Intervention
Nach über hundert Tagen
Von Claus Leggewie
25.03.2025. Boualem Sansal sitzt seit November in Haft. Das algerische Regime führt eine Politik des Schweigens. Sansal sind zehn Jahre Gefängnis angedroht - am Donnerstag soll das Urteil verkündet werden. Und doch gibt es etwas, das mich optimistisch sein lässt.Seit November letzten Jahres bemüht sich die literarische Welt (und natürlich sein Anwalt), den am Flughafen von Algier festgesetzten und seither eingesperrten Boualem Sansal freizubekommen. Wir haben unseren Zorn kaum bremsen können, dass ein exzellenter Autor, der alt und schwer krank ist, wegen eines Meinungsbeitrags in einem französischen Medium derart traktiert worden ist und ihm eine Haft von zehn Jahren wegen Verletzung der "nationalen Integrität" Algeriens droht (ein Artikel 87 im algerischen Strafrecht, der buchstäblich jeden treffen kann.) Dass seinem französischen Anwalt ein Visum verweigert und der Zugang zu Sansal ganz offenbar versperrt wurde, weil er Jude ist und Sansal als zionistischer Agent behandelt wird. Dass unsere Appelle, ihn von politischer Seite deutlicher zu unterstützen, anscheinend verhallt sind und wir vertröstet wurden, man agiere "im Hintergrund" auf den üblichen diplomatischen Kanälen. Und dass so viel Zeit und schon mehr als hundert Tage Gefängnis vergangen sind. Und nicht zuletzt, weil wir keine anderen Mittel als Appelle und Solidaritätsbekundungen haben, bei denen man nicht sicher sein kann, ob sie den Inhaftierten erreichen.
Zum Optimismus bestand also zu keiner Zeit Anlass. Und nun müssen wir Ungeduldigen lernen, wie "Diplomatie" geht: Jede verbale Eskalation der Konfrontation mit dem halbdiktatorialen Regime schadet Sansal. Denn das Regime der alten Befreiungskämpfer ist seiner selbst so unsicher, dass es eine an sich völlig unbedeutende verbale Infragestellung seiner Grenzen auf keinen Fall hinnehmen wird. Sansal entstammt selbst dieser Nomenklatur, und er hat sie nach seinem Ausscheiden aus der Staatsbürokratie an allen Fronten attackiert: als Polizeistaat, als korrupte Clique, als Anti-Demokraten, als Promotoren eines überpolitisierten Islam, als Mitverantwortliche für einen schrecklichen Bürgerkrieg und als Unfähige, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Sansals in französischer Sprache verfassten Romane und Essays waren schwer erhältlich, aber wer wollte, konnte sie auch in Algerien unter der Ladentheke erwerben und lesen. Passiert ist ihm bis 2024 aus zwei Gründen nichts: er hatte die territoriale Einheit seines Landes und den Mythos eines vorkolonialen Algerien nicht so direkt in Frage gestellt, und er konnte dem Regime, das 2019 von einer mächtigen Demokratiebewegung angegangen wurde, als Beweis dienen, dass es seinen Gegnern Meinungsfreiheit beließ. In dem Moment, wo Sansals Worte als Verrat an die ehemalige Kolonialmacht Frankreich gedeutet werden konnte und dies mit deren marokkofreundlicher Haltung konvergierte, "musste" das Regime zuschlagen.
Und es wäre durchaus fähig, Sansal im Gefängnis schmoren (und sterben) zu lassen, wie es auch andere Oppositionelle, namentlich kritische Journalisten drangsaliert.
Wieso also kann man optimistisch sein? Spekulativ: Weil die Härte der Sanktion - zehn Jahre Knast - auf einen möglichen "Deal" hindeutet, der auf die Verurteilung Begnadigung und Abschiebung folgen lässt. Und noch mehr, weil sich der algerische Staatspräsident Tebboune so eingelassen hat, dass er Frankreich tadelt, aber auch einen Deal auf Augenhöhe mit seinem Amtskollegen Macron anvisiert. So erlitte Algier mit einer Freilassung keinen Gesichtsverlust und es gäbe die Gelegenheit, die franko-algerischen Beziehungen zu normalisieren, die auch Tebboune und seine Technokraten nicht für einen ungehörigen Schriftsteller in Frage stellen wollen. Dann kann man auch vergessen, dass zwei Minister aus Macrons Kabinett jüngst zur Unzeit in die Westsahara gefahren sind, um die Kulturbeziehungen zu Marokko zu feiern, mit dem der algerischer Nachbar seit Jahrzehnten auf dem Kriegsfuß steht.
Ja so funktioniert Diplomatie oder generell eine Außenpolitik, die selbst mit dem Teufel Kompromisse schließen muss. Und kann. War der Zorn umsonst, die Solidarität vergeblich, das Engagement überflüssig? Auf keinen Fall. Es ist auch dem algerischen Regime aufgefallen, dass Sansal ein Weltautor ist, den man nicht einfach wegsperren kann. Und dass auch die Algerier, die Sansals kritische Stellungnahmen nicht schätzen, ihn nicht hinter Gittern sehen wollen. Und es dürfte, so hoffen wir jedenfalls, doch an Boualem Sansals Ohr gedrungen sein, dass es Menschen in aller Welt gibt, die für seine Freilassung trommeln. Über den angedeuteten Deal kann er sich dennoch kaum vorbehaltlos freuen. Denn in einer normalen Welt darf bitte jeder selbst entscheiden, ob und wann er seinen Wohnort wechselt.
Das algerische Regime, das einer Befreiungsbewegung entstammt und diesen Mythos zur Stiftung nationaler Einheit in Unfreiheit instrumentalisiert, hat in jedem Fall seine Reformunfähigkeit unter Beweis gestellt und sich unter Freiheitsliebenden schwer kompromittiert. Ich wollte ihn in seinem Haus besuchen, wozu jetzt keine Gelegenheit mehr sein dürfte. Umso mehr hoffe ich ihn, in Paris bei besserer Gesundheit wiedersehen zu können.
Claus Leggewie
Zum Optimismus bestand also zu keiner Zeit Anlass. Und nun müssen wir Ungeduldigen lernen, wie "Diplomatie" geht: Jede verbale Eskalation der Konfrontation mit dem halbdiktatorialen Regime schadet Sansal. Denn das Regime der alten Befreiungskämpfer ist seiner selbst so unsicher, dass es eine an sich völlig unbedeutende verbale Infragestellung seiner Grenzen auf keinen Fall hinnehmen wird. Sansal entstammt selbst dieser Nomenklatur, und er hat sie nach seinem Ausscheiden aus der Staatsbürokratie an allen Fronten attackiert: als Polizeistaat, als korrupte Clique, als Anti-Demokraten, als Promotoren eines überpolitisierten Islam, als Mitverantwortliche für einen schrecklichen Bürgerkrieg und als Unfähige, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Sansals in französischer Sprache verfassten Romane und Essays waren schwer erhältlich, aber wer wollte, konnte sie auch in Algerien unter der Ladentheke erwerben und lesen. Passiert ist ihm bis 2024 aus zwei Gründen nichts: er hatte die territoriale Einheit seines Landes und den Mythos eines vorkolonialen Algerien nicht so direkt in Frage gestellt, und er konnte dem Regime, das 2019 von einer mächtigen Demokratiebewegung angegangen wurde, als Beweis dienen, dass es seinen Gegnern Meinungsfreiheit beließ. In dem Moment, wo Sansals Worte als Verrat an die ehemalige Kolonialmacht Frankreich gedeutet werden konnte und dies mit deren marokkofreundlicher Haltung konvergierte, "musste" das Regime zuschlagen.
Und es wäre durchaus fähig, Sansal im Gefängnis schmoren (und sterben) zu lassen, wie es auch andere Oppositionelle, namentlich kritische Journalisten drangsaliert.
Wieso also kann man optimistisch sein? Spekulativ: Weil die Härte der Sanktion - zehn Jahre Knast - auf einen möglichen "Deal" hindeutet, der auf die Verurteilung Begnadigung und Abschiebung folgen lässt. Und noch mehr, weil sich der algerische Staatspräsident Tebboune so eingelassen hat, dass er Frankreich tadelt, aber auch einen Deal auf Augenhöhe mit seinem Amtskollegen Macron anvisiert. So erlitte Algier mit einer Freilassung keinen Gesichtsverlust und es gäbe die Gelegenheit, die franko-algerischen Beziehungen zu normalisieren, die auch Tebboune und seine Technokraten nicht für einen ungehörigen Schriftsteller in Frage stellen wollen. Dann kann man auch vergessen, dass zwei Minister aus Macrons Kabinett jüngst zur Unzeit in die Westsahara gefahren sind, um die Kulturbeziehungen zu Marokko zu feiern, mit dem der algerischer Nachbar seit Jahrzehnten auf dem Kriegsfuß steht.
Ja so funktioniert Diplomatie oder generell eine Außenpolitik, die selbst mit dem Teufel Kompromisse schließen muss. Und kann. War der Zorn umsonst, die Solidarität vergeblich, das Engagement überflüssig? Auf keinen Fall. Es ist auch dem algerischen Regime aufgefallen, dass Sansal ein Weltautor ist, den man nicht einfach wegsperren kann. Und dass auch die Algerier, die Sansals kritische Stellungnahmen nicht schätzen, ihn nicht hinter Gittern sehen wollen. Und es dürfte, so hoffen wir jedenfalls, doch an Boualem Sansals Ohr gedrungen sein, dass es Menschen in aller Welt gibt, die für seine Freilassung trommeln. Über den angedeuteten Deal kann er sich dennoch kaum vorbehaltlos freuen. Denn in einer normalen Welt darf bitte jeder selbst entscheiden, ob und wann er seinen Wohnort wechselt.
Das algerische Regime, das einer Befreiungsbewegung entstammt und diesen Mythos zur Stiftung nationaler Einheit in Unfreiheit instrumentalisiert, hat in jedem Fall seine Reformunfähigkeit unter Beweis gestellt und sich unter Freiheitsliebenden schwer kompromittiert. Ich wollte ihn in seinem Haus besuchen, wozu jetzt keine Gelegenheit mehr sein dürfte. Umso mehr hoffe ich ihn, in Paris bei besserer Gesundheit wiedersehen zu können.
Claus Leggewie
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