Magazinrundschau - Archiv

Eurozine

306 Presseschau-Absätze - Seite 31 von 31

Magazinrundschau vom 03.03.2009 - Eurozine

Jan Philipp Reemtsma denkt über die Grenzen der Pressefreiheit bei Berichten über Verbrechensopfer nach - selbst wenn diese einem Fernsehauftritt zustimmen. Ausführlich geht er dabei auf den Fall einer 13-Jährigen ein, die entführt, fünf Wochen gefangen gehalten und vergewaltigt wurde. Sie trat mit ihren Eltern, ihrem Anwalt und ihrer Therapeutin in der Talkshow von Johannes Kerner auf. "Sie weiß nicht, worauf sie sich einlässt. Sie ist von dem Wunsch getrieben, zu sprechen, und das Medium nutzt diesen Wunsch aus. Es mag ihr zur Zeit des Interviews tatsächlich einigermaßen gut gehen, aber sie weiß nicht – kann nicht wissen­, dass ihre Empfindung in Wochen, Monaten, vielleicht Jahren wieder eine ganz andere sein könnte. Sie weiß nicht, ob die zweite Exhibition dann einen kumulierenden Effekt haben kann – sie kann es nicht wissen, die Therapeutin muss das wissen. Deren Aufgabe und die des Anwalts wäre gewesen, ihr den Wunsch auszureden, vor den Augen der Öffentlichkeit zu sprechen. Diese Art Öffentlichkeit zu verhindern ist immer richtig, zuzureden, sich gar an solcher Exhibition zu beteiligen, immer falsch. Die Faustregel sollte leicht zu merken sein."

Magazinrundschau vom 17.02.2009 - Eurozine

Für Serben ist es sehr schwierig, ein Visum für Reisen in EU-Länder zu bekommen. Darüber beklagte sich kürzlich auf einer Diskussion ein junger Serbe, der ärgerlich fragte: Warum bestraft man die Jungen für etwas, dass sie nicht getan haben? Die kroatische Autorin Slavenca Draculic antwortet: "Ich fand nicht, dass er Recht hatte. Wie wir [die ihre Väter nicht gefragt haben, was sie im Zweiten Weltkrieg getan hatten], ist auch seine Generation verantwortlich: für ihr Schweigen, dass sie nicht fragen, was ihre Väter während der Kriege getan haben, für ihren Glauben, sie hätten ein Recht auf Visa, nur weil sie jung sind, ihre Hände sauber und ihre Arroganz gerecht. Vor allem sind sie dafür verantwortlich, dass sie ihre Eltern nicht fragen, warum die keine Visa bekommen. Sicher, die junge Generation der Serben kann nicht für die Vergangenheit verantwortlich gemacht werden. Aber sie alle sind verantwortlich für ihre Einstellung zur Vergangenheit, denn das ist wichtig für ihre Zukunft. Das ist die Lektion, die schon wir, die Generation ihrer Eltern, hätten lernen sollen. Weil wir sie nicht beizeiten gelernt haben, mussten wir sie auf die harte Tour lernen."
Stichwörter: Serben, Junge Generation

Magazinrundschau vom 10.02.2009 - Eurozine

Einen interessanten Artikel über Islamismus und linken und rechten "Kulturalismus" haben die beiden dänischen Autoren Jens-Martin Eriksen und Frederik Stjernfelt offensichtlich direkt für Eurozine verfasst. Am Beispiel ihres vom Karikaturenstreit traumatisierten Landes stellen sie eine erstaunliche Nähe zwischen dem Rassismus rechtspopulistischer Parteien und dem Multikulturalismus auf der Linken fest. Selbst die Rechte verteidige den Rassismus dabei nicht mehr, sondern benutze den Begriff der Kultur: "Beide Kulturalismen drücken ihren Respekt für kulturelle Unterschiede aus und verbinden diesen Glauben mit dem Wunsch nach Schutz dieser Identitäten. Rechte und linke Kulturalisten geben diesem Schutz nur verschiedene Ausgestaltungen. Linke Kulturalisten fordern, dass verschiedene Kulturen auf ein und demselben Territorum, im selben Staat, koexistieren können sollten, so dass auch für Personen aus unterschiedlichen Kulturen verschiedene Rechtssprechungen gelten können, je nach kultureller Gruppe, aus der sie stammen. Rechte Kulturalisten wollen die Kulturen ebenfalls erhalten, aber jede Kultur in ihrem eigenen Territorium."

Magazinrundschau vom 22.07.2008 - Eurozine

Gibt es in den Niederlanden große Literatur und sagt sie etwas über das Leben heute? Margot Dijkgraaf stellt die wichtigsten niederländischen Autoren vor - Willem Frederik Hermans, Gerard Reve (beide verstorben), Harry Mulisch, Cees Nooteboom, Hella S. Haasse, Adriaan van Dis, Arnon Grunberg, Geert Mak, Annejet van der Zijl, Frank Westerman, Abdelkader Benali und Hafid Bouazza. Eins der meistverkauften Bücher der letzten Jahre war Jan Siebelinks Roman "Knielen op een bed violen" ("Im Garten des Vaters"). Es erzählt von einem Gärtner, der einer orthodoxen calvinistischen Sekte verfällt und am Ende nicht nur sein Geschäft verliert, sondern sich vollkommen von seiner Frau und seinen zwei Söhnen entfremdet. Religion sei in den Niederlanden lange ein Tabu gewesen, erzählt Dijkgraaf, aber "dieses Buch beweist den anhaltenden Einfluss eines tiefverwurzelten, ja gottesfürchtigen Glaubens in den Niederlanden. Modische Ideen wie 'Säkularisierung', 'Globalisierung' und 'globales Dorf' werden in einer weit entfernten Welt diskutiert, die in diesem Roman nicht existiert."

In der Januarausgabe des Magazins Mittelweg 36 war ein bisher unveröffentlichter Briefwechsel zwischen zwischen dem damals 25-jährigen Theologiestudenten Hans-Jürgen Benedict und Hannah Arendt aus den Jahren 1967-68 zu bestaunen. Eurozine zeigt nun die eingescannten Original-Schreibmaschinenseiten auch online. Arendt erteilt dort jeglichen Weltpolizei-Gedanken ihrer Wahlheimat USA eine frühe Abfuhr. "Was nun das Letzte angeht: Keine Frage, es geht uns an, wenn in Persien, Vietnam und Brasilien 'unwürdige Zustände' herrschen, aber es liegt wahrhaftig nicht an uns. Das, scheint mir, ist eine Art umgekehrter Größenwahnsinn. Probieren Sie einmal, Politik in Persien zu machen, und Sie werden rasch davon geheilt sein." Dazu gibt's einen Aufsatz von Wolfgang Kraushaar. Und: Zwei Norwegerinnen, die als muslimische Konvertitinnen in den achtziger Jahren das Kopftuch trugen, erklären im Interview, warum sie es wieder abgelegt haben.

Magazinrundschau vom 17.06.2008 - Eurozine

Land für Land arbeitet sich Eurozine durch die literarischen Persprektiven in den EU-Ländern, und pünktlich zur EM ist Österreich dran. Daniela Strigl kürt Elfriede Jelineks Internetromane zur fortschrittlichsten Variante rot-weiß-roter Schreibkunst und freut sich über die Renaissance des Idioms. "Als Voraussetzung für eine EU-taugliche Literatur gilt für die meisten Schreibenden in Österreich ein deutschlandtaugliches Deutsch. Seit Jahr und Tag versuchen deutsche Verlagslektoren, ihre österreichischen Autoren fit für den deutschen Markt zu machen, indem sie 'nationalsprachliche' Eigenheiten in ihren Texten ausmerzen. Haben sie sich an den Großen, an Bernhard und Jelinek, die Zähne ausgebissen, so knabbern sie umso eifriger an den idiomatischen Problemzonen der Kleineren herum, wobei halbherziges Durchgreifen häufig bilinguale Zwitterwesen gebiert. So mancher deutscht sich, vorauseilend gehorsam, gleich selbst ein, Mutigere blasen zum Angriff: Wolf Haas, dessen zu Kultbüchern gewordene Krimis mit dem Ex-Polizisten Brenner (zuletzt "Das ewige Leben") seinerzeit nicht zuletzt wegen jener umgangssprachlichen Prägung von vielen Verlagen abgelehnt worden waren, der sie später ihren Ruhm verdanken sollten, leistet in seinem jüngsten, in Interviewform verfassten Buch "Das Wetter vor 15 Jahren" sarkastisch Übersetzungsarbeit aus dem Deutschen ins Deutsche."

Magazinrundschau vom 13.05.2008 - Eurozine

Der katalanische Philosoph Xavier Rubert de Ventos erklärt im einem aus der Zeitschrift L'Espill übernommenen Interview, warum er Reaktionäre wie Celine und Drieu La Rochelle lieber liest als John Rawls. Vielleicht auch Ernst Jünger? "Also wirklich nicht! In seinen Pariser Tagebüchern beschreibt er, wie er die letzten Briefe von Menschen behalten hat, die von den Nazis während des Krieges zum Tode verurteilt wurden. Mit eisiger Eleganz rechtfertigt er den angenehmen Umstand, dass diese Briefe nie ihr Ziel erreichten. Im Gegensatz dazu akzeptieren Drieu La Rochelle und Celine ihre menschliche Natur ohne Entschuldigung, Ich bin ebenfalls ein Mensch und mag es gleichzeitig nicht, einer zu sein. Ich fühle mich seltsam damit, schlecht, unwohl, besessen, perplex. Wenn meine Philosophie mir irgendetwas gebracht hat, dann, dass ich meine monströse Verfassung in eine Struktur des allgemeinen Diskurses eingefügt habe. Ich fühle mich mit Celine, Drieu und mehr und mehr mit Marx verwandt. Ich bin ideologisch radikaler geworden. Ich habe mich früher immer über Leute gewundert, die mit dem Alter radikaler wurden. Aber mit mir passiert das jetzt auch."