Intervention
Deutschland, du graues Land
Von Nasrin Amirsedghi
12.11.2025. Zwischen ritualisierter Empörung, medialer Gleichförmigkeit und politischer Selbstberuhigung droht die Leidenschaft der Demokratie zu verblassen. Ein Essay über die Farblosigkeit unserer Zeit - und die Sehnsucht nach Denken, das wieder Farbe zeigt.Ich habe die Farblosigkeit satt. Die Farblosigkeit der Wiederholung, der sich endlos drehenden Floskeln, der gepflegten Langeweile einer Gesellschaft, die sich selbst hypnotisiert. Ich habe die Farblosigkeit der Politikerlüge satt, dieses immergleiche Vokabular aus Verantwortung, Haltung und Dialog, hinter dem nichts als das taktische Zittern einer erschöpften Klasse steht. Ich habe die Farblosigkeit der woken Narrative satt, die in schrillen Farben daherkommen und doch nur das Grau ihrer moralischen Selbstgefälligkeit ausstrahlen. Ich habe die Farblosigkeit eurer Demokratie satt, die so korrekt geworden ist, dass sie jeden Funken Leidenschaft misstrauisch beäugt.
Ich bin es müde, in einem Land zu leben, das sich selbst zu Tode moderiert. Wo jeder Gedanke zuerst auf seine Form, nie auf seinen Gehalt geprüft wird. Wo man die Worte so lange spült, bis sie geschmacksneutral sind. Und während man von Vielfalt spricht, herrscht eine Gleichförmigkeit des Tons, die an die gleichgeschaltete Sanftheit einer Nachkriegsrepublik erinnert, die nie gelernt hat, zu streiten, ohne sich zu schämen.
Deutschland wirkt heute wie ein Land im Schlummer. Man will keine Extreme, keine Kanten, keine Leidenschaft. Man will Ruhe - und ruft sie zur Tugend aus. Dabei ist sie längst Trägheit geworden, die Unfähigkeit, Schmerz auszuhalten, Widerspruch zu ertragen, Freiheit als Risiko zu denken. Man hat die Demokratie so sehr mit Watte gepolstert, dass sie kaum noch atmet.
Die Politik gleicht einem endlosen Verwaltungsakt. Ministerien produzieren Sprache wie Ausschüsse und Beschlüsse: steril, präpariert, keimfrei. Alles ist korrekt, alles geregelt, alles angeblich durchdacht. Und doch wächst in diesem perfekt kontrollierten Raum ein Unbehagen, das keine Form findet, weil es keinen Raum für Affekt, für Pathos, für jene Unordnung gibt, aus der Lebendigkeit entsteht.
Selbst die Empörung ist ritualisiert. Man weiß, wann man sich entrüsten darf, wann man betroffen zu sein hat, wann man klatschen und schweigen soll. Das moralische Drehbuch ist bekannt, und wer davon abweicht, gilt als gefährlich. Die Demokratie, einst Ort der offenen Rede, ist zu einer Liturgie der Selbstbestätigung verkommen.
Die Medien liefern den Soundtrack dazu. Zwischen Empörungswellen und Betroffenheitsintervallen herrscht eine Gleichförmigkeit des Denkens, die sich als Differenz tarnt. Jeder Satz scheint durch dieselbe Schleuse zu müssen: moralisch überprüft, gefiltert, entschärft. Die Freiheit des Wortes, einst Stolz dieser Republik, ist heute ein Protokoll.
Und doch - man darf das alles sagen, und man darf es sogar kritisieren. Nur hören will es kaum jemand. Weil jede Kritik sofort in die Raster fällt, die man eigens dafür geschaffen hat: rechts, links, liberal, reaktionär. Das Denken selbst wird vermessen, etikettiert, archiviert. Der Diskurs ist ein Vermessungsamt geworden.
Ich habe die Farblosigkeit der Vernunft satt, wenn sie nur noch als Ausrede dient, nichts zu fühlen. Ich habe die Farblosigkeit des Anstands satt, der sich als bloße moralische Pose tarnt, während dahinter die Furcht lauert, anzuecken. Ich habe die Farblosigkeit der Hass- und Hetzparolen satt, die in Wahrheit nichts anderes sind als das Spiegelbild der Tugendlehre - beide gleichermaßen leer, gleichermaßen monoton.
Deutschland, du graues Land. Du bist müde geworden von dir selbst. Du hast gelernt, das Maß zu lieben und die Leidenschaft zu fürchten. Du hast gelernt, tolerant zu sein, aber nicht neugierig. Du bist stolz auf deine Mitte, aber du hast vergessen, dass aus ihr kein Aufbruch entsteht.
Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: dass man in diesem Land kaum noch etwas riskieren kann, ohne sofort verdächtig zu werden. Wer wagt, gilt als gefährlich. Wer zweifelt, als illoyal. Wer denkt, als zynisch. Wir haben den Widerspruch, diese Kraft des Denkens, mit dem Verdacht vergiftet.
Ich schreibe das nicht aus Zorn, sondern aus Trauer. Aus der Trauer um ein Land, das einmal den Mut hatte, sich neu zu erfinden. Das von Dichtern, Denkern, Rebellen geprägt war. Heute sind es Talkshows, Panels, Protokolle. Alles läuft glatt, und das ist das Problem.
Ich bin es leid, Teil dieser großen Selbstberuhigung zu sein. Ich bin es leid, zuzusehen, wie man aus der Freiheit ein Regelwerk macht und aus der Meinung eine Vorschrift. Ich bin es leid, wie man an der Oberfläche diskutiert und im Tiefenrausch der Belanglosigkeit versinkt.
Ich habe die Farblosigkeit satt - nicht, weil ich Farbe um der Farbe willen will, sondern weil ich Leben will. Ein Denken, das atmet. Ein Gespräch, das riskiert. Eine Demokratie, die nicht um Zustimmung, sondern um Wahrheit ringt.
Vielleicht muss man dafür wirklich einmal gehen. Nicht in die Ferne, sondern innerlich: hinaus aus dem Nebel der Wiederholung, hinein in die klare Luft des eigenen Gedankens. Vielleicht beginnt Freiheit dort, wo man das Grau nicht mehr hinnimmt.
Ich bin dann mal weg - dorthin, wo Worte wieder Farbe haben.
Ich bin es müde, in einem Land zu leben, das sich selbst zu Tode moderiert. Wo jeder Gedanke zuerst auf seine Form, nie auf seinen Gehalt geprüft wird. Wo man die Worte so lange spült, bis sie geschmacksneutral sind. Und während man von Vielfalt spricht, herrscht eine Gleichförmigkeit des Tons, die an die gleichgeschaltete Sanftheit einer Nachkriegsrepublik erinnert, die nie gelernt hat, zu streiten, ohne sich zu schämen.
Deutschland wirkt heute wie ein Land im Schlummer. Man will keine Extreme, keine Kanten, keine Leidenschaft. Man will Ruhe - und ruft sie zur Tugend aus. Dabei ist sie längst Trägheit geworden, die Unfähigkeit, Schmerz auszuhalten, Widerspruch zu ertragen, Freiheit als Risiko zu denken. Man hat die Demokratie so sehr mit Watte gepolstert, dass sie kaum noch atmet.
Die Politik gleicht einem endlosen Verwaltungsakt. Ministerien produzieren Sprache wie Ausschüsse und Beschlüsse: steril, präpariert, keimfrei. Alles ist korrekt, alles geregelt, alles angeblich durchdacht. Und doch wächst in diesem perfekt kontrollierten Raum ein Unbehagen, das keine Form findet, weil es keinen Raum für Affekt, für Pathos, für jene Unordnung gibt, aus der Lebendigkeit entsteht.
Selbst die Empörung ist ritualisiert. Man weiß, wann man sich entrüsten darf, wann man betroffen zu sein hat, wann man klatschen und schweigen soll. Das moralische Drehbuch ist bekannt, und wer davon abweicht, gilt als gefährlich. Die Demokratie, einst Ort der offenen Rede, ist zu einer Liturgie der Selbstbestätigung verkommen.
Die Medien liefern den Soundtrack dazu. Zwischen Empörungswellen und Betroffenheitsintervallen herrscht eine Gleichförmigkeit des Denkens, die sich als Differenz tarnt. Jeder Satz scheint durch dieselbe Schleuse zu müssen: moralisch überprüft, gefiltert, entschärft. Die Freiheit des Wortes, einst Stolz dieser Republik, ist heute ein Protokoll.
Und doch - man darf das alles sagen, und man darf es sogar kritisieren. Nur hören will es kaum jemand. Weil jede Kritik sofort in die Raster fällt, die man eigens dafür geschaffen hat: rechts, links, liberal, reaktionär. Das Denken selbst wird vermessen, etikettiert, archiviert. Der Diskurs ist ein Vermessungsamt geworden.
Ich habe die Farblosigkeit der Vernunft satt, wenn sie nur noch als Ausrede dient, nichts zu fühlen. Ich habe die Farblosigkeit des Anstands satt, der sich als bloße moralische Pose tarnt, während dahinter die Furcht lauert, anzuecken. Ich habe die Farblosigkeit der Hass- und Hetzparolen satt, die in Wahrheit nichts anderes sind als das Spiegelbild der Tugendlehre - beide gleichermaßen leer, gleichermaßen monoton.
Deutschland, du graues Land. Du bist müde geworden von dir selbst. Du hast gelernt, das Maß zu lieben und die Leidenschaft zu fürchten. Du hast gelernt, tolerant zu sein, aber nicht neugierig. Du bist stolz auf deine Mitte, aber du hast vergessen, dass aus ihr kein Aufbruch entsteht.
Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: dass man in diesem Land kaum noch etwas riskieren kann, ohne sofort verdächtig zu werden. Wer wagt, gilt als gefährlich. Wer zweifelt, als illoyal. Wer denkt, als zynisch. Wir haben den Widerspruch, diese Kraft des Denkens, mit dem Verdacht vergiftet.
Ich schreibe das nicht aus Zorn, sondern aus Trauer. Aus der Trauer um ein Land, das einmal den Mut hatte, sich neu zu erfinden. Das von Dichtern, Denkern, Rebellen geprägt war. Heute sind es Talkshows, Panels, Protokolle. Alles läuft glatt, und das ist das Problem.
Ich bin es leid, Teil dieser großen Selbstberuhigung zu sein. Ich bin es leid, zuzusehen, wie man aus der Freiheit ein Regelwerk macht und aus der Meinung eine Vorschrift. Ich bin es leid, wie man an der Oberfläche diskutiert und im Tiefenrausch der Belanglosigkeit versinkt.
Ich habe die Farblosigkeit satt - nicht, weil ich Farbe um der Farbe willen will, sondern weil ich Leben will. Ein Denken, das atmet. Ein Gespräch, das riskiert. Eine Demokratie, die nicht um Zustimmung, sondern um Wahrheit ringt.
Vielleicht muss man dafür wirklich einmal gehen. Nicht in die Ferne, sondern innerlich: hinaus aus dem Nebel der Wiederholung, hinein in die klare Luft des eigenen Gedankens. Vielleicht beginnt Freiheit dort, wo man das Grau nicht mehr hinnimmt.
Ich bin dann mal weg - dorthin, wo Worte wieder Farbe haben.
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