Dieser epochale Fehler

Von Richard Herzinger
18.10.2022. Dass Syrien vom Westen der Vernichtungswut Wladimir Putins und seines gleichgesinnten Verbündeten Iran preisgegeben wurde, hat den Kreml in der Überzeugung bestätigt, es könne diese Methode der Kriegsführung erfolgreich auf die Ukraine übertragen. Erinnerung an einen Krieg, der gefährlich bleibt. Auch für uns.
Syrien ist nahezu vollständig aus dem Blickfeld der westlichen Öffentlichkeit verschwunden. Dies ist umso mehr der Fall, seit der russische Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine und die Atomkriegsdrohungen Wladimir Putins den Westen in Atem halten. Doch tatsächlich sollte gerade dies die gegenteilige Reaktion hervorrufen und den syrischen Krieg dem westlichen Vergessen entreißen. Denn das Schicksal Syriens ist eng mit dem der Ukraine verbunden. Das mörderische Vorgehen der russischen Truppen in Syrien muss als direkter Vorlauf für die Großinvasion in die Ukraine betrachtet werden - als eine Art Generalprobe Moskaus für seine Kriegspläne in Europa.

Dieser Zusammenhang wurde jüngst durch die Ernennung des Generals Sergej Surowikin zum obersten Kommandanten für den Krieg gegen die Ukraine plastisch verdeutlicht. Surowikin hat seinen Ruf als besonders skrupellos und brutal vor allem seinem Vorgehen gegen die syrische Zivilbevölkerung zu verdanken. Ganze Städte wurden unter seinem Kommando in Schutt und Asche gelegt, systematisch wurden zivile Ziele wie Schulen, Märkte und Krankenhäuser ins Visier genommen, ganze Regionen ausgehungert.

Auf Surowikins Konto geht nicht zuletzt der Luftangriff auf Khan Sheikhoun am 4. April 2017, bei dem Giftgas gegen Zivilisten eingesetzt wurde. Fast neunzig Menschen, darunter 32 Kinder, starben dabei auf grauenvolle Weise. Der Angriff wurde zwar von der syrischen Luftwaffe geflogen. Doch dieser Chemiewaffenangriff konnte nicht ohne Wissen Surowikins als dem damaligen russischen Kommandeur in Syrien erfolgen. Das russische Militär hatte damals die vollständige Kontrolle über den syrischen Luftraum. Dieses horrende Kriegsverbrechen ist daher ein direktes Menetekel dafür, was der Ukraine noch drohen könnte.

Nach jüngsten Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind seit dem Beginn der Militärintervention Moskaus vor sieben Jahren bei russischen Luftangriffen fast 8.700 syrische Zivilisten getötet worden. Über die Hälfte der Bevölkerung wurde aus ihrer Heimat vertrieben. Und der Krieg in Syrien ist keineswegs beendet. Zwar hat Moskau Teile seiner Streitkräfte aus aus dem Land abgezogen und in die Ukraine verlegt. Dennoch gibt es weiterhin Angriffe auf die syrische Zivilbevölkerung und Infrastruktur - vor allem in Idlib, wo nach wie vor Hunderttausende Binnenflüchtlinge, die aus anderen Landesteilen vertrieben wurden, in Lagern ihr Dasein fristen müssen, akut bedroht von Hunger, Kälte und Krankheit. Zuletzt wurde der Ausbruch einer Cholera-Epidemie mit schnell ansteigenden Krankheits- und Todesfällen registriert, die ihre Ursache in den katastrophalen hygienischen Zuständen in ganz Syrien, vor allem aber in den Flüchtlingslagern hat.

Aufgrund des militärischen Eingreifens Russlands und Irans kontrolliert das Assad-Regime heute wieder gut zwei Drittel des Landes. Idlib ist die letzte Rebellenbastion, die dem Regime noch nicht vollständig in die Hände gefallen ist. In den von ihm beherrschten Teilen der Provinz konfiszieren Assads Schergen den Grund und Boden der Bewohner, die vor seinem Terror flüchten mussten - was ihre Rückkehr faktisch unmöglich macht. Hier sammelt sich ein Reservoir an potenziellen Flüchtlingen nach Europa an, das Russland dafür einsetzen kann, um die EU zu destabilisieren. Schon jetzt registrieren die EU-Staaten massiv ansteigende Migrantenzahlen, nicht zuletzt aus Syrien. Der Verdacht liegt nahe, dass Russland hier gezielt Schleusen öffnet.

Dass Syrien vom Westen der Vernichtungswut des russischen Terrorstaats und seines gleichgesinnten Verbündeten Iran preisgegeben wurde, hat den Kreml in der Überzeugung bestätigt, es könne diese Methode der Kriegsführung erfolgreich auf die Ukraine übertragen. Die Beschwichtigungspolitik des Westens, der bis zuletzt an der absurden Vorstellung festhielt, Russland, das die Hauptverantwortung für die Verwüstung des Landes trägt, könne als Partner bei der Etablierung einer stabilen Nachkriegsordnung für Syrien gewonnen werden, hat auch dort das Gegenteil bewirkt.

Doch jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, diesen epochalen Fehler zu korrigieren. Würde der Westen den politischen und militärischen Druck auf das Assad-Regime massiv erhöhen, würde das nicht zuletzt die russischen Angriffskapazitäten gegen die Ukraine beeinträchtigen. Sähe es die Herrschaft seines Satrapen in Damaskus gefährdet, wäre Moskau gezwungen, militärische Ressourcen nach Syrien zurück zu verlagern, die ihnen bei ihrem Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine fehlen würden. Und auch das iranische Regime, das derzeit die Freiheitsbewegung im eigenen Land massakriert, würde durch Rückschläge auf dem syrischen Schlachtfeld in seinen Grundfesten erschüttert.

Durch gezielte westliche Luftschläge gegen Stellungen des Assad-Regimes könnte der Belagerungsdruck auf Idlib gemindert werden. Ziel solcher Aktionen sollte die Einrichtung eines Versorgungskorridors für die dort eingeschlossenen Flüchtlinge sein. Mit der Einrichtung einer solchen sicheren Route für Hilfslieferungen würde den russischen Vernichtungskriegern ein zentrales Erpressungsmittel aus der Hand geschlagen. Denn derzeit hängt es von der Willkür Russlands ab, ob und in welchem Ausmaß internationale Hilfsgüter die Bedürftigen in Syrien erreichen.

Der Westen muss mit aller Kraft zum Sieg der Ukraine über den russischen Aggressor beitragen. Zusätzlich sollte er aber jede Möglichkeit nutzen, Russland auch in anderen Weltteilen zu schwächen. Regionale Konflikte wie der in Syrien können nicht isoliert betrachtet werden. Wir befinden uns in einer weltweiten Konfrontation zwischen der demokratischen Welt und ihren autokratischen Todfeinden. Diesen Kampf können die westlichen Demokratien nur gewinnen, wenn sie ihn im Rahmen einer zusammenhängenden Globalstrategie führen und ihren Antipoden keinen Fußbreit Terrain überlassen - und sei es in noch so scheinbar weit entfernten Weltgegenden.

Richard Herzinger

Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.