Intervention

Zum Tod Richard Herzingers

Von Thierry Chervel
16.10.2025. Über hundert Artikel hat Richard Herzinger im Lauf der Jahre im Perlentaucher geschrieben. Sein zentrales Thema war die Bedrohung, die von Putins Russland für Europa ausging. Und er war ein riesiger Bewunderer des heroischen Kampfes der Ukrainer für ihre eigene Existenz. Aber er hatte eine sehr breites Themenspektrum. Er griff auch in die Debatte um Peter Handke ein, würdigte Thomas Manns BBC-Reden, unternahm ideengeschichtliche Exkursionen in die zwanziger Jahre. Viele Kollegen haben sich zu seinem Tod geäußert. Wir resümieren. Aktualisiert am 22. Oktober: Nachtrag einiger Nachrufe.
Kennengelernt haben Richard Herzinger, Anja Seeliger und ich uns im Centrum Judaicum in Berlin. Dort moderierte ich eine Diskussion über einen neuen linken Antisemitismus, der damals aus Teilen der taz-Redaktion befeuert wurde. Einige tazler, darunter der späte Christian Semler, sprengten die Veranstaltung in der Oranienburger Straße in 68er-Manier und verlangten, dass die Autorin Iris Hefets von der strikt antiisraelischen Organisation "Jüdische Stimme für Gerechtigkeit" aufs Podium geladen werde - die Polizei musste geholt werden (mehr hier). Der linke Antisemitismus hat auch in Deutschland eine lange und wenig reflektierte Geschichte - Richard hatte mir erzählt, wie er ihn als Germanistikstudent etwa bei Heiner Müller entdeckte. 

Über hundert Artikel hat Richard Herzinger im Lauf der Jahre im Perlentaucher geschrieben. Sein zentrales Thema war die Bedrohung, die von Putins Russland für Europa ausging. Und er war ein riesiger Bewunderer des unablässigen Kampfes der Ukrainer für ihre eigene Existenz. Aber er hatte ein sehr breites Themenspektrum. Er griff auch in die Debatte um Peter Handke ein, würdigte Thomas Manns BBC-Reden, unternahm ideengeschichtliche Exkursionen in die zwanziger Jahre, verteidigte natürlich Israel, kritisierte aber auch Netanjahus geschichtspolitische Konzessionen an Putin in Yad Vashem. (Ergänzung vom 17. Oktober: Ursrprünglich hatte Richard Herzinger die Kolumne für die ukrainische Zeitschft Tyzhden geschrieben und sie dann mit dem Perlentaucher weiterentwickelt, d.Red.)

Der Tod Herzingers hinterlässt für den Perlentaucher eine riesige Lücke: Wenn es nicht so absurd klänge, müsste man sagen: er kommt zum schlechtesten Zeitpunkt, einem Moment, in dem die Idee der Demokratie von mindestens drei Seiten massiv angegriffen wird. Richard war eine Kassandra. Nicht von ungefähr war einer seiner (und meiner) Lieblingsautoren der heiter verzweifelte André Glucksmann, der schon in den neunziger Jahren auf die unheilvollen Tendenzen in Russland hinwies und (auch im Perlentaucher) im Jahr 2006, im Jahr der Ermordung Anna Politkowskajas, vor dem Petro-Zar Putin und seinem deutschen Gasmann gewarnt hatte. Unsere Gespräche über Glucksmann gehören zu meinen liebsten Erinnerungen an Richard.

Der Tod Richard Herzingers hat eine ganze Palette von Nachrufen ausgelöst, die wir hier resümieren wollen. Am bewegendsten sind bei weitem die Reaktionen aus dem Ausland. "Lieber Herr Herzinger, Sie werden uns sehr, sehr fehlen", schreibt Patryk Szostak vom Pilecki-Institut, dem polnischen Kulturinstitut in Berlin, wo Richard Herzinger sehr oft auf Podien eingeladen war. Was Antitotalitarismus ist - eine Einstellung, die Faschismus und Nationalsozialismus ebenso bekämpft wie Kommunismus und später auch Islamismus -, ist in Deutschland kaum bekannt. Nicht so in Polen, wie Szostaks ausführlicher Text deutlich macht: "Für Herzinger stand das zerstörte Warschau sinnbildlich für die immer wiederkehrende Konfrontation zwischen Freiheit und totalitärer Gewalt - ebenso wie die Trümmer von Grosny, Aleppo oder Mariupol. Ihr Anblick ließ für ihn nur eine unmissverständliche Schlussfolgerung zu: Die freie Welt bleibt verpflichtet, den Opfern jeder verbrecherischen Aggression beizustehen und der Zerstörungslust von Großmächten entschieden zu widerstehen. Den Freiheitssinn Polens sowie Mittel- und Osteuropas konnte Herzinger also auswendig buchstabieren wie kaum ein anderer. Als einer der frühesten und unermüdlichsten Unterstützer der freien Ukraine reiste er viele Male dorthin und mahnte den Westen und die NATO, Russland entschieden entgegenzutreten. Dasselbe galt für das Baltikum, das freie Belarus und Georgien, aber auch für Länder wie Venezuela. "

Szostak betont, dass Herzinger gerade wegen seiner proamerikanischen Haltung Trumps Maga-Bewegung mit größtem Abscheu verfolgte. Zugleich ruft "Herzingers frühe Warnung vor Putins imperialen Ambitionen aus polnischer und allgemein osteuropäischer Perspektive bis heute Bewunderung hervor. Bemerkenswert bleibt, dass er diese Haltung zu einer Zeit vertrat, in der solche Positionen in Deutschland noch mit einem hohen gesellschaftlichen Preis verbunden waren."

Szostak erwähnt auch Herzingers enge Freundschaft zu dem amerikanischen Historiker Jeffrey Herf, der unter anderem über die Rolle der DDR im komunistischen antizionistischen Spektrum und eine Geschichte des Antisemitismus schrieb. Herf äußert sich auf Facebook und in einer Mail an den Perlentaucher. "Richard und ich lernten uns Mitte der 1980er Jahre in Harvard kennen und fanden aufgrund unseres gemeinsamen Liberalismus und Antitotalitarismus schnell zueinander." Herzinger hatte früh Herfs Buch "Reactionary Modernis" entdeckt, "und ich freute mich sehr, in dem Autor von 'Endzeit-Propheten' einen Anhänger von Isaiah Berlin und Karl Popper zu finden. Wie Sie wissen, war er ein überzeugter Unterstützer Israels und ein vehementer Kritiker des islamistischen Judenhasses. Wie Sie sich ebenfalls erinnern, griff er mit seiner Feder die Putin-Diktatur und die Bedrohung, die sie für die Ukraine und Europa darstellte, an. Er war der eloquenteste und leidenschaftlichste Kassandra in Deutschland, zumindest erschien es von dieser Seite des Atlantiks so. Richard war 'schwierig' in einer Weise, wie es viele große Schriftsteller und Intellektuelle sind, nicht weil er unhöflich oder umgänglich war, sondern weil er starke Überzeugungen hatte und diese eloquent zum Ausdruck brachte. Er zeigte einmal mehr, dass die deutsche Sprache ein kraftvolles Medium ist, um die Werte des Liberalismus, der Freiheit, der Demokratie und der individuellen Rechte im Perlentaucher und anderswo zum Ausdruck zu bringen."

Auf Facebook schreibt Marko Martin: "Ich traf ihn zum ersten Mal im Herbst 1991 bei einem Schriftstellerkongress in Karlovy Vary ; seither haben mich seine Essays, Artikel und Einsprüche begleitet und auch geprägt. Ebenso wie beim tragischen Unfalltod unser gemeinsamen Freundin Sylke Tempel 2017 ist das Wort von der Unersetzlichkeit, von der schmerzlichen Lücke alles andere als eine Phrase. Aber gerade deshalb: Jetzt müssen wir eben ohne solche Menschen auskommen im Widerstreit gegen die hiesigen Diktatur-Schönredner, Begriffsverwirrer und aufgeblasenen Schwätzer. In diesem Sinne: No pasarán. Und: Farewell, unbestechlicher alter Freund."

Alan Posener benennt in seinem Welt-Nachruf auch eine - in der Freundschaft allerdings gemilderte - Strenge Richard Herzingers, die vor allem seiner so schönen Fähigkeit zur Logik geschuldet war: "Jeden halbherzigen Gedanken, jede kompromisslerische Formulierung, jede Inkonsequenz, jede Anbiederung an die Erwartungen der Leser, der Redaktion, des Zeitgeists oder irgendeiner Instanz außer der Wahrheit, rief Herzingers Spott hervor, schlimmer noch, seine Verachtung."

Noch wissen wir nicht, Richard, wie wir Dein Erbe fortsetzen können.

Thierry Chervel

Nachtrag vom 18. Oktober
: Es erschienen weitere Nachrufe von Marko Martin in der Jüdischen Allgemeinen (hier), Andreas Breitenstein in der NZZ und Hannes Stein bei den Salonkolumnisten (beide hier). Am 18. Oktober erschien dieser Nachruf von Jeffrey Herf im Perlentaucher. Am 22. Oktober bringt polskieradio.pl ein (deutschsprachiges) Gespräch über Herzinger. Es unterhalten sich Jakub Kukla und Patryk Szostak.
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