Intervention

Benennen und sprengen

Von Thierry Chervel
21.01.2026. Gern wird beim Thema "Linke und Iran" auf Michel Foucaults begeisterte Äußerungen zur iranischen Revolution hingewiesen. Gut so, aber die deutsche Geschichte beginnt früher und war eher noch fataler. Und der Schulterschluss der Linken mit den iranischen Mullahs setzt sich auch lange nach der Revolution noch fort.
Es ist Zeit, dass sich die westliche Linke ihrer Mitverantwortung für die iranische Tragödie bewusst wird. Und das gilt ganz besonders für die deutsche Linke. Gern wird beim Thema "Linke und Iran" auf Michel Foucaults begeisterte Äußerungen zur iranischen Revolution hingewiesen. Gut so, aber die deutsche Geschichte beginnt früher und war eher noch fataler. Und der Schulterschluss der Linken mit den iranischen Mullahs setzt sich auch lange nach der Revolution noch fort.

Wir haben in den letzten Tagen auf zwei Artikel hingewiesen, die eine fatale Verzerrung des Bilds vom Iran unter dem Schah in der westlichen Öffentlichkeit kritisieren. "Die 'Schah-Proteste' wurden zu einem Gründungsmythos der neuen Linken und Iran unter dem Schah zur Projektionsfläche", schreibt Kijan Espahangizi in der NZZ. Schon letztes Jahr beleuchtete Hossein Pourseifi in Iran im Diskurs (zitiert in der aktuellen Magazinrundschau) die Rolle Bahman Nirumands, Ulrike Meinhofs und Rudi Dutschkes bei den Protesten gegen den Schah im Juni 1967, bei denen Benno Ohnesorg erschossen wurde.

Der 2. Juni ist ein Schlüsseldatum für die Geschichte der deutschen Linken und er lieferte die Begründungen für die spätere Radikalisierung einiger ihrer Protagonisten im Terrorismus. Auslöser der Proteste war der Staatsbesuch des Schahs in Berlin. Bahman Nirumand hatte mit seinem Bestseller "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder Die Diktatur der freien Welt" die Munition für die Proteste geliefert. Er war einige Monate vor den Protesten bei Rowohlt erschienen und auch durch die Protektion Hans Magnus Enzensbergers zu einem Riesenerfolg geworden. 

Der Schah war ein Liebling der Springer-Presse. Nirumands Buch brachte mit seinen Schilderungen der Untaten des Schahs den zornigen Studenten schon im Titel das Triggerwort: Das Regime des Schahs war "die Diktatur der freien Welt". Die angeblich "freie Welt" protegierte also blutige Diktaturen - die Rolle der Studenten war es, diesen Konnex zu benennen und zu sprengen. Man muss den Schah nicht in so mildem Licht sehen wie die Autoren der beiden oben zitierten Artikel, um zu verstehen, dass die Proteste nicht eigentlich an der Lage im Iran interessiert waren, sondern an einem Brandbeschleuniger für die ersehnte Revolution zuhause. Als der Spiegel den Schah in einem großen Artikel gegen Nirumand verteidigte, antwortete Rudi Dutschke ebendort - nach dem Schuss auf Benno Ohnesorg - , dass die Studenten an diesem Tag den Schah hätten erschießen sollen: "Ihn hätten wir erschießen müssen, das wäre unsere menschliche und revolutionäre Pflicht als Vertreter der 'Neuen Internationale' gewesen. Kaum war einer von uns, einer des neuen Typus menschlichen Verhaltens, Benno Ohnesorg, erschossen worden, erschien im Spiegel das schöne, 'vom Schah entwickelte' Persien."

Die Heldenerzählungen der 68er-Zeit betonierten das Bild des Schahs als eines blutigen Diktators, dessen Geheimdienst Savak Regimegegner zu Hunderten ins Gefängnis steckte, folterte und ermordete. Dass der Schah viele dieser Verbrechen begangen hat, soll nicht bezweifelt werden. Was aber ausgeblendet wird, ist, dass sein Hauptgegner schon damals Khomeini hieß und viele Fraktionen der radikalen Linken im Iran das Bündnis mit Khomeini suchten, um den Schah zu stürzen - diese Linken waren es, die von der westlichen Linken als Freiheitskämpfer besungen wurden. Im Iran gab es damals mehrere sehr einflussreiche Spielarten der extremen Linken. Sie hofften wohl, sich der Islamisten nach der Resolution leichthin entledigen zu können. Aber es kam andersherum: In den Achtzigern ließ Khomeini die Linken zu Tausenden hinrichten.

Der Iran lieferte der westlichen Linken weitere Inspirationen. Foucaults Intervention zugunsten der iranischen Revolution wirkt heute seltsam traumverloren. Sie liest sich, als hätte die Revolution einen ästhetischen Reiz für ihn, er pries vor allem ihre spirituelle Dimension. Simone de Beauvoir gehörte wie hierzulande Alice Schwarzer und in den USA Kate Millett zu den wenigen prominenten Linksintellektuellen, die den antifeministischen Charakter dieser Revolution anprangerten. Foucault hatte sich für diesen Aspekt nicht die Bohne interessiert.

Die westliche Linke mag sich nach der Revolution von einer direkten Begeisterung für Khomeinis Regime abgewandt haben - zu fremd und irritierend war dessen Gehabe. Aber ein gewisses indirektes Bündnis blieb bestehen - und wurde vor allem durch Khomeinis "Fatwa" gegen die "Satanischen Verse" erneuert.

Viele stellten sich nach der Fatwa gegen Rushdie, auch Konservative wie John Le Carré, mehr noch aber linke, bis heute verehrte Ikonen wie etwa John Berger. Es war ein Bündnis des romantischen Orientalismus und des entstehenden Multikulti-Denkens in der Linken. Man erinnere sich an die Annemarie-Schimmel-Debatte in Deutschland. Kenan Malik hat zu dieser kulturalistischen Wende das beste Buch geschrieben: Für ihn markiert die Fatwa jenen Moment, als sich die Linke aus Diskursen über soziale Ungleichheit löste und sich identitätspolitischen Themen und dem Antirassismus zuwandte. 

Linke waren es dann, die die von Khomeini errichteten Tabus in den westlichen Gesellschaften durchzusetzen halfen. Einen blasphemischen Roman wie die "Satanischen Verse" kann seitdem keiner mehr schreiben - auch weil Linke Begriffe wie "Islamophobie" oder gar "antimuslimischen Rassismus" instituierten, die die freie Auseinandersetzung austrocknen halfen. 

Die Fatwa ist meiner Meinung nach auch zu einem Modell woken Aktivismus geworden (mehr hier): Zu verführerisch war die Idee, dass ein Urteil ex cathedra im Namen einer angeblich bedrohten Bevölkerungsgruppe, verbunden mit der Drohung von Sanktionen (ok, bei uns wird keine Hand abgehackt), die Mehrheit zwingen kann, sich absurden Sprachregelungen zu unterwerfen. 

Die islamische Revolution war für Linke einfach ein Jungbrunnen. Man muss sich zurückerinnern: Die Revolution im Iran geschah genau in jenem Moment nach der Pille, aber vor Aids, als im Westen die sexuelle Freiheit am größten war. Foucault praktizierte mit Hingabe in kalifornischen Darkrooms. Linke Bewegungen erlahmten oder glitten in den Terror ab - manche fanden zum Glück auch zu Pragmatismus. Genau in jenem Moment also stand der Islam im Gewand einer rigiden, durch heilige Schriften immunisierten Gewaltideologie auf, verlangte, als das "ganz andere" respektiert zu werden, und gab das Bild einer sadomasochistischen Radikalität ab, die Foucault sicher faszinieren musste.

Thierry Chervel