Zeit-Kritiker Jens Balzer ist begeistert von HarryStyles' neuem, in den Berliner Hansastudios entstandenem Album "Kiss All the Time. Disco, Occasionally". Der Musiker öffnet sich darauf "der elektronischen Pop- und Clubmusik" in ihren glamouröseren statt düsteren Varianten, auch musikhistorische Experimente traut er sich: "Hier blubbert ein Modular-Synthesizer, dort piepst ein Unterwasserortungsgeräusch, einmal verweht auch das Wimmern eines Theremin. ... Über einem glitzernden Synth-Arpeggio wie aus der Kosmischen Musik der Siebzigerjahre erhebt sich in dem Stück 'Pop' allmählich eine gleißende Gitarrenfigur; und das Finale 'Carla's Song' ist eine warm schwebende Spätsommerballade, die sich mitItze-itze-Hi-Hats ganz plötzlich in eine flotte Rave-Nummer verwandelt. Alle Beteiligten ... beherrschen die Dynamik von Elektropop-Songs ebenso wie jene von Clubmusik-Strecken, und sie verstehen es, verbliebene Sprengsel des Brit-Rock-geprägten Solofrühwerks von Styles in das Gesamtbild zu fügen."
Weiteres: Im Standardporträtiert Christoph Irrgeher den Dirigenten Semyon Bychkov. Joachim Hentschel erzählt in der SZ von seinem Besuch in den Proberäumen von Modeselektor, die seit den Neunzigern in der Berliner Technoszene umtriebig sind. Besprochen werden die nun auf CD veröffentlichte Aufnahme des einzigen Wagner-Konzerts, das der vor zehn Jahren verstorbeneNikolausHarnoncourt je dirigiert hat (FR), FrauKraushaars Album "Gurke Kartoffel Ahnung" (taz) und JillScotts Album "To Whom This May Concern" (NZZ).
Patricia Shams schreibt im Tages-Anzeiger zum Tod des Bluessängers JohnHammond. Gunnar Leue erinnert in der Welt an die Geschichte der musikalischen Bespaßung von Truppen im Kriegseinsatz. Besprochen werden Labrinths Album "Cosmic Opera Act I" (FR) und das neue Album von BrunoMars (Welt).
Der Jazzgitarrist PatMetheny erweist sich im SZ-Gespräch mit Andrian Kreye als erfrischender KI-Enthusiast. Wer vor KI in der Musik Angst hat, habe nur Angst um seine Platzierung in den Charts, meint er - für Leute aus seiner Welt sei also eh nichts zu verlieren. KI "könnte den kulturellen Mittelweg verändern, auf dem sich der Großteil der Popmusik bewegt. Ich hoffe, dass die Leute davon einfach gelangweilt sein werden, weil KI das besser kann als die meisten dieser Leute. Die Leute werden draufkommen, dass man sich etwas anderes einfallen lassen muss. So etwas Ähnliches ist in unserer Welt aber immer wieder passiert. Es gab in den vierziger Jahren all diese Musik, die sich immer wieder aufs Neue wiederholte und dann kam Charlie Parker und veränderte alles." Und "jedes Mal, wenn man sich mit KI beschäftigt, wird man von dem, was passiert, überrascht. Aber nur wenn man weiß, wie Musik funktioniert. Sonst klingt das wahrscheinlich albern. Aber wenn man versteht, was in all dem wirklich Cooles steckt, entdeckt man die neuenMöglichkeiten, die sie in den Harmonien, den Melodien, den Rhythmen finden."
In der NZZporträtiert Jonathan Fischer den als Kind von Adoptiveltern aus dem liberianischen Bürgerkrieg in die USA gebrachten Folksänger MonRovia, dessen Protestsongs "ohne geballte Faust" auskommen. "Hier begegnet einer all der Wut und Angst mit entwaffnender Zärtlichkeit". Er "ist nicht der Erste, der auf der Suche nach den Wurzeln von Folk und Country beim Blues landet; herausgefunden hat er überdies, dass auch die String-Music in den Appalachen von afrikanischen Sklaven und ihren Nachkommen geprägt wurde. 'Ich merkte, dass man diese Musik über die Zeit weißgewaschen hatte; trotzdem trug sie viel bei zu meiner Selbstfindung und Heilung.' Von Schmerz und Heilung handelt auch Mon Rovias bekanntester Song, 'Crooked the Road'. Der Refrain hat eine unwiderstehliche Macht, einen angesichts der täglichen Hiobsnachrichten zu beruhigen wie ein warmer Tee. Es geht um das Zusammenstehen in schweren Zeiten."
Besprochen werden MitskisAlbum "Nothing's About to Happen to Me" ("mitreißend und wunderbar anzuhören", freut sich Helene Slancar im Standard, bei Byte.FM ist es das Album der Woche), ein Konzert von Anne-SophieMutter in Frankfurt (FR), ein Jazzabend mit JakobManz in Frankfurt (FR) und neue Popalben, darunter "We Are Together Again" von Bonnie "Prince" Billy ("herzerwärmend", freut sich Christian Schachinger im Standard).
SarahEngels wird Deutschland beim EurovisionSongContest im Mai in Wien vertreten. Die Musikerin ist schon so ziemlich durch jede Show des Privatfernsehens getingelt, die man sich vorstellen kann, ist Gunda Bartels vom Tagesspiegelaufgefallen. "Dass das Schicksal Deutschlands beim Eurovision Song Contest ... in den Händen eines im Stahlbad des Privatfernsehens groß gewordenen Profis wie Sarah Engels liegt, kann ein gutes oder schlechtes Zeichen sein." Ihr Stück "Fire" ist "vor allem eine generische Up-Tempo-Nummer im Hinternwackel-Rhythmus", kommentiert Manuel Brug in der Welt. "Das allerdings ist massentauglich und hat durchaus ESC-Chancen, vielleicht sogar, weil es so sorgsam undeutsch ist."
Elisa Britzelmeier resümiert derweil in der SZ das Musikfestival von Sanremo, mit seinen fünf Abenden hintereinander ist der Musikwettbewerb bekanntlich eines der zentralen Ereignisse im Jahr in Italien. Gewonnen hat der Neapolitaner SalDaVinci, der auf Britzelmeier "wie ein Zeitreisender aus der Vergangenheit" wirkt und dessen Nummer "Per sempre sì" ein Loblied aufs Heiraten ist. Im Vergleich zu den Vorjahren ist das doch alles ein bisschen ins Biedere abgeruscht: Früher "gab es lustige Momente, die teils völlig improvisiert wirkten, Duettpartner, die sich live auf der Bühne zerstritten, twerkende Männer und Statements zu gesellschaftlichen Themen. 2026 wirkte im Vergleich sehr viel braver."
Weiteres: Jan Brachmann erzählt in der FAZ von seiner Reise zum Arctic Chamber Music Festivalim norwegischen Longyearbyen, wo sich die Sonne nur anhand ihrer rosa Reflektion auf den Bergen ringsum erahnen lässt. Besprochen werden BazLurhmannsElvis-Konzertfilm "Epic" (Standard), das neue Album der Gorillaz (Welt), ein Konzert des LondonPhilharmonicOrchestra unter KarinaCanellakis mit AnneSophieMutter (Standard), ein Konzert von DavidByrne in Zürich (NZZ), ein Konzert von ThomasSauerborns neuem Quintett Mirabelle in Frankfurt (FR), ein Konzert des KlangforumsWien mit der Perkussionistin ViviVassileva (Standard) und ein Konzert von HowardCarpendale (Welt).
Der EurovisionSongContest "gehört zu den wenigen Formaten, in denen Europa sich Jahr für Jahr als kulturelle Gemeinschaft erfahrbar macht - jenseits institutioneller Politik, nationaler Interessen und tagesaktueller Konflikte", schreibt Roland Weißmann, Generaldirektor des ORF, der in diesem Jahr den Wettbewerb ausrichtet, in der FAZ. Angesichts akuter politischer Überfrachtungen der Veranstaltung (auch hier gehts vor allem um Israel, auch wenn Weißmann das mit keinem Wort erwähnt) und auch im Vorfeld des österreichischen ESC warnt er: "Der ESC ist kein Tribunal und kein Ersatz für Diplomatie. Wer von ihm erwartet, politische Konflikte zu lösen oder moralische Abrechnungen vorzunehmen, überfordert die Kultur. ... Der ESC 2026 wird die Vielfalt und die Unterschiede Europas sichtbar machen - nicht verdecken. Gerade darin liegt seine Kraft: zu zeigen, dass kulturelle Begegnung möglich bleibt und bleiben muss, auch wenn Meinungen, Haltungen und politische Bewertungen auseinandergehen. Dass Europa unter solchen Bedingungen einen gemeinsamen kulturellen Raum offenhalten kann, ist kein Automatismus, sondern Ausdruck demokratischerReife."
Weitere Artikel: Tobias Bachmann spricht in der taz mit dem Rap-Duo Hinterlandgang, das sich in Mecklenburg-Vorpommern der subkulturellen rechtsextremenHegemonie in den Dörfern und Städten entgegen stellt. Joachim Hentschel und Sara Peschke schreiben in der SZ zum angekündigten Comeback von Rush.
Besprochen werden das neue Album der Gorillaz (Tsp) und das neue Album von BrunoMars, auf dem laut SZ-Kritiker Jakob Biazza "feinsteBegattungs-Grooves" zu hören sind, ja mithin "Musik für Softpornos mit Instagram-Beleuchtung".
Berlin macht auch in Zukunft weiterhin dicht: Pergamonmuseum, Deutsches Historisches Museum, ab 2030 auch die Berliner Staatsbibliothek - alles nach Sanierungsstau für viele Jahre mit oft ungewissem Ausgang geschlossen. Auch die BerlinerPhilharmonie gesellt sich "spätestens 2032" dieser Sinfonie der verriegelten Türen hinzu, berichtet Hartmut Welscher auf VAN. Eine Grundsanierung ist seit vielen Jahren fällig. Pläne für ein dringend benötigtes Ausweichquartier befinden sich derzeit allerdings noch im Status von Machbarkeitsstudien und Spekulationen. "Die 'Bedarfsabfrage' könnte einige schwer moderierbare Interessenkonflikte offenlegen. Zum natürlichen Selbstverständnis der Berliner Philharmoniker gehört, in einem der architektonisch schönsten und akustisch besten Konzertsäle der Welt zuhause zu sein (den zudem auch alle Konzertgänger lieben)." Dies "kollidiert womöglich mit der klammenHaushaltslage in Berlin, in der es Stand heute schon schwierig ist, bereits begonnene Sanierungen zu Ende zu bringen. ... Ab 2027 sollen zudem die Berlinische Galerie und das Bröhan Museum saniert werden. Woher soll da noch eine - mindestens - hohe dreistellige Millionensumme für Philharmonie-Sanierung und Ersatzquartier kommen?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Olga Kronsteiner ist im Standard verärgert über MichaelWolffsohnsStudie über Karajan, mit der der Historiker dem Dirigenten ihrer Meinung nach "im übertragenen Sinne das Blut von den Händen" wäscht: "Mit konträren Forschungsergebnissen geht Wolffsohn hart an der Grenze zur Diffamierung ins Gericht."
Weiteres: Jakob Biazza erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit den Gorillaz. Ronald Pohl erinnert im Standard an den Boom des Jazzrock vor fünfzig Jahren. Besprochen werden JudithKesslers Biografie über den Liedtexter Bruno Balz (Welt), Pillberts Debütalbum "Memoria" ("eine musikalische Oase", schwärmt Stefan Michalzik in der FR), ein Konzert von SolGabetta in Zürich (NZZ), der Abend "Beschwörungsgessänge nördlicher Klanglandschaften" in Frankfurt (FR) und LolaYoungs neues Album "I'm only f**cking myself" (taz).
Die Komponistin ElianeRadigue ist im Alter von 94 Jahren gestorben. In ihrer Drone-Musik "passiert ja gar nichts", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. "All die Dinge, die man mit Tonkunst gern in Verbindung bringt, etwa große Gefühle, Ergriffenheit, Überwältigung, sucht man bei ihr vergebens. ... Sie begann in den Siebzigern mit Synthesizern zu arbeiten, konzentrierte sich auf einzelne Töne, deren Obertonstruktur sie ganz allmählich variierte. Statt eines massiven Brummens entstand so ein wehendes Schwingen völlig frei von Ballast. Die bekennende Buddhistin bot damit in Werken wie 'Adnos' (1974) eine Form der Versenkung ohne Zwang, schuf zugleich mit sparsamsten Mitteln Räume von transparenter Tiefe."
"Dass ihre Stücke überhaupt enden, ist selten der Logik geschuldet, mit der sie komponiert wurden", schreibt Thomas Wochnik im Tagesspiegel. "'Biogenesis' etwa enthält die Herzschläge von drei Generationen von Frauen - die mögliche Fortsetzung wäre selbsterklärend. Ähnlich ist es bei den als Feedback-Works katalogisierten Stücken, die die Unendlichkeit nicht gekünstelt darstellen müssen. Sie sind vielmehr selbst das Resultat von kleinen Unendlichkeiten in den Rückkopplungen zwischen Synthesizerschaltkreisen, Mikrofonen und Lautsprechern."
Weiteres: Jens Uthoff schreibt in der taz einen Nachruf auf NikolaiKomyagin, dessen Postpunk-Band Shortparis in seiner russischen Heimat verboten war. Besprochen werden ein Konzert der WienerPhilharmoniker unter AndrisNelsons in Frankfurt (FR), ein Liederabend mit PatrickGrahl in Frankfurt (FR), das neue Album der Gorillaz (Standard), Jane Pollards und Iain Forsyths vorerst nur in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Broken English" über MarianneFaithfull (NZZ), Alligatormans Debütalbum "Swamp Style" (Standard) und das neue Album "A Hum of Maybe" von Apparat, das "knappe 15 Minuten für die Unendlichkeit braucht", so tazler Thaddeus Hermann.
In den vier Jahren seit Putins Einmarsch in die Ukraine hat sich auch die Rolle der Kulturberichterstattung geändert, resümiert Axel Brüggemann auf BackstageClassical: Das Schöne und Gute zu besingen, reicht nicht mehr - auch das Wahre muss zu seinem Recht kommen. Zu "Beginn der russischen Großoffensive ließ sich beobachten, dass die kulturpolitische Verantwortung an vielen Institutionen erst noch wachsen musste. Recherchen wurden anfänglich massiv und mit ganz unterschiedlichen Mitteln bekämpft. Die Redaktion von BackstageClassical bekam Anrufe von Schweizer Troubleshooting-Managern, die uns am Telefon massiv unter Druck gesetzt haben, und immer wieder wurde auch juristisch gegen unsere Recherchen vorgegangen." Zu Beginn "wurde uns vorgeworfen, dass ein moralischer Kompass in Zeiten des Krieges 'billig' sei. Doch dem war nicht so: Viele Recherchen waren zunächst nicht opportun und mussten mit großem finanziellen und zeitlichem Aufwand verteidigt werden." Sie "waren wichtig, um auch die Verstrickung westlicher Kulturmanager mit russischen Geldern und Institutionen offenzulegen."
Weiteres: ClaudiaBrückenblickt im FR-Gespräch mit Max Dax zurück auf die Geschichte ihrer Band Propaganda und die Musikszene, die sich im Düsseldorf der Achtziger rund um den RatingerHof gruppiert hatte. Max Nyffeler spricht für die FAZ mit dem nahezu erblindeten Komponisten YorkHöller, der morgen in Berlin mit dem Deutschen Musikautorenpreis ausgezeichnet wird. Klassische Musiker können ihre kostbarenInstrumente zumindest bei der Lufthansa künftig im Handgepäck mit sich führen, meldet Helmut Mauró in der SZ.
Besprochen werden neue Popveröffentlichungen, darunter eine neue EP von U2 (Standard), und Jan Bangs gemeinsam mit dem EnsembleModern umgesetztes Album "With These Hands" (FR).
Maik Bierwirth gestattet in der Jungle World einen Einblick in Chicagos Indieszene, wo Bands wie Horsegirl, Lifeguard und SharpPins zuletzt reüssierten. Besprochen werden ein von ZubinMehta dirigiertes Konzert des West-EasternDivanOrchestra in Wien (Standard), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt (FR), PattiSmiths Memoiren (ND), eine neue EP von U2 (NZZ) und das neue Album "No Lube So Rude" von Peaches, die darauf mit dem Stück "Hanging Titties" laut Standard-Kritiker Christian Schachinger "mit oder ohne Gleitgel das kapitalistische System ziemlich hart mit ihrer umgeschnallten Gummiwurst fickt".
Sehr ergriffen erzählt Viktoria Großmann in der SZ von ihrem Besuch im ArvoPärtCenter, das in einem estnischen Kiefernwald gelegen ist und wo "die ganze Lautstärke der Gegenwart" zum Verschwinden gebracht wird. Adrian Schräder stellt in der NZZ die Schweizer Weltmusikgruppe DaCruz vor. Andrian Kreye schreibt in der SZ zum Tod des Jazzposaunisten WillieColón. Christian Schachinger porträtiert im Standard den exzentrischen Musiker SamBattle, der unter dem Namen Look Mum No Computer mit einem ganzen Fuhrpark selbstgebastelter Instrument auftritt und Großbritannien beim kommenden ESC vertreten soll. Auf seiner Orgel lässt er einen ganzen Chor von Plüschtieren erklingen:
Besprochen werden ein von AndrisNelsons' dirigiertes Konzert der WienerPhilharmoniker mit LangLang (Standard).
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