Renoir noch einmal vom Balkon aus auf Paris vor dem Modernisierungsboom blickt: "Allesamt waren sie begeistert von der Gegenwart, vom Zukunftsglauben, vom modernen Städtebau. Es gibt nur bunte, keine düsteren Schatten, kein Omen der Barrikadenkämpfe, des Blut-Mai 1871, des Deutsch-Französischen Krieges. Das Leben ist schön, trotz der Schlechtigkeiten der Welt: Es ist Frühling." Im Tagesspiegel feiert auch Bernhard Schulz die Ausstellung.

Weiteres: In der Berliner Zeitung berichtet Ulrich Seidler von den Protesten gegen den CDU-Landrat Michael Geisler, der die seit einem Jahr durch Sachsen und Sachsen-Anhalt tourende Ausstellung "Es ist nicht leise in meinem Kopf" mit Porträts von Asylsuchenden kurzerhand aus den Räumen des Landratsamtes Sächsische Schweiz/Osterzgebirge in Pirna verbannte. Besprochen wird die Ausstellung "Mark Dion: Delirious Toys" in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2024 - Kunst

Franz Gertsch: Huaa…!, 1969 Dispersion på ubehandlet halvlærred © Franz Gertsch AG

Monopol-Kritikerin Cornelia Ganitta erschrickt geradezu vor der Wucht der gigantischen Gemälde des Fotorealisten Franz Gertsch, die aktuell in einer Retrospektive im Louisiana Museum in Humlebæk zu sehen sind. Hingerissen ist die Kritikerin aber auch von den Holzschnitten, "die Gertsch ab Mitte der achtziger Jahre nach fotografischen Vorlagen anfertigte. Sie entstanden in aufwendiger Handarbeit aus verschiedenen Holzarten, hochwertigen Pigmenten und Japanpapier. Landschaft und Natur standen im Mittelpunkt der Künstler-Welt, die er nicht nur perfekt, sondern auch emotional wiedergeben wollte. (…) In seiner späteren Auseinandersetzung mit Natur- und Landschaftsmotiven wechselte Gertsch zwischen Malerei und Holzschnitt, bevor er in den 1990er-Jahren wieder zum Pinsel zurückkehrte. Aus Gräsern und einem vermeintlichen Unkraut, der Pestwurz, malte er 2021 Bilder von poetischer Schönheit in Lapislazuli."

Alice Springs: Sirpa Lane, Paris 1972.  © Helmut Newton Foundation.

Die Breite an Stars, die Alice Springs alias June Newton in ihrem Leben ablichtete, ist beeindruckend - reicht sie doch von Michel Foucault über Jane Birkin bis David Hockney, staunt Max Florian Kühlem in der SZ. Ergriffener aber zeigt er sich von den intimen Porträts, die Springs von sich und Ehemann Helmut Newton machte und die nun ebenfalls in der Retrospektive im Schloss Moyland in Bedburg-Hau zu sehen sind, etwa im Film "Helmut by June" von 1995: "Wie auf vielen Fotos sieht man sie auch im Film häufiger mit der Videokamera vor dem Spiegel stehen - als müsse sie sich vergewissern, nicht zu verschwinden an der Seite ihres berühmten Mannes. 'Die Zeitungen nennen ihn den König der Könige', sagt sie aus dem Off. 'Feministen nennen ihn einen Ausbeuter der Frauen. Sie fragen mich: Wie kannst du leben mit so einem Monster? Ich sage: Es ist leicht.'"

Kaum ein Künstler setzt sich derart intensiv mit dem Tod auseinander wie Gregor Schneider, sein radikalstes Projekt, einen Menschen auszustellen, der "eines natürlichen Todes stirbt oder gerade eines natürlichen Todes gestorben ist" blieb ihm aufgrund ethischer Einwände bisher verwehrt, weiß Jörg Restorff in der NZZ. Mit seinem aktuellen Projekt "Ars Moriendi", entstanden mit den Münchner Kammerspielen, nähert er sich aber seiner Idee: "Münchner, die alt oder schwer krank sind, wurden eingeladen, an dem Kunstprojekt ... mitzuwirken. In einer geschlossenen Kabine machen 120 Kameras gleichzeitig ein Bild des Teilnehmers. Aus den Einzelfotos entsteht danach ein dreidimensionales Gesamtbild der Persönlichkeit. Schließlich führt Schneider mit der Person ein Gespräch - über das Leben, über den Tod, über die Beweggründe, bei der Aktion mitzumachen. (...) Der Porträt-Scan und ein kurzes Tonprotokoll sind vom 19. Oktober an über eine App abrufbar - allerdings nicht überall, sondern nur an einem bestimmten Ort im Münchner Stadtraum: einem Ort nämlich, der in der Biografie des Teilnehmers eine herausragende Rolle spielt. Auf diese Weise wird das Gedenken im öffentlichen Raum individuell verankert."

Weitere Artikel: Für die taz berichtet Sophie Jung in einem vom Festival unterstützten Text vom Steirischen Herbst, der dieses Jahr unter dem Motto "Horror Patriae" in der Neuen Galerie Graz stattfindet und bei dessen Eröffnung bereits die Polizei einschreiten musste: "weil der in Wien lebende Künstler Yoshinori Niwa ... ein großes Fake-Wahlplakat direkt am Ausgang der Stadtbrücke installiert hatte. Fratzenartige, KI-generierte Wohlstandsmenschen schwingen darauf vor Alpenpanorama eine Käsekrainer-Wurst und werben mit der verdrehten Nazi-Sentenz 'Jedem das Unsere' für die 'Ehrlichste Partei Österreichs', kurz EPÖ."

Besprochen werden die Ausstellung "Christoph Schlingensief: Deutschlandsuche" in der Berliner Galerie Crone (Welt, mehr hier), die Ausstellung "La BD à tous les étages" im Centre Pompidou Paris (SZ, mehr hier), die Noah-Davis-Ausstellung im Postdamer Minsk Museum (FAZ, mehr hier), die Richard-Schwarz-Ausstellung im Klocker-Museum in Tirol (Standard) und der von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur und der Universität der Künste Berlin herausgegebene Prachtband "Karl Blossfeldt. Photographie im Licht der Kunst" (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2024 - Kunst

Unter dem Titel "Les voix des fleuves/Crossing the water" findet derzeit die 17. Biennale von Lyon statt, eines der wichtigsten französischen Kunstevents, und im Tagesspiegel atmet Nicola Kuhn auf: Zwischen all den politischen Kunstereignissen fällt diese Biennale "sanfter, weiblicher" aus. Mitunter aber wird es auch bizarr, etwa in den Werken von Annette Messager, die in den Apothekerräumen des Grand Hotel-Dieu ausstellt: "In den geöffneten Schubladen und Schranktüren der ehemaligen Apotheke, ganz oben auf den Regalen neben geschnitzten Putten, hocken ihre Chimären aus Kuscheltier und realen Bewohnern der Natur, die präpariert sind. Das Gürteltier trägt einen Hundekopf aus Plüsch, auf einer Ente sitzt der Stoffkopf eines Huhns und umgekehrt, von oben äugt ein Fuchs niedlich aus den Knopfaugen eines Kuscheltiers herunter, in der Ecke eines Schranks hängt eine Fledermaus mit lachender Fratze. Es könnte einen schütteln, aber diese Art danse macabre ist keine Erfindung der Gegenwart, es gab ihn schon im Mittelalter. Jahrhunderte später sind wir dem Machbaren sehr viel näher gerückt."

Knapp hundert Jahre ist es her, dass Maurice Vlaminck in einem deutschen Museum gezeigt wurde, was möglicherweise auch an dessen Nähe zur Kunstpolitik der Nazis lag. Zum Glück spart die "prächtige" Retrospektive im Barberini Museum in Potsdam die Irrungen des Franzosen nicht aus, meint Ingeborg Ruthe (FR), die sich dann aber doch mehr am "rigoros farbkrachenden" Frühwerk erfreut: "Hier gärt schon der Most für die weit hochprozentigere Kunst des 20. Jahrhunderts. (…) Vlamincks wilder Stil war der deutschen Moderne, den 'Brücke'-Malern und der sieben Jahre später gebildeten Gruppe 'Blauer Reiter' nahe: die Stimmung als Weltzugang in einer synthetisierten Bildsprache. Die 'Fauves' wollten vor allem mit den Farben spielen. Dinge und Figuren hatten keine atmosphärischen Licht- oder Schattenseiten mehr. Alles erschien fast schemenhaft oder heftig konturiert. Wider alle künstlerischen Konventionen."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung kommentiert Ingeborg Ruthe die baldige Schließung des Berliner Grosz-Museums: "Es ist erstaunlich, wie abgeklärt der vor zwei Jahren so kühn und ambitioniert gestartete kleine Museumsverein nun das Feld, also den attraktiven Ausstellungsort in der Bülowstraße, räumt." Auch die Kunsthalle Baden-Baden stellt ihre Arbeit ein, zumindest solange das Badische Landesmuseum dort einzieht, während das Karlsruher Schloss saniert wird, meldet Adrienne Braun im Tagesspiegel.

Besprochen werden die Ausstellungen "Gisèle Vienne: This Causes Consciousness to Fracture - A Puppet Play" im Berliner Haus am Waldsee, die Ausstellung "Ich weiß, dass ich mich verdoppeln kann. Gisèle Vienne und die Puppen der Avantgarde" im Georg-Kolbe-Museum in Berlin (beide SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Van Gogh, Poets & Lovers" in der Londoner National Gallery (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2024 - Kunst

Alison Knowles, Beans Rolls, 1963-64, Courtesy Alison Knowles. Foto: © Studio Alison Knowles

Gemeinsam mit Nam June Paik und George Macunias brachte die amerikanische Künstlerin Alison Knowles den Fluxus nach Wiesbaden, wirklich bekannt wurde sie im Gegensatz zu ihren männlichen Mitstreitern hierzulande nie, erinnert Katharina J. Cichosch, die sich in der taz freut, dass das Kunstmuseum Wiesbaden Knowles nun eine überfällige Retrospektive widmet. Ihre bekannteste Performance, die Zubereitung einer gigantischen Portion Salat, ist zwar nicht zu sehen, zu entdecken ist dennoch ein üppiges Werk, das Performances ebenso umfasst wie Buchobjekte oder Collagen und durch sein "Gespür fürs Magische" besticht: "Großformatige Cyanotypien auf Stoff, von der Sonne oder der Künstlerin selbst bedruckt, Foto- und Materialcollagen, Setzkästchen mit Alltagsfundstücken, große Bahnen naturgeschöpfter Papiere, die zum Relief über- und untereinandergelegt wurden. Konzentriert sind ihre Zusammenstellungen, oft aus dem gewöhnlichen Alltag geschöpft, aber reich. Und dann gibt es dreidimensionale Arbeiten wie das 'Fingerbook 3', ein Tableau zum Durchfahren mit den Fingern - Literatur zum wörtlichen Begreifen..."

Sarah Morris: "Library of Congress [Capital]", 2001. Privatsammlung, Devon, UK © Sarah Morris Foto: Stephen White / White Cube

Piet Mondrian hätte das Werk von Sarah Morris geliebt, ist sich Tagesspiegel-Kritikerin Adrienne Braun sicher - auch wenn die amerikanische Künstlerin ihre geometrischen Formen mit Bedeutung auflädt. Allerdings lassen meist nur die Werktitel erkennen, "dass bei ihren Gemälden reale Städte Pate standen", stellt die Kritikerin in der Retrospektive "All Systems Fail" im Kunstmuseum Stuttgart fest: Die "Farbflächen sind die ganz subjektive Antwort von Sarah Morris auf die Metropolen, die sie bereist. Mit dieser künstlerischen Haltung, die ästhetische Fragestellungen dem eigenen Empfinden unterordnen, weist die Malerei von Sarah Morris inzwischen eher in die Vergangenheit. Diese unbeschwert daherkommenden, poppigen Farbflächen erzählen vom Luxus einer Generation, die sich ganz dem Oberflächenreiz hingeben konnte und Selbstbezüglichkeit als Qualitätssiegel verbuchte - ohne den Anspruch, intellektuell tiefer zu graben oder sich ernsthaft der gesellschaftlichen Realität zu stellen."

Weitere Artikel: Monopol meldet, dass das kleine Grosz-Museum in Berlin wegen Förderungslücken vorzeitig schließen muss. In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe zum Tod der DDR-Fotografin Barbara Berthold. Ebenfalls in der Berliner Zeitung besucht Ida Luise Krenzlin das Hotel Continental in Berlin Treptow, ein 2022 gegründetes Kunstzentrum zur Unterstützung von Künstlern aus der Ukraine und anderen Ländern, in denen Menschen unter Krieg und Verfolgung leiden, aber auch für unabhängige Künstler aus der Freien Szene Berlins. Ein weiteres Werk von Ai Weiwei ist zerstört worden, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Der Täter, ein notorisch bekannter Kunstzerstörer, (…) nutzte einen unbeobachteten Moment im Foyer des Palazzo für seine Aktion. Dort war Ai Weiweis 'Porzellankubus' platziert, eine würfelförmige Skulptur aus blau-weiß glasierter Keramik."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "After Images" über Bildverweigerung in der Julia Stoschek Collection in Berlin (taz) und die Ausstellung "Auftreten im Bild. Positionen im kolonialen Kräftefeld" im Wiener Photoinstitut Bonartes (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2024 - Kunst

© Gerelkhuu Ganbold, 2023, Detail eines Bildes aus dem Zanabazar Museum

Stefan Trinks macht in der FAZ darauf aufmerksam, dass 2024 "deutsch-mongolisches Jahr" ist - bisher wird leider nicht viel darüber geredet, dabei werden gerade junge, mongolische Künstler immer erfolgreicher. In einer Schau im Museum Zanabazar in Ulaanbaatar ist nun eine Kooperation deutscher und mongolischer Künstler zu sehen: "Hart geht Gerelkhuu Ganbold mit der Politik seines Landes ins Gericht, wenn er auf einem Tableau 99 mongolische Krieger als Repräsentanten der alten Ordnung wie Warhol vervielfältigt, sie jedoch mit blutigen Schlieren überzieht. Ansonsten geißeln auf den oft Thangkha-artigen Bildern alte Dämonen neue Unarten wie Handysucht oder Neoliberalismus. Die deutschen Künstler des zweiwöchigen, quer durchs Land ziehenden Kunstcamps werden mit diesen verwoben: Über Eck zu einem Anti-Handybild hängen die mittlerweile von Miami bis Asien in Museen vertretenen Reiseaquarelle und Mind-Map-Collagen Franz Ackermanns, von denen das Eindrücklichste jenes Flug- und Flammenauge Albertis mit ausgreifenden Sehnerven zeigt, das mit seinen Strahlen-Wimpern dystopisch wie ein Mix aus mongolischer Sonne und Big Brother über einer Würfel-Stadt mit Sat-Schüsseln schwebt."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Maurice de Vlaminck. Rebell der Moderne" im Museum Barberini in Potsdam (FAZ), Frans Hals in der Gemäldegalerie in Berlin (NZZ) und Lars Eidingers Fotoausstellung "O Mensch" im K21 in Düsseldorf (Tsp).