
Vor dreißig Jahren, am 6. Juli 1989, an dem Tag als das Oberste Gericht Ungarns den 1958
hingerichteten Imre Nagy (Ministerpräsident während der Revolution 1956) rehabilitierte, starb der seit 1956 regierende kommunistische Staatschef
János Kádár. Zu seinem Begräbnis kamen wider Erwartung hunderttausende Menschen. Seit der ersten Regierung von
Viktor Orbán (1998-2002) aber insbesondere seit 2010 wird Orbans System mit dem von János Kádár verglichen. Der Historiker und Biograf von Kádár,
György Földes, hält eine Gleichsetzungen für falsch und begründet dies in einem
Gespräch mit Attila Buják: "Es ist ein ziemlich oberflächlicher Gedankengang, die zwei Regime, das von Kádár und Orbán, miteinander parallel zu setzen. Diese Meinung teilte ich nie, es ist unfruchtbar und täuschend, die Orbán mit Kádár gleichzusetzen. Ich glaube ebenso wenig an die These vom 'Schafsvolk' oder an den
Homo Kadaricus, der alle Veränderung über Epochen hinaus überlebt haben soll. Das gegenwärtige 'System der Nationalen Kooperation' ist eine neue Erscheinung. Weder die Korruption noch die gesellschaftlichen Ungleichheiten waren vergleichbar. Das System von Kádár war ein integrierendes Einparteiensystem, Orbáns System ist ein exkludierendes Mehrparteiensystem. Ich halte es weder für zielführend noch für wissenschaftlich fundiert, dreißig Jahre nach der Wende den
Großteil der heutigen Probleme auf das kommunistische System zurückzuführen. Sowohl die antikommunistischen Liberalen als auch die Neokonservativen versuchen damit, von der eigenen Verantwortung abzulenken."