
Ungarn, so ein Traum nach der Wende, hätte das Zentrum der Region
zwischen Istanbul und München werden können. Statt dessen zerfällt das Land, erklärt der Anthropologe und Ökonom
Tamás Dávid-Barett und gibt im
Interview mit Jozsef Barat einen Einblick in die Struktur der heutigen ungarischen Gesellschaft: "In
England zum Beispiel gibt es wohl die Klassengesellschaft. Woher du kommst, bestimmt darüber, was du denkst, wer du bist, welche Wörter du verwendest und am allerwichtigsten: wer deine Freunde sind. Die ungarische Gesellschaft ist ähnlich, nur dass sich die Klassen nicht horizontal ausbreiten, sondern vertikal. Sie besteht nicht aus Schichten, sondern
aus Säulen. Es ist schwer, diese zu benennen, denn jede hat mindestens
zwei Namen: einen, den die Mitlieder und einen, den die Außenstehenden verwenden. Es gibt die
Sozialisten (oder die verrotteten Kommis); die
National-Konservativen (oder die unverbesserlichen Nazis), die
Liberalen (oder die stinkenden Juden) und die
Roma (oder die diebischen Zigeuner). Das ist die Säulengesellschaft, bei der deine Säule darüber bestimmt was du denkst, wer du bist, was du über das Land denkst und wie du sprichst. Wie bei den Engländern ist es auch hier wichtig, wer deine Freunde sind, jedoch entstehen die Netzwerke nicht horizontal, sondern vertikal, in Form von Klientel-, Untertanen- und Vasallenbeziehungen."