Erzählungen
SANDRA FUENTES
Eine Erzählung Von Sascha Josuweit
25.03.2025. Vor ihr stand ein kleiner Mann mit dichtem Schnurrbart. Er trug einen breitkrempigen Hut und einen Jorongo, einen traditionellen Überwurf aus bunt gefärbter Wolle, weiße Dreiviertelhosen, keine Schuhe. Wo kam der auf einmal her? Eine ErzählungMaria hatte Glück. Die Kapelle mit der Barockfassade und den beiden Glockentürmen, die erst vor kurzem einen kanariengelben Anstrich erhalten hatten, war nicht verschlossen. Die kleine Kirche war nur selten für Besucher geöffnet, und niemand schien mit Sicherheit zu wissen, wann und aus welchem Anlass das geschah. Einen Anlass gab es allerdings. Cortés hatte das erste christliche Gotteshaus des Landes vor genau 500 Jahren auf den Überresten einer älteren Kultur errichten lassen, mit der Maria sich verbunden fühlte und auch wieder nicht, seit sie wusste, dass ihre Urahnen Menschen geopfert hatten, Frauen, denen man die Haut abzog, Kinder und sogar Säuglinge, denen man das schlagende Herz herausschnitt, um es dem Gott anzubieten. Die spanische Strenge war ihr unangenehm, doch das Dämonische der Älteren machte ihr Angst. Warum musste auch alles eine dunkle Seite haben, so wie die Kapelle, deren schattige Rückwand mit Grünspan und Taubenscheiße überzogen war, während sie vorn wie frisch gekärchert wirkte? Sie durchschritt den Park, wo ein paar Säufer das Jubiläum auf ihre Art feierten. Sie sah, wie einer von ihnen die Hose runterzog und in die verdorrte Hecke schiffte, und wandte den Blick ab. Sobald sie den Kirchenraum betreten würde, würde alles Hässliche von ihr abfallen wie eine Schlangenhaut.
Sie kam oft hierher, um die Kapelle zu sehen und die Casa Colorada an der Westseite des Platzes, wo der Konquistador mit seiner Geliebten gelebt hatte, aber das Haus war in einem schlechten Zustand und seit einiger Zeit von einem Bauzaun umgeben, und dass sie heute hier war, hatte sowieso einen anderen Grund: Heute Mittag hatte ihre Tochter sie angerufen. Seit Wochen hatte sie auf den Anruf gewartet, und mehr als einmal war sie kurz davor gewesen, die Nummer zu wählen und ihr zu sagen, dass sie Bescheid wisse, und sie hätten immer Platz für sie, pase lo que pase, doch etwas hatte sie abgehalten, und dann war es Sandra, die anrief. Das Telefon summte, und auf dem Display erschien ihr Name. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und atmete tief durch, ehe sie den grünen Button antippte. Durchs offene Küchenfenster konnte sie Alejandro hören. Wie gewöhnlich pfiff er bei der Arbeit, und der Schlüsselbund an seiner Hose rasselte dazu wie ein paar kaputte Maracas. Wie jeden Tag kehrte er den Hof, zehn Schritt in die eine, zehn in die andere Richtung. Wenn er fertig war, kehrte er den Gehsteig, der jetzt übersät war mit den violetten Blüten der Jacarandas, und quatschte mit Octavio vor seinem Zeitungskiosk über das letzte Spiel des Clubs, die neue Präsidentin und die Veränderungen im Viertel, die unübersehbar waren, und dann wischte er die Treppen, und wenn das getan war, fing er wieder von vorne an. So ging das tagaus, tagein, doch die Eigentümer zahlten gut, und die kleine Wohnung im Erdgeschoss gab es obendrauf. Alles in allem war Airbnb ein Segen, und der neue Walmart an der Ecke hatte alles, was man zum Leben brauchte, nur Obst und Gemüse kaufte sie weiterhin auf dem Markt, aus Gewohnheit und wegen der Neuigkeiten, die waren noch immer umsonst. Hola, mi cielo, sagte sie möglichst gelassen und wischte mit der freien Hand, die vor Aufregung zitterte, die Teigkrümel von der Tischplatte. Ich stecke mitten in der Arbeit, aber für dich hab ich Zeit, das weißt du. Also schieß los, mi amor, was gibt es Neues?
Sandra führte den Mauszeiger um den türkis leuchtenden Swimmingpool, machte je einen Kringel um die Rasenfläche daneben und zwei ausladende Bäume und noch einen um das mit Solarpanels bestückte Dach eines Carports. Sie zog ein großes Oval um das ganze Haus, ein verdammt großes Haus war das, und schrieb in die Kringel: Pool, Rasen, Baum, Carport, Haus. Sie schloss die Datei und öffnete eine neue. Das gleiche Spiel: Pool, Rasen, Baum, Haus, aber hier gab es außerdem einen Sportplatz. Sie überlegte, zoomte heran und schrieb: Tennisplatz. Die umstehenden Bäume warfen Schatten auf das grüne Rechteck, doch niemand spielte. Gärten und Pools waren menschenleer, nicht mal ein Hund, der über den Rasen tollte, als wenn überhaupt niemand in diesen Häusern wohnte. Zuerst hatte sie sich nichts dabei gedacht, nur dass die Besitzer eben viel unterwegs waren. Später war ihr eingefallen, dass jemand sie vielleicht herausretuschiert hatte, so nannte man das doch, entfernt also, weil es privat war und keinen etwas anging, ob einer splitternackt in seinen Pool sprang oder auf der Terrasse lag, und der Gedanke hatte sie irgendwie beruhigt. Sie bearbeitete noch ein gutes Dutzend weitere Dateien, dann klappte sie den Laptop zu, sperrte ab und ging zu El Rincon an der Straßenecke. Sie kaufte zwei Empanadas und eine Cola und lief drei Blocks die Straße runter zum Park, wo die Kinder spielten, und setzte sich auf einen der Betonquader. Der Himmel war mäßig bewölkt, nur über den Ausläufern der Kordillere türmten sich wie immer dunkle Wolken. Während sie aß, schrieb sie in ein Notizbuch, wie viel sie heute Vormittag geschafft hatte: 320 Dateien. Das waren ungefähr 80 in der Stunde, nicht gerade viel, wenn sie es mit den Zahlen verglich, die Ximena ihr genannt hatte, aber gar nicht so übel für den Anfang. Sie rechnete: 34650 kolumbianische Pesos, das Mittagessen kostete 10000, Besorgungen, Abendessen, Kaffee. Wenn sie am Nachmittag noch einmal so viel schaffte und sparsam war, blieben ihr rund 50000 am Tag. Allerdings kamen die Aufträge eher schleppend. Gestern hatte sie nur für drei Stunden Arbeit gehabt und vorgestern keinen einzigen Auftrag, dafür hatte sie heute den ganzen Tag zu tun, und wenn im Lauf des Nachmittags noch etwas reinkam und sie eine Nachtschicht einlegte, konnte sie die schlechteren Tage vielleicht ausgleichen. Das Problem war, dass sie nicht wusste, wann sie Arbeit hatte und wie viel. Ximena hatte immer Arbeit, Ximena verdiente vier Millionen im Monat, aber Ximena schlief auch mit Raul, und sie war nicht Ximena. Als sie Carlos kennenlernte und ihm nach Medellín folgte, wusste sie nicht mal, dass es so einen Job überhaupt gab, eine Arbeit, bei der man Bilder ansah und komische Fragen beantwortete und Kringel um die Swimmingpools fremder Leute machte. Carlos stellte ihr Ximena vor, und Ximena stellte ihr Raul vor, und der bot ihr den Job an. Alles, was sie benötigte, war ein Laptop, und den lieh ihr Raul für 20000 die Woche. Sie überlegte nicht lange, auch wenn es nicht das war, was sie sich vorgestellt hatte. Nichts war, wie sie es sich vorgestellt hatte. Und was hatte sie schon für eine Wahl, allein in der Stadt, Ximena der einzige Mensch, dem sie noch traute? Sie konnte nach Hause zurückkehren, vorausgesetzt, sie hatte genug Geld für ein Ticket, konnte wieder bei den Eltern wohnen, aber das war wirklich der allerletzte Ausweg. Bis jetzt hatte sie ihnen nicht mal erzählt, dass sie und Carlos nicht mehr zusammen waren. Sie glaubten, sie wohne in einem schönen Haus mit Garten, und nächstes Jahr würden sie zu Besuch kommen, und es würde ein schönes Barbecue geben, und vielleicht wäre Maria dann Großmutter. Stattdessen hauste sie auf sechs Quadratmetern, Bett, Schrank, Tisch, und verdiente ihr Geld damit, einer Maschine beizubringen, was eine Mango und was eine Banane war. Wie sollte sie ihnen das erklären? Wie sollte sie ihnen erklären, dass Carlos ein Fiasko war, dass er sie geschlagen hatte, die Stelle an der Oberlippe war noch zu sehen, dass er soff und was nicht noch alles? Es würde ihnen nicht gefallen. Und was wäre damit gewonnen? Es wäre nur noch schlimmer als sowieso schon. Lieber ließ sie sie in dem Glauben, es ginge ihr gut, und bald wären sie zu dritt und eine große Familie. Sie wiederholte die Worte für sich: eine große Familie. War das nicht auch ihr Traum gewesen? Als Carlos ihr von dem Haus in Envigado erzählte, wo sie zusammen leben würden, glaubte sie wirklich, dass nun alles anders werden würde. Jetzt beginnt das Leben, dachte sie. Aber das Leben mit Carlos war die Hölle, und was begann, war ein einziger Albtraum.
Die Luft flimmerte über dem Kessel. An klaren Tagen konnte man von hier oben die dünne Rauchsäule des Vulkans erkennen. Heute nicht, heute lag der giftige Dunst wie eine Grabplatte auf der Stadt, und jeder Atemzug schmerzte, als hätte man eine Plastiktüte über dem Kopf. Keuchend und schwitzend stand sie am oberen Ende der Treppe. Das Dach war so heiß, dass es die Schuhsohlen wegschmolz. Sie zog die Wäsche aus der Maschine und stopfte sie in den Trockner. Auf der Leine wäre sie gleich wieder schmutzig. Sie stellte den Trockner an und sah über die Dächer. Das Flimmern wirkte einschläfernd, der Blick wurde starr. Wenn man nicht aufpasste, machte einen die Hitze blöd. Auf der Treppe kam ihr ein Gast entgegen und grüßte freundlich. Die Mieter der Apartments waren meist nicht älter als sie. Sie kamen aus den USA, Australien, Europa. Sie arbeiteten online oder gar nicht. Manche blieben einige Monate oder ein halbes Jahr. Wie sie sich das leisten konnten, war ihr schleierhaft. Sie grüßte zurück, und der Mann schloss die Tür zur Nummer acht auf und verschwand in der Wohnung. Beim Saubermachen hatte sie den Ausweis gesehen. Er war 23, aus Frankreich, auf dem Nachttisch das Foto eines Mädchens im Bikini, das noch jünger wirkte. T-Shirts, Hemden, Hosen, Socken nach Farben sortiert. Auf dem Schreibtisch ein Laptop, auf dem Bett ein Buch. Die junge Frau auf dem Umschlag, kurz geschorenes Haar, sah entschlossen am Betrachter vorbei. Den Namen hatte sie noch nie gehört, den Titel schon. "Love Me Tender", das war ein Lied von Elvis, das wusste sie, seit sie "Priscilla" gesehen hatte. Ein anderes Mal war sie im Glauben, es wäre niemand da, einfach hineingegangen und hatte die Mieter, ein junges deutsches Paar, beim Sex überrascht. Die Frau hatte ihr in die Augen gesehen, ausdruckslos, und sie war ohne ein Wort wieder hinausgegangen. Drei Zimmer, Bad, Küche, Service kosteten 2000 Dollar, 40000 mexikanische Pesos. Für die Gegend nicht mal viel. Wie das ein junger Mensch bezahlen konnte, war ihr unbegreiflich. Sie hatte 6000. Im Monat. Unten traf sie Alejandro, der von seinem Schwatz mit Octavio kam. Öl, sagte er gut gelaunt, seit eben amtlich, bloß Industrieöl, kein Benzin. Bueno. Wir werden also nicht in die Luft fliegen. Ich mache einen Aushang. Sie schüttelte den Kopf. Schon einmal war ein Haus explodiert, weil Benzin im Trinkwasser war. Ein anderes Mal waren es Schwermetalle, dann irgendwelche Bakterien. Die Touristen kamen trotzdem, ein nie abreißender Strom, der sich durch die Kunsthandwerkermärkte und die Straßen um die Casa Azul wälzte. Wenn es nach Maria ging, hatten sie es ihnen zu verdanken, dass sie ein Auskommen hatten und hier wohnten und nicht in der Vorhölle von Neza oder Itzapalapa. Sie sah das anders. In ihren Augen waren das digitale Konquistadoren. Sie nahmen ihnen die Wohnungen, zwangen ihnen ihre Gewohnheiten auf und ließen sie für sich arbeiten. Und dafür sollte sie auch noch dankbar sein? Ciertamente no. Wenn sie sich so genau an den Tag erinnerte, dann deshalb, weil es der Tag war, an dem sich für sie eine Tür öffnete. Wie hätte sie wissen sollen, wohin die Tür führte?
Oh Dios, wo bleibst du denn? Fernanda wartete seit zwanzig Minuten in der Bar an der Plaza Hidalgo. Sie saß an einem der vorderen Tische unter der Markise, vor sich eine Michelada in einem großen Plastikbecher. Sandra küsste sie auf beide Wangen. Lo siento, querida. Was trinkst du? Für mich auch eine, rief sie dem Kellner hastig zu und setzte sich. Eine Reihe Topfpflanzen trennte sie von der Plaza, wo die Touristen flanierten und die Straßenverkäufer im Licht der Laternen ihre Waren anboten, Hüte, Tücher, Souvenirs, Maiskolben und Kokosnüsse. Die Luft war noch warm, doch die infernalische Hitze war für heute vorüber, und der Smog hatte sich verzogen. Ein Mann im Rollstuhl kam vorbei, eine Traube bunter Luftballons hinter sich herziehend. Als er auf ihrer Höhe war, gab es einen Knall und dann noch einen und noch einen, ein Ballon nach dem anderen zerplatzte, bis nur noch einer übrig war, ein gelbes Einhorn mit rosa Schweif. Leute blieben stehen und sahen zu dem Einhorn hinauf und warteten, dass es wie die anderen zerplatze, doch es blieb da oben hängen vor dem klaren Nachthimmel. Lass dich ansehen, süß bist du, sagte Fernanda und legte ihr die Hand auf die nackte Schulter. Sandra trug ein kurzes, weinrotes Trägerkleid mit Blumenmuster von Zara und eine Halskette aus kleinen geschliffenen Flusskieseln, die Maria ihr geschenkt hatte. Ihr Stil war schlicht, aber nicht ohne Reiz. Du kannst einfach alles tragen, sagte Fernanda. Sie selbst gab viel Geld für Kleider aus und hielt sich für eine Fashionista. Wenn ich deine Figur hätte, sagte sie, ohne den Satz zu beenden. Sie sprachen über dies und das und tranken bis zehn, dann fuhren sie ins Patrick Miller nach Roma Norte.
Im Miller spielten sie alte und neue Hits, Dance, Disco, Pop. Es war nicht so hip wie das Sic, es wurde getanzt und geschwitzt, und sie standen lange an der Tanzfläche und sahen der wogenden Menge zu, und dann stellten sich zwei Typen zu ihnen, und einer von ihnen war Carlos. Er nahm einfach ihre Hand, während er weiter auf die Tanzfläche sah, und sie war so überrascht, dass sie völlig vergaß, sie ihm zu entziehen, einen Schritt beiseite, einen Aufschrei oder wenigstens ein Wort der Missbilligung. Sie stand nur da, spürte die feuchte Wärme und den Druck seiner Hand, keiner besonders großen Hand, die sich fest um die ihre schloss, als wäre es so jetzt und für immer. Sie spielten "Can't Get You Out of My Head" in diesem Moment, spielten es noch oft in dieser Nacht, und immer wenn die Hook kam, drehte der DJ die Regler runter, und alle schrien "La, la, la". Als sie im ersten Tageslicht vor dem Club standen, sagte Carlos, er werde auf keinen Fall ohne sie nach Medellín zurückfliegen, so sei das nun mal. Natürlich flog er, aber mit dem Versprechen, sie käme nach, sobald sie einige Dinge geregelt hätte. Was willst du mit dem? Du kennst ihn doch gar nicht, sagte Fernanda. Was willst du in Medellín? Aber sie hatte sich schon entschieden. Die Tür stand sperrangelweit offen, und sie würde sich noch in den Arsch beißen, wenn sie jetzt nicht hindurchging.
Zwei Wochen später flog sie nach Medellín. Carlos schrieb, er erwarte sie am Flughafen, doch in der Ankunftshalle und vor dem Gebäude wartete niemand auf sie. Sie wählte seine Nummer, erreichte ihn aber nicht. Sie schrieb ihm eine Nachricht, bekam aber keine Antwort. Sie setzte sich auf einen Blumenkübel und weinte ein bisschen. Nach fast zwei Stunden des Wartens schrieb sie ihm noch eine Nachricht und nahm ein viel zu teures Taxi und fuhr zu der Adresse, die er ihr genannt hatte. Mit ihren Koffern stand sie vor einem kleinen zweistöckigen Haus mit vergitterten Fenstern, das nicht so aussah wie das Haus, das er ihr beschrieben hatte. Oben bestand es aus rohen Ziegeln, und unten blätterte der Putz von den Wänden. Aber die Gegend war grün und ringsum erhoben sich die Berge, also blieb sie voll Hoffnung und klingelte. Als niemand öffnete, setzte sie sich in eine Panaderia, bestellte einen Kaffee und wartete weitere zwei Stunden. Vier Stunden nach ihrer Ankunft schrieb Carlos, es tue ihm leid, er sei in einer dringenden geschäftlichen Angelegenheit unterwegs und erst am späten Abend zurück, es gehe nicht anders. Sie solle sich den Schlüssel von der Nachbarin holen, er freue sich schon auf sie, lechzender Smiley. Die Nachbarin war eine winzige alte Frau, braun wie eine Kaffeebohne, mit viel zu großen grünen Plastikpantoffeln an den Füßen. Sie musterte Sandra von oben bis unten, ehe sie sagte: So eine hübsche chica, Carlos müsse sich von seiner besten Seite gezeigt haben, um sich so eine schöne Frau zu angeln. Sandra lächelte müde. Sie sollte sich noch an die Worte erinnern.
In der Wohnung roch es nach kaltem Rauch. Überall Schmutzwäsche, volle Aschenbecher, leere Bierflaschen. Sie räumte auf, putzte Bad und Küche, wusch das Geschirr und brachte den Müll raus. Als Carlos endlich auftauchte, umarmte er sie und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Er sei hundemüde und müsse dringend schlafen, danach werde er sie ausführen, sagte er, fiel aufs Bett und schnarchte. Ihr blieb nichts übrig, als wieder zu warten. Gegen neun kam er aus dem Schlafzimmer, kratzte sich den Bauch, holte sich ein Bier und klemmte sich ans Telefon. Er lachte und warf ihr Blicke zu. Er holte sich noch ein Bier und sagte, sie solle sich hübsch machen, sie würden ausgehen. Sie war seit fünfzehn Stunden auf den Beinen. Sie hatte nicht viel mehr als einen Kaffee und ein Pan de Bono zu sich genommen. Sie schminkte sich und zog schwarze Leggings und das blaue Kleid an, das ihr so gut stand. Carlos nahm sie in den Arm, küsste sie und sagte: Du bist die schönste Frau in ganz Medellín, und du gehörst mir. Er nahm sie im Türrahmen, und sie musste ihr Make-up erneuern.
Vor dem Haus wartete eine schwarze Limousine, ein dunkel schimmerndes Insekt. In seinem gepolsterten, klimatisierten Innern fühlte sie sich besser. Sie hätte sich fragen können, wie Carlos sich so ein Auto leisten konnte, das sicher ein Vermögen kostete, doch sie war viel zu erschöpft, und der Komfort war eine Wohltat. Carlos telefonierte, während er den Wagen über die Ausfallstraßen steuerte. Es war weniger ein Fahren als ein Gleiten, kam es ihr vor, laut- und mühelos und so, als wüsste der Wagen den Weg und noch einiges mehr, über die Landschaft und, wie nannte man das, die Geologie, und über sie auch. Einmal deutete Carlos auf ein Schild: Museo Pablo Escobar. Wenn sie Lust habe, könnten sie an einem anderen Tag hingehen, sagte er, und sie nickte nur, und das Schild verschwand in der Dunkelheit. Vor einem Gebäude, das aussah wie eine Tankstelle, hielten sie an und stiegen aus. Weiter unten waren die Lichter der Stadt zu sehen, um die sich die Kordillere wie ein schlafender Riese legte. Wie in der Nacht im Patrick Miller nahm er ihre Hand, und sie gingen auf den Eingang zu, wo Männer warteten. Von drinnen hörte man das regelmäßige, gedämpfte Schlagen der Bässe. Carlos begrüßte jemand, und sie wurden durchgewinkt. Ein hoher Raum mit seitlicher Galerie und einer Art Bühne in der Mitte, um die Bühne herum tiefe Sessel und niedrige Tische, an denen vereinzelt Leute saßen, leicht bekleidete Frauen und Männer, die Zigarren rauchten. Er bestellte zwei Aguardiente Sour, sie hatte Hunger zum Sterben, aber sie sagte nichts und stieß mit ihm an, und der Alkohol stieg ihr sofort zu Kopf. Nach dem zweiten Aguardiente Sour kam jemand an ihren Tisch. Sie folgten ihm in eins der Separees auf der Galerie. Carlos stellte sie einem Mann vor, der Gonzalo hieß und einen teuer aussehenden Anzug trug. Er küsste sie und sagte, er sei gleich zurück, und ließ sie allein mit ihm. Gonzalo legte seine Hand auf ihr Knie und sagte, Carlos habe ihm schon viel von ihr erzählt. Er sprach zu ihr mit leiser Stimme, sodass sie sich zu ihm hinüberbeugen musste, um zu verstehen, was er sagte. Zuerst nickte sie. Wenn er lachte, lachte sie. Bald jedoch hatte sie das Gefühl, er sage Dinge, die keinen Sinn ergaben. Oder sie fand, er sage Sachen, die er nicht sagen sollte. Doch sie war nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. Genauso gut konnte es der Alkohol sein, Gonzalo ließ immer neue Drinks kommen, der Hunger oder die Müdigkeit. Vom Zuhören tat ihr der Nacken weh. Sie entschuldigte sich und suchte die Toiletten. Die Musik hatte gewechselt. Synthesizer-Klänge waberten wie Nebel durch den Raum. Auf der Bühne schlang eine Frau ihren nackten Körper um eine Stange. Wie ein Gewächs, dachte sie, wie eine Schlange. Schließlich fand sie die Toiletten. Es war nur ein Augenblick. Jemand kam aus der gegenüberliegenden Tür. Carlos und ein anderer standen am Waschbecken. Er beugte sich vor und sog etwas durch die Nase ein. Die Tür schloss sich wieder. Einen Moment stand sie im dunklen Vorraum und lauschte. Sie hörte die beiden lachen. Sie öffnete die andere Tür, setzte sich in eine Kabine und schlief ein.
Es war Tag, als sie erwachte. Ein Zimmer mit Spiegeln an Wänden und Decke. Ein Bett, in dem eine ganze Familie Platz hatte. Seidenlaken, Flatscreens, Gemälde, Teppiche und überall Gold. Und Marmor. Sie wusste nicht, wo sie war und was letzte Nacht geschehen war, aber sie hatte kein gutes Gefühl. Sie stand auf, zog ihre Sachen an, die ordentlich zusammengelegt auf einem Sessel lagen, und öffnete die Zimmertür. Sie befand sich in einem großen Haus, einer Villa. Sie lief die Treppe hinunter in die Halle und rief nach Carlos, doch niemand antwortete. Sie betrat einen großen Raum mit breiter Fensterfront. Dahinter waren eine Terrasse und ein Pool, in dem jemand auf dem Rücken schwamm. Die Terrassentüren standen offen. Sie näherte sich und erkannte Gonzalo. Als er sie bemerkte, grinste er. Ausgeschlafen, amorcita? Sandra ging vieles auf einmal durch den Kopf. Was soll das, wo ist Carlos? sagte sie aufgebracht. Gonzalo hob in aller Ruhe seinen schweren Körper aus dem Wasser und wickelte sich in einen Bademantel. Carlos ist ein fleißiger Mann, sagte er. Er arbeitet, damit du und ich faulenzen können, vergiss das nicht. Er musste gestern Nacht geschäftlich weg, y que? Weil du plötzlich verschwunden warst, konnte er es dir nicht selber sagen. Eine meiner Mitarbeiterinnen fand dich auf dem Scheißhaus, lo siento. Ich habe Carlos versprochen, auf dich aufzupassen. Wir sind Partner. Du warst in keinem guten Zustand, amorcita. Du solltest dankbar sein. Er machte es sich in einem Liegestuhl bequem und zündete sich eine Zigarre an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie fühlte sich elend, gedemütigt und alleingelassen. Sie wünschte, sie wäre zu Hause und Fernanda wäre da. Sie hätte sie anrufen können oder Maria, aber wie hätte das ausgesehen? Schon wieder kamen ihr die Tränen. Na, amorcita, sagte Gonzalo gedehnt und zog an seiner Zigarre.
Sie hatte Carlos zur Rede stellen, ihm ihre Gefühle erklären und sagen wollen, er dürfe sie nie mehr alleinlassen. Doch als er sie abholte und sie neben ihm im Wagen saß, hatte sie Angst, alles kaputt zu machen, und ihre Gefühle kamen ihr kleinlich vor. Harte Schale, weicher Kern, sagte er. Ich und Gonzalo sind so. Er ließ das Lenkrad los und schlug die Faust in die Hand. Wie Brüder, sabes. Er hat mir alles gegeben, und jetzt gebe ich ihm alles. Er ist nett, sagte Sandra. Ich möchte nur, dass wir zusammen sind. Ich war so allein in dem großen Bett und … Kommt nicht wieder vor, mi amor, sagte er. Damit war die Sache für ihn erledigt. Und wirklich, in den folgenden Tagen war er charmant. Er kaufte ihr Blumen und schenkte ihr einen Boxer-Welpen, der ihr die Knie leckte. Er nahm sich Zeit für sie, war liebevoll und zuvorkommend, führte sie zum Essen aus und zeigte ihr die Stadt. Sie lachten viel und küssten sich und machten Selfies vor den Graffitis in der Comuna 13 und vor Escobars Landsitz. Sie sahen sogar die Flusspferde, ausgewilderte Abkömmlinge von Tieren aus dem Privatzoo des Drogenbosses. Mit der Seilbahn fuhren sie auf die umliegenden Hügel und blickten auf die Stadt, die nicht wiederzuerkennen war, seit die Narcos den Touristen Platz gemacht hatten. Das erste Mal hatte sie das Gefühl, sie könnte hier leben mit ihm.
Bei einem Abendessen stellte Carlos ihr seine Cousine vor. Mit dem hoch aufgetürmten Haar, den großen Ohrringen und den knallbunten Kleidern war Ximena eine echte Erscheinung. Sie kam eine halbe Stunde zu spät, und Carlos ließ ein bisschen Dampf ab. Doch statt sich zu entschuldigen, fing Ximena ihrerseits an, Carlos zu beschimpfen. Sie sagte, er behandle die Frauen schlecht, er halte sie sich wie Dienstmädchen, und weil in Medellín keine mehr auf ihn reinfalle, habe er sich eine kleine Mexikanerin ausgesucht, um sie ebenfalls zu erniedrigen. Sandra wollte widersprechen, aber Ximena ließ sie nicht zu Wort kommen. Sie schimpfte und schimpfte, bis Carlos ganz kleinlaut wurde. Er gebe zu, er sei nicht immer rücksichtsvoll gewesen und habe die Frauen nicht immer so wertgeschätzt und behandelt, wie sie es verdient hätten. Doch das sei vorbei, diesmal sei alles anders, por Dios, sagte er und legte den Arm um Sandra. Sandra liebe er wirklich, er schneide sich lieber die Hand ab, als sie schlecht zu behandeln. Ximena sah ihn scharf an. Sie lachte laut und sagte, sie werde sich seine Worte gut merken und Sandra hoffentlich auch, und dann stießen sie an. Sandra mochte sie. Sie erinnerte sie an Fernanda. Gemeinsam besuchten sie das Museum und den Botanischen Garten. Vor den dicken Skulpturen auf der Plaza Botero sagte Ximena: Sieh dich vor, ich kenne ihn, er ist unberechenbar. Er ist wie ein Magnet, er hat eine anziehende und eine abstoßende Seite, und nie weißt du, welche er dir als nächstes zeigt.
Sie behielt leider recht. Carlos war launisch, die Stimmung kippte von einer Minute auf die nächste. Ohne ein Wort zu ihr blieb er tagelang weg. Sandra versuchte, das Beste daraus zu machen. Sie ging mit Ximena shoppen, verschönerte die Wohnung und fand Arbeit in einem Café. Als sie ihm davon erzählte, wurde er wütend und schrie sie an. War seine Arbeit nicht genug? Konnte er etwa nicht für sie sorgen? Sie war schockiert und traurig, doch sie versprach, nicht mehr in das Café zu gehen. Eine Woche darauf rief der Besitzer sie an. Eine Mitarbeiterin war erkrankt, er suchte dringend Ersatz, er wollte auch einen Bonus zahlen. Es war nur ein einziges Mal, doch jemand musste sie gesehen und es Carlos erzählt haben. Als sie nach der Arbeit nach Hause kam, wartete er auf sie. Er hatte getrunken. Er sagte, er lasse sich von keiner Frau belügen, Liebe hin oder her. Mit der flachen Hand schlug er ihr ins Gesicht. Noch in derselben Nacht ergriff sie die Flucht. Ximena nahm sie auf. Sie seufzte und sagte, Kleines, was hab ich gesagt, er wird sich nie ändern. Sie verstand, dass Sandra nicht nach Mexiko zurückwollte. Sie versteckte sie, besorgte ihr ein Zimmer in Robledo auf der anderen Seite der Stadt und machte sie mit Raul bekannt.
Eine Woche verging. Sandra stand zeitig auf, hielt das Zimmer in Ordnung und wartete auf Aufträge von Raul. Gefühle für Carlos versagte sie sich genauso wie Gedanken an zu Hause. Es war nicht viel, was sie hatte, doch es war ihrs. Das erste Mal im Leben war sie ganz auf sich gestellt, und es fühlte sich okay an. Manchmal verdrückte sie eine Träne, doch mit jedem Tag fühlte sie sich widerstandsfähiger. Irgendwie würde sie durchkommen und ihren Weg machen, certamente. Eines Nachmittags spürte sie ein Pochen in einem Backenzahn. Sie sog daran, und ein ziehender Schmerz durchzuckte sie, als ränne flüssiges Eisen durch ihre Kieferhöhle. Sie nahm eine Tablette, und der Schmerz verzog sich. Sie arbeitete bis halb neun. Sie hatte ganz vergessen, Licht zu machen. Sie ging ans Fenster und sah auf die Straße hinunter, und da stand er, versteckt im Schatten eines Vordaches, aber sie erkannte die Silhouette, und immer wenn er an der Zigarette zog, erhellte die Glut für einen Augenblick sein Gesicht. Sie erstarrte. Was tat er da, lauerte er ihr auf? Sie verriegelte die Tür und ging schlafen. Als sie am nächsten Tag vor die Tür trat, lag da eine kleine blutige Hundepfote. Er wollte sie einschüchtern, also gut. Auch das würde sie durchstehen. Es würde vorübergehen, so wie alles vorüberging. Sie rief Ximena an, konnte sie aber nicht erreichen. Sie probierte es weiter, doch sie blieb wie vom Erdboden verschluckt. Auch Carlos ließ sich nicht blicken. Bis vorigen Abend.
Sie hatte sich Papas Mexicanas geholt. Sie stellte die Tüte mit dem Essen ab und tastete nach dem Schlüssel. Plötzlich war er hinter ihr und hielt ihr den Mund zu. Er musste im dunklen Treppenhaus auf sie gewartet haben. Er schob sie in die Wohnung und gab ihr zu verstehen, sie solle still sein, dann passiere nichts, er wolle nur mit ihr reden. Völlig ruhig sah sie ihn an. Er wirkte abwesend, als hätte er etwas genommen. Er setzte sich auf den einzigen Stuhl und seufzte. Was soll ich nur mit dir machen, mamacita? Warum hast du es kaputt gemacht, hm? Sie schwieg und sah aus dem Fenster. Die Kordillere war mächtig und unbewegt, alles überstand die Kordillere. Als sie wieder hinsah, drehte er ein Messer in der Hand, Blut an der Klinge. Jetzt hast du Schiss, hm, bonita? Genau wie Ximena. Wie sie gebettelt hat: Tu mir nichts, Carlito. Was hab ich getan, Carlito? Buhu! Ihr hättet etwas Respekt haben sollen, sabes? Sandra ertastete etwas auf dem Tisch hinter ihrem Rücken. Blitzschnell stieß sie ihm die Schere in den Oberschenkel. Blut schoss hervor, er schrie auf. Sie entwand ihm das Messer und steckte es ihm in die Brust. Er verdrehte die Augen, fiel mit dem Stuhl hintüber und rührte sich nicht mehr. Sie hätte mehr Widerstand erwartet. Er war schon ein Schlappschwanz. Sie zog den Stuhl unter ihm weg, setzte sich an den Tisch und begann zu arbeiten.
Lo siento, jovencita. Sie schreckte aus ihren Gedanken auf und blickte um sich. Auf der anderen Seite des Parks lief eine Horde Kinder kreischend auseinander. Im Gebüsch raschelte es. Aber da war niemand. Hörte sie Stimmen? Sie klappte das Notizbuch zu und schnippte die Teigkrümel von ihrem Rock. Lo siento, jovencita. Ich störe Sie doch nicht? Vor ihr stand ein kleiner Mann mit dichtem Schnurrbart. Er trug einen breitkrempigen Hut und einen Jorongo, einen traditionellen Überwurf aus bunt gefärbter Wolle und mit einer Öffnung in der Mitte, durch die man den Kopf steckte, weiße Dreiviertelhosen, keine Schuhe. Er sah aus wie einer dieser folkloristischen Alten aus Cuernavaca oder Puebla, die den Touristen auf dem Zócalo Ponchos, Calaveras und die fauchende Schlange Quetzalcoatl aufschwatzten, ein Mexikaner. Wo kam der auf einmal her? Sie sah ihn verdutzt an. Oh, nein, nein, ich wollte gerade gehen, sagte sie. Ich werde Sie nicht aufhalten, erwiderte er. Schauen Sie, wir sind ein sehr altes Volk, älter als der Orient, als Europa, verstreut in alle Winde sind wir selbst wie der Wind, uns hält nichts auf, stimmt's? Sandra nickte freundlich. Was will er? dachte sie. Lo ves, Sie stimmen mir zu. Sie kennen mich nicht, und doch stimmen Sie zu. Wir sind synthetisch von Natur, das macht uns stark, einzigartig, das Plasma kommender Gesellschaften, ein neues goldenes Zeitalter. Er grinste. Die Gringos in ihrer Beschränktheit vermischen sich nur mit Ihresgleichen. Wir dagegen. Wir sind das fünfte Element, die neue, synthetische, die universelle Rasse. Wir tragen den Geist und das Blut aller Völker in uns, jovencita. Echt? Soweit sie wusste, trug sie das Blut ihrer Eltern in sich, Blutgruppe A beziehungsweise AB, was sie zu B machte, obwohl die meisten Mexikaner 0 waren. Hatte er universell gesagt? Oder einzig oder beides, und war das nicht ein Widerspruch? Ich sehe, Sie denken nach. Gut, sehr gut, sagte er und zwirbelte seinen Bart. Aber denken Sie nicht zu viel. Zu viel macht untätig, und wir müssen tätig sein. Wir werden wieder Pyramiden bauen und spiralförmige Konstruktionen von atemberaubender Schönheit, die den Himmel erobern, schön, weil sie die Unendlichkeit symbolisieren und das absolut Nutzlose. Schluss mit der Gotik! Die Wirklichkeit konkurriert mit der Fantasie, es wird tropisch, Sie werden sehen. Er warf den Hut in die Luft. Amazonien, Universopolis! Und fing ihn gekonnt mit einer Hand wieder auf. Ich fürchte, ich muss los, aber versprechen Sie mir eins, jovencita: Reproduzieren Sie sich! Heiraten Sie einen Mestizo. Er zog erneut den Hut, hielt ihn an der breiten Krempe fest und wedelte damit herum. Sandra winkte zurück. Und dann geschah folgendes: Der Mexikaner stieg über die niedrige Einfassung hinweg ins Beet zu Strelitzien und Orchideen, schob die Luftwurzeln einer mächtigen Würgefeige zur Seite wie einen Vorhang, und weg war er. Sie rechnete fest damit, dass er jeden Augenblick wieder hervorkommen würde. Doch er kam nicht zurück. Sollte sie nachsehen? Das wäre wohl nicht angemessen, dachte sie benommen. Aber was war angemessen? Egal, es war noch nicht zu Ende. Plötzlich erhob sich ein Sausen wie von einer Maschine, einer Klimaanlage vielleicht, Äste und Blätter gerieten in Bewegung, und ein halbmondförmiges Ding von der Größe eines Kleinwagens, gewölbt und dampfend wie eine frische Empanada, stieg aus dem Gebüsch empor, stieg hoch bis über die Baumwipfel, machte eine 45-Grad-Drehung, gab einen dumpfen Furz von sich und verschwand. Zurückblieb ein mannshoher Rauchkringel, der einige Sekunden in der Luft stand und dann zerplatzte wie eine Seifenblase. Sandra seufzte. Es war ein bisschen viel auf einmal. Aber so ist das nun mal, und was soll's. Sie stand auf, strich den Rock glatt und machte sich auf den Nachhauseweg. Wahrscheinlich ist alles nur ein Traum, dachte sie. Allerdings fühlte es sich nicht an wie einer. Die Leute mit ihren Gesichtern, der Verkehr, die stehende, drückende Luft, sie selbst, wie sie ging und dachte, alles wirkte ziemlich echt. Doch irgendwas stimmte nicht, stimmte nicht überein, das Innere und das Äußere oder das Innere oder das Äußere in sich. Sie wollte Liebe und bekam Carlos, sie wollte Freiheit und bekam ein winziges Zimmer, sie wollte eine sinnvolle Arbeit und bekam den idiotischsten Job der Welt. Und jetzt war Carlos tot, und sie sah fliegende Empanadas und von Plasma und Spiralen faselnde Mexikaner.
Vielleicht ist alles nur ein Traum, dachte sie wieder, als sie vor ihrer Tür stand. Sie schloss auf und betrat das Zimmer. Der süßliche Geruch fiel ihr jetzt auf. Es wirkte so, als schliefe er, sofern man das Messer und die Schere übersah und das viele Blut, das sich kreisförmig auf den Fliesen ausgebreitet hatte und längst geronnen war. Sie machte einen Schritt über den Leichnam, setzte sich an den Tisch und klappte den Laptop auf. An der Wand über dem Tisch hing ein Bild ihrer Mutter als junge Frau. Es war ein Schnappschuss vom Ende des Jahrhunderts. Maria lachte in die Kamera und hielt eine Piñata im Arm, eine grüne Figur aus Pappmaché, ein Geburtstagsgeschenk von Alejandro. Sie war ungefähr so alt wie Sandra jetzt auf dem Bild und frisch verliebt. Was sie wohl sagen wird? Malinche, wird sie sagen, was machst du für Sachen. Einmal hatte sie Maria gefragt, warum sie manchmal Malinche zu ihr sagte, und Maria hatte ihr von der Eroberung Mexikos erzählt, von Cortés und seiner Geliebten, die die Spanier nur Marina nannten und die so hochherzig war, ihrer Mutter zu verzeihen, die sie als Sklavin verkauft hatte, und so mutig, mit dem Konquistador in den Krieg gegen die Mexica zu ziehen. In den Schulbüchern kam Malinche nicht vor, und Moctezuma erschien mal als geschickter Stratege, mal als Marionette des Konquistadors, der sein Reich bereitwillig opferte. Dieses Reich war so mächtig und groß, so prächtig und zweckmäßig, und doch wurde es in kürzester Zeit in die Knie gezwungen und verschwand, und an seine Stelle trat ein neues Reich. In einem Lied, das ihr Vater ihr als Kind vorgespielt hatte, kam Cortés tänzelnd übers Meer wie ein Akrobat, und die Mexica erschienen weise und friedvoll, doch in Wahrheit waren die einen wie die anderen Mörder, und ihre Reiche wurzelten im Blut der Unterjochten. Sie dachte das nicht wirklich. Es war mehr ein Empfinden, die Ahnung, dass sich alles wiederholte und die Menschheit gefangen war in einem Kreislauf, und aller Fortschritt diente nur dazu, dass die Welt sich immer schneller drehte, und die Reiche kamen und gingen, und das Blut zirkulierte rascher, aber in Wirklichkeit änderte sich überhaupt nichts, nada. Ihr schwindelte, und sie trank einen Schluck Diet Coke. Über der Kordillere hingen die Wolken wie festgeklebt. Die Worte des Mexikaners fielen ihr ein: Heirate, pflanze dich fort! Das konnte sie erst mal knicken. Und überhaupt, was ging es ihn an? Sie klickte auf den Ordner, den Raul ihr heute früh geschickt hatte, öffnete eine der Dateien und zoomte heran. Sie zog einen Kreis um das Haus, einen um den Garten und noch einen um die Garage und schrieb in die Kreise: Blut, Blut, Blut. Dann zoomte sie das nächste Haus heran und verfuhr genauso. Als sie mit allen Dateien fertig war, schickte sie den Ordner an Raul zurück, klappte den Laptop zu und rief ihre Mutter an. Sie erzählte ihr alles von Anfang an, ohne Eile und ohne etwas auszulassen.
Es war, wie sie vorausgesehen hatte. Sowie Maria den Kirchenraum betrat, verstummten die Stimmen auf dem Vorplatz, und sie wurde ruhig. Außen und innen, das Hässliche und das Heilige, alles war so nah beieinander, und eigentlich war es untrennbar. Sie tauchte die Fingerspitzen in die Schale mit dem Weihwasser und bekreuzigte sich. Der Raum war angenehm kühl, aber vom Altar mit seinem reich verzierten goldenen Aufsatz, der die gesamte Rückwand der Apsis einnahm, ging ein warmes Leuchten aus wie von einem Feuer. Sie wusste jetzt, dass ihre Tochter nicht zu ihr zurückkehren würde, was auch geschah. Ein paar Schritte und sie kniete vor dem Altar. Und dann betete sie: für Alejandro, für sich und für ihre Tochter Sandra Fuentes.
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