
Die
Holocaust- und Gulagforschung zeichnet ein schiefes Bild von den Opfern,
meint der amerikanische
Historiker Timothy Snyder. In
Auschwitz, Symbol für den Holocaust, wurden vor allem westeuropäische Juden ermordet. Doch die meisten Opfer in den deutschen Lagern - etwa zwei Drittel - waren polnische und sowjetische Juden, die in
Treblinka,
Belzec und
Sobibor im besetzten Polen ermordet wurden. Diese Opfer spielen im heutigen Andenken an den Holocaust nur eine marginale Rolle, so Snyder. Ebenso wie andere osteuropäische Opfer. "Wenn irgendein Land im heutigen Europa fehl am Platz zu sein scheint, dann
Weißrussland unter der Diktatur von Alexander Lukaschenko. Aber wenn Lukaschenko es vorzieht, die sowjetischen
killing fields in seinem Land zu ignorieren - er will eine Autobahn über die
Todesgräben von Kuropaty bauen - erinnert er sich in gewisser Weise besser an die europäische Geschichte als seine Kritiker. Indem sie
sowjetische Kriegsgefangene verhungern ließen,
Juden erschossen erschossen und vergasten, und
Zivilisten im Kampf gegen die Partisanen töteten, machten die deutschen Truppen Weißrussland zwischen 1941 und 1944 zum tödlichsten Ort der Welt."
"Um echte Universalität in das europäische Projekt einzubauen, sind
länderübergreifende Provokationen unerlässlich",
verkündet der
Journalist Arne Ruth, der die Erinnerungen der
Schweiz und
Schwedens an ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg vergleicht. Die Schweizer kommen dabei deutlich besser weg als die Schweden, muss man sagen. Was seine Hauptthese angeht, erläutert er sie an einem Beispiel, das er 1997 als
Chefredakteur von Schwedens auflagenstärkster Morgenzeitung
Dagens Nyheter erlebte: Die Zeitung hatte eine investigative Reportage veröffentlich, "die wenig Aufsehen erregte: über die
Zwangssterilisation von etwa 60.000 Schwedinnen, die meisten arme Frauen, zwischen den
1930ern und den
Mitt-1970ern. Es gab eine akademische Dissertation zu dem Thema, die höflich übergangen worden war. Nachdem wir die Geschichte als erste Zeitung veröffentlicht hatten - recherchiert und geschrieben von dem in Polen geborenen
Maciej Zaremba - dauerte es
eine Woche, bis das Thema in den schwedischen Medien Schlagzeilen machte. Mehrere Tage hielten alle still. Inzwischen wurde Schweden von Journalisten aus der ganzen Welt überschwemmt, darunter gefeierte
amerikanische Anchormen. Ein später veröffentlichter Bericht des schwedischen Außenministeriums stellte fest, dass die Geschichte zwei Drittel aller internationalen Berichte über Schweden in diesem Jahr dominierte. Der verantwortliche schwedische Minister wurde mit der Frage nach einer
Kompensation für die Opfer auf
CNN konfrontiert. Schwedische Medien, meine Zeitung eingeschlossen, hatte diese Frage bis dahin noch gar nicht berührt; angesichts des internationalen Publikums musste sich der Minister entschuldigen."