Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2025 - Musik

Die Agenturen melden, dass nach Protesten ein Konzert von Robbie Williams in Istanbul "aus Sicherheitsgründen" abgesagt wurde: Dem Sänger wurde von Aktivisten vorgeworfen, Zionist zu sein - weil seine Ehefrau jüdisch ist und er zweimal in Israel aufgetreten ist. Inga Barthels berichtet im Tagesspiegel von den Kinovorführungen eines "recht lieblos zusammengestellten" Begleitfilms zur Veröffentlichung von Taylor Swifts neuem Album, das laut tazlerin Dagmar Leischow vor allem aus "Middle-of-the-Road-Gesülze" besteht (weitere Besprechungen des Albums hier). Peter Kemper berichtet in der FAZ vom Auftakt des Enjoy Jazz Festivals in Ludwigshafen und Heidelberg. Besprochen werden die Autobiografie des auf Filmaufnahmen klassischer Musik spezialisierten Regisseurs Brian Large (online nachgereicht von der FAZ) und Mac DeMarcos "Guitar" (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2025 - Musik

Peter Richter spricht für die SZ mit Ofir Amir, dem Veranstalter des von der Hamas schwer angegriffenen Nova-Festivals. Eine von ihm dazu initiierte Wanderausstellung ist ab 7. Oktober auf ihrer ersten Station in Europa in Berlin zu sehen. Sehr bedrückend und detailliert schildert Amir den Ablauf des Hamas-Massakers, das er nur knapp und schwer verletzt überlebte. Die Beweggründe für die Ausstellung? "Wir wollten nicht, dass die Zahl von 411 Opfern alles ist. Denn hinter dieser Zahl stehen Namen und jeweils eine Geschichte. Wir haben also das Festivalgelände noch mal nachgebaut. Wir haben die verbrannten Autos, wir haben die mobilen Toilettenkabinen mit den Einschusslöchern in den Türen. Wir haben die Bar und die Getränkekühltruhe, in der sich eine Mitarbeiterin versteckt und überlebt hat. Wir haben die Zelte. Alles ist original. ... Wir sehen, dass es ein großes Problem mit Bildung gibt. Es ist ein Riesenproblem, weil so viele junge Leute heute ihre Informationen von Tiktok und von Instagram bekommen. Deshalb ist es uns wichtig, von Stadt zu Stadt zu ziehen und unsere Geschichte zu erzählen, um der Welt zu zeigen: Das ist uns passiert, aber wir hassen nicht."

In Russland wird zwar viel Neue Musik gespielt, doch "zu meinem großen Bedauern macht das meine Heimat nicht zu einer Demokratie", seufzt Sergej Newski im VAN-Kommentar. Dass die Staatsführung hier gewähren lässt, sei allerdings kein propagandistisches Feigenblättchen gegenüber dem Westen. Vielmehr "hält der Staat sie nicht für gefährlich und sieht darin keinen politischen Inhalt. Die Komplexität, die vor 70 Jahren als bedrohlich galt, wird heute von außen als hochgestylte Dekoration angesehen."

Themenwechsel: Taylor Swifts neue Album "The Life of a Showgirl" beschäftigt alle Popkritiker. Längst sind ihre Alben mehr oder weniger kodifizierte Tagebücher und Momentaufnahmen aus ihrem Leben im Rampenlicht. "Es ist ein radikaler Bruch mit dem prosaischen und schmerzgesättigten Vorgänger", schreibt Rahel Zingg in der NZZ. "Wo 'The Tortured Poets Department' mit 31 Songs grau und ausgedehnt wirkte, ist 'Showgirl' schillernd und knapp." Kein Wunder, bei "Tortured..." ging es noch um gescheiterte Beziehungen, nun liegt der Fokus auf der erfolgreichen "Eras"-Tour, die die Musikerin die letzten zwei Jahre im Griff hatte, und auf ihren währenddessen glücklich eingegangen Liebesbeziehung zu dem Sportler Travis Kelce, dessen Qualitäten im Bett und die dafür notwendige körperliche Voraussetzung Swift im dazu naheliegend betitelten "Wood" euphorisch besingt. Produziert hat der schwedische Hitschmied Max Martin, über den Ueli Bernays in der NZZ schreibt und der "für mehr Nummer-eins-Hits als jeder andere Produzent verantwortlich ist", wie wiederum Inga Barthels im Tagesspiegel informiert.



Zu hören gibt es "eine gut durchgeschüttelte Tüte aus kurzweiligem, kaum in nennenswerte Tauchtiefen gehenden Pop", urteilt Joachim Hentschel in der SZ. "Immer wieder hört man Sixties-Anklänge heraus. Einen relativ subtilen Klassizismus, wie er in Taylor Swifts Musik bislang die Ausnahme war." Für Max Dax in der FR hingegen ist dies das "bisher beste Album" Swifts: "Das wahrhaft Faszinierende" daran ist, "dass es zu jeder Sekunde und in jedem Atemzug ihres Gesangs hält, was sie im Titel verspricht. Als wolle sie ihre Fans tatsächlich teilhaben lassen an ihrem Innenleben, am Gedankenstrom des Showgirls, zu dem sie geworden ist, an ihrem unaufhörlichen und von niemandem kontrollierbaren inneren Monolog, was es bedeutet und wie es die Perspektiven der Wahrnehmung verändert." Dieses Album "ist moderat literarisch, moderat feministisch, moderat kritisch. Das Werk eines abgewogenen Middleclass-Kids aus Pennsylvania", hält Philipp Krohn derweil sehr bodenständig in der FAZ fest. "Im Rahmen der häuslichen Zweisamkeit, die sie auf 'The Life of a Showgirl' besingt, wirken die biblischen Metaphern und literarischen Verweise herbeibehauptet, mitunter sogar kitschig", notiert Daniel Gerhardt auf Zeit Online.

Weitere Artikel: "Die Welthaltigkeit des HKW hat durch all diese Provinzialität erheblichen Schaden genommen", kommentiert Julian Weber in der taz den Eklat um den geplanten Auftritt des Rappers Chefket im Rahmen von Jan Böhmermanns Berliner Ausstellungsprojekt. Michael Stallknecht berichtet in der NZZ von Haydn-Aufführungen in Fertöd. Dresden verhängt eine Haushaltssperre für 2026, das bereits eingeplante Programm zahlreicher Kultureinrichtungen steht damit auf der Kippe, meldet Merle Krefeld in VAN. Marianne Zelger-Vogt porträtiert in der NZZ die Klarinettistin Sabine Meyer, die ihr Karriere-Ende angekündigt hat. Holger Noltze spricht für VAN mit Stephan Pauly, dem Intendanten des Wiener Musikvereins. Felix Diergarten durchleuchtet in der NZZ das Werk von Richard Strauss nach versteckten, intimen Selbstdarstellungen, denn wenn der Komponist "sich selbst so interessant fand wie Napoleon oder Alexander, ist das nur auf den ersten Blick befremdlich". Thomas Stillbauer erinnert in der FR an das Police-Album "Reggatta de Blanc". Tilman Spreckelsen gratuliert in der FAZ dem US-Sänger Don McLean zum 80. Geburtstag. Besprochen wird das neue Album von Nina Chuba (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2025 - Musik

Nachdem Jan Böhmermann das Konzert von Chefket im Rahmen seines aktuellen Berliner Ausstellungsprojekts auf Druck von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer abgesagt hat (unser Resümee), haben nun auch alle anderen für ein Konzert vorgesehenen Musiker ihre Auftritte aus Solidarität mit Chefket abgesagt, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Was für eine Chance hier vertan wurde, stöhnt Marlene Knobloch in der Zeit: "Was den Leuten eingefallen ist: dass hier Punkte zu holen sind. Der rechten Internetseite ist eingefallen, dass sie ihr leidenschaftliches Hassobjekt Böhmermann bloßstellen kann. Wolfram Weimer ist ins Scheinwerferlicht gerast, um sich als leuchtender konservativer Antisemitenfeind feiern zu lassen. Und Jan Böhmermann ist aufgefallen, dass er etwas ungünstig wirkt mit diesem Line-up am 7. Oktober, dafür aber hat er jetzt die bundesweite Aufregung, die so eine Ausstellung braucht, um drei Wochen lang Gesprächsthema zu bleiben. ... Ja, dieses Meta-Theater ist recht unterhaltsam. Man muss nämlich gar nichts mehr wissen, um mitzukommen. Man muss nur eine Meinung kennen und sich zu der verhalten. Aber unter jeder zugeschütteten Debatte erstickt ein Stück Wahrheit. Und die Chance auf Erkenntnis."

Weitere Artikel: Karl Fluch porträtiert im Standard den puertoricanischen Musiker Bad Bunny, der in der englisch- und spanischsprachigen Popwelt ein absoluter Superstar ist, Trumps Einwanderungspolitik scharf kritisiert und nun die Halbzeitshow beim kommenden Super Bowl bestreitet. Andreas Michalke erzählt in der Jungle World von seinem Besuch in The Diskery, dem ältesten Second-Hand-Plattenladen in Birmingham. Ueli Bernays gratuliert in der NZZ dem Zurich Jazz Orchestra zum 30-jährigen Bestehen.

Besprochen werden Konstantin Weckers Memoiren (Freitag) und Cate le Bons Artpop-Album "Michelangelo Dying" ("eines der berührendsten Songwriterinnen-Alben der letzten Jahre", schwelgt Lars Fleischmann in der taz).

Stichwörter: 7. Oktober

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2025 - Musik

Der Titel des neuen Albums des Wilco-Musikers Jeff Tweedy sollte ursprünglich wohl "Tons of Time" lauten und die braucht man auch, um sich durch diesen Zweistünder durchzuhören, schreibt Karl Fluch im Standard. Aber auf diese musikalische Reise durch die Welt eines bald 60-jährigen Indierock-Heroen lässt er sich gerne mitnehmen. Es geht lose um "Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" und "Tweedys Idiom transportiert dazu jene Zärtlichkeit und jene Melancholie, die man ab einem gewissen Alter sogar der Zukunft gegenüber empfinden kann. ... Wilco, und damit Tweedy, leben Indierock nicht bloß als (vielfältige) musikalische Schublade, es ist eine Denkungsart, die sich in der Musik spiegelt."



Weitere Artikel: Christian Schachinger erinnert im Standard daran, wie Drafi Deutscher 1965 mit "Marmor, Stein und Eisen bricht" den Rock'n'Roll in den deutschen Schlager brachte. Marlon Rusch spricht für die Zeit mit dem Schweizer Liedermacher Walter Lietha.

Besprochen werden ein Konzert des ORF-Radio-Symphonieorchesters in Graz (Standard), ein Konzert von Elliott Sharp in Frankfurt (FR) und und der Soundtrack von Nine Inch Nails zu "Tron: Ares" ("da eiert da ein stattlich hässlicher Cybertruck die komplett ausreichende Frist von ungefähr achtundsechzig Minuten düster und munter voran", schreibt Dietmar Dath online nachgereicht in der FAZ).

Stichwörter: Tweedy, Jeff, Tron

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2025 - Musik

Im Rahmen von Jan Böhmermanns Ausstellungsprojekt im Haus der Kulturen der Welt in Berlin wäre am 7. Oktober auch ein Auftritt des Rappers Chefket vorgesehen gewesen. Da dieser auf Instagram mit einem Shirt zu sehen war, das mit einer Palästinakarte ohne Israel bedruckt war, äußerte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (der wiederum selbst tags darauf mit Böhmermann die Bühne teilt) öffentlich und intern Bedenken, dass ausgerechnet am 7. Oktober antisemitischen Positionen eine Bühne gegeben würde. Böhmermann sagte den Auftritt des Rappers nach anfänglichem Protest dann doch schließlich ab.

Ein Fehler, findet Jens Balzer auf Zeit Online. Chefkets Hemd findet er zwar auch nicht gut und die Einplanung für den 7. Oktober instinktlos. Aber Balzer hat in Chefkets Schaffen keinen Antisemitismus gefunden. Dieser sei "ist offenbar nur irgendein beliebiges Ziel, das sich gerade anbot, um eine bestimmte Form der Meinungs- und Deutungshoheit durchzusetzen". Balzer vermutet, Weimer versuche vor allem "seine Autorität als Aufsichtsrat des Hauses der Kulturen der Welt gegen dessen freie Programmgestaltung durchzusetzen". Dies "beschädigt aber nicht nur die Freiheit der Kunst", sondern "auch den bitter nötigen Kampf gegen den - popkulturellen und anderen - Antisemitismus gerade dort, wo er weit dringlicher wäre." Ähnlich sieht es Daniel Bax in der taz: Weimar "hat deutlich gemacht, was er von der Kunst- und Meinungsfreiheit hält: nichts".

Claudius Seidl fragt sich in der SZ, warum Chefket überhaupt eingeladen wurde: "Welcher konzeptionelle Gedanke" dahinter "gesteckt hat, ist nicht zu erkennen". Ähnlich geht es taz-Kritikerin Laura Ewert mit der Ausstellung im HdKdW. Sie kann beim besten Willen keine "Metaebene" erkennen: "Im Innern steht eine große Büste von Helmut Kohl aus Butter, eine Rauchkabine wie in Flughäfen, nur mit echten Zigaretten, in der man auch ganz echt rauchen kann. (Über diese Unvernunft sind dann alle ganz aus dem Häuschen!). Es gibt eine Maschine, die alle 28 Minuten ein Kuscheltier schreddert, wenn man nicht 20 Euro zahlt und ein Foto von sich macht, das im Internet landet. Auf Grabsteinen stehen Geburtstage, Name und geschätzte Vermögen der reichsten deutschen Männer. Und dann gibt es noch Nacktbilder von Merz, die eine KI errechnet hat."

Weitere Artikel: Karl Fluch erzählt im Standard die Geschichte von Carol Kaye, der "berühmtesten unbekannten Bassgitarristin der Welt", die zwar auf rund zehntausend Aufnahmen und in zahlreichen Evergreens zu hören ist, eine Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame aber ablehnt, weil sie "sich als Jazz- und nicht als Rock-Act sieht, nicht als Solokünstlerin, sondern als Teil eines Studioteams". Dass der puerto-ricanische Sänger Bad Bunny die Halbzeitshow beim Super Bowl 2026 spielen wird, ist "relativ laut brüllende Positionierung gegen Präsident Donald Trump", stellt Jakob Biazza in der SZ fest. Kai Müller verneigt sich im Tagesspiegel vor dem Berliner Trio Gewalt, das mit seiner kompromisslosen Verweigerungshaltung zwar auf den Pop-Olymp zielt, diesen aber auch genau deswegen immer wieder verfehlt. Melanie Biedermann porträtiert in der Zeit die Popmusikerin Kings Elliot. Helene Slancar sorgt sich im Standard um die Zukunft des K-Pop. In der SZ gratuliert Christian Mayer Ralph Siegel zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden ein Hamburger Abend mit Jan Delay und Benjamin von Stuckrad-Barre zu Ehren von Udo Lindenberg (taz), ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Fabio Lusi (Standard), Aruán Ortiz' Klavier-Album "Créole Renaissance" (FR), ein Konzert von Maxim Lando in Frankfurt (FR), ein Open-Air-Konzert in Berlin-Kreuzberg mit der Punkband ZSK (taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter Lady Wrays "Cover Girl" ("eine souveräne Bestätigung als Spitzendame auf dem Feld des Neo-Soul", schwärmt Karl Fluch im Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.09.2025 - Musik

Hans-Jürgen Linke (FR) und Wolfgang Sandner (FAZ) schreiben Nachrufe auf Jim McNeely, den langjährigen Leiter der hr-Bigband. Pamela Spitz erinnert in der Welt an die aufwändigsten Albumcover-Gestaltungen des legendären Hipgnosis-Studios. Im Standard gratuliert Karl Fluch Marianne Mendt zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden ein Konzert von Drangsal in Frankfurt (FR), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters (FR), das neue Album von Nina Chuba (Standard, mehr dazu bereits hier), eine neue Aufnahme von Francesco Bartolomeo Contis "Il trionfo della Fama" (FAZ), Trent Raznors Soundtrack zum Film "Tron: Ares" (FAZ) und ein neues Album von des Jazzpianisten Fred Hersch (FAZ).

Stichwörter: Tron

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2025 - Musik

Die European Broadcast Union lässt im November ihre Mitglieder über die Teilnahme von Israel beim nächsten ESC abstimmen. Bereits mehrere Länder haben angekündigt, bei einer Teilnahme Israels von einer eigenen Teilnahme - und damit auch der Mitfinanzierung des Events - abzusehen. Sprich: Es geht "an die Substanz", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online. Der ESC befindet sich "in der größten Krise seit seiner Gründung. ... Dass überhaupt irgendeine Mehrheit darüber entscheidet, ob ein bestimmtes Land am ESC teilnehmen darf oder nicht - das ist in der Geschichte des Wettbewerbs ein einmaliger Vorgang." Stimmberechtigt sind sämtliche Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion, erklärt Balzer, "das heißt, es ist egal, ob sie überhaupt jemals am Wettbewerb teilgenommen haben oder nicht. Tunesien, Ägypten und Marokko können also ebenso ihre Stimme abgeben wie der Libanon und Jordanien."

Dazu auch Hintergründe von Jan Feddersen, der in der taz fürchtet, dass dies "der größte Erfolg der antiisraelischen Bewegung BDS werden" könnte. Die Zuständigkeit der EBU kommt an Europas Grenzen noch lange nicht an ihre Ende. "Zur EBU zähl(t)en auch verschiedene arabische oder maghrebinische Sender, aber diese hatten die Einladung zur künstlerischen Teilnahme immer schon davon abhängig gemacht, dass Israel nicht dabei sein darf oder dass sie die israelischen Beiträge während der Liveübertragung ausblenden dürfen. Darauf hat sich die EBU nie eingelassen. Dass Marokko 1980 beim ESC dabei war, lag am Verzicht des israelischen EBU-Senders auf den damaligen ESC, der Sendetermin kollidierte mit einem nationalen Feiertag."

Sehr skeptisch beobachet der Kunsthistoriker Hubertus Butin in der FAZ das Millionengeschäft der Auktionshäuser mit Stradivari-Geigen: "Das große Begehren ... beruht nicht allein auf deren Klangqualitäten, sondern auch oder vor allem auf der Aura und dem Mythos der alten Geigen. Für Musiker ist es ein Marketingfaktor, wenn sie damit werben können, dass sie auf einer Stradivari spielen. Denn dann gehen die Konzertbesucher davon aus, dass die Geige und ihre Strahlkraft großartig sein müssten, was keineswegs immer der Fall ist. Wichtiger als der Nimbus einer Stradivari sollte die Frage nach der Klangqualität sein, und da können manche der heute gebauten Meistergeigen den alten Instrumenten aus Cremona ebenbürtig oder sogar überlegen sein."

Weiteres: Christian Wildhagen erzählt in der NZZ von Igor Strawinskys Zeit im Schweizer Exil. Christoph Amend (Zeit Online) und Rose-Maria Gropp (online nachgereicht von der FAZ) gratulieren Bryan Ferry zum 80. Geburtstag. Besprochen werden die konzertante Uraufführung von Marc Blitzsteins im Jahr 1929 komponierte Bauhaus-Oper "Parabola and Cirula" beim Musikfest Berlin (NMZ, unser Resümee), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Thomas Guggeis (FAZ), Neil Hannons Album "Rainy Sunday" (Standard), das neue Album von Mariah Carey (Standard) und Ethel Cains Album "Willoughby Tucker, I'll always love you" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2025 - Musik

Michael Barenboim, der die am kommenden Wochenende in Berlin stattfindende Großkundgebung "All Eyes on Gaza" mitorganisiert, äußert sich im Tagesspiegel-Interview auch zur Ausladung Lahav Shanis vom Flanders Festival in Gent: Mit Antisemitismus habe diese nichts zu tun gehabt "und ich finde es wirklich krass, dass sich ranghohe deutsche Politiker dann hinstellen und das behaupten." Seiner Ansicht nach war das Flanders Festival sogar eher nicht konsequent genug, da es Shani die Möglichkeit einräumte, spielen zu dürfen, sofern er die israelische Politik in der Öffentlichkeit verdamme. "Wenn man ein klares Zeichen setzen will, muss man, wie es nun auch Staaten wie Spanien beim Eurovision Song Contest tun, deutlich sagen: Wenn Israel da mitmacht, sind wir raus. Natürlich ist davon dann auch ein Künstler, ein Individuum betroffen. Aber das lässt sich nicht vermeiden. Wie sich diese Künstler politisch äußern, darf dann aber keine Rolle spielen. ... Niemand sollte gezwungen werden, ein Bekenntnis abzulegen. Es geht schließlich um institutionellen Boykott, nicht darum, ein Individuum als Individuum zu canceln." 

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In der taz nimmt Julian Weber Benjamin Myers' aktuellen Roman "Strandgut" zum Anlass, auf die Geschichte der Northern-Soul-Fankultur insbesondere in Deutschland zu blicken. Auch der von Olaf Karnik und Frank Schäfer herausgegebene Band "The Soulful Shack" liefert ihm dazu Material. In Großbritannien enstanden die Northern-Soul-Partys in den frühen Siebzigern im Norden Englands (daher auch der Name) und zogen vor allem Jugendliche aus Arbeiterfamilien an, die auf den "Allnightern" das ganze Wochenende durchtanzten. Eine bis heute aktive "Fankultur, in der es neben Musik auch um Mode, Tanzstile und Sammelleidenschaft geht. Sta-Prest Hosen, Röcke mit Hahnentrittmuster, Halbschuhe mit Quasten, aber auch Amphetamine, um die nächtlichen Tanzmarathons durchzustehen und die Jagd nach seltenen Schallplatten." Deutschland griff dies erst in den Achtzigern auf, "Northern Soul ist hierzulande nur über den Umweg von Punk heimisch geworden."

Über die deutsche Northern-Soul-Szene hat Olaf Karnik vor kurzem auch ein tolles Radiofeature beim SWR veröffentlicht. Außerdem sprach das Kaput Mag mit Karnik und Schäfer.

Weitere Artikel: "Ich war ein Angestellter, der das Glück hatte, seinen Traumberuf ausüben zu können", sagt Freddy Quinn, der sich im Welt-Gespräch mit Stefan Frommann sehr erleichtert darüber zeigt, dass er in seiner eben erschienenen Autobiografie die aus Imagegründen von seinem Manager einst fabulierte Biografie des einsamen Seefahrers endlich bereinigen konnte. Mit seinem als Gegengewicht zum als zu queer empfundenen Eurovision Song Contest konzipierten Intervision Contest hat "sich das Kreml-Regime einen Schuss ins Knie eingehandelt", amüsiert sich Stefan Weiss im Standard: Gewonnen hat der Vietnamese Duc Phuc, der in seinen Liedern auch schon mal über schwule Liebe singt. Manuel Brug resümiert in der Welt das Musikfest Berlin. Adrian Schräder hört sich für die NZZ in der weiblichen Schweizer Popszene um. Ueli Bernays (NZZ) und Joachim Hentschel (SZ)  gratulieren Brian Ferry zum 80. Geburtstag. Im Podcast "Soundtrack meines Lebens" unterhält sich Jan Schwarzkamp ausführlich mit Dirk von Lotzow von Tocotronic.

Besprochen werden ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit Alain Altinoglu in Frankfurt (FR), ein Konzert von Parkway Drive in Frankfurt (FR), das neue Album von 7 Sioux (Standard) und Robert Plants neues Folk-Album "Saving Grave" ("Onkel Robert altert in Würde", freut sich Max Fellmann in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2025 - Musik

In der SZ porträtiert Joachim Hentschel die Popmusikerin Sofie Royer: "Verkopftheit wäre das Letzte, das man ihrer Musik unterstellen könnte, den elektrischen Chansons und der weichen Sonnenuntergangs-Disco".



Außerdem: Im Logbuch Suhrkamp erinnert Detlef Kuhlbrodt an Leonard Cohen. Besprochen werden ein Konzert von EA80 (Kaput Mag), ein Konzert von Little Simz in Berlin (Tsp), ein Konzert des Pianisten Anton Gerzenberg in Wien (Standard), ein Konzert von Graham Nash in Frankfurt (FR), das neue Album von Mariah Carey (Tsp) und ein neues Folkalbum von Robert Plant (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2025 - Musik

Karl Fluch schaut sich für den Standard in der Welt der Komponisten hinter den großen Popstars um und stellt fest: Eine immer kleinere Handvoll Leute schreibt immer mehr Hits für immer mehr Interpreten. "Vor allem für die Reflektoren der Popkultur wirft er die ewige Frage auf, die auch Fans nicht gerne hören: Wie weit machen die Diskussionen über Covergestaltung, 'gesellschaftspolitische Positionierung', Inszenierung und Songinhalte eigentlich Sinn, wenn die Übermittler dieser Botschaften nur minimal in den Schöpfungsprozess involviert sind? Wozu über ein Artwork diskutieren, das die Marketingabteilung von Universal Music anhand von Zielgruppenforschungen gestaltet hat und der darauf abgebildete Star wenig mehr als ein austauschbares Gesicht ist? Ist man als Swiftie nicht unfreiwillig zu einem großen Teil Fan von Jack Antonoff? Oder von Max Martin? Wird man da eigentlich nicht verarscht?"

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Jan Tölva die Dresdner Progrock-Band Wucan, die gerade ihr viertes Album veröffentlicht hat, auf dem "Discobeats und funky Basslines, Flötensolos und Synthesizer nebeneinanderstehen". Monika Rathmann blickt für die SZ auf das doch eher rätselhafte Phänomen, dass die Majorlabels für viele uralte Hits eigens neue Musikvideos nachproduzieren lassen - und das durchaus mit Aufwand und großen Namen. So taumelt jetzt Saoirse Ronan (Jahrgang 1994) für "Psycho Killer" von den Talking Heads (von 1977) durch die Kulissen.



Besprochen werden ein Bildband über Sven Väth (FR) und Lucrecia Dalts Album "A Danger To Ourselves" (FR).

Stichwörter: Popindustrie