Intervention

Dieses Konglomerat

Von Richard Herzinger
03.06.2024. Auch wenn sich der Trumpismus in einer Reihe von Punkten vom "klassischen" Faschismus unterscheidet, heißt dies keineswegs, dass er weniger bedrohlich wäre. Gerade das Diffuse an dieser Bewegung macht es den Verteidigern der Demokratie schwer, sie in Gänze zu durchschauen und gezielt zu bekämpfen.
Historiker und Politikexperten in den USA streiten darüber, ob Trump als ein Faschist oder "nur" als ein rechtspopulistischer Hasardeur mit autokratischen Ambitionen zu betrachten ist. Daran aber, dass seine Rückkehr an die Macht die US-Demokratie in größte Gefahr bringen würde, besteht wohl kein Zweifel.

Doch welche Art von autoritärer Herrschaft strebt Trump an? Grundsätzlich sollte man mit dem Gebrauch des Begriffs "Faschismus" zurückhaltend sein. Denn dieses Etikett ist im Laufe der Zeit inflationär verwendet, häufig für fragwürdige Zwecke instrumentalisiert und damit tendenziell zu einer Leerformel entwertet worden. Aktuelle autoritäre Strömungen mit einer vertrauten historischen Bezeichnung zu versehen, kann zudem den Blick auf das Neuartige an ihnen verstellen - und damit für spezifische Gefahren, die von ihnen ausgehen.

Hinzu kommt, dass Trump wesentliche Merkmale faschistischer Führers fehlen, wie sie aus der Geschichte bekannt sind. Zwar verfügt er über eine militante Anhängerschaft, die ihn zu einer Erlösergestalt verklärt und die auf sein Geheiß - oder in der Annahme, in seinem Sinne zu handeln -, zu vermutlich jeglicher Gewalttat bereit ist. Doch besitzt diese Bewegung keine vereinheitlichte paramilitärische Struktur wie sie etwa die italienischen Schwarzhemden oder die deutsche SA darstellten. Die diversen schwer bewaffneten rechtsextremen und religiös-fundamentalistischen Milizen, die sich für einen Bürgerkrieg rüsten, unterstehen nicht Trumps direktem Befehl, sondern betrachten ihn eher als einen Bahnbrecher für ihre jeweils eigenen Ambitionen.

Trump fehlt auch eine kohärent ausformulierte Ideologie sowie ein vollständig gleichgeschalteter Parteiapparat, der ihm im Ganzen bedingungslos gehorcht. Ein Unterschied zu "klassischen" faschistischen Führern besteht zudem darin, dass er keine imperialen Eroberungspläne hegt. Er verspricht vielmehr den weitgehenden Rückzug der USA aus ihrem globalen politischen und militärischen Engagement. Das heißt nicht, dass er keine Kriege anzetteln könnte, wenn ihm dies nach seinen willkürlichen Maßstäben im "nationalen Interesse" geboten erscheint. Grundsätzlich jedoch steht er für ein isolationistisches Amerika, das den Rest der Welt sich selbst überlassen will, so lange US-Geschäftsinteressen nicht tangiert sind.

Trump geht es in erster Linie um seine persönliche Bereicherung und die Bestätigung seines pathologisch aufgeblähten Egos, nicht um ideologische Konsistenz. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch die historische faschistische Ideologie weit weniger homogen war als sie es zu sein vorgab. So war auch für Benito Mussolini, den Erfinder des Faschismus, Ideologie im Kern nur ein Mittel zum eigentlichen Zweck: dem Ausleben seiner eigenen Allmachtsfantasien. Um sie zu realisieren, hat sich Mussolini, die faschistische Ideologie in kürzester Zeit eigenhändig zusammengezimmert.

Derartiges ist Trump intellektuell nicht zuzutrauen. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass er sich von rechtsextremen Vordenkern wie seinem ehemaligen Chefberater Steve Bannon eine solche passende Ideologie auf den Leib schneidern lassen könnte. Und sollte es ihm nicht gelingen, die bereits weitgehend entwurzelte Republikanische Partei restlos unter seine Kontrolle zu bringen, wäre es denkbar, dass  er sie zerschlägt und durch eine ihm bedingungslos hörige "trumpistische" Partei ersetzt.

Bislang haben wir es bei der Trump-Bewegung aber nicht mit einer hierarchisch durchorganisierten Formation, sondern eher mit einer wirren Mischung aus fanatischen Rechtsextremisten, Neonazis und weißen Suprematisten, christlichen Fundamentalisten, esoterischen Verschwörungsmystikern, paranoiden Waffenlobbyisten und "libertären" Feinden jeglicher staatlichen Einflussnahme auf Wirtschaft und Gesellschaft zu tun. Das Bild des Pro-Trump-Mobs, der im Januar 2021 das Kapitol stürmte, zeigte keine im Gleichschritt marschierenden uniformierten Kolonnen, sondern einen wildzusammengewürfelten, von Wahnideen getriebenen und sich selbst ermächtigenden Haufen.

In großen Teilen folgt dieses Konglomerat keinen kollektivistischen Idealen, sondern einer pervertierten Vorstellung von Individualismus. Diese knüpft an den amerikanischen Mythos vom ganz allein auf sich selbst gestellten Pionier in der Wildnis an und berührt sich zugleich mit einem zeitgenössischen exzessiven Hedonismus, demzufolge  man seinen persönlichen Lebensgenuss von nichts und niemandem einschränken lassen soll.

Donald Trump wird von dieser Strömung gerade nicht als autoritärer Führer wahrgenommen, sondern als ein Self-Made-Man, der sich über alle gesellschaftlichen Regularien hinwegsetzt und seiner Gefolgschaft vorlebt, wie man ohne Rücksicht auf andere bedingungslos seinen Willen durchsetzt. Sogar Trumps jüngste Verurteilung als Straftäter hat bei ihnen nicht die Wirkung, dass sie seine Eignung für das höchste Staatsamt anzweifeln würden. Sie sehen darin vielmehr den Versuch der herrschenden Autoritäten, einen Nonkonformisten zum Schweigen zu bringen.

In diesem Sinne findet Trump auch bei "anarchokapitalistischen" Super-Unternehmern wie Elon Musk Anklang, die selbst alle Fesseln gesellschaftlicher und staatlicher Kontrolle abstreifen wollen, um ihre megalomanen Projekte unbehindert verwirklichen zu können. Dies führt zu dem scheinbaren Paradox, dass sich Propagandisten einer unbegrenzten individuellen Freiheit wie Musk zu mörderischen Autokraten wie Putin hingezogen fühlen. Sehen sie in ihm doch den Prototypen eines zu allem entschlossenen, in seinem monströsen Drang zur Selbstverwirklichung unaufhaltsamen Tatmenschen.

Auch wenn sich der Trumpismus in einer Reihe von Punkten vom "klassischen" Faschismus unterscheidet, heißt dies keineswegs, dass er weniger bedrohlich wäre. Gerade das Diffuse an dieser Bewegung macht es den Verteidigern der Demokratie schwer, sie in Gänze zu durchschauen und gezielt zu bekämpfen. Dass Trumps Anhängerschaft auf ihn die unterschiedlichsten Erwartungen und Ambitionen projiziert, verleiht ihm eine Carte blanche, die er nach Belieben ausfüllen kann, um sein Ziel zu erreichen: die Errichtung seiner persönlichen Willkürherrschaft.

Richard Herzinger

Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Der Link zur Originalkolumne folgt.