Lidorama

Die Filmfestspiele von Venedig - 10. Tag

Von Robert Mattheis
07.09.2002. John Malkovichs Debüt als Regisseur "The Dancer Upstairs" ist voll Exotik und Gewalttätigkeit. Michel Devilles Wettbewerbsfilm "Un monde presque paisible" der in Paris im Jahre 1946 spielt, dagegen leise wie ein Flüstern.
Voll Exotik und Gewalttätigkeit: John Malkovichs Debüt als Regisseur "The Dancer Upstairs"

Eines hat John Malkovich nun mit Alfred Hitchcock gemeinsam: auch er liefert in seinem Regiedebüt "The Dancer Upstairs" einen Kurzauftritt ab, inmitten einer Menschenmenge, den Rücken zur Kamera - "eine meiner besten Leistungen", wie Malkovich selbstironisch befand. Was ihn natürlich deutlich von Hitchcock unterscheidet, ist, dass er, selbst ein Schauspieler (und als solcher auch in Liliana Cavanis "Ripley's Game" bei den Filmfestspielen vertreten), ein Schauspielerregisseur ist (Hitchcock betrachtete seine Darsteller ja bekanntlich als "Vieh - bis auf Cary Grant"). Sowohl Javier Bardem, der einen unbestechlichen Terroristenjäger spielt, als auch Laura Morante, die Tänzerin aus dem Titel, sind des Lobes voll für die Regiearbeit ihres Kollegen.

Der Film "The Dancer Upstairs" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Nicholas Shakespeare. Javier Bardem findet sich als Polizeiermittler Agustin Rejas unversehens eingeklemmt zwischen Gerechtigkeitsbewusstsein und Pflichtversessenheit auf der einen Seite und der Liebe zu der schönen Balletteuse Yolanda auf der anderen. Fünf Jahre dauerte die Arbeit mit einem polyphonen Filmteam (am Set wurden Englisch, Spanisch, Deutsch, Italienisch, Französisch und Portugiesisch gesprochen). Die Handlung lehnt sich an die historischen Ereignisse um die Guerillaorganisation "Leuchtender Pfad" in Peru an.

Ein philosophisch gebildetes Mastermind mit dem nom de guerre Ezequiel verspricht der Bevölkerung in seinem südamerikanischen Land einen Umsturz der Ordnung und wird dadurch zu einer Erlöserfigur. Bedingungslos und auch vor dem eigenen Tod nicht zurückschreckend üben seine Anhänger einen brutalen Terroranschlag nach dem anderen aus. Der Staat reagiert, indem er den Notstand ausruft. Panzer rollen durch die Straßen, Soldaten tragen ihre Maschinenpistolen herum. Auf Terror antwortet Terror. Rejas, der diesem doppelten Terror ein Ende bereiten will, macht sich auf die Suche nach dem Revolutionär. Am Ende findet er ihn in der Wohnung über der der Tanzlehrerin seiner Tochter. Natürlich hat Rejas sich in der Zwischenzeit in die Tänzerin verliebt. Als sie begreift, dass er ein Kriminaler ist, bekennt sie sich zu Ezequiel und spuckt dem Helden ins Gesicht. Dieser bleibt fassungslos zurück, als sie abgeführt und verurteilt wird.

Malkovich erzählt seine Geschichte in starken Bildern voller Exotik und Gewalttätigkeit. Sichtlich ist er das Projekt mit großem Engagement angegangen. Insgesamt ist "The Dancer Upstairs" aber vielleicht doch konventioneller gefilmt, als man von Malkovich, dem leidenschaftlichen Snob und Hollywoodaußenseiter (er lebt in Paris), erwartet hätte.

Dann gibt es auch noch einen Moment in dem Film, der die Differenz - eine Differenz eher zeitgeschichtlicher als persönlicher Natur - zwischen Hitchcocks und Malkovichs Kino markiert: Nachdem man gesehen hat, wie ein kleiner Junge seinem Vater eine Bombe in die Kneipe bringt und sich begeistert in die Luft sprengen lässt, wird jedes spielende Kind, jede harmlose Geste zu einer Bedrohung. Auf diese Weise schafft Malkovich eine weitere Ebene von Suspense in seinem Film. Allerdings erinnert diese Szene an eine vergleichbare aus Hitchcocks Film "Sabotage". Dort wurde ebenfalls ein Junge, der als Bombenkurier unterwegs war, von einer Explosion getötet. Das Publikum war damals geschockt. Im Gespräch mit Francois Truffaut meinte Hitchcock später, diese Szene sei ein Fehler gewesen, sie habe den ganzen Film verdorben. Man dürfe Kinder im Kino nicht sterben lassen. Das würde von den Zuschauern nicht akzeptiert. Offenbar ist auch das Publikum mit den Jahren skrupelloser geworden.

"The Dancer Upstairs", USA 2002, Regie: John Malkovich, mit: Javier Bardem, Laura Morante, Juan Diego Botto, Elvira Minguez u.a.



Leise wie ein Flüstern: Michel Devilles Wettbewerbsfilm "Un Monde Presque Paisible"

Es gibt Filme, die sind so leise, dass sie einem Flüstern gleichen. Das gilt auch für Michel Devilles Wettbewerbsfilm "Un monde presque paisible". Dieser Film ist so leise, dass man kaum versteht, was er einem sagen möchte.

Die beinahe friedliche Welt des Titels liegt im Paris des Jahres 1946. Der Krieg ist vorbei, die Deutschen hat man heimgeschickt, was von ihnen blieb, sind das deutsche Bier, das die Unbelehrbaren, die alten Faschisten, immer noch trinken, und die Ansichten, die die Unbelehrbaren immer noch äußern. Unentschuldbarerweise äußern sie diese ihre nicht besonders subtilen Ansichten in den Kneipen, in denen sie ihr Bier trinken, während die Überlebenden des Unvorstellbaren, des Holocaust, daneben stehen. Diese nehmen es hin und tun ihr Bestes, um sich einer Welt anzupassen, die sich wenigstens nach außen hin verändert hat.

In skizzenartigen Szenen wird uns das Innenleben einer Damenschneiderei vorgestellt, in der ausschließlich Juden arbeiten. Albert (Simon Abkarian), der Chef, sorgt gut für seine Leute. Er hat ein Gefühl der Verpflichtung ihnen, den Mitüberlebenden, gegenüber. Nur seine Frau Jacqueline (Lubna Azabal) ist mit seiner Zuwendung unzufrieden; sie hat sich darum in den stillen Charles (Denis Podalydes) verliebt, der seine Tage damit verbringt, auf seine in den Lagern verschollene Frau zu warten. Maurice (Stanislas Merhar) flieht vor der Erinnerung an die KZs in den Sexus, repräsentiert von jungen französischen Prostituierten, in die er sich anfallsweise verliebt. Aber er ist doch zu traurig, als dass eine dieser Liaisons länger halten könnte. Leon (Vincent Elbaz) setzt alles daran, den Verlust an Verwandtschaft, den der Holocaust gebracht hat, durch Nachwuchsproduktion wieder auszugleichen, und träumt von einer 1000-köpfigen Familie. Der junge Joseph (Malik Zidi) schließlich möchte Schriftsteller werden, um seine traumatischen Erlebnisse mit den nun plötzlich wieder auf seiner Seite stehenden Franzosen zu verarbeiten.

Der Film nimmt sich reichlich Zeit, erzählt diese kleinen Geschichten in langsamen, nüchtern-poetischen Bildern. Er ist schön fotografiert, in elegischen, zarten Farben, nur leider erschließt sich beim besten Willen nicht seine Aktualität. Warum läuft dieser Film im Wettbewerb um den Goldenen Löwen des Jahres 2002? Handelt er von den drängenden Problemen unserer Zeit? Finden wir etwas von unserem Leben in ihm wieder? Natürlich könnte man lange Diskurse darüber ausspinnen, wie in Europa allerorten antisemitische Haltungen aus dem Boden sprießen, wie auch die Geschehnisse in und um Israel diesem lange verdrängten Komplex eine neue Dringlichkeit verleihen, und wie das alles in diesem so leisen und sanften und flüsternden Film von Deville angelegt wäre.

Aber das wirkte doch, Pardon, unwirklich und herbeigeholt. Denn wäre dies tatsächlich das Anliegen des Films, müsste er versuchen, sich diesen Fragen in der Gegenwart zu stellen. "Un monde presque paisible" ist vielmehr ein Film über die stille und beharrliche Anstrengung, sich an die Normalität zu gewöhnen, wenn man eigentlich schon vergessen hatte, was das ist, Normalität. Es ist ein Film über die Tatsache, dass, der Titel suggeriert es, der Krieg nicht dadurch beendet ist, dass man ihn für beendet erklärt. Insofern ist er auch eine Lektion über die Unaufrichtigkeit der Geschichtsbücher.

Am Ende sind sie alle im Grünen, die Überlebenden, die Schneider und ihre Damen, und feiern ein Familienfest. Oder geben sich doch redlich Mühe, ein Fest zu feiern. Der Schlussapplaus lässt sich wohl am ehesten als Reverenz an Michel Deville, den großen Regisseur, verstehen.

"Un monde presque paisible", Frankreich 2002, Regie: Michel Deville, mit: Simon Abkarian, Lubna Azabal, Zabou Breitman, Clotilde Courau u.a.



Wenn ein Hollywoodstar spielen würde wie Moon So-ri, würde es Oskars regnen - "Oasis" ist ein Märchen

"Oasis" von Lee Chang-dong ist eine Perle mit "Dogma"-Touch. Ein Film, der den Spießer in uns ebenso schockt, wie er den Märchengläubigen in uns allen zum Träumen bringt. Man muss schon zu einem kinematographischen Ausnahmezustand zurückgehen wie dem "Fest", um Vergleichbares zu finden.

Der Titel bezieht sich auf das Bild einer Oase, das Gong-Ju dazu einlädt, sich aus ihrer tristen Welt herauszuträumen. Nur in einer Hinsicht bereitet ihr Bild ihr Kummer: dass nachts ein Baum vor ihrem Fenster mit seinen Zweigen Schatten auf die Oase wirft - diese Schatten jagen ihr Angst ein.

Gong-Ju hat einen Geliebten: Jong-Du. Das ist soweit ja noch nicht besonders ungewöhnlich (wenn man von den Namen einmal absieht), geschweige denn aufregend. Aber Jong-Du ist ein besonderer Typ. Jong-Du tut nämlich immer, wozu er gerade Lust hat. Und sein Beispiel zeigt, warum es keineswegs gängiger Verhaltensstandard ist, dass man immer das tut, wozu man gerade Lust hat: Jong-Du ist nämlich ein echter "troublemaker". Der Trouble betrifft ebenso ihn selbst wie auch seine Brüder und den Rest seiner Familie.

Um Gong-Ju steht es, vom spießbürgerlichen Standpunkt aus gesehen, noch schlimmer. Sie ist spastisch behindert und kaum in der Lage, sich zu artikulieren. Der Einzige, demgegenüber sie sich ausdrücken kann, ist Jong-Du. Und das hat den einfachen Grund, dass Jong-Du der einzige Mensch ist, der in ihr jemals mehr gesehen hat als einen Fall. Der sie nicht wie ein Möbel behandelt, das man in die Ecke stellt, weil es lästig ist. Der ihren Namen wörtlich nimmt: "Prinzessin".

Genau das wiederum wird Jong-Du zum Verhängnis. Gerade aus dem Knast entlassen, in dem er für seinen älteren Bruder gesessen hatte, wird er von ihren Verwandten dabei erwischt, wie er mit Gong-Ju schläft. Gong-Ju möchte zwar verzweifelt, kann ihren Geliebten aber nicht verteidigen, denn sie bringt kein Wort heraus in ihrer Aufregung. Die Polizei hat ebenso wie alle anderen nur die allerfinsterste Verachtung für Jong-Du übrig, für einen, der sich an einer wehrlosen spastisch Gelähmten vergreift. Jong-Du, ein schlichtes Gemüt, kommt nicht einmal auf die Idee, sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen, und verstärkt dadurch noch den Glanz dieser Liebe: Sie ist weltlicher Gerichtsbarkeit ganz einfach entzogen, beinahe ein transzendentes Ereignis. Da niemand sie verstehen wird, hat es auch keinen Sinn, sie zu erklären.

Statt dessen nutzt Jong-Du die nächste sich bietende Gelegenheit, um vor der Polizei davonzulaufen. Nicht etwa, um sich in Sicherheit zu bringen. Im Gegenteil. Er klettert auf den Baum vor Gong-Jus Fenster, der die Oase verschattet, und sägt einen Ast nach dem anderen ab. Gong-Ju beteiligt sich von drinnen an der Liebestat, indem sie das Radio lauter dreht und so einen Soundtrack schafft, der das wütende Gebrüll der Nachbarn übertönt. Dann wird Jong-Du von der Polizei abgeführt. Doch sie wird auf ihn warten, seine unsterbliche Liebe, und er wird in seiner Gefängniszelle an sie denken. Das Märchen ist noch nicht vorbei. Es hat noch nicht einmal richtig angefangen.

Exzellent sind die Schauspielerleistungen, wobei vor allem Moon So-ri mit ihrer atemberaubenden Darstellung der Behinderten Beifall verdient hat. Was los wäre, wenn einer unserer hochgejubelten Hollywoodstars eine solche Performance abliefern würde, traut man sich gar nicht auszumalen - das Jubeln und Geifern nähme kein Ende. Bei asiatischen Nobodies lässt sich mit derlei Verdiensten ja gelassener umgehen. Aber nicht weniger eindringlich und glaubwürdig gibt Sol Kyung-gu den tumben Tor mit dem goldenen Herzen.

Lee Chang-dong hat mit "Oasis" einen unglaublichen Film abgeliefert, humorvoll, zärtlich, schockierend, märchenhaft. Im Schlussapplaus hörte man den Goldenen Löwen brüllen. Und er hat gut gebrüllt.

"Oasis", Korea 2002, Regie: Lee Chang-dong, mit: Sol Kyung-gu, Moon So-ri, Ahn Nae-sang u.a.