Intervention
Düsteres Zeitalter
Von Richard Herzinger
03.09.2025. Die demokratische Zivilisation im Ganzen ist dramatisch bedroht. Während die hergebrachten Eliten der Rechtsstaaten ausgelaugt und schwach erscheinen, halten sich autokratische Regimes von Venezuela bis Nordkorea zäh an der Macht. Die USA unter der Herrschaft des Trumpismus fallen als demokratische Führungs- und Schutzmacht aus. Im Inneren verwandelt das Trump-Regime die USA zielstrebig in ein autoritäres System. Internet und KI drohen zu Instrumenten eines mit modernsten Mitteln ausgestatteten Irrationalismus zu werden.Die euroatlantische Weltordnung sei am Ende, prahlte kürzlich Wladimir Putin. Das aber ist leider mehr als nur der Ausdruck von größenwahnsinnigem Wunschdenken des Kreml-Herrschers. Denn tatsächlich ist die Fortexistenz der auf liberalen Werten beruhenden internationalen Ordnung dramatisch bedroht - und mit ihr die der demokratischen Zivilisation im Ganzen.
Eroberungskriege und exzessive Gewalt werden für autoritäre Mächte zunehmend wieder lukrativ. Sollte der Ukraine von US-Präsident Trump ein Frieden mit Gebietsabtretungen aufgezwungen werden, wäre dies gleichbedeutend mit einer Aufforderung an potenzielle künftige Aggressoren, rücksichtslos vom Recht des Stärkeren Gebrauch zu machen.
Würde der russische Vernichtungskrieg auf diese Weise honoriert, wären damit die Werte und Normen der europäischen Friedensordnung und des internationalen Rechts insgesamt obsolet. Acht Jahrzehnte der Zivilisierung zwischenstaatlicher Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und insbesondere seit dem Ende des Kalten Kriegs wären damit faktisch ausgelöscht.
Die USA unter der Herrschaft des Trumpismus fallen als demokratische Führungs- und Schutzmacht der demokratischen Welt und als Verteidiger der regelbasierten internationalen Ordnung aus. Ihre Außenpolitik folgt nicht mehr dem Prinzip der globalen Verbreitung demokratischer Standards, sondern fällt in die Logik der Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts zurück. Und im Inneren verwandelt das Trump-Regime den demokratischen Rechtsstaat der USA zielstrebig in ein autoritäres System.
Dass die Anbiederung Trumps an Russland zu einer Entfremdung Moskaus von China führen könnte, wie einige "Experten" spekulieren, ist eine ebenso absurde wie gefährliche Illusion. Das Gegenteil trifft zu: Ermutigt durch den Verrat der USA an den westlichen Werten rücken der Kreml und das chinesische Regime immer enger zusammen, mit dem erklärten Ziel, die Errungenschaften der demokratischen Zivilisation restlos zu vernichten.
Unterdessen aber werden auch in Europa die Widerstandskräfte gegen das antidemokratische Rollback kontinuierlich schwächer. Innerhalb der EU haben sich mit Ungarn und die Slowakei bereits zwei Staaten in Einflussagenturen des russischen Despotismus verwandelt. Neuerdings droht sogar Polen, bislang eine der stärksten europäischen Bastionen gegen den moskowitischen Imperialismus, von dieser Position abzuweichen. Die jüngsten antiukrainischen Tiraden des neuen rechtsnationalen Präsidenten Karol Nawrocki lassen dies befürchten.
Aber auch in westeuropäischen Ländern wie Frankreich und Österreich könnten kremlfreundliche Rechtsextremisten bald an die Regierung gelangen. Und in Deutschland haben CDU/CSU und SPD ihr Regierungsbündnis zur "letzten Chance" für die politische Mitte erklärt. Doch nach nur gut vier Monaten im Amt ist die Zustimmungsrate der Koalition in der Bevölkerung ähnlich niedrig wie bei der rot-grün-gelben Vorgängerregierung - während die rechtsextreme, kremlhörige AfD in Umfragen bereits als stärkste Partei firmiert.
Das alles aber hat nur bedingt mit der tatsächlichen Leistungsbilanz der jeweiligen Regierungskonstellation zu tun. In fast allen westlichen Gesellschaften setzt sich vielmehr eine Stimmung fundamentalen Misstrauens gegenüber jeglichem Agieren der traditionellen politischen Eliten durch. Und tatsächlich erscheinen die Kräfte der politischen Mitte zunehmend ausgelaugt und ideenlos.
Mit sozialen Verwerfungen allein, die es in den demokratischen Gesellschaften zweifellos gibt, ist dieser Überdruss an der liberalen pluralistischen Ordnung nicht zu erklären. Denn alles in allem hat namentlich Europa nie zuvor ein solch hohes Maß an Wohlstand, aber auch an sozialer Sicherheit erlebt wie heute. Doch die westlichen Gesellschaften scheinen von einem Phänomen erfasst zu werden, das Sigmund Freud als "Unbehagen in der Kultur" bezeichnet hat. Demnach aktiviert sich, wenn der Druck immer komplexerer zivilisatorischer Regelwerke als unerträglich empfunden wird, ein kollektiver Selbstzerstörungs- oder Todestrieb, der den Wunsch befeuert, die Last des gesellschaftlichen "Über-Ichs" um jeden Preis abzuwerfen. Paradoxerweise werden dadurch autoritäre Führertypen wie Donald Trump populär, die die der Masse vorleben, wie man sich aggressiv der "Einschränkung" durch Recht, Moral und Wahrheitsliebe widersetzt.
Während die Akzeptanz des liberalen pluralistischen Gesellschaftsmodells erodiert, halten sich von Russland und China gestützte Gewaltregime wie die in Belarus, Iran und Venezuela - um von Nordkorea nicht zu reden - hartnäckig an der Macht, obwohl sie ihre Wirtschaft und Gesellschaft längst zugrunde gerichtet haben. Die liberale Überzeugung, Diktaturen stünden "auf der falschen Seite der Geschichte" und würden im Zuge ihres ökonomischen Niedergangs früher oder später kollabieren, erweist sich als trügerisch.
Neue Kommunikationstechnologien, die ursprünglich Hoffnungen auf einen Zuwachs an demokratischer Partizipation geweckt hatten, mutieren immer mehr zu Instrumenten der Durchsetzung und Perfektionierung autoritärer Herrschaft. Verbunden ist dies mit dem Bestreben, die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Fakten und Fiktion aus dem menschlichen Bewusstsein zu tilgen. Die explosionsartige Entwicklung Künstlicher Intelligenz könnte, für totalitäre Zwecke eingesetzt, sogar dazu führen, dass die Grenze zwischen der Wahrnehmung realer und digital erzeugter Wirklichkeit vollständig verschwimmt.
Gegenüber diesem massiven Einbruch eines mit modernsten Mitteln ausgestatteten Irrationalismus zeigen sich die der Tradition aufklärerischer Rationalität verpflichteten politischen und gesellschaftlichen Kräfte bisher weitgehend ungerüstet, wenn nicht hilflos. Ändert sich dies nicht, droht der Absturz der Menschheit in ein düsteres Zeitalter autoritärer und totalitärer Willkür. Um es abzuwenden, bedarf es in den Demokratien dringend einer grundlegenden geistigen Erneuerungsbewegung, die mit kämpferischer Energie und Überzeugungskraft für den Erhalt demokratischer Ideale eintritt.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
Eroberungskriege und exzessive Gewalt werden für autoritäre Mächte zunehmend wieder lukrativ. Sollte der Ukraine von US-Präsident Trump ein Frieden mit Gebietsabtretungen aufgezwungen werden, wäre dies gleichbedeutend mit einer Aufforderung an potenzielle künftige Aggressoren, rücksichtslos vom Recht des Stärkeren Gebrauch zu machen.
Würde der russische Vernichtungskrieg auf diese Weise honoriert, wären damit die Werte und Normen der europäischen Friedensordnung und des internationalen Rechts insgesamt obsolet. Acht Jahrzehnte der Zivilisierung zwischenstaatlicher Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und insbesondere seit dem Ende des Kalten Kriegs wären damit faktisch ausgelöscht.
Die USA unter der Herrschaft des Trumpismus fallen als demokratische Führungs- und Schutzmacht der demokratischen Welt und als Verteidiger der regelbasierten internationalen Ordnung aus. Ihre Außenpolitik folgt nicht mehr dem Prinzip der globalen Verbreitung demokratischer Standards, sondern fällt in die Logik der Großmachtpolitik des 19. Jahrhunderts zurück. Und im Inneren verwandelt das Trump-Regime den demokratischen Rechtsstaat der USA zielstrebig in ein autoritäres System.
Dass die Anbiederung Trumps an Russland zu einer Entfremdung Moskaus von China führen könnte, wie einige "Experten" spekulieren, ist eine ebenso absurde wie gefährliche Illusion. Das Gegenteil trifft zu: Ermutigt durch den Verrat der USA an den westlichen Werten rücken der Kreml und das chinesische Regime immer enger zusammen, mit dem erklärten Ziel, die Errungenschaften der demokratischen Zivilisation restlos zu vernichten.
Unterdessen aber werden auch in Europa die Widerstandskräfte gegen das antidemokratische Rollback kontinuierlich schwächer. Innerhalb der EU haben sich mit Ungarn und die Slowakei bereits zwei Staaten in Einflussagenturen des russischen Despotismus verwandelt. Neuerdings droht sogar Polen, bislang eine der stärksten europäischen Bastionen gegen den moskowitischen Imperialismus, von dieser Position abzuweichen. Die jüngsten antiukrainischen Tiraden des neuen rechtsnationalen Präsidenten Karol Nawrocki lassen dies befürchten.
Aber auch in westeuropäischen Ländern wie Frankreich und Österreich könnten kremlfreundliche Rechtsextremisten bald an die Regierung gelangen. Und in Deutschland haben CDU/CSU und SPD ihr Regierungsbündnis zur "letzten Chance" für die politische Mitte erklärt. Doch nach nur gut vier Monaten im Amt ist die Zustimmungsrate der Koalition in der Bevölkerung ähnlich niedrig wie bei der rot-grün-gelben Vorgängerregierung - während die rechtsextreme, kremlhörige AfD in Umfragen bereits als stärkste Partei firmiert.
Das alles aber hat nur bedingt mit der tatsächlichen Leistungsbilanz der jeweiligen Regierungskonstellation zu tun. In fast allen westlichen Gesellschaften setzt sich vielmehr eine Stimmung fundamentalen Misstrauens gegenüber jeglichem Agieren der traditionellen politischen Eliten durch. Und tatsächlich erscheinen die Kräfte der politischen Mitte zunehmend ausgelaugt und ideenlos.
Mit sozialen Verwerfungen allein, die es in den demokratischen Gesellschaften zweifellos gibt, ist dieser Überdruss an der liberalen pluralistischen Ordnung nicht zu erklären. Denn alles in allem hat namentlich Europa nie zuvor ein solch hohes Maß an Wohlstand, aber auch an sozialer Sicherheit erlebt wie heute. Doch die westlichen Gesellschaften scheinen von einem Phänomen erfasst zu werden, das Sigmund Freud als "Unbehagen in der Kultur" bezeichnet hat. Demnach aktiviert sich, wenn der Druck immer komplexerer zivilisatorischer Regelwerke als unerträglich empfunden wird, ein kollektiver Selbstzerstörungs- oder Todestrieb, der den Wunsch befeuert, die Last des gesellschaftlichen "Über-Ichs" um jeden Preis abzuwerfen. Paradoxerweise werden dadurch autoritäre Führertypen wie Donald Trump populär, die die der Masse vorleben, wie man sich aggressiv der "Einschränkung" durch Recht, Moral und Wahrheitsliebe widersetzt.
Während die Akzeptanz des liberalen pluralistischen Gesellschaftsmodells erodiert, halten sich von Russland und China gestützte Gewaltregime wie die in Belarus, Iran und Venezuela - um von Nordkorea nicht zu reden - hartnäckig an der Macht, obwohl sie ihre Wirtschaft und Gesellschaft längst zugrunde gerichtet haben. Die liberale Überzeugung, Diktaturen stünden "auf der falschen Seite der Geschichte" und würden im Zuge ihres ökonomischen Niedergangs früher oder später kollabieren, erweist sich als trügerisch.
Neue Kommunikationstechnologien, die ursprünglich Hoffnungen auf einen Zuwachs an demokratischer Partizipation geweckt hatten, mutieren immer mehr zu Instrumenten der Durchsetzung und Perfektionierung autoritärer Herrschaft. Verbunden ist dies mit dem Bestreben, die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge, Fakten und Fiktion aus dem menschlichen Bewusstsein zu tilgen. Die explosionsartige Entwicklung Künstlicher Intelligenz könnte, für totalitäre Zwecke eingesetzt, sogar dazu führen, dass die Grenze zwischen der Wahrnehmung realer und digital erzeugter Wirklichkeit vollständig verschwimmt.
Gegenüber diesem massiven Einbruch eines mit modernsten Mitteln ausgestatteten Irrationalismus zeigen sich die der Tradition aufklärerischer Rationalität verpflichteten politischen und gesellschaftlichen Kräfte bisher weitgehend ungerüstet, wenn nicht hilflos. Ändert sich dies nicht, droht der Absturz der Menschheit in ein düsteres Zeitalter autoritärer und totalitärer Willkür. Um es abzuwenden, bedarf es in den Demokratien dringend einer grundlegenden geistigen Erneuerungsbewegung, die mit kämpferischer Energie und Überzeugungskraft für den Erhalt demokratischer Ideale eintritt.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
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