Intervention

Warnung vor dem Pazifismus

Von Richard Herzinger
26.03.2025. Gerade in Deutschland genießt die Idee des Pazifismus bis heute hohe Wertschätzung. Doch tatsächlich hat der Pazifismus bereits im 20. Jahrhundert überwiegend eine verheerende Rolle gespielt. Denn eine konsequente pazifistische Einstellung ließ sich nur unter Ausblendung der Frage durchhalten, wie man sich gegen Mächte unbewaffnet wehren soll, die die Vernichtung anderer Völker betreiben, wie dies heute bei Putins Russland der Fall ist. Kleine Erinnerung an einen Teufelspakt mit moralischem Antlitz.
Rechte wie linke prorussische Parteien unterminieren die Verteidigungsbereitschaft des Westens, indem sie sich als konsequente Freunde des Friedens ausgeben. Dabei machen sie sich den Nimbus des Pazifismus als einer grundsätzlich ehrenwerten Haltung zunutze.

Doch tatsächlich hat der Pazifismus bereits im 20. Jahrhundert überwiegend eine verheerende Rolle gespielt. Denn eine konsequente pazifistische Einstellung ließ sich nur unter Ausblendung der Frage durchhalten, wie man sich gegen Mächte unbewaffnet wehren soll, die Krieg, Unterwerfung und Vernichtung anderer Völker als ihren eigentlichen Daseinszweck betrachten, wie dies heute bei Putins Russland der Fall ist

Aus dieser Erkenntnis heraus sind Pazifisten wie Albert Einstein von ihrer Position abgerückt, als sie mit der Machtergreifung des absoluten Bösen konfrontiert waren. "Bis 1933", erklärte Einstein, "habe ich mich für die Verweigerung des Militärdienstes eingesetzt. Als aber der Faschismus aufkam, erkannte ich, dass dieser Standpunkt nicht aufrechtzuerhalten war, wenn nicht die Macht der Welt in die Hände der schlimmsten Feinde der Menschheit geraten soll."

Wer hingegen sogar angesichts dieser ultimativen Bedrohung an den eigenen pazifistischen Maximen keine Abstriche machen wollte, dem blieb nichts anderes übrig, als sich die totalitären Aggressoren systematisch schönzureden. In ihrem Eifer, die Bedrohung durch den Totalitarismus herunterzuspielen, verstrickten sich etliche Pazifisten immer tiefer in dessen Propagandalügen, um sich oftmals sogar ganz mit ihm zu identifizieren.

Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Automobilbau-Pionier Henry Ford, der als grundsätzlicher Kriegsgegner zum radikalen Antisemiten und frühen Förderer Hitlers und der NSDAP wurde. 1915 brach Ford mit einem "Friedensschiff" nach Europa auf, wo er sich als Vermittler zwischen den Kriegsparteien des Ersten Weltkriegs anbieten wollte. Nach dessen Ende entpuppte sich Ford als fanatischer Antisemit, der in seinem Buch "Der Internationale Jude" das Judentum für alle Weltübel verantwortlich machte. In den 1930er Jahren wurde der Industrie-Tycoon Teil der isolationistischen Strömung, die unter dem Slogan "America First" gegen den Kriegseintritt der USA an der Seite der europäischen Demokratien agitierte.

Der Gedanke, dass zwischen Pazifismus und Antisemitismus eine untergründige Verbindung bestehen könnte, scheint auf den ersten Blick befremdlich. Doch auf eine perverse Weise bot auch der Nationalsozialismus eine latente "pazifistische" Botschaft an. Hitler wurde nicht müde, das Judentum für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verantwortlich zu machen und es zu bezichtigen, es wolle die Völker erneut in einen großen Krieg stürzen. Damit suggerierte er, dass, wären die Juden erst einmal beseitigt, "die Völker" in friedlicher Harmonie würden zusammenleben können. Das scheint auf manche Pazifisten nicht seine Wirkung verfehlt zu haben.

So hatte Pierre Laval, Chef der Vichy-Regierung unter Marschall Pétain und ein besonders fanatischer  NS-Kollaborateur, seine politische Karriere als Vertreter des pazifistischen Flügels der französischen Sozialistischen Partei begonnen. Eine Reihe anderer französischer Handlanger der NS-Besatzung ab 1940 stammten ursprünglich aus der pazifistischen Linken - so Marcel Déat, der 1939 einen Leitartikel unter der Schlagzeile "Sterben für Danzig?" veröffentlichte. Dieser Slogan wurde bald zum Kampfschrei der Gegner einer französischen Mobilmachung gegen Hitlerdeutschland. Déat schuf eine ganz auf seine Person zugeschnittene links-rechts-gestrickte Partei, die zur bedingungslose Zusammenarbeit mit den NS-Besatzern aufrief. Anhänger Déats sollen sich sogar als Freiwillige an der Jagd auf französische Juden beteiligt haben, die zur Deportation in die Vernichtungslager zusammengetrieben wurden.

Aber auch der verlogene "Pazifismus" heutiger europäischer Rechtsaußenparteien wie der AfD hat Vorläufer - etwa in Jacques Doriot, den Führer der rechtsextremen PPF, deren radikaler Nationalismus sie in den 1930er Jahren nicht daran hinderte, aus Bewunderung für den deutschen Diktator die Entwaffnung Frankreichs zu propagieren.

Trotz dieser Anfälligkeit für totalitäres Denken genießt die pazifistische Idee insbesondere in Deutschland bis heute eine ungebrochen hohe Wertschätzung. Das aber liegt nicht nur an dem lobenswerten Vorsatz, nie wieder in den Militarismus der deutschen Vergangenheit zurückzufallen. Der Pazifismus diente im Deutschland nach 1945 vielmehr auch als Mittel der Entlastung von eigener Mitverantwortung und Mitschuld an der NS-Barbarei.

Exemplarisch dafür steht der protestantische Pastor Martin Niemöller, der in den 1950er und 1960er Jahren zu einer ikonischen Gestalt der "Friedensbewegung" aufstieg. Obwohl er ein grundsätzlicher Befürworter des Nationalsozialismus war, landete Niemöller 1938 wegen seiner abweichenden theologischen Positionen als "persönlicher Gefangener" Hitlers im Konzentrationslager. Auch dann aber brach er nicht gänzlich mit der NS-Ideologie - und seinem eigenen Antisemitismus.

Aus der Haft heraus richtete Niemöller bei Kriegsausbruch 1939 ein Gesuch an Hitler, wie schon im Ersten Weltkrieg als U-Boot-Kommandant Dienst tun zu dürfen - was ihm jedoch verweigert wurde. Nach dem Krieg trat Niemöller dann als radikaler Pazifist auf, der sich vehement gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik und insbesondere gegen die Atomrüstung aussprach. Dabei zeigte er keine Berührungsängste gegenüber dem kommunistischen Totalitarismus. 1966 erhielt er sogar den Lenin-Friedenspreis der UdSSR.

Gegen "den Krieg" an sich zu sein, bot Nationalkonservativen wie Niemöller, die durch ihre Nähe zum NS-System diskreditiert waren, die Möglichkeit, von dem singulären verbrecherischen Charakter des deutschen Vernichtungskriegs abzulenken und sich dabei noch pseudomoralisch über die westlichen Alliierten zu erheben - vor allem über die USA, die gerne als besonders kriegswütig dargestellt wurden. Auch in dieser Variante zeigt sich somit deutlich, dass sich hinter der Attitüde kompromissloser Friedfertigkeit häufig ein antidemokratischer Affekt verbirgt.

Richard Herzinger

Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.