19.09.2025. Dass sich die internationale extreme Rechte der russischen Autokratie eng verbunden fühlt, leuchtet unmittelbar ein. Weniger plausibel erscheint auf den ersten Blick, dass auch große Teile der Linken mehr oder weniger offene Sympathie oder doch zumindest großes Verständnis für das Putin-Regime an den Tag legen. An Karl Marx kann es in diesem Fall nicht gelegen haben.
Dass sich die internationale extreme Rechte der russischen Autokratie eng verbunden fühlt, leuchtet unmittelbar ein. Teilt sie mit ihr doch den Hass auf die Errungenschaften der demokratischen Moderne und hofft, mit ihrer mächtigen Unterstützung das Rad der Geschichte zurückdrehen zu können.
Weniger plausibel erscheint auf den ersten Blick, dass auch große Teile der Linken mehr oder weniger offene Sympathie oder doch zumindest großes Verständnis für das Putin-Regime an den Tag legen - obwohl dieses nicht einmal mehr vortäuscht, irgendetwas mit sozialistischen Idealen zu tun zu haben.
Die hartnäckige Russlandliebe vieler Linker ist umso bemerkenswerter, als ausgerechnet Karl Marx, den die meisten von ihnen als ihren theoretischen Stammvater verehren, ein eingefleischter Gegner des russischen Despotismus war. Ihn betrachtete er als Hauptbastion der Reaktion und entscheidendes Hindernis für den demokratischen und sozialen Fortschritt in Europa.
In einer 1856/57 publizierten, unter dem Titel "Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert" zusammengefassten Artikelserie definierte Marx das russische Herrschaftssystem als "asiatische Despotie" und schrieb über das Wesen des Zarenreichs: "Der blutige Sumpf mongolischer Sklaverei (…) war die Wiege Moskaus, und das moderne Russland ist nur eine Metamorphose dieses mongolischen Moskau."
Marx verband seine Frontstellung gegen den russischen Imperialismus und Kolonialismus zudem mit dem entschiedenen Eintreten für die Unabhängigkeit Polens, das Ende des 18. Jahrhunderts zwischen Preußen, dem Habsburgerreich und Russland aufgeteilt worden war. Scharf kritisierte er die nachgiebige Politik der großen westlichen Nationen gegenüber der russischen "Versklavungspolitik". Namentlich Großbritannien warf er vor, den Freiheitskampf der Polen zu verraten und Russland in seiner reaktionären Expansionspolitik gewähren zu lassen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Verfasser des "Kapital" und des "Kommunistischen Manifests" sah, wie der Marx-Experte Timm Graßmann (mehr hier) feststellt, in der Geschichte der russischen Politik von Anfang an zwei Konstanten: Autokratie nach Innen und nach Außen systematische Übergriffe auf fremde Territorien. Dabei erkannte Marx, dass Moskaus Expansionismus stets darauf aus war, historisch fortschrittliche Staatsgebilde wie das von starken republikanischen Merkmalen geprägte Königtum Polen-Litauen auszulöschen - einen ethnisch-kulturell und religiös heterogenen Vielvölkerstaat.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wie Marx diagnostizierte, beseitigte Moskau gezielt Demokratien oder Republiken, um zu verhindern, dass der von ihnen verkörperte Freiheitsgeist auf Russland übergreift. Ersetzt man das Wort "Polen" durch "Ukraine", findet sich in den Aussagen von Marx eine verblüffende Aktualität - zumal dieser auch die Eigenständigkeit der ukrainischen Nation ausdrücklich anerkannte. Allerdings widersetzten sich, wie kürzlich der Politologe Jörg Himmelreichaufgezeigt hat, auch damals schon führende Sozialisten der Marxschen Position, sprachen Polen das Existenzrecht ab und warfen der polnischen Unabhängigkeitsbewegung vor, Unfrieden nach Europa zu tragen.
In der Tradition von Marx betrachtete dagegen Karl Kautsky, zu seiner Zeit der führende Theoretiker der sozialistischen Internationale, die russische Despotie als Hauptquelle der politischen und gesellschaftlichen Reaktion in Europa. Deshalb verurteilte er die Machtergreifung der Bolschewiken im Oktober 1917 als einen Putsch, der im Einklang mit dem "der russischen Eigenart entsprungenen Gedanken der Diktatur" stehe. In seiner Schrift "Demokratie oder Diktatur" von 1918 machte Kautsky deutlich, dass der Sozialismus untrennbar mit der Demokratie verbunden sei und sich nur in Gesellschaften durchsetzen könne, die über bereits mehr oder weniger entwickelte demokratische Traditionen verfügten. Deutschland aber, und namentlich Preußen, hätten "bisher unter einem Regime der Militärautokratie und der Polizeiwillkür gelebt, das dem russischen so verwandt war, dass sich in manchen Schichten eine Geistesverfassung bilden konnte", die sich für das russische Diktaturprinzip empfänglich zeige.
Das traf auf einen erheblichen Teil der Linken zu, die von nun an dem sowjetischen Regimes ergebene Gefolgschaft leistete. So hat sich der russische Despotismus über den Umweg des "Marxismus-Leninismus" und der auf dieser Ideologie gegründeten Sowjetmacht auch der ursprünglich emanzipatorischen Idee der sozialistischen Bewegung bemächtigt und sie in den Dienst seiner imperialistischen und kolonialistischen Ziele gestellt.
Die Anziehungskraft des russischen Autoritarismus wurde durch den Zweiten Weltkrieg weiter verstärkt. Der stalinistische Totalitarismus wurde nun selbst von manchen demokratischen Sozialisten als "antifaschistische" Kraft wahrgenommen - obwohl er sich durch den Hitler-Stalin-Pakt zunächst mit NS-Deutschland verbündet und ihm damit den Weg zum Krieg geebnet hatte. Dabei geriet aus dem Blick, dass die Sowjetunion eben nicht nur aus Russland bestand, sondern die Hauptopfer des deutschen Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion Belarus und die Ukraine waren. Der russische Nationalismus aber reklamiert den Sieg über die NS-Barbarei ausschließlich für sich - und zahlreiche Linke im Westen folgen unbeirrt diesem Mythos.
Die Übernahme des russischen imperialen Narrativs durch große Teile der westlichen Linken hat so über den Zusammenbruch des Sowjetimperiums hinaus angehalten. Ungeachtet der Kontinuität der aktuellen russischen Aggressionspolitik zu der des Zarenreichs gilt Russland vielen Linken weiterhin als Gegengewicht zum westlichen Kapitalismus, den sie als den Verursacher allen Unheils der Welt betrachten. Dabei ignorieren sie zentrale Einsichten ihres Idols Karl Marx, den sie nur als radikalen Kapitalismuskritiker, nicht aber als entschiedenen Gegner antiwestlicher Despotien wie insbesondere der russischen wahrnehmen. Linkes Denken von der Kontamination durch autoritäre und totalitäre Ideologien zu befreien kann nur über die Entrussifizierung seiner geschichtspolitischen Prämissen führen.
Richard Herzinger
Der Autor arbeitet als Publizist in Berlin. Hier seine Seite "hold these truths". Wir übernehmen in lockerer Folge eine Kolumne, die Richard Herzinger für die ukrainische Zeitschrift Tyzhden schreibt. Der Link zur Originalkolumne folgt.
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