Intervention
Die Illusionsblase
Von Richard Herzinger
01.08.2025. Wie wenig die Aufarbeitung der Vergangenheit, auf die Deutschland so stolz ist, tatsächlich gefruchtet hat, sieht man Äußerungen zwar wenig bedeutender, aber omnipräsenter Köpfe Ole Nymoen, der glaubt, man könnte sich mit russischer Besatzung einfach arrangieren. Was sich als pazifistischer Standpunkt geriert, ist Ausdruck von Wohlstandsegoismus. Nymoen steht für eine Jugend, der eingeredet wurde, der ewige Friede sei erreicht - und die die Folgen dieser Saturiertheit wird ausbaden müssen.Übereinstimmende Erkenntnisse europäischer Geheimdienste - wie auch einschlägige Ankündigungen der Machthaber in Moskau - lassen kaum noch daran zweifeln, dass Russland einen Angriff auch auf NATO-Staaten vorbereitet. Polens Ministerpräsident Donald Tusk hat kürzlich zu Recht davor gewarnt, dass es bereits 2027 so weit sein könnte.
Zugleich hat der Kreml seine verdeckte Kriegsführung gegen Deutschland massiv intensiviert. Doch große Teile der deutschen Öffentlichkeit wollen das ganze Ausmaß der Bedrohung noch immer nicht wahrhaben. Die Verdrängung der Gefahr wird durch Kritiker befeuert, die in den erhöhten Verteidigungsanstrengungen der Bundesregierung eine verwerfliche, durch nichts gerechtfertigte "Militarisierung" der deutschen Gesellschaft sehen.
Doch nicht die europäischen Demokratien wollen Krieg - im Gegenteil: ihre größte zivilisatorischen Errungenschaften besteht darin, auf dem Kontinent eine Ordnung geschaffen zu haben, die Krieg als Mittel zur Lösung zwischenstaatlicher Konflikte und zur Veränderungen von Grenzen kategorisch ausschließt. Nun aber haben sie es in Gestalt von Putins Russland mit einer aggressiven Macht zu tun, die ihre ganze Identität aus Krieg, Eroberung und Vernichtung bezieht. Dies stellt das demokratische Europa vor ein Dilemma, das der große antitotalitäre Schriftsteller Manes Sperber 1983 - mit Blick auf die Bedrohung durch den sowjetischen Totalitarismus - auf den Punkt gebracht hat: "Wir alten Europäer aber, die den Krieg verabscheuen, wir müssen leider selbst gefährlich werden, um den Frieden zu wahren."
Um der deutsche Gesellschaft die Konfrontation mit dieser bitteren Wahrheit zu ersparen, wird die russische Aggressionsbereitschaft nicht nur von rechts-und linksradikalen kremlnahen Parteien, sondern auch von namhaften Publizisten und Intellektuellen heruntergespielt oder schlicht geleugnet. So hat der Philosoph Jürgen Habermas entsprechende Erkenntnisse als eine "spekulative Annahme" abgetan.
Weniger bedeutende, dafür aber in den Medien omnipräsente Köpfe betreiben diese Verharmlosung mit schriller Vehemenz. So denunziert der häufig fälschlicherweise als "Philosoph" titulierte Bestsellerautor Richard David Precht die Angst vor einem russischen Angriff als "Massenwahn". Es sei absurd anzunehmen, dass Russland, nachdem es sich in der Ukraine "eine blutige Nase geholt" habe, nun vorhaben könnte, die NATO zu attackieren.
Prechts ganze demagogische Verlogenheit wird vor dem Hintergrund deutlich, dass er sich nach dem 24. Februar 2022 als lautstarker Gegner von Waffenlieferungen an die Ukraine profiliert und dieser sogar die Kapitulation empfohlen hat. Jetzt aber nutzt er die Tatsache, dass sich die Ukraine erfolgreich gegen den Aggressor zur Wehr setzt, um zu suggerieren, man müsse sich vor Russland nicht fürchten.
Noch weiter treibt es der 27-jährige Autor Ole Nymoen, der mit seinem kürzlich unter dem Titel: "Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde" erschienenes Buch auf große Resonanz stößt. Bei ihm spielt es überhaupt keine Rolle, ob Deutschland und Europa tatsächlich von Russland überfallen werden könnten. Denn er weigert sich prinzipiell, sein Leben für die Verteidigung seines Landes einzusetzen und bestreitet Regierungen grundsätzlich das Recht, ihre Bürger dazu zu verpflichten. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen sowie zwischen Demokratien und autoritären oder totalitären Regimen.
Bei Markus Lanz bekräftigte Nymoen kürzlich, er würde auch dann nicht zur Waffe greifen, sollte sein Land tatsächlich von einer diktatorischen Macht besetzt werden. Den Einwand, er könnte in diesem Fall doch selbst das Opfer willkürlicher Verfolgung werden, schob er als zu "hypothetisch" beiseite. So aber kann nur reden, wer nie unter einer verbrecherischen Besatzung oder einer Diktatur gelitten hat - und sich nicht einmal je ernsthaft dafür interessiert hat, welche Erniedrigung der menschlichen Existenz damit verbunden ist. Nymoen stellt sich das Leben unter russischer Okkupation offenbar so vor, dass es grundsätzlich "normal" weitergeht - nur eben mit etwas weniger Freiheit. Was sich als radikal pazifistischer Standpunkt geriert, ist in Wahrheit Ausdruck eines ebenso weltfremden wie empathielosen Wohlstandsegoismus.
Von Orten wie Butscha, wo unbewaffnete Zivilisten wahllos massakriert wurden, scheint Nymoen so wenig gehört zu haben wie von allen anderen systematischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Russland in der Ukraine begeht. Doch vor allem ignoriert er auch die eigene deutsche Geschichte. Lehrt sie doch, dass zwar Krieg an sich immer etwas zutiefst Entsetzliches ist, es aber noch Entsetzlicheres als ihn gibt. Der Holocaust und die Versklavung als "minderwertig" eingestufter unterworfener Völker waren keine unmittelbaren Kriegsakte. Den Krieg führten die Nationalsozialisten vielmehr als Mittel zum Zweck der Verwirklichung ihrer monströsen Vernichtungspläne. Ein Ende konnte dem nur gesetzt werden, weil die Alliierten bereit waren, dagegen in den Krieg zu ziehen.
Thesen wie die Nymoens zeigen auf schockierende Weise, wie wenig die Aufarbeitung der Vergangenheit, auf die Deutschland so stolz ist, tatsächlich gefruchtet hat. Doch dass derartige geradezu trotzig die Realität verleugnende Vorstellungen namentlich in der jungen Generation in Umlauf sind, kann andererseits nicht wirklich verwundern. Haben viele der jungen Leute, die jetzt von der anvisierten Wiedereinführung der Wehrpflicht betroffen sind, doch das nicht unberechtigte bittere Gefühl, von den älteren Generationen hinters Licht geführt worden zu sein. Diese hatten jahrzehntelang den Eindruck erweckt, Deutschland würde nie wieder mit Krieg konfrontiert werden - und dementsprechend die militärische Abschreckung auch dann noch vernachlässigt, als Putins Russland längst dabei war, europäische Länder zu überfallen und zu bedrohen. Jetzt aber, da diese Illusionsblase jäh platzt, soll an erster Stelle die junge Generation, die in ihr sozialisiert wurde, das Versäumte ausbügeln. Um den dramatischen Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden, steht aber der gesamten deutschen Gesellschaft noch ein schmerzhafter Mentalitätswandel bevor.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
Zugleich hat der Kreml seine verdeckte Kriegsführung gegen Deutschland massiv intensiviert. Doch große Teile der deutschen Öffentlichkeit wollen das ganze Ausmaß der Bedrohung noch immer nicht wahrhaben. Die Verdrängung der Gefahr wird durch Kritiker befeuert, die in den erhöhten Verteidigungsanstrengungen der Bundesregierung eine verwerfliche, durch nichts gerechtfertigte "Militarisierung" der deutschen Gesellschaft sehen.
Doch nicht die europäischen Demokratien wollen Krieg - im Gegenteil: ihre größte zivilisatorischen Errungenschaften besteht darin, auf dem Kontinent eine Ordnung geschaffen zu haben, die Krieg als Mittel zur Lösung zwischenstaatlicher Konflikte und zur Veränderungen von Grenzen kategorisch ausschließt. Nun aber haben sie es in Gestalt von Putins Russland mit einer aggressiven Macht zu tun, die ihre ganze Identität aus Krieg, Eroberung und Vernichtung bezieht. Dies stellt das demokratische Europa vor ein Dilemma, das der große antitotalitäre Schriftsteller Manes Sperber 1983 - mit Blick auf die Bedrohung durch den sowjetischen Totalitarismus - auf den Punkt gebracht hat: "Wir alten Europäer aber, die den Krieg verabscheuen, wir müssen leider selbst gefährlich werden, um den Frieden zu wahren."
Um der deutsche Gesellschaft die Konfrontation mit dieser bitteren Wahrheit zu ersparen, wird die russische Aggressionsbereitschaft nicht nur von rechts-und linksradikalen kremlnahen Parteien, sondern auch von namhaften Publizisten und Intellektuellen heruntergespielt oder schlicht geleugnet. So hat der Philosoph Jürgen Habermas entsprechende Erkenntnisse als eine "spekulative Annahme" abgetan.
Weniger bedeutende, dafür aber in den Medien omnipräsente Köpfe betreiben diese Verharmlosung mit schriller Vehemenz. So denunziert der häufig fälschlicherweise als "Philosoph" titulierte Bestsellerautor Richard David Precht die Angst vor einem russischen Angriff als "Massenwahn". Es sei absurd anzunehmen, dass Russland, nachdem es sich in der Ukraine "eine blutige Nase geholt" habe, nun vorhaben könnte, die NATO zu attackieren.
Prechts ganze demagogische Verlogenheit wird vor dem Hintergrund deutlich, dass er sich nach dem 24. Februar 2022 als lautstarker Gegner von Waffenlieferungen an die Ukraine profiliert und dieser sogar die Kapitulation empfohlen hat. Jetzt aber nutzt er die Tatsache, dass sich die Ukraine erfolgreich gegen den Aggressor zur Wehr setzt, um zu suggerieren, man müsse sich vor Russland nicht fürchten.
Noch weiter treibt es der 27-jährige Autor Ole Nymoen, der mit seinem kürzlich unter dem Titel: "Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde" erschienenes Buch auf große Resonanz stößt. Bei ihm spielt es überhaupt keine Rolle, ob Deutschland und Europa tatsächlich von Russland überfallen werden könnten. Denn er weigert sich prinzipiell, sein Leben für die Verteidigung seines Landes einzusetzen und bestreitet Regierungen grundsätzlich das Recht, ihre Bürger dazu zu verpflichten. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen Angriffs- und Verteidigungskriegen sowie zwischen Demokratien und autoritären oder totalitären Regimen.
Bei Markus Lanz bekräftigte Nymoen kürzlich, er würde auch dann nicht zur Waffe greifen, sollte sein Land tatsächlich von einer diktatorischen Macht besetzt werden. Den Einwand, er könnte in diesem Fall doch selbst das Opfer willkürlicher Verfolgung werden, schob er als zu "hypothetisch" beiseite. So aber kann nur reden, wer nie unter einer verbrecherischen Besatzung oder einer Diktatur gelitten hat - und sich nicht einmal je ernsthaft dafür interessiert hat, welche Erniedrigung der menschlichen Existenz damit verbunden ist. Nymoen stellt sich das Leben unter russischer Okkupation offenbar so vor, dass es grundsätzlich "normal" weitergeht - nur eben mit etwas weniger Freiheit. Was sich als radikal pazifistischer Standpunkt geriert, ist in Wahrheit Ausdruck eines ebenso weltfremden wie empathielosen Wohlstandsegoismus.
Von Orten wie Butscha, wo unbewaffnete Zivilisten wahllos massakriert wurden, scheint Nymoen so wenig gehört zu haben wie von allen anderen systematischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die Russland in der Ukraine begeht. Doch vor allem ignoriert er auch die eigene deutsche Geschichte. Lehrt sie doch, dass zwar Krieg an sich immer etwas zutiefst Entsetzliches ist, es aber noch Entsetzlicheres als ihn gibt. Der Holocaust und die Versklavung als "minderwertig" eingestufter unterworfener Völker waren keine unmittelbaren Kriegsakte. Den Krieg führten die Nationalsozialisten vielmehr als Mittel zum Zweck der Verwirklichung ihrer monströsen Vernichtungspläne. Ein Ende konnte dem nur gesetzt werden, weil die Alliierten bereit waren, dagegen in den Krieg zu ziehen.
Thesen wie die Nymoens zeigen auf schockierende Weise, wie wenig die Aufarbeitung der Vergangenheit, auf die Deutschland so stolz ist, tatsächlich gefruchtet hat. Doch dass derartige geradezu trotzig die Realität verleugnende Vorstellungen namentlich in der jungen Generation in Umlauf sind, kann andererseits nicht wirklich verwundern. Haben viele der jungen Leute, die jetzt von der anvisierten Wiedereinführung der Wehrpflicht betroffen sind, doch das nicht unberechtigte bittere Gefühl, von den älteren Generationen hinters Licht geführt worden zu sein. Diese hatten jahrzehntelang den Eindruck erweckt, Deutschland würde nie wieder mit Krieg konfrontiert werden - und dementsprechend die militärische Abschreckung auch dann noch vernachlässigt, als Putins Russland längst dabei war, europäische Länder zu überfallen und zu bedrohen. Jetzt aber, da diese Illusionsblase jäh platzt, soll an erster Stelle die junge Generation, die in ihr sozialisiert wurde, das Versäumte ausbügeln. Um den dramatischen Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden, steht aber der gesamten deutschen Gesellschaft noch ein schmerzhafter Mentalitätswandel bevor.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Hier der Link zur Originalkolumne.
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