Magazinrundschau - Archiv

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306 Presseschau-Absätze - Seite 30 von 31

Magazinrundschau vom 27.04.2010 - Eurozine

Das Zurückweichen des Westens vor "beleidigten" Muslimen hat fatale Konsequenzen, meint der britische Publizist Kenan Malik. Es stärkt die Fanatiker und erhebt sie zu Repräsentanten aller Muslime. Bei den dänischen Karikaturen konnte man erleben, wie der fundamentalistische Kleriker Ahmed Abu Laban, der lange nur eine Randfigur war, von Journalisten als Vertreter aller dänischen Muslime geradezu installiert wurde: "Der dänische Abgeordnete Naser Khader erzählt von einem Gespräch mit Toger Seidenfaden, Redakteur bei Politiken, einer linken Tageszeitung, die den Karikaturen sehr kritisch gegenüberstand. 'Er sagte mir, dass die Karikaturen alle Muslime beleidigt hätten', erinnert sich Khader. 'Ich sagte, ich sei nicht beleidigt. Er sagte: Aber du bist kein richtiger Muslim.' Mit anderen Worten, in den Augen von Liberalen ist ein richtiger Muslim nur einer, der die Karikaturen beleidigend findet."

Außerdem: Der Autor Zinovy Zinik erzählt, wie er aus Russland auswanderte und über Israel in Großbritannien landete, wo er von einem Haus träumte, das er in Berlin wiederfand. Und Rita Repsiene erinnert an die 1994 gestorbene amerikanisch-litauische Archäologin und feministische Ikone Marija Alseikaite-Gimbutas.
Stichwörter: Khader, Naser, Malik, Kenan

Magazinrundschau vom 30.03.2010 - Eurozine

In einem Artikel für Index on Censorship, den Eurozine online gestellt hat, erklären Ron Deibert und Rafal Rohozinski von der OpenNet-Initiative, wie die Zensur der 'nächsten Generation' das Web kontrollieren will. Zum Beispiel so: "Eine der am schnellsten wachsenden und effektivsten Kontrollen der 'nächsten Generation' betrifft den ausgedehnten Gebrauch von Verleumdungs-, Beleidigungs- und anderen Gesetzen, um erlaubte Kommunikation zu beschränken und ein Klima der Furcht, Einschüchterung und schließlich Selbstzensur zu schaffen. Zum Teil reflektiert dies den natürlichen Reifeprozess, in dem die Behörden versuchen, den Cyberspace zu beherrschen und unter behördliche Aufsicht zu bringen. Schändlicher noch, reflektiert dies auch eine Taktik der Strangulation, die dazu führt, dass drohende Prozesse mehr dazu beitragen, die Verbreitung bedrohlicher Informationen zu verhindern als passive Kontrollen, die in einer defensiven Manier installiert werden. Obwohl neue Gesetze entworfen werden, die die Sicherheit und Regulierung des Cyberspace zum Thema haben, werden manchmal alte, obskure oder kaum benutzte Vorschriften ex post facto geltend gemacht, um Akte der Internetzensur zu rechtfertigen." Und die beiden reden nicht nur von Diktaturen.

Außerdem: Der niederländische Medientheoretiker Geert Lovink denkt über die neue Netz-Architektur und die Versuche nach, ein nationales Web zu schaffen.

Magazinrundschau vom 23.02.2010 - Eurozine

In einer erstaunlichen Erzählung schildert die Autorin Kinga Kali das Schicksal eines albanischen Mädchens, das zur "virgjinesthe" ausersehen war, und darum von ihrer Mutter aus dem kommunistischen Albanien auf die Flucht nach Bosnien geschickt wird. Was ist eine "virgjinesthe"? Die Lösung für eine Familie ohne Söhne: "Ein Mädchen kann nach den Gesetzen unseres Volkes nicht erben, sie hat kein Recht auf Besitz. Wenn es kein männliches Kind gibt, wird das Erbe auf andere Familien des Clans aufgeteilt - das Land, die Tiere, die Frauen... Aber es gibt einen Ausweg. Ein Clan kann ein Mädchen zu seinem Chef erwählen, ein Mädchen, das von da an als Mann leben muss, in Männerkleidern, mit kurz geschnittenem Haar. Sie muss ganz anders auftreten als ihre demütigen Mitmädchen, aber sie darf niemals die Liebe kennen lernen, weder als als Mann noch als Frau." Die Erzählung ist zuerst in der ungarischen Lettre International (Magyar Lettre Internationale) erschienen. Kinga Kali wird in Eurozine als "Transylvanian Hungarian-Armenian writer-anthropologist" vorgestellt.

Magazinrundschau vom 26.01.2010 - Eurozine

James Hawes singt ein melancholisches Liebeslied auf Prag, eine der schönsten historischen Städte Europas und gleichzeitig die Las Vegas ähnlichste. Dessen Geschichte so komplex ist, dass Verdrängung zum Überleben gehört. "Von allen Symbolen der verdrängten tschechisch-deutsch-jüdischen Geschichte ist eines der bemerkenswertesten das Heim für nervenkranke Soldaten, das Kafka zwischen 1916 und 17 mitbegründete und das mehr oder weniger vollständig erhalten ist, an einem Ort, der in Kafkas Tagen den wundervollen Namen 'Frankenstein' trug. Man könnte meinen, dass 'Dr. Kafkas Heim für nervenkranke Soldaten in Frankenstein' ein unwiderstehlicher Magnet für junge Filmregisseure ist. Tatsächlich ist es den Touristen vollkommen unbekannt und kaum besser bekannt bei Wissenschaftlern, obwohl es das einzige Relikt aus Kafkas Leben ist, das seinen fast heiligenmäßigen Ruf wirklich bestätigt. (...) Warum wird dieser Ort so ignoriert? Ich glaube die Antwort ist einfach: weil dies bis 1945 deutschsprachiges Gebiet war, und Kafkas Nervenanstalt war (wie er ausdrücklich bekundete) ausschließlich für deutschsprachige Soldaten gegründet worden. Der brave Soldat Schwejk, wie traumatisiert auch immer, hätte Kafkas sprachliche Hürde schlicht nicht überwunden."

Weitere Artikel: Kazys Varnelis zitiert sich durch die jüngere Theoriegeschichte von Deleuze bis Castells, von Habermas bis Jameson und versucht dabei zu erklären, was der Anbruch der Netzwerkkultur zu bedeuten hat.
Stichwörter: Frankenstein, Las Vegas

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - Eurozine

Almantas Samalavicius verschafft uns einen Überblick über Litauens Literaturszene, die zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit zwar ganz schön marginalisiert ist, aber dennoch einige sehr kraftvolle Stimmen aufbietet: Zum Beispiel Herkus Kuncius. "Sein 'Pijoko chrestomatija' (Anthology of a drunkard) ist ein witziger, subtiler, manchmal sarkastischer Roman; die bruchstückhaften Episoden seines postmodernen Plots werden zusammengehalten durch die Lust seiner Charaktere auf Alkohol. Der Protagonist, ein junger postsowjetischer Konzeptkünstler, reist durch Europa und verbringt seine Zeit in Künstlerkreisen, deren Mitglieder sein Interesse am Zechen teilen. Indem er die Haupthandlung mit anekdotischen Geschichten aus der sowjetischen und präsowjetischen Ära verbindet, erörtert der Autor die Besonderheiten der Trinkkultur unter den kommunistischen Regimes und vergleicht sie mit den Gewohnheiten der heutigen Künstler in Ost und West. Die Parallelen offenbaren Absurditäten: Früher tranken die Leute aus Hoffnungslosigkeit, Mangel an Sinn oder einfach aus sozialer Gewohnheit unter dem Kommunismus; heute trinken Bohemiens, um eine neue spirituelle Leere zu ertränken, einen Mangel an Sinn in ihrer künstlerischen Arbeit."

Magazinrundschau vom 01.12.2009 - Eurozine

Ebnet die Globalisierung alle Unterschiede zwischen den Kulturen ein? Oder soll man einen Schnitt machen und alles ablehnen, was aus dem Westen kommt? Unsinn, meint (bei Eurozine auf Englisch) der slowenische Dichter und Kulturwissenschaftler Ales Debeljak. "Statt sich einer Ideologie zu verschreiben, die die Welt durch die 'harte' Linse des Konflikts zwischen 'dem Westen und dem Rest der Welt' betrachtet, sollten wir versuchen, die Welt durch die 'weiche' Linse einer 'westernistischen' Zivilisation zu betrachten. Eine Analogie zwischen der hellenistischen und westernistischen Zivilisation ist hilfreich. [...] Die hellenistische Zivilisation Alexanders des Großen entsprang dem klassischen griechischen Erbe, aber räumlich erstreckte sie sich +ber die ganze damals bekannte Welt, bis nach Ägypten und Indien, Tadschikistan und Afghanistan. ... Eine spezielle Verschmelzung von kulturellen Traditionen des Nahen Ostens und der indo-iranischen Welt auf der einen Seite und der antiken griechischen Tradition auf der anderen Seite führte zu Formen eines kollektiven Lebens, in dem klassische griechische Ideen nur das Rückgrat der Gesellschaft bildeten und nicht ihren ganzen sozialen Körper. Alexander der Große expandierte systematisch die Grenzen seines multinationalen Reiches wie auch das Bewusstsein seiner multikulturellen Untertanen. Er ermutigte 'gemischte Ehen' zwischen griechischen Kolonisten und Einheimischen mit demselben Eifer wie er das Verschmelzen griechischer und lokaler Ideen und Technologien förderte."

Außerdem: Welche Bedeutung hat Spinoza heute noch? Das diskutieren - zusammengebracht vom slowakischen Magazin Kritika & Kontext - Gabor Boros, Herman De Dijn, Moira Gatens, Syliane Malinowski-Charles, Warren Montag, Teodor Münz und Steven B. Smith.

Magazinrundschau vom 10.11.2009 - Eurozine

Der ungarische Historiker Laszlo Borhi rekapituliert, wie zögerlich und ängstlich Europa und die USA auf die Ereignisse von 1989 reagierten. Zum Beispiel die Offiziellen in Wien (die sich aber auch nicht stärker blamierten als ihre Kollegen in Bonn, Paris oder London): "Die Österreicher empfahlen eine langsame und vorhersehbare Demokratisierung. Der Staatssekretär im Außenministerium, Thomas Klestil, erkundigte sich bei bei Ungarns Außenminister Gyula Horn nach den Grenzen der Transformation und ob diese zu Spannungen mit der Sowjetunion führen könnten. Die Österreicher fürchteten die Unvorhersehbarkeiten des Wandels. Ihr Außenminister Alois Mock sorgte sich, dass Ungarns Entscheidung im Februar, die Grenzzäune abzubauen, zu einer steigenden Zahl von osteuropäischen Flüchtlingen führen würde. Steigende finanzielle Belastungen könnten Österreich dazu zwingen, seine Flüchtlingspolitik zu ändern. Österreichs Sozialdemokraten äußerten ihre Furcht, dass Ungarns sozialistische Partei HSWP kollabieren und Anarchie aufziehen könnte. Dies hielten sie für eine ebenso reale Gefahr wie die Rücknahme der Reformen. Ihr Credo lautete nach Darstellung der ungarischen Botschaft in Wien: 'Ungarn sollte Europa nicht schon wieder Kopfzerbrechen bereiten.'"

Magazinrundschau vom 20.10.2009 - Eurozine

Die Holocaust- und Gulagforschung zeichnet ein schiefes Bild von den Opfern, meint der amerikanische Historiker Timothy Snyder. In Auschwitz, Symbol für den Holocaust, wurden vor allem westeuropäische Juden ermordet. Doch die meisten Opfer in den deutschen Lagern - etwa zwei Drittel - waren polnische und sowjetische Juden, die in Treblinka, Belzec und Sobibor im besetzten Polen ermordet wurden. Diese Opfer spielen im heutigen Andenken an den Holocaust nur eine marginale Rolle, so Snyder. Ebenso wie andere osteuropäische Opfer. "Wenn irgendein Land im heutigen Europa fehl am Platz zu sein scheint, dann Weißrussland unter der Diktatur von Alexander Lukaschenko. Aber wenn Lukaschenko es vorzieht, die sowjetischen killing fields in seinem Land zu ignorieren - er will eine Autobahn über die Todesgräben von Kuropaty bauen - erinnert er sich in gewisser Weise besser an die europäische Geschichte als seine Kritiker. Indem sie sowjetische Kriegsgefangene verhungern ließen, Juden erschossen erschossen und vergasten, und Zivilisten im Kampf gegen die Partisanen töteten, machten die deutschen Truppen Weißrussland zwischen 1941 und 1944 zum tödlichsten Ort der Welt."

"Um echte Universalität in das europäische Projekt einzubauen, sind länderübergreifende Provokationen unerlässlich", verkündet der Journalist Arne Ruth, der die Erinnerungen der Schweiz und Schwedens an ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg vergleicht. Die Schweizer kommen dabei deutlich besser weg als die Schweden, muss man sagen. Was seine Hauptthese angeht, erläutert er sie an einem Beispiel, das er 1997 als Chefredakteur von Schwedens auflagenstärkster Morgenzeitung Dagens Nyheter erlebte: Die Zeitung hatte eine investigative Reportage veröffentlich, "die wenig Aufsehen erregte: über die Zwangssterilisation von etwa 60.000 Schwedinnen, die meisten arme Frauen, zwischen den 1930ern und den Mitt-1970ern. Es gab eine akademische Dissertation zu dem Thema, die höflich übergangen worden war. Nachdem wir die Geschichte als erste Zeitung veröffentlicht hatten - recherchiert und geschrieben von dem in Polen geborenen Maciej Zaremba - dauerte es eine Woche, bis das Thema in den schwedischen Medien Schlagzeilen machte. Mehrere Tage hielten alle still. Inzwischen wurde Schweden von Journalisten aus der ganzen Welt überschwemmt, darunter gefeierte amerikanische Anchormen. Ein später veröffentlichter Bericht des schwedischen Außenministeriums stellte fest, dass die Geschichte zwei Drittel aller internationalen Berichte über Schweden in diesem Jahr dominierte. Der verantwortliche schwedische Minister wurde mit der Frage nach einer Kompensation für die Opfer auf CNN konfrontiert. Schwedische Medien, meine Zeitung eingeschlossen, hatte diese Frage bis dahin noch gar nicht berührt; angesichts des internationalen Publikums musste sich der Minister entschuldigen."

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - Eurozine

Dieser Text fegt einen von den Füßen. Der ungarische Schriftsteller Janos Hay war in Indien und beschreibt seine Eindrücke. In der englischen Übersetzung von Judith Sollosy hat der Text ein irres Tempo. Hier der Anfang: "If you can't stand others encroaching on your space, breaking through the wall that you're used to having between you and them, you lose. If you can't stand others touching you, handling you, laying their hands on your shoulders, so that when they retreat, there is nothing but smoke and noise that comes between you, you lose. You're standing on Chandni Chawk, the market of old Delhi, a loser, the sounds assault your brain, and as the muezzin chants, you can't even remember where you're headed. It's coming from a loudspeaker. Apparently, the old-style religion does not frown upon this new-style technical assistance. You see the demarcation line between the Hindu and the Muslim Delhi as the sound breaks through it from time to time. Of course, terrorists also want to violate borders now and then, so the public buildings are protected by soldiers equipped with machine guns crouching behind sandbags, watching over what, as the Mumbai attacks prove, appears to be public safety. You are suddenly scared, anything can happen anywhere, but if you're scared, you lose."

Nur ein anderer längerer Text (auf Englisch) von Janos Hay findet sich noch im Netz: die Erzählung "The Sun", die in der European Cultural Review veröffentlicht wurde. Auf Deutsch ist von Hay nur ein lange vergriffenes Buch bei Amazon zu finden.
Stichwörter: Amazon, Noise, Delhi, Behinderte, Mumbai

Magazinrundschau vom 14.04.2009 - Eurozine

Vor einigen Wochen hat die kroatische Autorin Slavenka Drakulic in Eurozine erklärt, warum sie nicht nach Belgrad zurück möchte: Weil niemand dort über die Vergangenheit sprechen will, auch die jungen Menschen nicht. Statt dessen beschweren sie sich, dass sie kein Visum für EU-Länder bekommen. "Sicher", so Drakulic, "kann die junge Generation der Serben nicht für die Vergangenheit verantwortlich gemacht werden. Aber sie alle sind verantwortlich für ihre heutige Einstellung zur Vergangenheit".

Das hat stürmische Reaktionen hervorgerufen. Die Dramatikerin und Dichterin Milena Bogavac (geb. 1982) wirft ihr Überheblichkeit vor und höhnt: "Es muss nett sein, oh so nett, ein Moralapostel zu sein, an die Reinheit der eigenen Haltung zu glauben und die eigene Interpretation der Geschichte für die einzig mögliche, wahre und gerechte zu halten. So muss sich der Teenager, der später mein Großvater wurde, gefühlt haben, als er weglief, um Partisan zu werden. So muss Adolf Hitler sich gefühlt haben, ganz am Anfang seiner Karriere."

Der Maler und Schauspieler Uros Djuric (geb. 1964) findet Drakulic höchst ungerecht, weil sie alle Serben über einen Kamm schere. Der Maler Ljuba Popovic (geb. 1934) empört sich über Drakulics "widerliche, von Propaganda eingefärbte Sprache". Und die Verlegerin Natasha Markovic fragt, warum niemand über die Bomben spricht, die auf Serbien geworfen wurden.

Nur die Journalistin Danica Vucenic sympathisiert mit Drakulic und ruft ihren Landsleuten zu: Es reicht nicht zu sagen, ich war es nicht. Es reicht auch nicht zu sagen, es tut mir leid, aber ... (die Verbrechen gegen die Serben waren auch schlimm etc.) . "Wir kümmern uns wie immer um die Gefühle der anderen. Aber ich will mich um meine eigenen Gefühle kümmern, was die Vergangenheit angeht. Mein Problem ist, dass wir immer noch verstehen und erklären müssen, was in Srebrenica und im Kosovo passiert ist. Unglücklicherweise gibt es bei uns immer dieses 'aber'."